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Gambero Rosso 2021

Karoline Köster

Gambero Rosso ist in der Weinwelt eine Institution. Der Verlag gibt jährlich den Weinführer Vini d’Italia heraus – nicht einfach ein Weinführer, sondern DAS Buch über die italienischen Weine. Die jährliche Präsentation ist ein Pflichttermin. 2021 fand sie (Corona-bedingt) leicht verspätet statt. Für den Weinbeobachter verkostete Karoline Köster. Highlight der Präsentation ist die Masterclass der mit einem Sonderpreis gekrönten italienischen Weine und allerhand Wissenswertes dazu von Lorenzo Ruggeri (Autor bei Gambero Rosso) zu hören. Im luxuriösen 5-Sterne Hotel de Rome in der Berliner Stadtmitte ist es keine schlechte Idee, den Arbeitsalltag für eine exquisite Weinverkostung zu unterbrechen. 

Der Gambero Rosso 2021 in Zahlen

Über 46.000 Weine von 2.645 Weingütern wurden verkostet, davon 24.638 Weine für den Weinführer ausgewählt und bewertet. 467 Weine wurden mit 3 Gläsern „Tre Bicchieri“ bewertet, das ist die Höchstwertung. 11 Sonderpreise gibt es, diese Weine (natürlich alles Tre Bicchieri-Weine) sind die Essenz des Weinführers, das Beste vom Besten. Ich war dabei. Ein Wahnsinn!
Ich kann schonmal vorwegnehmend eine Phrase dreschen, sie sich schon oft bewahrheitet hat: Das Beste kommt zum Schluss! Aber gehen wir der Reihe nach durch.

„Sekt des Jahres“

Besonders süß fand ich, dass der Sekt des Jahres unter der Bezeichnung „Blubberbläschen des Jahres“ (Bollicine dell’Anno) läuft. Diese Auszeichnung hat der OP Pinot Nero Dosaggio Zero Farfalla Cave Privée 2011 gewonnen – ein langer Name, was der Höhlenschmetterling (Farfalla Cave) darin zu suchen hat, weiß ich nicht. Dosaggio zero – Nulldosierung – null Zucker. Das ultimative Blubbererlebnis, für mich viel zu viel Sprudel, es dauert eine Weile, bis man durch die ganze Luft zum Geschmack kommt. Dann ist der Sekt eigentlich ganz nett und lässt sich erstaunlich leicht trinken. Lorenzo sagt was von Waldbeeren, er wird schon recht haben.
In unheimlichem Tempo erzählt er viel über eine ganz besondere Lage des Weinbergs in der Lombardei auf 600m Höhe, wo die Trauben händisch geerntet wurden. Man kommt schwer hinterher: Kosten, genießen und zuhören, schon ist der nächste Wein viel zu schnell dran. 

Zwei Kritikpunkte

Leider muss ich das als einen der zwei Kritikpunkte vorbringen, dass die ganze wunderbare Verkostung viel zu schnell ging. Trotz der Simultanübersetzung (das gibt ja auch immer ein bisschen extra Zeit) war es bei dem Tempo schwer möglich, die Weine gebührend zu genießen, man will ja auch zuhören, sich Notizen machen und zwischendurch Luft holen.
Der zweite Kritikpunkt der ansonsten hervorragenden Veranstaltung: Wir sprechen die ganze Zeit über die aktuelle Ausgabe des Weinführers, wir verkosten die Weine, die darin besprochen sind, das Buch liegt dauernd vor unseren Augen – es wäre passend gewesen, allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Masterclass-Verkostung ein Exemplar zur Verfügung zu stellen. 

„Weingut des Jahres“

Vom Weingut des Jahres gibt es auch einen Sekt, dieses Mal eine Cuvée: A.A, Spumante Extra Brut von 2014, das Weingut Santa Margherita Gruppo Vinicolo ist ein Zusammenschluss von Kellereien. Besonders der Geruch war spannend, sehr fruchtig mit viel Grapefruit und dann im Nachgang etwas fleischig, ich war ganz erstaunt. Beim Geschmack habe ich wieder versucht, Lorenzos Hinweis zu schmecken: geröstete Haselnuss. Fail. 

„Weißwein des Jahres“

Der Weißwein des Jahres ist der 2019er Sopraquota 900. Er kommt von einem der höchsten Weinberge Italiens (über 900 Meter – das erklärt die Zahl auf dem Etikett) , das scheint für die Verkostet und Verkosterinnen von Gambero Rosso Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein.
Die erste Weinlese fand 2017 statt, seitdem hat der Wein jedes Mal Tre Bicchieri, die Höchstbewertung, erhalten. Dabei ist auch der von 2019 immer noch jung, in einigen Jahren wird er seine volle Kraft entfalten. Ich fand ihn allerdings schon ziemlich kraftvoll, auch sehr aromatisch. Im ersten Eindruck war er etwas bissig. Aber schon im zweiten Schluck kommen die ganzen mediterranen Kräuter hervor, vor allem Basilikum und Salbei, was den Wein so spannend macht. Das „bissige“ ist schnell verschwunden und vergessen. 

„Bestes Preis-Leistungs-Verhältnis“

Dann gab es den Wein, der für das beste Preis-Leistungsverhältnis ausgezeichnet wurde. Friuli Pinot Bianco 2019. Ich habe mir notiert: Ich würde noch ein zweites Glas trinken! Riecht superlecker und schmeckt bei jedem Schluck neu. Und gut. 100 Prozent Weißburgunder, kostet in Italien um die 10 Euro.

Preis für ein Sozialprojekt

Collio Pinot Bianco von der Villa Russiz schmeckt für mich wie  ein Standard-Weißwein, sauber, aromatisch, normal, gut. Nicht mehr, nicht weniger, aber für mich eigentlich nicht so interessant. Lorenzo scheint der Wein aber besonders gut zu gefallen, mit dem Pinot Bianco hält er sich sehr lange auf. Er meint, das wäre „Wein in seiner besten Form – er singt und springt im Glas“. Für diesen Weißburgunder (=Pinot Bianco)  hat die Villa Russiz vom Gambero Rosso den Solidaritätspreis gewonnen. Denn die Villa Russiz hat im Jahr 2012 eine Stiftung ins Leben gerufen, um sozial schwache Kinder auf ihrem Lebensweg zu unterstützen. Das ist überaus lobenswert.

„Genossenschaft des Jahres“

Der für die Genossenschaft des Jahres ausgepreiste Wein war dann wieder etwas spanender. A.A. Chardonnay Sanct Valentin 2018 von der Cantina Produttori San Michele Appiano, die schon in den 90ern Vorbild für anderen Genossenschaften war. Der Chardonnay scheint mir zunächst etwas wässrig, riecht auch nicht bemerkenswert, aber dann – bumm – kommt die Geschmacksbombe. Ist auch zehn, elf Monate im Barrique gereift, trinkt sich ganz sanft und leicht mit dennoch viel Geschmack. Sehr strukturreich, heißt es, ja das passt wohl. Gefällt mir!

„Winzer(in) des Jahres“

Der nächste Wein ist auch ein echtes Highlight. Preisgekrönt, weil Winzer(in) des Jahres. Antonella Lombardo heißt die hübsche, junge 40-jährige Frau, die zuerst Anwältin in Mailand war und in nur wenigen Jahren mit wenig Erfahrung auf nur 5 Hektar hervorragenden Wein gemacht hat. Und ihr Pi Greco 2019 riecht und schmeckt wirklich köstlich. Hier glaube ich, dass die ganze Geschichte rund um diese Frau, die mit 150% Einsatz alles selbst macht, das Geschmackerlebnis maßgeblich beeinflusst. Im Laufe der Erzählung von Lorenzo schmeckt mir der Wein besser und besser. Die Rebsorte Greco di Bianco ist eine uralte Rebsorte genau aus diesem Ort namens Bianco an der Ionischen Küste. Man schmeckt die Besonderheit der Rebsorte, die Anstrengungen der Winzerin, das Handwerk, das Meer und das Salz. Also man schmeckt es natürlich nicht wirklich, aber man spürt es beim Trinken. Ein Highlight! An dieser Stelle ist mir aufgefallen, wie sehr eine preisgekrönte WinzerIN heraussticht – die Weinwelt ist doch recht männlich dominiert. Die Preiskategorie heißt eigentlich „Winzer (viticoltore) des Jahres“, nicht viticoltrice, es ist also kein Quotenfrau-Preis. Über die Einführung einer Extra-Auszeichnung für weibliche Errungenschaften im Weinbau könnte sicher diskutiert werden, aber zum Glück wurde hier auch so eine WinzerIN bedacht, nicht primär wegen ihres Geschlechts, sondern weil sie guten Wein zu machen scheint. Übrigens sind auch im Verkostungssaal im Hotel de Rome sind nur etwa ein Fünftel der Anwesenden weiblich, wenn überhaupt. Das mal so am Rande.

„Rosé des Jahres“

Den vom Gambero Rosso zum Rosé des Jahres gekürten Wein hätte ich nicht als Rosé erkannt. In meinen Augen war der  Cerasuolo d’Abruzzo Piè delle Vigne 2018 eher ein Rotwein. Der Geruch hat mich zunächst leicht verstört, der Wein riecht nach Stein und Putz, Asche und Graphit. Er schmeckt allerdings erstaunlich gut und man hat lange was davon. 

„Aufsteiger des Jahres“

Kommen wir zum aufstrebenden Weingut des Jahres, das ist das Ridolfi in der Toscana. Ein Wein ist hier prämiert und zwar Brunello di Montalcino 2015. Allerdings habe ich das Gefühl, ich habe drei verschiedene Weine. Geruch (genau mein Ding, sehr fruchtig, festlich, ehrwürdig beinahe), Geschmack (schnell fad und säuerlich) und Nachgang (wieder ganz anders, poetisch lang wirkend) komplett verschieden. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. 

Preis für nachhaltigen Weinbau

Zu guter Letzt kommen zwei Weine von den Inseln. Sicilia Perricone Ribeca 2015 hat vom Gambero Rosso den Nachhaltigkeitspreis bekommen. Das Weingut Firriato arbeitet seit 2007 biologisch-nachhaltig, hat seit 2010 ein Bio-Zertifikat und will in den nächsten Jahren CO2-Neutralität erreichen. Respekt dafür und Preis wohl verdient, auch wenn mir der Wein nicht besonders schmeckt. Eigentlich hatte ich mich auf den Rotwein gefreut, war aber nicht so besonderes.

Das Beste zum Schluss 

Sieht aus wie ein Sherry, schmeckt wie ein Vintage Sherry, ist aber keiner. Vernaccia di Oristano Antico Gregori 1976. Einer der seltensten Weine weltweit, steht auf der Liste von Hugh Johnson als einer der 20 Weine, die man vor dem Tod getrunken haben soll. Wenn man eine von den nur 1800 abgefüllten  Flaschen ergattert, muss man etwa 80 Euro dafür ausgeben. Ich verspüre echte Ehrfurcht. Man muss sich das mal vorstellen, ich trinke einen Wein, der anderthalb mal so alt ist wie ich selbst. 1976 stirbt Mao, Apple wird gegründet, „Hotel California“ von den Eagles und „Dancing Queen“ von ABBA; Wladimir Klitschko wird geboren. Und ein Wein entsteht, den ich jetzt, 45 Jahre später in Berlin trinke. Das ist schon abgefahren und es ist schwer, den Wein beschreiben zu wollen. Ein paar Stichpunkte: Geruch: Röstnoten, Torf, Sesam, orientalische Gewürze, Karamell, Feige, Kardamom. Geschmack: unterschwellige Säure, Bitternuancen, getrocknete Nüsse und Trockenfrüchte, leichte Salzigkeit.
Die Rebsorte ist der sardische Vernaccia di Oristano, ganz originell, traditionell und besonders, vor allem auch sehr alt. Es heißt, die Vernaccia – Traube gehört zu den ältesten Trauben der Menschheit überhaupt. 

Meine Awards…

Abschließend kann ich meine drei Favoriten, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen an meine persönliche Spitze geschafft haben, klar benennen:
Antico Gregori 1976, Pi Greco und Friuli Pinot Bianco. 

 

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