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Reife Weine

Eine meiner Grundüberzeugungen: Weine werden in den meisten Fällen viel zu zeitig getrunken. Aber alte, reife Weine mag nicht jeder. Und der Grat zwischen einem reifen Wein und einem nicht mehr genießbaren Wein ist manchmal schmal. 

Sind die noch genießbar?  

Habe bei meiner Kellerinventur Weine gefunden, die das Prädikat „reif“ verdienen. Bei nicht allen war ich mir sicher, ob sie noch genießbar sind. Hatte bei einigen sogar starke Zweifel. Zeit also für einen Test sehr unterschiedlicher Tropfen, die eines gemeinsam haben: Sie sind nicht mehr jung und ganz sicher nicht mehr frisch. Wir haben die reifen Weine zu sechst getestet. An Kompetenz mangelte es nicht, denn es waren Winzerinnen dabei und quasi als „Stargast“ Luise Böhme, die aktuelle Weinkönigin an Saale-Unstrut. Sie studiert Weinbau in Geisenheim, ist Junior-Chefin im Weingut ihres Vaters Klaus Böhme und war natürlich auf einen Wein im Test ganz besonders gespannt.

Begeisterung und Enttäuschung

Fazit eines spektakulären Tastings: viel Verblüffung, viel Überraschung, sogar Begeisterung. Die Weißweine waren alle noch gut genießbar, manche sogar umwerfend gut. Enttäuschung dagegen bei den Roten aus Frankreich. Damit hatte niemand gerechnet. Extrem spannend war, wie sich manche Weine schon in relativ kurzer Zeit im Glas entwickelten, fast immer verbesserten sie sich. Erst recht beim Nachkosten tags darauf.
Die verkosteten Weine:          

2011 Georgsburger (Börner/Balzereit) Saale-Unstrut

Ein Weißwein von den Hobbywinzern Peter Börner und Wolf-Dietrich Balzereit, die an der Saale knapp 500 Rebstöcke bewirtschaften. Unklar ist, welche Rebsorten konkret im Spiel sind. Ausgebaut wird der Wein bei einem Winzer. Hatte ziemlich starke Zweifel, dass der Wein noch trinkbar ist. Ein Irrtum! Doch das dauerte. Denn nach dem Öffnen irritierte die Nase zunächst etwas. Notiert: „Komisch Nase, wie Gurkenwasser, Fehlnote im Abgang. Bessert sich jedoch recht schnell. Leicht bittere Note, dann Rosinen, rohe Quitte, Apfel;  überraschend lange Präsenz.“ Am nächsten Tag noch reifer, runder, besser. Ein erstes Staunen in der Runde. 

2011 Riesling „Officium“ (Pfarrgut Deidesheim) Pfalz

Das Pfarrweingut ist mit 32 Ar (rund ein Drittel Hektar) Rebfläche in der berühmten Lage Deidesheimer Herrgottsacker das kleinste Weingut in Deidesheim. Das Pfarrweingut hat viel Historie, seit 2009 wird es bewirtschaftet von Jugendlichen der Pfarrei St. Ulrich. 2011 war der zweite selbst verantwortete Jahrgang. Der Wein ist Geschenk aus der Pfalz (Danke Wolfgang!). Elf Jahre sollte ein solider Pfälzer Riesling gut schaffen. Das hat der „Officium“ auf jede Fall, und „schaffen“ ist reichlich untertrieben. Notiert: „Farbe golden, präsente Säure, angenehmer Firn, positive Alterung. Erinnerung an einen Jura-Wein, ein Hauch Wermut. Sehr langes Finale.“ Auch tags darauf noch mit Genuss trinkbar. 

2012 Nierstein Riesling (Kühling-Gillot) Rheinhessen 

Steuerte ein Freund bei (Danke Martin!), der nur Bier trinkt und den Wein selbst „irgendwann mal“ geschenkt bekommen hat. War mir bei diesem Riesling des berühmten VDP-Gutes in Bodenheim sicher, dass der Wein noch gut in Form ist. Und wie er in Form ist! Notiert: „Intensives, strahlendes kräftiges Gelb, kaum Firn. Im Geschmack reifes älteres Obst, auch feine Zitrus-Aromen. Sehr angenehme Reife, strahlt irgendwie Würde aus. Absolut topfit, ein großer Genuss.“ Der Riesling erlebte die Nachprobe am nächsten Tag nicht mehr, weil ausgetrunken.

2005 Weißburgunder Spätlese (Weingut Böhme) Saale-Unstrut 

Jetzt wurde es spannend, wir gehen noch ein paar Jahre zurück. Genau für solche Anlässe lag der Wein noch im Keller. Natürlich gab es leichte Zweifel, ob der Weißburgunder aus dem Dorndorfer Rappental noch trinkbar ist. Völlig unbegründete Zweifel! Was im Glas ankam war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Die nur 12,0 Prozent „schwere“ Spätlese präsentierte sich in Bestform und machte in kurzer Zeit im Glas erstaunliche Metamorphosen durch. Notiert: „Kräftiges Gelb, in der Nase Mandelduft. Entwickelt sich im Glas gewaltig, dann kommen ganz viele Aromen: reifes gelbes Obst, Honig, Honigmelone, Akazienblüte, Aprikosenmarmelade, Marillenröster. Großartig!“ Luise Böhme, 2005 noch nicht mal Schulkind, war verblüfft und hatte das nicht erwartet. 

2010 Spätburgunder weiß gekeltert (Kistenmacher & Hengerer) Württemberg

Wieder ein Geschenk (Danke Steffi!) und in mancherlei Hinsicht auch ein Rätsel. Kannte das Weingut bis dato gar nicht. Und dann: Spätburgunder weiß gekeltert, ein 12 Jahre alter Blanc de Noir, auch noch im Holz ausgebaut? Klingt leicht abenteuerlich. Kann das gut gehen? Ein  lautes Ja! Notiert: „Straffes Gelb, rauchige Noten in der Nase. Holz ist noch präsent, Vanille noch präsenter, ganz intensiv. Im Gaumen dann kaum noch Holz, auf keinen Fall zu wuchtig, dafür zarte Frucht. Ein charismatischer Wein, der sich im 5-Minuten-Takt verändert.“ Wir waren uns einig: Dieser Wein hätte sogar noch ein paar Jahre im Keller gut vertragen. 

2006 Chateau Latour Camblanes,  Premieres Côte de Bordeaux  

Ruhte seit Jahren bei konstanten 11 Grad im Keller friedlich vor sich hin. Die erste Enttäuschung des Tastings. Notiert: „Brauner Rand, unangenehme Nase, erinnert an Katze und Kaninchenstall. Jemand weckt Assoziationen zu Urin. das ist übertrieben. Im Geschmack eindeutig Kahmhefe. Ein Weinfehler? Vermutlich war das Fass nicht spundvoll. Nasses Mäusefell.“ Zwei Tage später deutlich erholt, nicht mehr so unangenehm. Da dann eher Geschmack nach reifer Pflaume. Allerdings auch da nicht wirklich gut. Letztlich nicht mehr ausgetrunken. 

2005 Chateau de Lescours Saint-Emilion Grand Cru

Beim Einkauf 2008 in einer Vinothek vor Ort in Saint-Emilion wurde 20 Jahre Haltbarkeit versprochen, optimal sei der Wein nach 15 Jahren zu trinken. Hatte damals eine Kiste erworben, über die Jahre war der Wein hier und da ein netter Begleiter, nicht mehr, nicht weniger. Bei der letzten Flasche sind es nun 17 Jahre geworden, und die Kurve zeigt eindeutig nach unten. Notiert: „Riecht und schmeckt nach Keller, staubig, Pflaume, Schafstall.“ Gewiss, noch trinkbar, war aber schon besser.  Deutlich über dem Zenit. Tags darauf etwas, aber nicht viel verbessert.

1995 Gelber Muskateller Auslese (Josef Jamek) Wachau

Der Muskateller von der Ried Kollmitz lag nach dem Kauf vor Ort 25 Jahre im Keller, irgendwie fand sich nie der richtige Anlass. Jetzt war er da – und alle waren begeistert. Notiert: „Farbe helles Bernstein. Nase wirkt schon alt, aber nicht unangenehm und typisch Muskateller. Wir entdecken Gänseschmalz, getrocknete Aprikosen, gelbe Trockenfrüchte. Überragend. Alkohol schon spürbar, aber gut eingebunden.“ Der klitzekleine Rest tags darauf ging dann schon Richtung eines leichten Likörs. Habe dem Weingut Jamek unsere Eindrücke übermittelt und folgende Antwort bekommen: „Diesen Wein haben wir schon sehr lange nicht mehr genießen können. Er war in dieser Machart als lieblicher Wein und durch die verwendete Flaschengröße ein Unikat. Der schlechte Zustand der Etikette erklärt sich, weil es sich um Leimetiketten handelt, die der Feuchtigkeit eines gewöhnlichen Kellers eigentlich nicht standhalten. Großvater Josef Jamek war aber überzeugt davon, dass dies der umweltschonende Weg ist, eine Flasche Wein zu etikettieren. Nach vielen Rückmeldungen von Sommeliers haben wir im Jahr 2015 begonnen, auf Selbstklebeetiketten umzustellen.“

1998 Eiswein Zweigelt (Alois Kracher) Neusiedlersee

Der Wein vom österreichischem Süßwein-Imperium in Illmitz ist auch ein Geschenk (Danke Kay!). Bei diesem Wein konnte eigentlich nicht viel schiefgehen, denn Eisweine haben bekanntlich ein sehr langes Leben (wie ich jüngst an der Mosel ziemlich eindrucksvoll erleben durfte), wenn nicht sogar ein ewiges. Ein erwartbarer Genuss also – und der Zweigelt-Eiswein hat die Erwartungen absolut nicht enttäuscht. Mehr noch: Er die Erwartungen übertroffen. Notiert: „Farbe sehr dunkles, fast schwarzes Bernstein, sieht fast wie Cola aus. Eine angenehme, nicht zu aufdringliche Süße, Aromen nach Kaffee, Karamell, brauner Zucker, kandierten Trockenfrüchten, Datteln. Klebt nicht, könnte aber etwas  mehr Säure haben. Dennoch ein absoluter Genuss! Fürs Merkheft: Eiswein geht immer, egal wie alt er ist. 

1979 – Überraschung zum Finale

Zum Abschluss dann noch etwas aus der Wunderkiste, was ziemlich verrücktes: Ein Pflaumenwein aus dem Jahr 1979. Als Jugendlicher im Rausch des Weinmachens persönlich „angesetzt“, die Pflaumen kamen vom eigenen Baum. Ausgebaut in einem 25-Liter-Glasballon war der Wein damals ein ziemlicher Erfolg. Nicht nur damals. In einer Blindprobe 1993 hielt ein geschätzter Weinexperte den Pflaumenwein für einen „tollen alten Sherry“. Knapp 20 Jahre später wäre „toller alter Sherry“ eine ziemliche Übertreibung. Aber immerhin: Da war nichts verdorben, der Wein war trinkbar, freilich kein Highlight. Etwas Süße war noch da, Alkohol sicher weniger. Kategorie dünner Likör. Nach anfänglichem Zögern und großer Skepsis probierten auch die anderen die 79er Pflaume aus dem Erzgebirge. Alle haben überlebt.

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