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Winzer-Besuch: Jörn Goziewski  

Der Titel Winzer-Besuch ist im Fall Jörn Goziewski leicht irreführend. Denn in dieser Rubrik wird normalerweise die Kellerei besichtigt, danach werden Weine probiert, wie zuletzt bei Reinhold Krutzler oder Josef Umathum. Bei Goziewski ist das alles nicht möglich – es gibt weder einen Keller noch Weine. Dafür hochfliegende Pläne. Der Winzer will mit Wein aus Erfurt groß rauskommen. Aber nicht irgendwie. „Es soll ein Premium-Weingut werden“, sagt er.  

In aller Munde

Über jenen Jörn Goziewski, 39, war in diesem Jahr viel zu hören bzw. zu lesen. Vinum hat ihn erwähnt als Ostrückkehrer aus der Westwelt. Der MDR hat ihn besucht. Die örtliche Presse orakelte vom „neuen Stern am Saale-Unstrut-Himmel“.  Und Weinjournalisten-Guru Rudolf Knoll hat ihm sogar ein Kapitel in seinem jüngsten Buch gewidmet. Das Interesse hat gute Gründe. Winzer Goziewski will in seiner Heimatstadt Erfurt den Weinbau wiederbeleben. In der thüringischen Landeshauptstadt gab es bisher keine nennenswerten Rebfläche. Nun hat Goziewski 3 Hektar schon angepflanzt, für 5,11 Hektar hat er die Rebrechte, rund 8 Hektar sollen es mal werden. Und auf einer direkt angrenzenden Fläche würde er gerne noch den Keller errichten.  Ist der Mann besonders mutig – oder verrückt? Oder einfach nur clever?

Hinter diesem Zaun liegt die Fläche, wo die Kellerei stehen soll.

Bewegte Vita

Jörn Goziewski hat eine bewegte Vita. Aus einer Winzerfamilie stammt er nicht. Aber Natur und Biologie hätten ihn aber schon immer interessiert, erzählt er. Ein Praktikum nach dem Abitur im Rheingau war die Initialzündung, hier hat er gemerkt, „das dieser Beruf alles hat, was mich interessiert“. Sein Wein-affiner Vater habe ihm geraten: Schau dir Geisenheim an.  Gesagt, getan. Nach dem Studium in Geisenheim („Dort war ich in meinem Jahrgang der einzige Nicht-Winzersohn“) und Reisen durch die Weinwelt landete er im Rheingau als Kellermeister der Ankermühle. Nach einigen Jahren dort machte er sich 2014 mit einem guten Hektar selbstständig. Er produzierte vorrangig Riesling in Rüdesheim, aber auch Pinot Noir und  andere Rebsorten.

Monumente im Rheingau

Das Besondere, was ihn schon im Rheingau von den Kollegen abhob, ist die streng biodynamische Arte, Weine zu produzieren. So kommen eben Monumente, wie sie Fachwelt beschreibt, heraus, die sich von den typischen Rheingauern unterscheiden. Lange Maischegärung auch für Weißweine, Ausbau in verschiedensten Gebinden, Stahl, große Holzfässer, Tonneaus, Beton, Amphoren – Denkgrenzen gibt es keine. So kreiert er mit einem Freund auch Weine aus der Pfalz, vertreibt in seinem Weinshop Weine des Weingutes aus Neuseeland (Elephant Hill), in dem er einst tätig war, oder von Freunden aus dem Baltikum Rhabarber-Sekt.

Flächensuche per Zeitung

Seine Rückkehr nach Thüringen passt dazu. 2017 hat er in einer Lokalzeitung über seine ehrgeizigen Pläne berichtet, den Weinbau in Erfurt auf professionelle Füße zu stellen und für das Projekt Fläche und Partner gesucht. Tatsächlich meldete sich daraufhin  Ralf Schwenken, Präses der Stiftung Vereinigte Kirchen- und Klosterkammer. Und auch ein Weinfreund. Über die Stiftung wurden Land und Geld organisiert. Pfaffenlehne (lehmiger Ton, darunter Muschelkalk) heißt das in Kirchenbesitz befindliche Flurstück mit Nord-Süd-Gefälle – also einer prächtigen Südlage. In der Pfaffenlehne,  in unmittelbarer Nähe des Zentralfriedhofes, wurden im Frühjahr 2020 zunächst drei Hektar bepflanzt. Vor allem Riesling, Chardonnay und Spätburgunder, dazu auch Muskateller und Viognier. Nächstes Jahr sollen weitere zwei Hektar mit Reben bestockt werden.   

Die im Frühjahr aufgerebte Hanglage Pfaffenlehne.

Bio-Weinbau als Ziel

Goziewski betreibt den Weinberg nicht allein. Das Christophoruswerk wird Helfer abstellen und auch Schüler der Edith-Stein-Schule sollen dabei sein. Der Winzer will nach strengen Demeter-Richtlinien arbeiten. Die entsprechende Zertifizierung ist beantragt. Die Hanglage ist sehr gut durchlüftet, was es einfacher macht, auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten und mit biologischen Mitteln wie Begrünung, Kräutermischungen oder sehr viel Handarbeit auszukommen.

Kurioses im Web-Shop  

Wer sich jetzt schon mal in die Welt von Jörn Goziewski vortasten will, kann dies auf seinem Web-Shop unter Jörn-Wein tummeln. Neben verschiedensten Rieslingen, natürlich auch ein Orange-Riesling darunter, wird Kurioses entdecken, wie einen Hopfen-Cidre aber eben auch einen sehr ambitionierten Spätburgunder für stolze 45 Euro. Derlei ist auch Ziel in Erfurt. Irgendwann mal. Vielleicht 2022 könne es den ersten Jahrgang geben, hofft Goziewski. Dann gibt’s den nächsten Winzerbesuch – das volle Programm. 

 

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