Spätestens nach einigen großartigen Silvaner-Erlebnissen vom fränkischen Weingut May war klar: Ein Besuch bei Rudolf May ist Pflicht. Fränkischer Silvaner gehört ohnehin zu meinen Favoriten – und die Weine von May stehen ganz oben im Regal. Also auf nach Retzstadt. Dort gab es dann einige Überraschungen.
Understatement in Retzstadt

Ein paar Fakten vorweg: Das Weingut bewirtschaftet 17,5 Hektar, gegründet wurde es 1998 – zuvor ein klassischer Mischbetrieb. Rudolf May ist gelernter Winzer, Sohn Benedikt arbeitet seit rund acht Jahren mit. Im Weinberg dominiert – wenig überraschend – der Silvaner mit rund 78 Prozent der Rebfläche. Ergänzt wird das Portfolio durch Riesling, Chardonnay, Weißburgunder und Spätburgunder.
Typisch May ist das Understatement. „Wir versuchen, vernünftige Sachen zu machen“, sagt er. Vernünftig ist in diesem Fall eine ziemlich grobe Untertreibung.
Die Großen Gewächse – etwa die Silvaner vom Himmelspfad oder Rothlauf – sind schlicht Weltklasse. Aber auch Langenberg und Benediktusberg spielen auf sehr hohem Niveau. Silvaner, wie man ihn besser kaum bekommt.
Das sind Weine, bei denen man nicht lange diskutieren muss – die sprechen für sich.
Silvaner mit Burgunder-Genen?
Ein besonderes Highlight ist der Silvaner „Der Schäfer“aus einer VDP.Ersten Lage. 1,5 Hektar, Reben von 1969. Ausbau im neuen Doppelstückfass (2.400 Liter) aus 400-jähriger Spessarteiche, spontan vergoren, neun Monate Vollhefe.
Im Glas (verkostet wurde der 2020er): Wiese, Kamille, ein Hauch Zitrus. Am Gaumen cremig, mit feinen Röstaromen und einem sehr langen Finale. Einer dieser Weine, bei denen man automatisch langsamer wird beim Trinken. „Unser Burgunder-Silvaner“, sagt Rudolf May mit einem Augenzwinkern. Ob das am Muschelkalk liegt oder an der Stilistik – egal. Der Wein ist schlicht groß.
Und er deutet an, was sich beim Besuch ebenfalls zeigt: Rudolf May kann viel mehr als nur Silvaner. Und genau hier wurde es dann richtig spannend.
Burgunder, die überraschen

Der 2021 Weißburgunder Retzstadt: spontan vergoren, ungekühlt, direkt gepresst. Ein präziser, klarer Wein, vom Winzer selbst trocken mit „trinkbar“ kommentiert. Wenn das „trinkbar“ ist, möchte man gar nicht wissen, was bei May als groß gilt.
Der 2014 Weißburgunder Retzstadt zeigt beeindruckend, wohin die Reise gehen kann – gereift, komplex, einfach richtig gut. Und dann sagt May: „Weißburgunder ist nicht unser Schwerpunkt.“
Ähnliches beim Chardonnay: Der 2023 Chardonnay Retzbach Alte Reben(Pflanzjahr 1968) reifte in kleinen Tonneaux aus französischer Eiche – und spielt qualitativ ganz oben mit.
Auch die Spätburgunder überzeugen auf ganzer Linie:
- 2020 Benediktusberg – zwei Jahre Barrique, kühl, elegant, mit viel Trinkfluss
- 2013 Benediktusberg – gereift, würzig, mit schöner Tiefe
Burgunder sind in Deutschland im Kommen – das hatten wir hier schon mal.
Silvaner bleibt aber Nummer eins
Sind die Burgunder bei Rudolf May die Zukunft? Der Winzer lächelt und sagt: „Schwerpunkt bleibt Silvaner.“ Gut so. Denn die gehören zum Besten, was Franken – und eigentlich ganz Deutschland – zu bieten hat. Aber: Wer hier nur auf Silvaner schaut, verpasst etwas.
Werde auf jeden Fall wiederkommen – schon allein, um zu sehen, wohin die Reise bei den Burgundern geht.
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