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Salute Chianti

Wenn von Wein aus der Toskana die Rede ist denkt jeder an Chianti. Chianti ist legendär. Chianti ist der berühmteste Wein Italiens, vielleicht weltweit. Salute Chianti! Aber mit den Weinen hatte ich bisher so meine Probleme. Habe Dutzende getrunken, keiner hat mich richtig begeistert. Zu viele waren langweilig, banaler Durchschnitt, nur wenige erinnerungswürdig. Selbst als der Weinführer Gambero Rosso seine Stars feierte, wurden 2019 und 2020 Chianti und ich keine richtigen Freunde. Liegt mir der Sangiovese nicht, die Leitrebsorte der Toskana? Ist alles mehr Schein als Sein? Vorurteile? Andererseits: Können Millionen Fans irren? Also: Für ein endgültiges Urteil endlich mal in die Toskana fahren. 

Grandiose Landschaft

Um es vorweg zu nehmen: Ja, das Gebiet ist atemberaubend schön. Und ja, es gibt auch langweilige, banale Weine. Es gibt auch Spitzenweine, die Super-Toskaner. Die sind offiziell keine Chianti, haben denen in Sachsen Renommee und Preis aber den Rang abgelaufen. Die meisten Super-Toskaner sind ziemlich teuer. Habe einige probiert, für mich sind sie überteuert. Bleibe also beim Chianti. Und wer suchet, der findet. Der findet vor allem abseits der großen Namen wie Antinori, Frescobaldi oder Ricasoli  (bezahlbare) Chianti-Perlen, plus etliche anständige Weine.

Chianti Classico wird gefeiert

Von den acht Unterzonen des DOCG-Gebietes Chianti ist Classico das bekannteste. Eine perfekte Gelegenheit, Facetten des Classico kennenzulernen, bot das Festival „50 Jahre Chianti Classico“ in Greve. Weine von mehr als 100 Erzeugern waren zu probieren! Ein tolles Programm mit, wie sich zeigen sollte, einer großen Bandbreite an Stilistiken und  Qualitäten.
Meine Favoriten, ohne Rang- und Reihenfolge:
Lanciola (80 Hektar) mit einem charismatischen 2017er Classico, einer feinen 2016er Classico Riserva  und einer großartigen Classico Grand Selecione von 2016 (alle 100% Sangiovese). Dazu die Lektion, dass ein guter Classico mindestens 5 Jahre Reife braucht. Erst dann beginnt er zu schmecken.
Dann das Bio-Weingut Istine mit einem rassigen Classico 2020. Mit 20 Hektar Rebfläche ist Istine ein eher kleiner Betrieb im Gebiet. Ein blitzsauberer Wein, ohne wenn und aber.

Kleine und große Stars

Castello Vicchiomaggio stellte den 2018er „Ripa delle More“ vor, eine Cuvée aus 50% Sangiovese, 30% Cabernet Sauvignon und 20% Merlot, eine toskanische-bordelaiser Hochzeit. Kein Chianti also, erfüllt aber alle Kriterien eines Super-Toskaner, außer beim Preis: 25 Euro.
Der 2017er Classico von Lamole di Lamole hat mit seinen schönen Tabak- und Gewürztönen gefallen. Das Mini-Weingut Campocorto (1 Hektar!) präsentierte einen tollen Classico 2016. Bemerkenswert – der Jahrgang  2016 kommt erst jetzt in den Verkauf.
Den 2019er Classico von Borgo Scopeto drückte mir eine Weinhändlerin aus New York mit den Worten „das ist mein Lieblings-Chianti“ in die Hand. Wahrlich kein schlechter Tipp.
Last but not least soll noch Setriolo erwähnt werden, wo der 2016er Classico Riserva (100% Sangiovese) die Statur eines Bodybuilders hat. Der Wein lag viereinhalb Jahre im Holzfass und braucht noch mindestens genauso lange bis zur perfekten Reife.

Schlösser und Burgen

Der Chianti Classico war also fürs erste rehabilitiert. Doch weiter ging’s. Was wäre das Gebiet ohne die berühmten Hügel mit den Burgen und Schlössern plus dazugehöriger Zypressen? Vor Ort die Weine zu probieren ist sehr schön, aber auch leicht unfair. In solcher Umgebung schmeckt ja (fast) jeder Wein. Da muss Badia a Coltibuono gelobt werden. Fast verwunschen einsam gelegen, mit tollem Restaurant, anständigem Classico und interessanten Spielarten des Sangiovese.
Edler, allerdings auch deutlich touristischer geht’s im Castello di Albola zu. Ein 120-Hektar-Gut nahe Radda mit einem großen Portfolio an Weinen. Der Classico 2020 hat noch eine auffällige Frische und ist leicht trinkbar. Die Classico Riserva von 2019 lag 14 Monate in Barriques, ist noch leicht sperrig, verheißt aber Gutes. Der vielfach gepriesenen Chardonnay, der auf 700 Metern Höhe wächst, war leider ausverkauft. 

Chianti Rufina 

Keine schlechte Adresse ist auch das imposante Schloss Castello del Trebbio bei Pontassieve in der Nähe von Florenz. Neben dem Flaggschiff Lastricato Rufina Riserva (100% Sangiovese, 30 Monate im Barrique) gibt es mehrere interessante Tropfen. Darunter eine interessante Cuvée „Vignette Trebbio“ der lokalen Rebsorten Ciliegiolo und Canaiolo. Es gibt sogar reinsortigen Riesling! Der toskanische Riesling (der einzige?) ist gehaltvoll, fast fett, mit wenig Säure und einem langen Finale. Ungewöhnlich, aber spannend.
Überhaupt Rufina! Rufina ist mit 600 Hektar Reben das kleinste Untergebiet des Chianti, weniger touristisch als Radda oder Greve im Classico-Gebiet, aber mit spannenden Weinen. Entdeckungen dort: Das kleine Weingut Il Basso (nur 9000 Flaschen Jahresproduktion) mit einem überaus charaktervollen Rufina und einem lebendigen Rosé. Fein auch der Cedro Rufina von der Fattoria Lavacchio, einem ambitionierten Bio-Weingut mit 25 Hektar Reben in idyllischer Lage.

 

Erwähnenswert ist unbedingt auch die Fattoria La Vialla der Familie Lo Franco, unweit von Arezzo gelegen.  Die stellt dank der Rebflächen in mehreren Gebieten der Toskana (200 ha) ein großes Spektrum toskanischer Weine verschiedener DOC nach biologischen und biodynamischen Prinzipien her und verkauft die zu sehr moderaten Preisen. Die Chianti sind unkompliziert und leicht trinkbar.

Fazit: Der Trip in die Toskana hat sich gelohnt. Habe dem Sangiovese bisher offenbar Unrecht getan (falsche Erzeuger?, zu jung getrunken?). Im eigenen Keller liegen nun auch etliche Chianti. Bin gespannt, ob sie in heimischer Umgebung genau so schmecken wie vor Ort. 

Über Chianti 

1716 entstand durch einen Erlass von Cosimo III de’Medici, Großherzog der Toskana, eines der ersten Weingesetze weltweit. In diesem wurde eine geschützte Herkunftsbezeichnung für den Chianti definiert, auch bestimmte Regeln für Vermarktung und Produktion. Der damalige Landwirtschaftsminister und Gutsbesitzer Bettino Ricasoli formulierte 1874 die bis heute gültige Regel, nach der Chianti-Wein mindestens 70% Sangiovese enthalten muss. 1927 wurde das Chianti-Konsortium gegründet. Innerhalb des DOCG-Gebietes gibt es acht Unterzonen, die aber nicht das gesamte Gebiet abdecken: Classico, Colli Fiorentini, Colli Senesi, Rúfina, Colli Aretini, Colline Pisane, Montalbano und seit 1997 Montespertoli. Weine, die nicht in einer dieser Unterzonen hergestellt sind tragen nur das Prädikat Chianti. Classico hat die strengsten Vorschriften bezüglich Höchstertrag, Extraktgehalt und Reifezeit, er muss mindestens 80% Sangiovese enthalten.
Im Gebiet werden auf ca. 22.000 Hektar (davon rund 7000 im Classico) rund 1 Million Hektoliter DOCG-Wein erzeugt. Der Präsident des Konsortiums, Giovani Busi, sagte einmal: „Es gibt nicht einen Chianti, sondern ganz viele.“ Da hat er recht. Salute Chianti!

Reife Sangiovese-Trauben

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