Kellerschätze: Neun Flaschen, neun ÜberraschungenGut, wenn man Freunde hat. Und noch besser, wenn diese Freunde gelegentlich in ihre Keller schauen und dabei Weine entdecken, die längst in Vergessenheit geraten sind. Oder Flaschen, für die sich bisher keine passende Gelegenheit fand. Manchmal tauchen solche Schätze auch bei einer Haushaltsauflösung auf. Gründe gibt es viele. Ich nenne sie einfach: Kellerschätze.

Auf dem Weinbeobachter-Blog habe ich schon mehrfach über solche Funde berichtet – aus dem eigenen Keller und, besonders spektakulär, von einer Bordeaux-Inventur.

Jetzt also wieder ein Anruf: „Wir öffnen ein paar alte Flaschen aus unserem Keller. Willst du mit verkosten?“ Was für eine Frage! Ein Motto gibt es auch: Kellerschätze.

Die Schatzsuche beginnt in einem herrlichen Gewölbekeller im Brandenburgischen. Am Ende stehen neun Flaschen auf dem Verkostungstisch. Neun Weine werden probiert, diskutiert und bewertet. Die Bilanz: kein Ausfall, dafür jede Menge positive Überraschungen. Natürlich gehen die Meinungen auseinander. Und fast jeder der acht Schatzsucher hat einen anderen Favoriten.

Im Gewölbekeller

Neun Kellerschätze im Glas

🍷 2022 Gemischter Satz – Tom Dockner, Niederösterreich

Zum Auftakt etwas Jüngeres, gewissermaßen zum Aufwärmen des Gaumens. Die Gastgeber sind Fans des österreichischen Gemischten Satzes – also eine sichere Bank.

Der Wein von Tom Dockner erfüllt die Erwartungen: unkompliziert, leicht und mit geschmeidigem Körper. Ohne Schnörkel, ohne große Ansprüche. Kategorie: Easy Drinking.

🍷 2025 Raffiat de Moncade – Domaine Guilhemas, Béarn

Kein Oldie, aber eine echte Rarität. Wer kennt schon Raffiat de Moncade, eine autochthone weiße Rebsorte aus dem Südwesten Frankreichs? Noch ungewöhnlicher: Die Domaine Guilhemas ist der einzige Betrieb, der diese Sorte reinsortig ausbaut.

Im Glas wird es spannend. Aprikose in der Nase, am Gaumen Marillenkompott und Grapefruitschale. Dazu Kräuter, Fülle und eine fast ölige Textur. Der Wein bleibt lange präsent.

Dann plötzlich Zwischenrufe aus der Runde: Urin? Schaf? Nun ja, diese Assoziationen teile ich nicht unbedingt. Ungewöhnlich ist der Wein allemal. Und genau das macht ihn interessant.

Bei mir gehen beide Daumen hoch. Ein Wein, der nicht jedem gefallen muss – mir aber umso mehr.

🍷 2021 Aphros Daphne – Vasco Croft, Portugal

Diesen ungewöhnlichen Vinho Verde habe ich selbst mit ins Rennen geschickt. Vor rund anderthalb Jahren war er mir schon einmal aufgefallen. Damals lautete mein Fazit sinngemäß: ein außergewöhnlicher Wein, der die Verkoster spaltet – zwischen Begeisterung und blanker Ablehnung.

Die Neuauflage bestätigt das. Auch diesmal reicht das Meinungsspektrum von „toll“ bis „schrecklich“. Im Glas gibt es jedenfalls reichlich zu entdecken: harzige Noten, eine Vielzahl unterschiedlicher Aromen und Assoziationen an Retsina, vielleicht sogar noch stärker an trockenen Sherry.

Ein Wein für Diskussionen. Und damit für eine solche Runde genau richtig.

🍷 1995 Côtes du Jura – Jean Macle, Jura

Auch Weine aus dem Jura sind dafür bekannt, die Geister zu scheiden. Der von Jean Macle macht da keine Ausnahme. Das Alter ist unübersehbar: Die Farbe geht inzwischen deutlich ins Orange, fast könnte man den Wein für einen Rosé-Orange halten.
In der Nase eigenwillige Noten von Milchschorf und Marzipan, am Gaumen Toffee und vor allem: Sherry, Sherry, Sherry.

Ein Wein mit Ecken, Kanten und einer bemerkenswerten Entwicklung. Ich habe den Verdacht, dass dieser Wein ein ewiges Leben hat.

🍷 2022 Saperavi – Koncho & Co., Georgien

Ein alter Bekannter, zumindest für alle, die sich schon mit Georgiens wichtigster roter Rebsorte beschäftigt haben. Der Saperavi zeigt sich animalisch und etwas wild, mit Noten von Teer und Asphalt. Am Gaumen folgen Heidelbeeren, mineralische Anklänge und eine gewisse Restsüße.

Im Vergleich zu anderen Saperavi, die ich bislang im Glas hatte, wirkt dieser Vertreter allerdings ausgesprochen zugänglich. Vielleicht ist er stärker auf den Geschmack des westeuropäischen Publikums zugeschnitten, wo georgische Weine zunehmend erfolgreich sind.
Saperavi light für den internationalen Markt? Ein Gedanke, der mir beim Verkosten kommt. Ob das nun Vor- oder Nachteil ist, muss jeder selbst entscheiden.

🍷 2024 Fat Baron Shiraz – Ermelinda Freitas, Portugal

Nach dem Georgier darf es etwas kräftiger werden. Shiraz aus Portugal? Der Fat Baron von der Halbinsel Setúbal liefert mit 14,5 Prozent Alkohol jedenfalls ordentlich Power.

Tabak, Vanille und Pflaume prägen das Aromabild. Vor allem aber viel Frucht, die den Alkohol erstaunlich gut in Schach hält. Ein üppiger Rotwein, der durchaus Eindruck macht.

Und dazu? Schokolade! Das passt.

🍷 2011 Pinot Nero – Franz Haas, Südtirol

Umwerfend. Einfach großartig. Mein persönlicher Tagessieger!

Der Blauburgunder des leider viel zu früh verstorbenen Franz Haas zeigt eindrucksvoll, was Reife aus einem guten Pinot Noir machen kann. Lakritz, Brotrinde, Vanille, Veilchen, Pflaumen, Kümmel – und noch einiges mehr. Die Aromenvielfalt ist beeindruckend, ohne dass der Wein seine Eleganz verliert.

Am Gaumen fein und seidig, mit jener Mischung aus Komplexität und Finesse, die einen großen Pinot Noir auszeichnet. Ein Wein, bei dem man gerne länger im Glas und bei seinen Gedanken bleibt. 

🍷 1995 Château Chasse-Spleen – Bordeaux

Ein alter Bekannter in der Runde. Diesen Bordeaux hatten wir schon mehrfach bei Verkostungen im Glas. Eine gute Gelegenheit also, nachzuschauen, wie sich der Wein über die Jahrzehnte entwickelt hat.

Und auch im 31. Jahr zeigt er sich noch fein. Allerdings entsteht der Eindruck, dass er seinen Zenit erreicht hat. Viel Neues dürfte da nicht mehr kommen.

Sechs Stunden vor der Verkostung dekantiert, präsentiert er sich zunächst mit einer etwas merkwürdigen Nase. Die Assoziationen reichen von Duosan bis Tabak. Doch im Glas entwickelt sich der Bordeaux erfreulich weiter. Sauerkirsche, alter Apfel und Butterstreusel tauchen auf.

Es ist ein bisschen wie bei einem Treffen mit einem guten alten Bekannten: Man erkennt die vertrauten Seiten wieder, bemerkt aber auch, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Leider soll es die letzte Flasche gewesen sein. Wie schade!

🍷 2005 Ockfener Bockstein Riesling Auslese – St. Urbans-Hof, Mosel

Zum Finale gibt es Süßwein. Eine gute Entscheidung, denn die mehr als 20 Jahre alte Riesling Auslese präsentiert sich erstaunlich fit.

Honig und Zitrusnoten prägen die Aromatik. Der Wein ist süß, wirkt aber keineswegs klebrig. Dazu kommt eine feine Länge, die Lust auf den nächsten Schluck macht. Großer Genuss zum Abschluss!

Interessant ist auch ein Blick auf das Etikett: Als Erzeuger wird noch „Oekonomierat Nic Weis“ ausgewiesen. Heute firmiert das Weingut in Leiwen unter dem Namen Nik Weis.

Die getesteten Weine

Fazit: Es lohnt sich, alte Flaschen zu öffnen

Neun Flaschen, acht Schatzsucher und jede Menge Gesprächsstoff. Dass die Meinungen auseinandergehen, gehört bei einer solchen Verkostung dazu. Schließlich gibt es kaum etwas Subjektiveres als Weingeschmack – erst recht, wenn Weine sehr unterschiedlich gereift sind oder von Natur aus polarisieren.

Für mich war der Pinot Nero von Franz Haas der Höhepunkt. Andere in der Runde hätten vermutlich einen anderen Wein auf Platz eins gesetzt. Und genau darin liegt der Reiz solcher Abende.

Kellerschätze sind mehr als alte Flaschen. Sie erzählen Geschichten, wecken Erinnerungen und sorgen für Überraschungen. Manchmal findet man einen Wein, der seine besten Tage hinter sich hat. Manchmal einen, der sich erstaunlich gut gehalten hat. Und manchmal eine Flasche, die man am liebsten gleich noch einmal trinken würde.

Mein Tipp deshalb: Schaut gelegentlich in eure Keller. Und wenn Freunde zum gemeinsamen Öffnen vergessener Flaschen einladen, lautet die Antwort am besten: Ja, natürlich!


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.