Der umtriebige Geschäftsführer des Landesweinguts Kloster Porta, Jörg Erdmann, präsentiert nicht nur Schätze aus dem Keller des Landesweinguts. Er blickt auch gerne mal über den sprichwörtlichen Gartenzaun. Kürzlich fiel dieser Blick Richtung Osteuropa – wobei das nur halb korrekt ist. Denn bei einer äußerst spannenden Verkostung standen neben Polen und Tschechien auch Weine aus Ungarn im Fokus. Und Ungarn lässt sich weinbaulich wohl nur schwer nach Osteuropa verorten.
Drei Länder, drei sehr unterschiedliche Weinwelten – und ein Abend voller Überraschungen.

Ungarn: Mehr als nur Tokajer

Ungarn ist auf der internationalen Weinbühne seit Langem präsent. Tokajer sind weltberühmt, auch im hohen Alter noch grandios, doch das Land kann deutlich mehr. Mit rund 65.000 Hektar Rebfläche und etwa 37.000 Produzenten ist Ungarn weinbaulich das Schwergewicht dieser Runde. Die Zahl umfasst viele kleine, familiengeführte Betriebe ebenso wie größere, professionell aufgestellte Weingüter.

🍷Drei spannende Weine aus Ungarn

Sauska Brut, Sauska & Társa, Tokaj: Feiner Sekt aus Chardonnay, Furmint und Spätburgunder, 24 Monate Hefelager, klare Perlage, sehr eleganter Trinkfluss. Handwerklich top gemacht. Mit etwas über 70 Hektar Rebfläche gehört Sauska & Társa zu den größeren Betrieben.

2024 Chardonnay, István Balassa, Tokaj:  Spontan vergoren im Edelstahl, satte 14 % Alkohol. Cremig und durchaus gefällig. Doch dieser Chardonnay polarisierte stark – von begeistertem Applaus bis zur klaren Ablehnung war alles dabei. Das Weingut (17 Hektar) wurde 2005 gegründet.

2021 Secret Garden Kékfrankos, Attila Hommona, Balaton: Blaufränkisch ist DIE Rotweinsorte Ungarns. Maischegärung im Holzbottich, 12 Monate im 500-Liter-Fass, ungeschönt, unfiltriert. Naturwein, vielschichtig. Kein wildes Abenteuer, sondern ein sehr sauber gemachter, vielschichtiger und eigenständiger Rotwein.

Tschechien: Eigenverbrauch, wenig Export

Tschechien verfügt über knapp 18.000 Hektar Rebfläche. Damit ist der Weinbau deutlich kleiner als in Ungarn oder Deutschland, im mitteleuropäischen Vergleich jedoch durchaus relevant. Rund 13.000 Winzer bewirtschaften diese Flächen – der Großteil der Produktion bleibt allerdings im Land. Export spielt bislang nur eine Nebenrolle.
Meine bisherigen Erfahrungen mit tschechischen Weinen waren eher durchwachsen. Doch dieser Abend zeigte: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

🍷Drei spannende Weine aus Tschechien

2020 Marada Riesling PetNat, Vinařství Petr Marada, Mähren:  Das 18-Hektar-Weingut existiert seit 2006 und beweist mit diesem PetNat Mut. Der Riesling wurde spontan im Edelstahl vergoren, während der Gärung abgefüllt, ungeschönt, unfiltriert und ungeschwefelt. Ein PetNat für Fortgeschrittene und Entdecker – fordernd, aber gut gemacht und spannend.

2020 Chardonnay, Jaroslav Osička, Mähren: Spontanvergoren, 10 % Ganztrauben, 24 Monate Feinhefelager in 500-Liter-Eichenfässern, unfiltriert, nur 0,2 g Restzucker. Die Machart verrät: kein Mainstream-Chardonnay. Im Abgang leicht bitter, insgesamt mit Ecken und Kanten. Das kann man mögen – ich tue es. Der Preis von 34 Euro ist selbstbewusst. Osička bewirtschaftet 5 Hektar; die Reben wurden 1989 gepflanzt.

2021 Sylvaner, Vína Herzánovi, Mähren:  Im Eichenfass vergoren, ein Jahr Hefelager – für Silvaner eher ungewöhnlich. Mit fränkischen Vertretern – für mich immer der Maßstab bei Silvanern – hat dieser Wein wenig gemein. Entsprechend kontrovers wurde er diskutiert. Für meinen Geschmack etwas zu viel von allem: Holz, Säure, Oxidation. Das Weingut (5 Hektar) besteht seit 1997.

Polen: Dynamik und Aufbruch

Polnischen Wein hatte ich bislang nur selten im Glas. Tatsächlich ist das Land für viele noch ein weißer Fleck auf der Weinlandkarte. Die Zahlen: rund 900 Hektar Rebfläche, etwa 500 aktive Weinbaubetriebe. Doch der Sektor wächst dynamisch – nicht zuletzt begünstigt durch den Klimawandel. Vieles befindet sich im Aufbau, vieles im Experiment.

🍷Drei spannende Weine aus Polen

2022 Saint Vincent, Winnica Saint Vincent, Zielonogórski (Grünberg):  Perlwein-Cuvée aus Riesling und der Piwi-Sorte Rondo. Klingt exotisch – schmeckt auch so. Deutliche Grapefruit-Note. Unfiltriert, ungeschwefelt, 0,8 g Restzucker. Originell und zugleich überzeugend. Der Kellermeister stammt aus dem Elsass. Preis: 26 Euro.

2023 Pinot Blanc Béton, Winnica Kamil Barczentewicz, Lublin: Mein Favorit des Abends. Weißburgunder aus dem Betonei, spontan vergoren, 11 Monate Vollhefelager, 0,5 g Restzucker. Deutlich hefig, charakterstark, kein Everybody’s Darling – aber ein eigenständiger Solist. Für 13 Euro ein echtes Schnäppchen. Das 30-Hektar-Weingut existiert seit 2017, der Winzer lernte sein Handwerk im Burgund.

2023 Pinot Noir, Winnica Moderna, Niederschlesien: Auch ein Sponti, 14 Monate in gebrauchten Eichenfässern. Das Holz ist noch ziemlich präsent, insgesamt wirkt der Spätburgunder mit moderaten 12,5 % Alkohol jedoch eher leichtfüßig. Kein ganz großer Wurf, aber unkompliziert und durchaus angenehm zu trinken. Das kleine Weingut (2,1 Hektar) besteht seit 2015.

Fazit: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen

Während der Weinbau in Deutschland vielerorts unter Druck steht, spürt man in diesen Ländern Aufbruchstimmung. Junge Winzer experimentieren, probieren aus, gehen Risiken ein. Nicht alles gelingt – aber vieles überrascht positiv.
Bio- und Naturweine sind stark im Trend, Piwi-Sorten ebenfalls. Gleichzeitig werden klassische Rebsorten gepflegt. Auffällig sind neben dem Mut zu teils sehr eigenwilligen Etiketten vor allem die Preise:

  • In Ungarn reicht die Spannbreite von moderat bis ambitioniert.
  • In Tschechien gibt es ein solides Basissegment mit einzelnen Ausreißern nach oben.
  • Die polnischen Weine waren an diesem Abend die teuersten.

Der Blick über den Gartenzaun lohnt sich. Wer sich auf Osteuropa einlässt, entdeckt viel Experimentierfreude, Eigenständigkeit – und erstaunlich viel Qualität im Glas.


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