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Argentinien: Viel mehr als Malbec!

Steile These von Phil Crozier: „Wein ist nur in zwei Ländern Nationalgetränk: Italien und Argentinien.“ Italien war irgendwie klar, aber Argentinien? Von dort sind mir bisher nur einige passable Malbec aufgefallen, kürzlich erst beim Malbec World Day gewürdigt. Aber sonst?
Da ist etwas zu überprüfen und da kommt ein Tasting argentinischer Weine mit Phil Crozier gerade recht. Der Brite ist Sommelier und Argentiniens „Brand Ambassador UK & Europe“. Der Mann kennt sich erstens very gut aus und hat zweitens eine Mission. Argentinien hat viel mehr zu bieten als „nur“ Malbec! So ist es, und die kleine Reise durch die argentinische Weinwelt in fünf Flights beweist das auf beeindruckend.  Langsam  beginne ich Freunde zu verstehen, die seit einer Reise nach Argentinien vor einigen Jahren nur noch argentinische Weine trinken. So weit wird es bei mir nicht kommen, aber verstärkt in den Fokus rückt das Land künftig allemal.  

Einige Fakten

Weinbau in Argentinien wird seit dem 16. Jahrhundert betrieben. Heißes Datum ist der 17. April 1853, da wurde die Weinbauschule Quinta Normal Agronómica de Mendoza nach französischem Vorbild gegründet. Domingo Faustino Sarmiento, später Präsident Argentiniens, hatte daran entscheidenden Anteil. Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts dominierte Massenware, der Wein war ausschließlich für den einheimischen Konsum bestimmt. Doch in den letzten Jahren gab es eine rasante Entwicklung in Sachen Qualität. Sie ist noch voll im Gang.
In 13 der 23 Provinzen Argentiniens wird Weinbau betrieben. Es gibt vier große Weinbau-Regionen: North 6000 ha (Salta, Catamarca, Tucumán, Jujuy), Cuyo 158.000 ha (La Rioja, San Juan, Mendoza), Patagonia 3900 ha  (Neuquén, Río Negro, La Pampa, Chubut) und Atlantic 148 ha (Buenos Aires). 58% der Produktion ist Rotwein, 18% Weißwein, 24% Rosé (pink). 75 Prozent des produzierten Weines wird in Argentinien getrunken. Auch dort gibt es die Tendenz wie in Europa – die jüngere Generation trinkt weniger Alkohol. Irgendwie scheinen die argentinischen Winzer Bodenhaftung behalten zu haben: Der teuerste argentinische Wein kostet 200 Dollar.

Criolla & Co.

Start mit dem Abito Moscatel de Alexandria 2019 (Barrancas, Maipú, Mendoza). Nicht mein Favorit, aber ein wichtiger Wein für den Export nach Nordamerika. Er ist süß, mit 38 Gramm Restzucker klassisch lieblich. Die Süße ist jedoch nicht aufdringlich, wird mit Säure abgefedert. „Swimmingpool-Wine“ nennt ihn Phil Crozier. Wir entdecken Holunder, Rosen, grünen Apfel. Könnte zur Vietnam-Küche gut passen.
Weiter mit dem Rocamadre Criolla 2019 (Paraje Altamira, San Carlos, Mendoza). Je 50 Prozent  Criolla Chica und Criolla Grande. Ein ziemlich dunkelroter Rosé von 80 Jahre alten Reben. Unfiltriert, sechs Monate in alten Holzfässern gereift. Kategorie „einfacher Wein“, leicht trinkbar. Netter Grillwein, erinnert an einen Beaujolais Noveau.
Jetzt wird’s interessant: Kaiken ‚Terroir Series‘ Torrontés (Cafayate, Salta). Torrontés gehört zu den  dominierenden weißen Sorten Argentiniens. Klassischer Sommerwein, in vielen Restaurants auf der Karte. Hat eine schöne Säure, passt super zu asiatischer Küche. „Die Rebsorte spaltet – entweder man mag sie oder man hasst sie“, sagt Phil. Ich mag sie. 

Chardonnay

Die Weltrebsorte darf auch in Südamerika nicht fehlen. Die beiden Weine zeigen Format. Die Reben des Zuccardi ‚Fosil‘ Chardonnay 2020 (San Pablo, Tunuyán, Mendoza) wachsen auf 1400 m Höhe. Der Wein gefällt mir mit seiner ausdruckstarken Säure sehr gut, er ist schön balanciert, ein toller Wein.  „Ruccola, nussige Nase, getoastet, Kürbiskern“, steht im Notizblock, Ein Exportschlager (v.a. USA, Kanada, China) und leider mit 50 bis 70 Dollar nicht ganz günstig.
Otronia ‚Blocks 3&6‘ Chardonnay 2018 (Sarmiento, Chubut, Patagonia) ist von anderem Charakter. Er kommt aus dem Herzen Patagoniens, der südlichsten Ecke, wo Wein kultiviert wird. Dort herrscht trockenes Klima und permanent weht Wind. 3&6 bedeutet Selektion der Blöcke 3 und 6 von Weinberg 22, was immer das auch konkret bedeuten mag. Er in Fudern aus französischer Eiche 18 bis 20 Monate gereift, damit fetter und wuchtiger als der  ‚Fosil‘, auch nicht ganz so balanciert. Auch hier eine markante Säure, dann noch Pfirsich, Birne, Stachelbeere, Kamille, Kräuter – Entdecker-Wein! 

Pinot Noir 

Auch diese klassische europäische Sorte macht in Argentinien Karriere! Keine Einwände beim Wapisa Pinot Noir 2018 (San Javier, Rio Negro, Patagonia). Die Reben stehen nahe am Atlantik, der gibt eine speziellen Touch. 8 Monate Reife in alten Holzfässern. Schöne helle Farbe, klassisch PN, funkelnd, nicht wuchtig, aber erstaunlich kräftig, rund und harmonisch. Notiert sind: Nelken, Cranberrys, lange in der Sonne gelegene Erdbeeren, seidige Textur.
Humberto Canale ‚Old Vineyard‘ Pinot Noir 2018 (General Roca, Alto Rio Negro, Patagonia). Humberto Canale gehört mit 500 ha Rebfläche zu den Großen im Land. Der ‚Old Vineyard‘ ist aber alles andere als Massenware.  Spannender PN, wir haben Kirsch- und Walnuss-Aromen entdeckt, Tabak und Vanille kommen wohl von der zehnmonatigen Reife im Barrique. Feine Beweise, dass Argentinien viel mehr zu bieten hat als Malbec! 

Cabernet Franc

Überraschung! Charakterstark, charismatisch, kraftvoll und doch harmonisch, dieses Niveau hatte ich den Cabernets nicht zugetraut. Der Desquiciado Cabernet Franc 2020 Gualtallary (Tupungato, Uco Valley, Mendoza) kommt von einem junger Winzer, das Weingut ist erst 10 Jahre alt. Im Spiel sind 90% Cabernet Franc, 5% Petit Verdot und 5% Malbec. Sehr saftig, stoffig, Frucht und Säure harmonieren gut. Sauerkirsche, Waldheidelbeere und Toffee sind die Stichworte. Feines Tröpfchen!
Gilt auch für Doña Paula ‚Altaluvia‘ Cabernet Franc 2018 Gualtallary (Tupungato, Uco Valley, Mendoza). Die Reben wachsen in 1600 m Höhe! 16 Monate in französischen Eichenholzfässern gereift, zweite und dritte Belegung. Konzentrierte Frucht, lange Präsenz im Gaumen, die 15% Alkohol stören nicht. Ein Klasse-Wein. „Aber schwerer zu verkaufen als Malbec“,  sagt Phil.
Warum nur? Liegt es am Image der Rebsorte?

Malbec

Die argentinische Paradesorte muss zum Abschluss sein. Im Glas zwei großartige Vertreter, die die unlängst getesteten locker in den Schatten stellen. Der Pyros Single Vineyard Block No.4 Malbec 2015 (Pedernal San Juan) kommt aus einer unwirtlichen Gegend: 1400 m Höhe, nur 150 mm Niederschlag in Jahr (und das im Winter als Schnee), arme Böden. Gar nicht arm ist der Wein, der erst 18 Monate in Eichenholzfässern und dann ein Jahr in der Flasche  gereift ist. Ein würdiger Malbec-Botschafter.
Gilt uneingeschränkt auch für den Fuego Blanco Malbec 2018 (Pedernal San Juan).  Der kommt aus ähnlicher Höhe, lag aber nur 8 Monate in französischer Eiche. Etwas charmanter als der erste, fruchtig, würzig, harmonisch, Lakritz in der Nase. Gerne wieder. 

Noch zwei Fragen an Phil

Was ist mit Cabernet Sauvignon? „Es gibt fantastische in Argentinien, aber gibt es in der Welt nicht so viele? „

Welche Rolle spielt der in Europa so populäre Malbec im eigenen Land? „Das hängt vom Preisniveau ab. Im niedrigen Preisniveau spielt Malbec kaum eine Rolle. Criolla Grande und Cereza sind die dominierenden roten Rebsorten, Pedro Giminez für Weiße. Die Rotweine sind in der Regel hell, wobei die Rebsorte den Preis in den Hintergrund rückt. Auch auf dem Markt gibt es reichlich Roséweine, die leicht und saftig sind und aus den Sorten Moscatel und Criolla Grande hergestellt werden. Auf einem höheren Preislevel kommen alle Rebsorten vor, aber Malbec dominiert zusammen mit Cuvées.“ 

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