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Wein-Gespräch: Sonja Schilg

Am 30. Juni 2022 war Schluss: Sonja Schilg wurde in den Ruhestand verabschiedet. Die gebürtige Slowakin führte das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth als Geschäftsführerin seit 1. Februar 2003. In den knapp 20 Jahren unter ihrer Leitung ging es mit Wackerbarth stetig bergauf. Die Produktion wurde nahezu verdoppelt, der Umsatz verzehnfacht, die Besucherzahlen stiegen von einigen Hundert im Jahr 2002 auf 190.000 im Jahr 2021. Sonja Schilg erzählt im Gespräch von den Anfängen auf Wackerbarth, von einem „Glücksfall“ und erklärt, warum der Klimawandel nicht nur negative Folgen haben muss.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Wein, den Sie getrunken haben?
Na klar. Das war Federweißer und ich war noch ein Kind im Vorschulalter. Das hat bei uns in den Anbaugebieten einfach dazugehört, auf dem Schoß des Großvaters zu sitzen und an einem gärenden Traubenmost zu nippen. Darf man das veröffentlichen?

Darf man.
Ich bin in der Slowakei geboren und aufgewachsen, meine Großeltern hatten Reben und stellten Wein für den Eigenbedarf her. Der Rest musste an den Staatsbetrieb abgeliefert werden. Als ich dann etwas größer war, habe ich alles bewusster erlebt. Zum Beispiel die Verkostungen meines Großvaters mit seinen Winzerkollegen, die in den Kellern saßen und kein Ende finden konnten. Das sind sehr schöne Erinnerungen. Ganz fremd war mir der Wein nie.

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?
Bereits als Jugendliche hatte ich erkannt, dass die Mutter Natur in der Landwirtschaft immer das letzte Wort hat und dass der Aufwand und der Lohn für die harte Arbeit nicht mit jedem Jahrgang automatisch in die Kassen der Winzer oder Landwirte zurückfließt. Meine Deutschlehrerin hat mir damals ein Auslandsstudium empfohlen. Und so wählte ich ein Studium der Betriebswirtschaft mit der Spezialisierung Fremdenverkehr. Und das auch nicht im benachbarten Bratislava, sondern an der damaligen Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ im wunderschönen Dresden. Damit wählte ich auch die maximal mögliche Entfernung zum Wohnort meiner Familie, um ein Weinbau- oder Önologie-Studium bzw. ein Studium der Landwirtschaft an der örtlichen Universität zu vermeiden. Und damit meiner Familie gegenüber diesen Entschluss durch ein Auslandsstudium auch deutlichst zu vermitteln. So bin ich 1975 nach Dresden gekommen.

Und geblieben…
Ja, denn dort habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der stammte aus Görlitz. Ich bin hängengeblieben, war quasi ein Liebesflüchtling. Nach dem Studium habe ich in der Landskron-Brauerei gearbeitet. In mehreren Positionen unter anderem im Einkauf, dann im Direktorat Marketing/Vertrieb.

Wann und wie kam es zum Engagement bei Wackerbarth?
Ich bin am 1. Februar 2003 zu Wackerbarth gekommen. Es war eine glückliche Fügung, dass ich die Möglichkeit überhaupt bekommen habe, mich vorzustellen. Schloss Wackerbarth war kurz zuvor als Europas erstes Erlebnisweingut neu eröffnet worden. Ich hatte parallel zu dieser Idee für die Landskron-Brauerei ebenfalls ein Konzept für eine Erlebnisbrauerei entwickelt. Dieses konnte aber nicht umgesetzt werden, weil der Eigentümer sich entschieden hatte, zu verkaufen. Aber das Konzept war natürlich hilfreich.

Also ein perfekter Einstieg?
Naja… Ich hatte mich vor meinem ersten Vorstellungsgespräch im Weingut umgesehen, habe an Führungen teilgenommen. Da konnte ich mich in dem ersten Gespräch nicht zurückhalten mit kritischen Hinweisen, also mit einer Stärken- Schwächen-Analyse. Ich habe auch gesagt, dass ich die damalige Strategie, allein auf Bustouristen zu setzen, für einen Fehler und nicht zukunftsträchtig halte. Das hat nicht allen gefallen. Aber ich kannte die Zahlen. In meinem zweiten Gespräch mit dem SAB-Vorstand (SAB = Sächsische Aufbaubank) sagte dieser zu mir: Ihre negativen Prognosen sind mehr als übererfüllt. Da wusste ich, dass ich mit Menschen zu tun habe, die die Größe haben, Fehler einzugestehen. Mit solchen Menschen zu arbeiten, das macht Spaß. Und die beiden SAB-Vorstände Dr. Jochen Freiherr von Seckendorff und Stefan Weber hatten wirklich visionäre Kraft.

Welche Visionen?
Dr. von Seckendorff hat sich auch privat mit dem Thema Wein beschäftigt. Er wusste, dass in Kalifornien, im Napa Valley, gerade eine neue Welle startet. Napa Valley ist flaches Land, eigentlich unspektakulär. Dort wurden Erlebnisweingüter gebaut. Dr. von Seckendorff hat seinen Kollegen mitgenommen um ihm zu zeigen, wen man mit Architektur und Erlebnisangeboten erreicht. Sie haben gesehen, dass die Leute aus San Francisco kommen und dort vor Ort Weine verkosten, die Architektur bewundern und dann natürlich mit dem Auto voller Kisten Wein heimfahren. Das war die Idee. Dem anderen Vorstand Stefan Weber war die Begeisterung für Architektur quasi in die Wiege gelegt wurden. Das hat sich gut zusammengefunden.

Haben Sie den Einstieg bei Wackerbarth je bereut?
Niemals. Obwohl es am Anfang nicht leicht war. Viele hatten das Projekt damals tot geglaubt. Man hat ja eine Sektkellerei privatisiert. Aber ich habe die Potenziale gesehen, die Möglichkeiten und Wege. Es war schön, dass ich die Spielräume bekommen habe. Dafür brauchst du Gesellschafter, die die Rahmenbedingungen schaffen aber auch Freiräume bieten. Und du brauchst ein gutes Team, gute Mitarbeiter.

Das hatten Sie?
Ja. Wir haben wenig Fluktuation. Unseren Kellermeister Jürgen Aumüller habe ich quasi vorgefunden. Der ist im August 2002 gekommen. Man hat mir bei meiner Einstellung vergessen zu sagen, dass der damalige Chef-Önologe gekündigt hat. So formuliere ich das mal vorsichtig. Da hat der soeben eingestellte Herr Aumüller als zweiter Kellermeister übernehmen müssen. So sind wir gestartet. Wir haben uns zusammengesetzt, um die önologische Ausrichtung abzustimmen. Was stellt er sich vor? Was ist möglich? In welche Richtung möchte er die Weinstilistik entwickeln? Wir haben hunderte Weine zusammen verkostet, um uns zu finden. Ich habe damals gesagt, dass der Traminer wohl der Wein ist, der die besten Noten bekommen würde. Dann kam einige Monate später eine Landesweinprämierung, die hat das Gottseidank bestätigt. Da wurde ich auch von den Kollegen hier ernst genommen. Ich kam ja vom Bier…

Was waren die größten Herausforderungen in den letzten 20 Jahren?
Herausforderungen gab es viele, u. a. die Transformation einer Sektkellerei in ein Erlebnisweingut. Und das dazu auch eine positive betriebswirtschaftliche Entwicklung zu erkennen ist. Als ich kam, lagen die Umsätze bei 2,6 Millionen Euro. 2021 war es fast zehnmal mehr. Die Natur hat uns ebenfalls immer wieder gefordert. Auch nicht ohne war die Bewältigung der Corona-Krise – mit einer Schließzeit von insgesamt 42 Wochen in den letzten zwei Jahren. Außer Kurzarbeitergeld haben wir keinerlei Zuschüsse bekommen. Aber wir haben es geschafft.

Worauf sind Sie am besonders stolz?
Ich bin schon darauf stolz, die Idee Erlebnisweingut zum Erfolg geführt zu haben. Noch mehr bin ich stolz, dass alle erkennen, dass das eine Impuls-Investition des Freistaates war, die die ganze Region mitgenommen hat – aber auch deutschlandweit gewirkt hat. In Sachsen hat sich die Zahl der Privatwinzer, die vom Weinbau leben können, in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt, die Zahl der Nebenerwerbswinzer verdreifacht. Wir haben auf Schloss Wackerbarth über 130 Lehrlinge ausgebildet, einige von ihnen sind jetzt selbstständige und erfolgreiche Winzer. Und es ist noch so viel möglich, die Potenziale sind noch gar nicht alle erschlossen, weder für Wackerbarth noch für die Kollegen. Der sächsische Weinbau hat eine sehr gute Zukunft, auch die Klimaerwärmung hilft uns.

Gab es auch Niederlagen?
Natürlich, die Witterung. Zwischen 2009 und 2013 hatten wir extreme Witterungseinschläge: starken Frost, Hagel, extremen Niederschläge. Wir haben zweieinhalb Jahrgänge komplett verloren – und damit mehrere Millionen Euro Umsatz. Zweieinhalb Jahrgänge innerhalb von fünf Jahren, das ist der Hammer. Doch das befördert auch die Kreativität. Unter anderem unsere Dresdner Engel als erfolgreiche Sektmarke sind in dieser Zeit entstanden.

Sie haben den Klimawandel erwähnt. Was bedeutet der für den Weinbau in Sachsen?
Der Klimawandel ist für uns eine große Chance. Wir werden uns mit Rebsorten beschäftigen müssen, die zum Klimawandel passen. Wir können das nicht ignorieren. Es wird mehr Rotwein geben. Vor über zehn Jahren haben wir Blaufränkisch angepflanzt, im letzten Jahr Gamay. Wir werden mehr Rotwein-Erträge bekommen, höhere Mengen. Für uns ist das eine Chance. Aber die Witterungsextreme nehmen auch zu. Wir versuchen, die Bewirtschaftungsmethoden und die Rebsortenstruktur so aufzustellen, dass wir die Risiken minimieren. Wir haben Anlagen, die wir auf Minimalschnitt umgestellt haben. Durch die Art der Erziehung bekommen wir trotz des Klimawandels filigrane Weine hin, frisch und mit einer Cool-Climate-Stilistik.

Sehen Sie weitere Trends?
Neben dem Klimawandel ist Nachhaltigkeit das große Thema. Seit vielen Jahren schon setzen wir kein Glyphosat mehr ein. Wir arbeiten mit grüner Aussaat und versuchen, mit Pflanzenschutzmitteln gezielt und mit einem Minimum zu arbeiten. Auch wollen wir verstärkt mit biologischen Produkten arbeiten. Leider wird die Weinwirtschaft da völlig im Stich gelassen. Alle rufen Bio, Bio, doch wenn wir Kupfer spritzen, dazu die verstärkte Bodenverdichtung, dann ist das auch nicht so toll. Warum setzt man nicht bei den Produzenten der Pflanzenschutzmittel an? Warum werden die nicht verpflichtet, biologische Mittel zu entwickeln? Der letzte in der Kette ist der Winzer. Der soll alles retten und auf Erträge verzichten und seine Böden verseuchen. Warum kann man das nicht anders aufziehen?

Was werden Sie nach Ihrem Abschied am meisten vermissen?
Mein großartiges Team.

Gibt es den einen unvergesslichen Wein, den Sie getrunken haben?
Es wäre ungerecht, jetzt einen zu nennen. Es gibt so viele Winzer und Weingüter, die ich besucht habe. Und es gibt so viele tolle Weine.

Was wird bei Ihnen am Abend entkorkt?
Ich probiere weltweit. Das sollte auch so sein. Weil man sich sonst einschränkt auf sich selbst und glaubt, besser geht’s nicht.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Mir fallen gleich drei Persönlichkeiten ein. Gerne würde ich Bischof Benno von Meißen treffen und mit ihm ein Glas trinken, um zu erfahren, was er davon hält, was wir aus „seinen“ Reben gemacht haben. Angeblich hat er ja im 12. Jahrhundert den Weinbau nach Sachsen gebracht. Mich würde interessieren ob es das ist, was er sich vorgestellt hat. Oder Graf von Wackerbarth. Der war ein Ästhet, ein gebildeter Mann. Was würde er heute zu Europas erstem Erlebnisweingut in seinen Räumlichkeiten sagen? Und nicht zuletzt Johann Joseph Mouzon, der erste französische Kellermeister der späteren Sektkellerei Bussard. Er hat sich 1836 auf den Weg gemacht mit seiner Familie, um den Sachsen beizubringen, wie man klassische Flaschengärsekte macht. Man muss sich in die damalige Zeit hineinversetzen. Da hatte ich es mit meinem Migrationshintergrund einfacher. Deren Feedback wäre sehr spannend. Die drei haben damals Weichen gestellt.

Gibt es den perfekten Wein?
Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man das betrachtet. Aus der Perspektive der Weinprüfer vermutlich. Aus Perspektive der Verbraucher hat jeder seinen perfekten Wein.

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