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Weingut-Besuch: Familie Lückel

Kleine Tour in Saale-Unstrut mit dem Besuch von Weingütern, die zuletzt etwas unter dem Radar operierten. Zu unrecht, wie sich zeigen sollte. Nächste Station nach dem Weingut Deckert: Weingut Familie Lückel in Freyburg.

Vom Sterne-Koch zum Winzer 

Geschichten gibt es! Jörg Lückel stammt aus dem Sauerland, lernte Groß- und Einzelhandelskaufmann. Es folgte eine steile kulinarische Karriere. Er war/ist ein begnadeter Koch, erkochte sich in der Gummersbacher Mühlenhelle einen Michelin-Stern, da war er gerade 23. Er arbeitete in angesagten Häusern in der Schweiz, auch in München im berühmten Tantris. Beim Delikatessen-Händler Rungis wurde er Verkaufsleiter. „Danach habe ich aufgehört, es wurde mir zu viel, das war alles nicht mehr meine Welt“, erzählt Jörg Lückel. Er träumte von einem Haus mit einem Weinberg in Italien. Die Familie besichtigte auch einige Objekte. Doch statt der Toskana wurde es die Toskana des Nordens: Freyburg an der Unstrut, Ostdeutschland. 

Saale-Unstrut statt Italien

Italien war einfach zu teuer“, räumt Jörg Lückel unumwunden ein, „und hier ist es doch auch ganz schön.“ Kann man so sagen. Das prächtige Gebäude in der Schloßstraße macht Eindruck, direkt hinter dem Haus wachsen am Steilhang die Reben. 2004 ist der mit seiner Frau und 4 Kindern nach Freyburg gezogen, brachte das Anwesen und den Weinberg (0,4 ha, 56% Hangneigung) in Ordnung. Das sei schon ein Kraftakt gewesen, allein für die Erneuerung der Terrassenmauern habe er rund 300.000 Euro investiert, erzählt Lückel. 

Die Steillage direkt hinter dem Anwesen in der Freyburger Schloßstraße.

Persönlichkeiten ihn Glas

2010 war sein erster Jahrgang. Und so schnell, wie er einst als Koch Karriere gemacht hat, gelang es ihm auch als Winzer. Seine Weine von der Steillage sind Persönlichkeiten, die nicht immer dem Mainstream folgen. Sie sind Individualisten, so empfiehlt er, seine Weine eine Woche zu belüften. Und sie sind gefragt: Lückel-Weine stehen im Leipziger Sterne-Restaurant Falco auf der Karte und werden auch vom Bundespräsidialamt geordert (Riesling, Spätburgunder, Zweigelt). Darauf ist Jörg Lückel sichtlich stolz. 

Jetzt muss aber selbst ein Eindruck her. Wir beginnen mit dem Silvaner 2020 feinherb. Ganz unüblich in der Region wurde der erst spät, konkret im Herbst 2021 abgefüllt. Merkt man, der Wein hat eine tolle Reife und hohe Intensität. Der kann es locker mit Top-Silvanern aus Franken aufnehmen. 

Barocker Riesling

Den Riesling 2020 nennt Jörg Lückel seinen „Einstiegsriesling“. Solche Einstiege wünscht man sich immer. Ein feiner Wein, unkompliziert und doch filigran und mit Finesse.
Die Riesling Auslese 2018 setzt natürlich noch einen drauf. Was für ein Körper! Die extreme Dichte ist dem geringen Ertrag geschuldet, die Trauben wurden bei bester Reife gelesen. Mit 10 Gramm Restzucker segelt er an der Grenze zwischen trocken und halbtrocken. Habe eher auf trocken getippt, offiziell ist es natürlich halbtrocken, manche sagen lieber feinherb. Aromen von reifen gelben Früchten wie Pfirsich oder Aprikosen schmeicheln den Gaumen. Viel Opulenz, fast Barock im Glas.
Wohin die Reise gehen kann lässt die Riesling Auslese 2015 erahnen. Die Farbe scheint pures Gold. In der Nase wähnt man einen Sauternes/Barsac vor sich. Der Riesling ist ölig, fett, dicht, vor allem aber einfach Klasse. Obwohl er schon ins siebte Jahr geht, zeigt er keine Spuren von Alterung. 

Zukunft Piwi-Sorten?

Weiter geht die spannende Reise durch die Welt der Lückel-Weine. Ein Riesling Barrique 2019/2020 ist der nächste Halt. Eine Cuvée zweier Jahrgänge? „Ich mussten wegen der geringen Menge zusammenlegen“, erklärt Lückel. Notiert ist: Verhaltene Nase, intensiv im Geschmack, reife Früchte, Grapefruit, Holz hübsch integriert, sehr konzentriert.
Der Souvignier Gris 2020 lag ein Jahr im Barrique , „aber nie die ganze Zeit in einem Fass“. Sehr aromatisch, von hoher Intensität. Die Piwi-Sorte (Piwi ist das Kürzel für pilzwiderstandsfähige Rebsorten) ist auch eine Wette auf die Zukunft. „Irgendwann nicht mehr spritzen und trotzdem kein Genussverlust“ beschreibt Lückel seine  Mission. 

Das Portfolio der Lückel-Weine.

Gruß nach Kalifornien

Ein Highlight im Portfolio ist der Chardonnay Barrique 2019/20. Ein großartiger Tropfen, aber nichts für schwache Nerven. Gereift in französischer und amerikanischer Eiche und kreiert aus den Jahrgängen 2019 & 2020. Viel Power, viele Facetten, von allem viel. Der erinnert mehr an Kalifornien als an Saale-Unstrut, meint Jörg Lückel. So ist es.
Rosé ist aktuell schwer Mode, auch Lückel macht einen. Der Rosè Muschelkalk ist Zweigelt plus Spätburgunder. Wahrlich kein Leichtgewicht, fast schon Schwergewicht mit reichlich Frucht.
Finale mit dem Blauen Zweigelt Barrique. ja, Jörg Lückel kann auch Rotwein. Der Zweigelt ist dicht, saftig, intensiv, wir entdecken schwarze Johannisbeeren und eine Spur Schokolade, das Holz spielt eine Nebenrolle. Passt. 

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