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Hobby-Winzer ganz groß

War unlängst Gast bei einer so irren wie spektakulären Weinverkostung: 40 Weine aus aller Welt, von berühmten sowie gänzlich unbekannten Winzern standen an. Eine fantastische Entdeckungsreise.

100-Parker-Punkte-Wein

Ein 100-Parker-Punkte-Wein war auch dabei. Die Riesling Auslese Zeltinger Sonnenuhr 2017 von Markus Molitor war natürlich ein Höhepunkt, ein wirklich großartiger Wein. Doch das eigentliche Highlight bzw. die große Überraschung des Tastings waren Weine von Nebenerwerbs- oder Hobby-Winzern. Das waren wahrhafte Entdeckungen, denn diese Weine gibt’s in keinem Shop und werden – wegen der geringen Menge oder weil dank Stammkundschaft für den freien Verkauf nichts übrig ist – auch nie in einem landen. Sieben Weine, die mich besonders beeindruckt haben. Und jeder hat seine eigene Geschichte.

Die Weine von Hartmut Schreiter

Hartmut Schreiter aus Höhnstedt ist seit 2008 Hobby-Winzer mit 0,4 Rebfläche. Auf den Etiketten firmieren seine Weine unter der Abfüllung „WeinWerk“. Der 2020er Alter Albert ist eine nicht alltägliche Cuvée von Müller-Thurgau (80%) und Elbling (20%).  Ein weicher Wein, süffig und doch mit Ausdruck. Der Name? „Albert hieß der Großvater meiner Frau, der hatte Elbling-Stöcke“, erzählt der Winzer. Für einen reinen Elbling reicht die Menge nicht, die Vermählung mit dem Müller-Thurgau ist eine charmante Idee und einfach fein umgesetzt.

Ein dickes Ausrufezeichen verdient die 2020er Scheurebe . Auch hier nicht nach 08/15-Rezept, sondern mit einer Idee gemacht:  Ein Drittel (exakt 38%) wurde im frischem Holzfass ausgebaut. „Scheurebe ist unser Sauvignon“, sagt Schreiter. „Vorbild war Sauvignon Sanct Valentin von der Kellerei St. Michael-Eppan in Südtirol.“ Tatsächlich hat die Schreitersche Scheurebe eine überraschende Eleganz, eine wunderbare Cremigkeit, dazu einen Hauch Salzigkeit. Ein toller Wein, leider gibt’s nur 900 Liter davon.

Auf dem Level geht es weiter. Der Traminer 2020 ist eine Wucht, wir entdecken getrocknete gelbe Früchte, vornehmlich Aprikosen. Ein Klasse-Traminer, von dem gibt’s auch nur 200 Liter.  Finale mit der Silvanessenz von 2018, wo der Name schon alles verrät. Silvaner, 30 Gramm Restzucker, 14 Prozent Alkohol, das ist im Glas ein Darling mit Power. Für Hartmut Schreiter „ein Spaßwein“. Richtig, der macht Spaß.

Weinhaus Polomski

Neu im Gebiet – und auch wieder nicht. Sandra Polomski war 1998/99 Weinkönigin in Saale-Unstrut und ein Jahr später deutsche Weinprinzessin, hat jahrelang engagiert die Öffentlichkeitsarbeit des Weinbauverbandes geleitet und ist nach Heirat und Familie nun auch der Winzerei verfallen. Mit etwas mehr als einem halben Hektar Rebfläche in der Steillage Edelacker bewirtschaftet sie ein Filetstück. Und das überaus ambitioniert. Die Debüt-Weine sind tolle Charaktere. Wie der Weissherbst vom Blauen Zweigelt  („zweites Standjahr, nur zwei Trauben pro Stock, 106 Oechsle“) mit satten 13,% Alkohol, es gibt nur 390 Flaschen davon. Noch mehr Eindruck hat der 2020 Chardonnay Jungfernwein Auslese gemacht. Eine trockene Auslese („an jeder zweiten Rebe eine Traube“), ausgebaut im 50-Liter-Glasballon! Auch wenn die Rebsorte kaum erkennbar ist – ein famoser Wein, der in hippen Weinbars in Großstädten Karriere machen würde. Es gibt halt nur 50 Liter…

Siegmund & Klingbeil

Aus Naumburg kommt eine Missgunst. Der Name verwirrt schon, ist aber auch eine Botschaft: „Missgunst“ heißt der Wein vom Weinhaus Siegmund & Klingbeil. Die Erklärung steht zum Glück gleich mit auf dem Etikett: „Nicht zum Teilen geeignet“. Nicht teilen soll man das Produkt der beiden gebürtigen Berliner Sören Siegmund und Sebastian Klingbeil, die mit dem Anspruch „Experimentierfreude“ werben. Diesen Anspruch erfüllt die 2019er „Missgunst“ auf jeden Fall. Das ist eine Auslese-Cuvée aus Muscaris (80%) und Riesling (20%), ausgebaut in einer Ton-Amphore, nur etwas mehr als 1 Gramm Restzucker, 14 % Alkohol. Spannender Tropfen, eine Vielfalt an Aromen, Würze, Frucht, Schärfe, alles da. Ganz klar ein Wein für Freaks.

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