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Wein-Gespräch: Rudolf Knoll

Rudolf Knoll ist der Dienstälteste und wohl bekannteste Weinjournalist im deutschsprachigen Raum. Er ist Redakteur der Fachzeitschrift VINUM, Autor zahlreicher Bücher, Erfinder des Deutschen Rotweinpreises, rief die gemeinsame Jungweinprobe von Sachsen und Saale-Unstrut ins Leben und vieles andere mehr. Wir haben uns erst unlängst wieder getroffen und etliche Gemeinsamkeiten entdeckt: Zum Beispiel die Begeisterung für autochthone Rebsorten und die Meinung, dass die meisten Weine viel zu jung getrunken werden. Unlängst ist Rudi Knoll 75 geworden – Grund genug für ein Interview.  

Was gab’s zum 75. Geburtstag?
Einen Wein von meinem eigenen Jahrgang, den 1947er Chateau Margaux.

Wie hat er geschmeckt?
Der war noch gut beieinander. 

Was ist für Sie ein guter Wein?
Wenn der Wein eine Geschichte erzählen kann. Die Menschen dahinter sind immer wichtig. Der Wein an sich selbst kann schon toll sein. Aber mich interessiert auch, wer den gemacht hat, wie er entstanden ist, welche Philosophie dahinter steckt. 

Wissen Sie, wie viele Weine Sie verkostet bzw. getrunken haben?
Jetzt zu meinem Geburtstag hat ein Freund mir vorgerechnet, dass es ungefähr 182.000 Weine gewesen sein müssen. Das ist nicht unrealistisch. Da sind die Weine noch gar nicht mal mitgerechnet, die ich probiert habe, aber nicht trinken wollte. 

Erinnern Sie sich noch an den ersten Wein, den Sie getrunken haben?
Bewusst war das bei der Bundeswehr, weil ich damals etwas dagegen hatte, das Besäufnis mit Bier mitzumachen. Da habe ich mir lieber in der Kantine ein Glas Wein geholt, so was wie Oppenheimer Krötenbrunnen. Das waren die ersten Kontakte mit Wein. 

Gibt es unter den Tausenden den einen unvergesslichen Wein?
Da gibt es eine ganze Menge Weine, die unvergesslich sind. Ich habe einige Male Weine von meinem eigenen Jahrgang probieren können. Jetzt eben zum 75. wieder, den 47er Margaux. Den habe ich irgendwann mal günstig ersteigert. Unvergessen sind sicherlich auch die Erlebnisse in Bremen.  

Erzählen Sie.
Ich hatte zweimal im Bremer Ratskeller die Gelegenheit, aus dem Rosefass zu probieren. Das ist ein 1000 Liter-Fass, der Ursprung ist im Jahr 1653. Es der älteste Fasswein Deutschlands.  Der ist immer wieder mit jüngeren, sehr guten Jahrgängen nachgefüllt worden. Da ist ein Teil 1727 dabei. Immer wenn mal Schwund war, wurde nachgefüllt. Natürlich ist das inzwischen ein Fass mehrerer Jahrgänge. Ich durfte zweimal da probieren.  Das war schon toll, wie ein wunderbarer alter Sherry.
Ein anderer unvergesslicher Wein war ein 1811er Riesling von Bassermann-Jordan. Der war grandios. Es wurden zwei Flaschen geöffnet, weil es eine größere Gesellschaft war. Da gab es Ignoranten am Tisch, die haben ihr Glas, was sowieso schon schmal eingeschenkt war, kaum geleert. Da war noch eine halbe Flasche da zum nachgießen. Ich bin da zwei-, dreimal hingegangen und habe mir nachgeschenkt. 

Wie hat sich die Weinwelt in den letzten 40 Jahren verändert?
Da hat sich sehr viel geändert. In den Strukturen, im Weinmachen, in den Geschmacksempfindungen und -vorlieben. In den 1970er Jahren war in Deutschland süß angesagt. Und Neuzüchtungen waren plötzlich modern, die heute keiner mehr so richtig will. Dann kam die Trocken-Welle, die in Deutschland sicher durch den Glykol-Skandal mitverursacht wurde. In den 1980er Jahren wollte kein Mensch mehr einen süßen Wein, weil alle geglaubt haben, da könnte Glykol drin sein. Dann hat man die Kurve radikal genommen, es gab nur noch durchgegorene Weine mit 0,1 Gramm Restzucker und 11 Gramm Säure. Jetzt geht der Trend wieder zu mehr Restsüße. Was sich sicher auch wahnsinnig geändert hat ist die bessere Ausbildung der jungen Leute. Auch das viele junge Winzer jetzt erst mal ins Ausland gehen und Erfahrungen sammeln war früher gar nicht möglich. Das ist echt eine Bereicherung. 

Was sind Ihre Prognosen? Klimawandel ist das große Thema.
Der Klimawandel wird die Weinbranche ziemlich heftig treffen, wenn man nicht richtig reagiert. Man muss möglicherweise die Sorten umstellen oder sowas wie Riesling verlagern, wenn es zu heiß wird für Riesling. 

Aber ist zum Beispiel die Mosel ohne Riesling überhaupt vorstellbar?
Man muss dann vielleicht mehr in die Seitentäler gehen oder in die Höhe. In Südtirol wurden in den letzten Jahren auf 900, ja 1000 Metern Höhe neue Weinberge angelegt.  

Es gibt verrückte Dinge rund um den Wein, Reife mit Musikbegleitung zum Beispiel. Was halten  Sie davon?
Du musst als Winzer daran glauben, dass es was bringt. Musik kann vieles verändern. Wir reagieren auf sanfte Musik ja auch anders als wenn wir Rock hören. 

Schraubverschluss, Kork oder Glas?
Kork hat immer das Risiko eines Korkschmeckers. Aber es ist deutlich besser geworden gegenüber früher. Mein teuerster Korkschmecker war ein G-Max von Keller, der wird wahnsinnig teuer gehandelt.  

Was wird täglich entkorkt?
Es ist genügend Vorrat da, zu probieren habe ich immer was. Im Moment beschäftige ich mich mit historische Rebsorten wie Grünfränkisch und Arbst zum Beispiel. Das ist ein kleiner Trend, aus dem kann was werden. 

Und zu einem besonderen Anlass, was gibt’s noch außer dem Margaux von 1947?
Den habe ich glaube ich jetzt nicht mehr. Aber ich habe noch Weine, die älter sind… 

Wo haben Sie die her?
Ich hatte mal eine Phase, da habe ich bei Versteigerungen mitgemacht. Viele wollten die besten Namen und die besten Jahrgänge. Bei den Jahrgängen zwischendrin hat kein Mensch gesteigert, weil es halt nicht der Superjahrgang war. Die waren oft fast geschenkt. Ich habe die Hand gehoben und dabei richtige Schnäppchen gemacht. 

Wird der Jahrgang überschätzt?
Ich denke schon. Gerade in Bordeaux habe ich viele kleinere Jahrgänge probiert, da sind die Weine wunderbar. Überhaupt wird Wein viel zu jung getrunken. Jetzt stehen schon die 2021er rum…

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Der Papst wäre interessant. 

Gibt es den idealen Wein?
Das hängt vom idealen Essen ab. Und der Anlass muss passen. 

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