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Bricco dell’Uccellone – rostet alte Liebe?

Es gibt Weine, die prägen fürs Leben. Ein Schlüsselerlebnis war ein Bricco dell’Uccellone, Barbera d’Asti von der Azienda Vitivinicola Braida im Piemont. Zum ersten Mal getrunken auf einer Weintour mit Freunden durchs Piemont im November 1996. Der Jahrgang 1993 war im Verkauf. Er hat fantastisch geschmeckt, zwei Seiten Verkostungsnotizen gipfelten in dem Urteil: wunderbar.  Dass der Bricco dell’Uccellone Kultwein, Trendsetter und was nicht noch alles war, wussten wir gar nicht. Wir waren einfach begeistert. Kaufte eine Kiste, eine Flasche kostete damals unverschämt anmutende 35 DM. Jener 93er Bricco wurde bei Verkostungen dann regelmäßig probiert, er enttäuschte nie. Zur Höchstform lief er als Begleiter eines Trüffel-Menüs im Februar 1999 auf. Im Dezember 2000 war die letzte Flasche ausgetrunken.

Seither Legende

Aus dem Piemont kommen großartige Weine. Doch seit dem Schlüsselerlebnis hat der Bricco dell’Uccellone einen festen Platz in der persönlichen Bibliothek der Weine mit Legenden-Status. Der alten Liebe konnten auch diverse Geschichten nichts anhaben. Zum Beispiel hieß es,  wegen des riesigen Erfolgs des Bricco dell’Uccellone sei die Anbaufläche der Barbera-Trauben in Rocchetta Tamaro um ein vielfaches erweitert worden. Die Qualität habe darunter gelitten. Auch dass im Februar 2007 in einer Potsdamer Weinbar ein Glas des 1988er Bricco dell’Uccellone nicht für die ganz große Begeisterung sorgte, schob ich eher den Umständen zu. Falsches Glas,  falsche Stimmung, falscher Zeitpunkt…

Wiedersehen nach fast 22 Jahren

Jetzt aber, fast 22 Jahre nach der ersten Liebesaffäre mit Bricco dell’Uccellone steht der 2014er Jahrgang in der hübschen Weinbar Montevino im Ostseebad Binz.  59 Euro kostet die Flasche, plus 10 Euro Korkgeld kann man sie sofort in der Bar trinken. Muss jetzt einfach sein. Kurzer check der technischen Daten: Barbera d’Asti, 12 Monate im Barrique gereift, 15 Prozent Alkohol (der 1993er hatte 13,5%). Auf dem Etikett taucht der Name Giacomo Bologna im Gegensatz zu früher nicht mehr auf. Okay, heute führen die Geschwister Raffaella und Giuseppe in dritter Generation die Geschicke der Kellerei. Früher war der Bricco dell’Uccellone ein Vino da Tavola, jetzt hat er DOCG-Status.

Und?

„Und?“, fragt die Begleitung neugierig. Hmmmm, wie das so ist mit einer alten Liebe – Erinnerung und Realität sind verschiedene Dinge. Ja, das ist ein schöner Wein. Vielleicht auch ein toller. Aber Enthusiasmus wie einst kommt nicht auf.  Hat sich die Messlatte verschoben? Zu viele schöne Weine seither getrunken? Hat er doch nicht mehr das Niveau?  Aus den Verkostungsnotizen, diesmal sind es keine zwei Seiten geworden: „Zunächst leicht verschlossen, doch nach wenigen Minuten kommt er in Form. Schwarze  Früchte, Teer, dunkle Kirschen, Schlehen (?), Trockenpflaumen, Gewürze. Schöner, voller Körper, viel Substanz, dennoch samtig und elegant. 15 Prozent Alkohol nicht spürbar.“ 

Barbera-Adel

Wer mit dem Wein noch nicht viel anzufangen weiß: Der Bricco dell’Uccellone hat die Barbera-Rebe geadelt.  Giacomo Bologna gilt als der große Pionier, der das Potential dieses „Bauernweins“ entdeckte. Mit seinem Bricco dell`Uccellone, der erstmals 1982 auf den Markt kam, wurde der Barbera neben Barolo und Barbaresco in den Stand der königlichen Weine erhoben. Bleibt noch der ungewöhnliche Name Bricco dell’Uccellone zu erklären: Er wird so genannt, weil früher einmal eine alte Dame im Haus neben dem Weingut wohnte, die immer schwarz gekleidet war und deshalb “l’uselun” (der große Vogel) genannt wurde.

 

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