Die Hessische Bergstraße war für mich bislang ein weißer Fleck auf der deutschen Weinkarte. Okay, von einer schönen Weinsicht war mal zu berichten. Habe sicher bei Verkostungen schon den einen oder anderen Wein von dort mal im Glas gehabt. In Erinnerung geblieben ist davon allerdings wenig. Zeit also, das zu ändern.
Wer ist der Kleinste?
Aktuell steht die Region ohnehin in den (Wein-)Schlagzeilen. Der Grund: ein durchaus amüsanter Wettstreit um den Titel des kleinsten deutschen Weinanbaugebiets. Die neuesten Zahlen aus 2025 sprechen eine klare, wenn auch denkbar knappe Sprache: Die Hessische Bergstraße verfügt über 440 Hektar Rebfläche, der Mittelrhein kommt auf 439 Hektar. Ein Hektar Unterschied!
Noch eine interessante Randnotiz: Als eigenständiges Weinbaugebiet existiert die Hessische Bergstraße erst seit 1971. Zuvor bildete sie gemeinsam mit der Badischen Bergstraße das Anbaugebiet Bergstraße. Ich könnte mir vorstellen, dass der schlichte Name „Bergstraße“ in der Vermarktung heute etwas eingängiger wäre.
Flanieren im Fürstenlager
Bensheim zählt zu den wichtigsten Weinorten der Region. Die erste Überraschung wartet allerdings nicht im Weinberg, sondern mitten im Grünen. Das Fürstenlager, einst Sommerresidenz des Hauses Hessen-Darmstadt, ist eine wunderschöne historische Parkanlage, die geradezu zum Spazierengehen einlädt.
Wer durch den Park schlendert, landet früher oder später zwangsläufig im Restaurant Fürstenlager. Und selbstverständlich stehen dort zahlreiche Weine von Bergsträßer Winzern auf der Karte – der ideale Ort für eine Annäherung.

Begegnung mit dem Ehrenfelser
Natürlich wird probiert. Den Einstieg macht die unkomplizierte Weißwein-Cuvée Fürstenglück vom Weinhaus Rothweiler – ein echter Easy-Drinking-Wein. Neben Riesling, Gelber Muskateller und Rivaner steckt darin auch Ehrenfelser.
Ehrenfelser wächst in Deutschland auf weniger als 100 Hektar, an der Hessischen Bergstraße sind es noch rund 5 Hektar. Leider scheint sie dort kaum noch sortenrein ausgebaut zu werden. Schade eigentlich. Hoffe als Freund seltener und fast vergessener Rebsorten sehr, dass der Ehrenfelser nicht irgendwann ganz von der Bildfläche verschwindet.
Riesling und Rote

Der 2023 Riesling Granit vom Weingut Simon-Bürkle überzeugt mit feiner Mineralität, präziser Frucht und einer eleganten Aromatik.
Wenn schon Riesling, dann darf auch der 2024 Roter Riesling der Bergsträßer Winzergenossenschaft nicht fehlen. Roter Riesling ist irgendwie auch eine Rarität. Etwas irritierend wirkt allerdings die Bezeichnung „Kabinett feinherb“ auf dem Etikett. Der Wein präsentiert sich kräftig, würzig und angenehm trocken wirkend – feinherb passt also, Kabinett weckt dagegen andere Erwartungen.
Dass die Hessische Bergstraße auch Rotwein kann, beweist der 2023 Syrah von Hanno Rothweiler. Im Barrique gereift, kraftvoll, würzig und mit erfreulich viel Charakter. Der 2023 Spätburgunder Bernsheimer Kirchberg vom Weingut der Stadt Bensheim ist nicht ganz so opulent, erweist sich als guter Essenbegleiter.
Beim Platzhirsch

Der Platzhirsch der Region ist ohne Zweifel die Domäne Bergstraße in Heppenheim. Mit rund 35 Hektar Rebfläche ist sie der einzige VDP-Betrieb an der Hessischen Bergstraße und eine der vier Domänen der Hessischen Staatsweingüter.

Die imposante Vinothek (mit direktem Blick auf die Rebstöcke) ist unbedingt einen Besuch wert. Wer Zeit mitbringt, kann sich hier hervorragend durch das Sortiment probieren. Meine persönlichen Favoriten eines insgesamt guten Portfolios: der 2025 Chardonnay, der 2024 Riesling Steinkopf sowie die beiden Sekte 2020 Brut Reserve (Spätburgunder, Chardonnay und Riesling, 30 Monate Hefelager) und der spannende 2019 Herrnwingert Weißburgunder Brut mit 35 Monaten Hefelager.
Mein Fazit: „Ein Tag reicht für die Hessische Bergstraße“, hatte mir vor der Reise jemand gesagt.
Für einen ersten Eindruck stimmt das durchaus. Die Region ist überschaubar, viele Ziele liegen nah beieinander. Nach meinem Besuch würde ich den Satz allerdings ergänzen: Ein Tag reicht, um neugierig zu werden. Deshalb dürfte es wohl nicht der letzte Besuch an der Hessischen Bergstraße gewesen sein.
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