Eduard Bernhart, seit 2018 Direktor des Konsortiums Südtirol Wein, ist derzeit schwer beschäftigt: Südtirol kommt nach Deutschland. Mit der „Südtirol by the Glass“-Tour wollen 17 Restaurants, Hotels und Weinbars vom 23. Oktober bis 8. November 2026 Südtiroler Weine glasweise ausschenken. Über Wein, Vernatsch, Lagrein, das neue Lagensystem und die Zukunft des Südtiroler Weinbaus sprach Eduard Bernhart mit dem Weinbeobachter und seinem Kollegen Ulrich von Stipriaan, Betreiber des hörenswerten Podcasts „Auf ein Glas“.

Was ist das Konsortium Südtirol Wein, dem Sie vorstehen?
Das Konsortium wurde 2007 gegründet, im kommenden Jahr feiern wir also das 20-jährige Jubiläum. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Partnern, Freunden und Journalisten Südtirols Wein noch bekannter zu machen und Weinbaugeschichte, Weinkultur und Tradition zu vermitteln. Ich bin überzeugt: Man versteht ein Land besser, wenn man seine Weine kennt.
Was ist das Besondere an Südtirol?
Wie lange haben wir Zeit?
Endlos.
Dann kommen wir auf mehrere Stunden.
Südtirol war historisch immer eine Brücke zwischen den Kulturen, zwischen Norden und Süden. Die Via Claudia Augusta verband einst den Po mit der Donau. Dieser Austausch prägt bis heute unseren Lebensstil und unsere Kultur.
Ich glaube, das hat auch mit unserer Gastfreundschaft zu tun. Wir Südtiroler sind grundsätzlich offene Menschen und lieben es, unsere Produkte und unseren Wein anderen Menschen anzubieten. Wein gibt es bei uns immerhin seit 2.500 Jahren.
Vom Kalterersee zum Qualitätswein
Wenn ich an meinen ersten Südtiroler Wein Anfang der 1990er Jahre denke, war das Kalterersee – gediegene Massenware. Das gibt es heute kaum noch. Was ist passiert?
Südtirol war lange als Rotweinland, als Vernatsch-Land bekannt. Sehr viel Vernatsch ging damals nach Österreich, in die Schweiz und nach Deutschland.
Jetzt nicht mehr.
Genau. Das hat sich komplett verändert. Aber ich finde, wir müssen diese alten, verstaubten Geschichten nicht unbedingt wieder hervorholen. Ich würde mich lieber darauf konzentrieren, dass Vernatsch ein sehr schöner Wein ist, der unglaublich viel Spaß macht. Er hat Trinkfluss, Aromatik, Leichtigkeit und Eleganz. Gekühlt macht er besonders viel Freude.
Und er passt hervorragend zu Essen – von der Vesperplatte über Knödel und Schlutzkrapfen bis zu Hühnchen oder gegrilltem Fisch. In Südtirol sagen wir deshalb gerne: Vernatsch ist ein 24-Stunden-, Sieben-Tage-Wein.
Aber irgendetwas muss doch passiert sein. Es ist dieselbe Rebsorte und trotzdem präsentiert sie sich heute ganz anders.
Vernatsch ist eine autochthone Rebsorte, also in Südtirol heimisch. Italienisch heißt sie Schiava. Angebaut wird sie vor allem im Gebiet Kalterersee und rund um St. Magdalena. Dort findet man häufig auch den gemischten Satz mit Lagrein.
Es gab einfach sehr viel Vernatsch. Und meistens ist etwas weniger interessant, wenn es davon sehr viel gibt. Mittlerweile gibt es deutlich weniger Fläche – und dadurch hat sich auch der Umgang mit der Sorte verändert.
Südtirol wird zum Weißweinland
Warum wurde ausgerechnet Weißwein so wichtig?
Südtirol hat sich verändert. Mit der Zugehörigkeit zu Italien hat sich auch der Markt verändert. Der italienische Markt funktionierte für uns sehr gut mit Weißwein. Dadurch kam es in den vergangenen 50 Jahren zu einer Verschiebung bei den Rebsorten. Heute sind etwa 65 Prozent der Rebfläche mit weißen Sorten bestockt.
War das eine Entscheidung der Winzer oder eine Marketingstrategie?
Primär haben die Winzer gesagt: Wir haben zu viel Vernatsch – wer soll das alles trinken? Also probieren wir etwas anderes.
5.800 Hektar und Wein bis auf 1.000 Meter
Was sollten wir noch über Südtirol wissen?
Südtirol hat mittlerweile rund 5.800 Hektar Rebfläche. Man hat sich bewusst dafür entschieden, Weinbau vor allem in Hanglagen zu betreiben und nicht in den Tallagen.
Das Entscheidende ist die enorme geologische und klimatische Vielfalt. Wir haben unterschiedliche Täler, Expositionen und Höhenlagen. Weinbau gibt es von etwa 200 bis 1.000 Metern Höhe. Im DOC sind mehr als 20 Rebsorten festgeschrieben.
Die Idee war: die richtige Sorte am richtigen Ort und in der richtigen Lage. Im Tal wachsen Äpfel und andere Kulturen, der Wein geht nach oben.
Auf 1.000 Metern war es früher doch gar nicht lange genug warm für eine physiologische Reife?
Das ist eine Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Man hat begonnen, in den Höhenlagen zu experimentieren. Und die Ergebnisse sind durchaus interessant.
Die Berge sind dabei ein großes Glück. Wir haben viel Luftaustausch, Fallwinde am Abend und in der Nacht und große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Das hilft, die natürliche Frische in den Weinen zu erhalten.
„Die Rebe kann sich anpassen“
Hängt das mit dem Klimawandel zusammen?
Natürlich. Wobei man sagen muss: Die Rebe hat ein sehr großes Anpassungspotenzial. Man muss sich nur anschauen, wo auf der Welt überall Wein angebaut wird.
Auch bei der Erziehung und bei den Kulturmaßnahmen im Weinberg gibt es Möglichkeiten. Früher wurde vielleicht stärker ausgelaubt, künftig wird man weniger auslauben. Da können wir einiges anpassen.
Hat Südtirol mittlerweile ein Klima für Shiraz oder Tempranillo?
Shiraz ist aktuell keine zugelassene Rebsorte im Südtiroler DOC. Aber Lagrein kann mit Hitze sehr gut umgehen. Lagrein ist neben Vernatsch unsere zweite autochthone Rebsorte und ist amphelographisch sogar mit Syrah verwandt. Das kann man auch schmecken und riechen.
Lagrein wird rund um Bozen, aber auch im Unterland bis nach Auer angebaut. Er kommt mit Hitze gut zurecht. Ich glaube, wir haben unsere lokalen Antworten.
86 Einzellagen für Südtirol
2024 wurde in Südtirol das Lagensystem eingeführt. Warum?
Wein wächst nicht einfach auf irgendeinem Felsen. Die Böden sind unterschiedlich und bringen unterschiedliche Stilistiken hervor. Für einen Winzer ist es unglaublich spannend, den Boden, die Geologie und deren Komplexität zu verstehen. Die Idee hinter dem Lagensystem ist, die Qualität noch einmal auf die Spitze zu treiben und dem Konsumenten genau zu zeigen, aus welcher Lage der Wein stammt.
Was bedeutet das Lagensystem konkret?
Es wurden 86 Einzellagen definiert. Der Prozess hat mehr als zehn Jahre gedauert. Die Lagen weisen eine bestimmte Homogenität auf.
Für einen Lagenwein gelten strengere Vorgaben: Die Erträge werden gegenüber den erlaubten DOC-Mengen um bis zu 25 Prozent reduziert, außerdem sind maximal fünf Rebsorten pro Lage zugelassen.
Das Ganze wurde nicht am Schreibtisch entschieden. Produzenten, Winzer und Önologen wurden eingebunden, historische Kataster ausgewertet und mit Geologen zusammengearbeitet. Es wurden Bodenanalysen und geologische Profile erstellt. 2019 wurde der Antrag beim italienischen Landwirtschaftsministerium eingereicht, 2024 erfolgte schließlich die Genehmigung.
Wie wird das von den Betrieben angenommen?
Wir waren überrascht. Bereits 2024, also im ersten Jahr, wurden sechs Prozent der Gesamtmenge als Lagenwein erzeugt. Im Jahr darauf waren es acht Prozent.
Kleine Betriebe, unterschiedliche Interessen
Südtirol hat 263 Weingüter, 12 Genossenschaften, 32 Privatwinzer und 109 Freie Weinbauern. Wie funktioniert das Zusammenspiel?
Bei uns ist alles sehr klein parzelliert. Die durchschnittliche Fläche pro Winzer liegt bei etwa 1,5 Hektar.
Viele Betriebe sind Mischbetriebe und bauen zusätzlich Äpfel oder andere Kulturen an. Ein großer Teil ist an Genossenschaften angeschlossen. Die Kellereigenossenschaften machen etwa 70 Prozent der Menge aus, die Weingüter rund 25 Prozent und die Freien Weinbauern den Rest.
Was ist ein Freier Weinbauer?
Ein Winzer, der keine Trauben zukauft, sondern seine eigenen Trauben verarbeitet und den Wein auch selbst vertreibt. Vom Anbau über die Vinifikation bis zum Vertrieb liegt alles in einer Hand.
Ein privates Weingut kann dagegen Trauben zukaufen. Ich finde diese Vielfalt an Betriebsstrukturen sehr wertvoll. Sie erzeugt auch einen gewissen internen Wettbewerb – und der tut gut.
Wie schwierig ist es für ein Konsortium, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen?
Man sollte immer die Gemeinschaft und das suchen, was einen verbindet – nicht das, was einen trennt.
Ich glaube, genau darin liegt eine Stärke Südtirols: Wir unterstützen uns gegenseitig. Das gilt für die Ausbildung, die Beratung oder die Önologen. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir ein Alpenvolk sind. In den Bergen hat man gelernt, dass man sich gegenseitig unterstützen muss. Das ist Teil unserer Gesellschaft und unserer Identität.
„Mein erster Wein war ein Rosenmuskateller“
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Wein?
Ich habe nach der Mittelschule eine landwirtschaftliche Oberschule besucht, mit dem Fach Weinbau. Wir haben viele Ausflüge gemacht. Ich glaube, mein erster Wein war ein Rosenmuskateller. Ich war vielleicht 16 und einfach überwältigt davon, welches Aroma ein Wein haben kann.
Eine Lieblingsrebsorte?
Rosenmuskateller. Leider gibt es davon nicht mehr so viel in Südtirol, da muss man Glück haben, eine Flasche zu finden. Mittlerweile habe ich aber auch eine große Liebe für Vernatsch entwickelt.
Der Direktor als Winzer
Sie sind nicht nur Direktor des Konsortiums, sondern auch selbst Winzer und bauen auf 1.000 Metern Höhe Wein an. Wie kam es dazu?
Ich bin auf einem Bergbahnhof aufgewachsen und habe Landwirtschaft und Weinbau in Wien und Bologna studiert. Irgendwann wollte ich meinen eigenen Weinberg anlegen. 2016 hatte ich das Glück, eine geeignete Fläche kaufen zu können.
Ziemlich naiv habe ich mich entschieden, dort Riesling und Blauburgunder zu pflanzen. 2018 ging es los, 2021 habe ich erstmals vinifiziert. Die Fläche liegt im oberen Vinschgau auf 1.000 Metern Höhe.
Wie groß ist der Weinberg?
Ein halber Hektar. Das ist für mich unglaublich spannend. Ich bin seit August 2018 Direktor des Konsortiums. Das Weinbauprojekt habe ich aus Leidenschaft schon vorher begonnen.
Ich glaube, es gibt nicht viele Direktoren, die selbst von der Pike auf wissen, was es bedeutet, Reben zu pflanzen, einen Weinberg zu bewirtschaften und Wein zu vinifizieren.
Sie vinifizieren auch selbst?
Ja. Und das hilft mir sehr. Es erdet. Und man kann mich auch nicht so leicht aufs Glatteis führen. Ich glaube, ich kann mitreden – nicht nur in Kommunikation und Marketing.
Churchill und perfekter Wein
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Glas Wein trinken?
Mit euch macht es Spaß. Aber diese Frage wurde mir schon einmal gestellt. Damals habe ich Winston Churchill genannt. Dabei bleibt es. Ich glaube, das wäre ein spannendes Gespräch gewesen.
Gibt es den perfekten Wein?
Ich glaube, es gibt viele perfekte Weine.
Was soll ein Weintrinker in zehn Jahren über Südtirol wissen, was er heute noch nicht weiß?
Südtirol ist eine Garantie. Man kann nur gut trinken.
Das können wir eigentlich so stehen lassen.
0 Kommentare