Die Biodynamica 2026 im Weingut Heitlinger war so informativ wie genussvoll. Der eintägige Workshop zum Thema biodynamischen Weinbau bot auch beste Gelegenheit für ein Gespräch über Wein mit Patrick Jacklin. Der 28-Jährige führt das Weingut Heitlinger in dritter Generation mit seinem Bruder Philip und seinen Eltern.

Können Sie in wenigen Worten erklären, was Biodynamie genau bedeutet?
Biodynamie ist eine Arbeitsphilosophie, die auf Respekt, Achtsamkeit und Balance basiert. Es geht darum, unsere Weinberge als zusammenhängendes Ökösystem zu betrachten und nicht als Rebstöcke, die auf einem Acker stehen. Ich vergleiche das gerne mit unserem Immunsystem: wenn wir auf unsere Balance achten, geht es uns besser und wir sind auch leistungsfähiger. So ist es auch im Weinberg.
Was sind praktische Schritte?
Möglichst genau beobachten und auf die Bedürfnisse des Weinbergs eingehen. Ich kann keine perfekten Trauben bestellen, sonder muss jeden Schritt dorthin begleiten – dazu gehört für uns z.B. ein sanfter Rebschnitt, die Förderung des aktiven Bodenlebens, die Integration von Schafen im Weinberg und das Ausbringen von Hornmist sowie anderen biodynamischen Präparaten, die den Reben gut tun.
Worin liegen die größten Vorteile?
In der Widerstandsfähigkeit unsere Weinberge. Ein gesundes System ist weniger anfällig und kann eher mit Extremen umgehen.
Und was sind die größten Probleme?
Unsere Betriebsphilosophie ist sehr arbeitsintensiv und anspruchsvoll. Deshalb benötigen wir für unseren Weinbau deutlich mehr Zeit als Kollegen in der konventionellen Landwirtschaft.
Sie arbeiten seit 2014 biodynamisch. Was hat Sie, beziehungsweise Ihre Großeltern damals angetrieben?
Ich selbst war damals noch in der Schule. Claus Burmeister und mein Großvater hatten sich damals zum Ziel gesetzt, die Qualität unserer Weine immer weiter zu verbessern. Für Claus war es schließlich klar, dass es hierfür ein lebendiges System braucht, das in sich ruht. Biodynamie war die logische Schlussfolgerung!
Wie groß ist die betriebswirtschaftliche Herausforderung, bei der doch nicht geringen Betriebsgröße von 115 Hektar (die Weingüter Heitlinger und Burg Ravensburg) biodynamisch zu arbeiten?
Biodynamie ist eine Haltung und kein Marketinginstrument. Unser Arbeitsweise ist sehr konsequent ausgelegt, um die best mögliche Qualität zu produzieren. Wir bewegen uns im Premiumsegment. Bei uns wird zum Beispiel jede Traube per Hand geerntet. Das sind bewusste Entscheidungen, die wir als Familie getroffen haben. Wir sind überzeugt davon, dass sich die Extrameilen lohnen, die wir gehen, und wissen, dass unsere Kunden bereit sind, das entsprechend zu honorieren.
Haben Sie den Schritt je bereut?
Nein, den Schritt zu Biodynamie an sich nicht. Haben wir über die Jahre Lehrgeld gezahlt? Bestimmt. Hätte es hier und da Abkürzungen gegeben? Sicherlich. Aber unter dem Strich zahlt sich Konsequenz aus meiner Sicht immer aus.
Haben sich auch die Weine mit der Umstellung auf Biodynamie verändert?
Absolut. Die Weine wurden über Jahre kontinuierlich lebendiger, energetischer und auch langlebiger!
Kollegen wie etwa das Weingut Alois Lageder aus Südtirol lassen Weine mit Musikbegleitung reifen. Praktizieren Sie das auch?
Bei uns läuft bei vielen Arbeitsschritten im Keller Musik, aber das variiert je nach Stimmung und Mitarbeiter von AC/DC bis Haftbefehl.
Gibt es da spürbare oder gar messbare Effekte? Falls nein: Warum nicht?
Da wir Musik nicht als bewusstes „Mittel“ einsetzen, habe ich bisher keine Erfahrungswerte.
Was ist das Besondere an Weinen von Heitlinger?
Wir fokussieren uns inzwischen komplett auf Burgunder-Rebsorten und bauen seit über 15 Jahren eine Jahrgangstiefe auf. Vom VDP.Gutswein bis zum reifen VDP.Grossen Gewächs möchten wir mit unserer Handschrift das Terroir und die Rebsorte herausarbeiten. Es ist unser Ziel, energiegeladene und langlebige Weine auf die Flasche bringen.
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Weinbau im Kraichgau?
Wenn es nur ein paar Grad wärmer werden würde, könnten wir damit recht gut planen. Was uns in den kommenden Jahrzehnten jedoch immer wieder fordern wird, ist die Unbeständigkeit des Wetters: Trockenheit, Nässe, Hitze und Kältefronten wechseln sich nahezu ununterbrochen ab. Das macht unsere Arbeit – positiv betrachtet – abwechslungsreich und spannend.
Denken Sie an den Anbau neuer Sorten, Shiraz etwa?
Nein. Wir setzten auf unsere regionale Kernkompetenz: trockene Burgunder, die ihre Herkunft stolz zeigen.
Alkoholfreie Weine sind aktuell ein Thema. Beschäftigen Sie sich damit auch?
Wir sehen natürlich, was aktuell am Markt passiert. Aber entalkoholisierte oder alkoholreduzierte Weine passen nicht in unsere Betriebsphilosophie. Das Feld überlassen wir gerne den anderen.
Woher kommt Ihre Liebe zum Wein?
Learning by doing! Mein Großvater liebte Wein. Der Genuss von einen Glas Weissburgunder oder Chardonnay aus unseren Weinbergen war ein fester Bestandteil eines gemeinsamen Essens. Aber auch Claus Burmeisters Großzügigkeit in Sachen Wein prägten mein Verständnis von unkompliziertem Weingenuss.
Welcher Wein wird geöffnet, wenn Sie nach Hause kommen?
Die Tage hat mich eine Flasche Riesling „Endschleife“ vom Weingut Roter Faden angegrinst – die ist heute Abend wahrscheinlich fällig!
Was wird an Festtagen entkorkt, Weihnachten zu Beispiel?
Ganz gemischt – ich bin kein Fan davon, Wein für einen „besonderen Anlass“ aufzuheben. Wenn der Wein gut ist, ist das Öffnen der Flasche Anlass genug!
Ihr persönlicher Lieblingswein?
Das kann ich unmöglich beantworten, aber ich hatte ein paar Highlights!
Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Mit meiner Nichte, aber das dauert noch ein paar Jahre.
Gibt es den perfekten Wein?
Ja! Perfekt für den Moment oder zu dem Essen, aber selten reproduzierbar.
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