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Weingut-Besuch: Ilmbacher Hof

Das war schon lange fällig: Besuch im Ilmbacher Hof im fränkischen Iphofen. Die Weine von Thomas Fröhlich sind mir vor drei Jahren eher zufällig aufgefallen und haben auch den „Charaktertest“ daheim, heißt ohne Urlaubsfeeling, bravourös bestanden. Schließlich will ich endlich wissen, wieso sich ein Winzer mitten im Kernland des Silvaners auch einer anderen, vermeintlich unspektakulären Rebsorte mit Hingabe widmet: Müller-Thurgau. 

Große Geschichte

Thomas Fröhlich empfängt bestens gelaunt im Ilmbacher Hof. Das Weinguts liegt direkt an der historischen Stadtmauer des idyllischen Städtchens Iphofen. Kurz nach Aufhebung der ärgsten Pandemie-Beschränkungen kann die Besenwirtschaft im Hof wieder öffnen, Weinkauf vor Ort ist möglich, Veranstaltungen auch. Im Hof ist viel los, und das gefällt Thomas Fröhlich. Zunächst gibt’s eine kleine Geschichts-Lektion. Wieso Ilmbacher Hof? „Mönche des Kartäuser Klosters Ilmbach haben den Hof 1742 als Weinbetrieb gegründet. 1803, im Zuge der Säkularisation, hat mein Ur-Ur-Ur-Großvater das Anwesen für 12.000 Goldmark gekauft. Unsere Familie bewirtschaftet das Gut nun also in sechster Generation“, erzählt Fröhlich stolz.  

Winzer auf Umwegen

Solche Tradition hat nicht jedes Weingut vorzuweisen – eine Biografie wie Thomas Fröhlich auch nicht jeder Winzer. Der wollte mit Wein eigentlich nichts zu tun haben. Kein Gedanke an die Übernahme des elterlichen Betriebes. „Ich habe alles gemacht, um nicht Winzer zu werden“, sagt er. Die Kurzfassung: Bankkaufmann-Lehre,  Job bei der Sparkasse, BWL-Studium, Job in Führungsposition bei einem Autoverleiher in Hamburg. Dann, mit 30, doch noch Winzerausbildung. Seit 2012 führt er den Ilmbacher Hof, klassischer Familienbetrieb. Bewirtschaftet werden 5,7 Hektar Rebfläche, 50 Prozent Silvaner. Alle Lagen im direkten Umfeld. „Ich bin in fünf Minuten in allen meiner Wengert.“  
Dass ein Umweg zur Winzerei nicht schadet, ist keine neue Erkenntnis. Bei Thomas Fröhlich trägt das BWL-Studium sichtbar Früchte. Nach der Betriebsübernahme eröffnete er 2015 im Hof die Besenwirtschaft. Im Mai 2019 war die Kartäuser Scheune fertig saniert. Dort wurde gar eine  Fußbodenheizung eingebaut, damit Veranstaltungen das ganze Jahr über möglich sind. Ambitioniert auch die Wein-Projekte: Mit zwei befreundeten Winzern kreierte er Stollenwein und Amphorenwein, dazu gleich mehr. Thomas Fröhlich sprudelt vor Ideen. Da kommt noch mehr, ganz sicher. 

Passion Müller-Thurgau 

Wie aber ist es zur Liebe zum Müller-Thurgau gekommen? Thomas Fröhlich erzählt. „Ich bin eingestiegen und war zunächst mit dem Wein vom Vater beschäftigt. Ich habe probiert, geschaut, was schmeckt, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich der Müller herauskristallisiert, da hatten wir einiges an Fläche. Den gab’s in der Literlasche, wie tausend Mal in Franken, ein bisschen langweilig. Die Sorte hat leider noch immer ein angestaubtes Image.  2012 habe ich meinen ersten Jahrgang verantwortet und Glück gehabt, 12 war ja ein Bilderbuch-Jahrgang. 2013 hatten wir ein großes Jubiläum im fränkischen Weinbau: 100 Jahre Müller-Thurgau in Franken. Ich habe zum Vater gesagt, lass mich mal was ausprobieren, die Rebsorte liegt mir. Lass uns einen Wein kühl vergären, bei 14 bis 15 Grad. Und weil Geburtstag war, haben wir den Müller-Thurgau Edition 100 genannt. Ich wusste nicht, wie das ankommt.“ Die moderne Interpretation des Klassikers kam an. Seine „Müller“ wurden seither  mehrfach mit dem Müller-Thurgau-Preis belobigt. Zuletzt drei mal in Folge war Fröhlich „Müller-Thurgau-Winzer des Jahres“.

Großes Gewächs?

Aktuell ist Müller-Thurgau Edition 108 (kleine Rechenhilfe: achtes Jahr nach dem Jubiläum) abgefüllt. Ein feiner, frischer Wein, schöne Frucht-Säure-Balance, auch das Terroir (Gipskeuper) kommt zur Geltung. Schöner Tropfen. Dann gibt’s noch den 2020er Müller-Thurgau Alte Reben, was etwas abenteuerlich klingt.  „Es handelt sich um ein Drittel Hektar Rebfläche, 1976 gepflanzt. Gehörte einer Dame aus Augsburg, die konnte es nicht mehr bewirtschaften.“ Fröhlich stand vor der Frage: Rausreißen oder? Er entschied sich fürs oder, und so gibt es mit 45 Jahre alten Müller-Reben eine echte Rarität. Klar schmeckt der Wein, er ist intensiv, hat Substanz, Geschmack, Reife, ein Füllhorn an Aromen. Fröhlich: „Für mich ist das ein großes Gewächs von Müller-Thurgau, auch wenn es das offiziell nicht gibt.“ Eine Blindprobe wäre spannend – wer tippt auf Müller-Thurgau? 

 

Klassiker Silvaner

Natürlich pflegt auch Fröhlich auch den Silvaner, die fränkische Leitrebe. Der 2019er Echter Silvaner vom Julius Echter Berg erfüllt alle Erwartungen. Viel Würze, feine Struktur, ein Weinführer schreibt von einem „Extraktionsmonster“. Aber da gibt es noch den Silvaner Stollenwein 2018, ein Produkt der 2017 gegründeten „Keuper-Connection“. Fröhlich und zwei befreundete Winzer lassen den Silvaner in 500 Liter-Tonneaus im Gipsstollen des lokalen Giganten Knauf (200 km Wegenetz,  das größte Bergwerk Bayerns) 60 Meter unter der Erde reifen.  Dort herrschen  konstant 14 Grad und 80% Luftfeuchte. Ein klasse Wein, markante Mineralität, eine Spur  Salzigkeit, viel Charisma. Es braucht wenig Fantasie, um im Geschmack tatsächlich Kalk-Aromen auszumachen. Hochspannende Geschichte. Fröhlich verrät: „Der erste Stollenwein war 240 Tage unter der Erde, der zweite 329 und aktuell läuft das Projekt 1000 Tage.“  Ablauf ist am 6. September 2021, es geht also um den 2018er Jahrgang. Bin schon gespannt. Wie lange soll noch Wein im Stollen reifen? „So lange wir dürfen.“

Projekt Amphorenwein

Der Stollenwein ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nächste Stufe: Amphorenwein. Wir reden weiter über den 2018er Silvaner. Die Amphore kommt aus Georgien, korrekt heißt sie Qvervi, fasst 900 Liter. In der im Boden vergrabenen Qvervi sind die Trauben spontan vergoren und 10 Monate gereift. „Unfiltriert, umgeschwefelt, aus der Amphore direkt auf die Flasche gezogen. Ein Ur-Wein, irgendwie archaisch“, findet Thomas Fröhlich. Das trifft es wohl. Ja, ich bin ein Freund von (gelungenen!!) Orange- oder eben Amphoren-Weinen und dieser gefällt mir. Schon die goldene Farbe ist der Hammer. Geranien kommen beim Riechen und Schmecken in den Sinn, gebratene Ananas oder Geräuchertes. Silvaner? Vielleicht im zehnten Eindruck. Ein Schatz, nicht nur vom Fachmagazin Vinum zu einem der besten Orange-Weine Deutschlands gekürt. Kann in einer Amphore nicht auch viel schiefgehen? Schöner Satz von Thomas Fröhlich: „Am Abgrund ist die Aussicht am schönsten.“  

Und dann noch Scheurebe…

Gönne mir in der Besenwirtschaft zum Abschluss noch eine trockene Scheurebe vom Kronsberg. Theoretisch hatte die nach dem Amphoren-Silvaner keine Chance. Sie war trotzdem ein Genuss. Scheurebe – ewige Skepsis. Aber das ist schon die dritte in kurzer Zeit, die mir gefällt. Verdient intensivere Beobachtung!

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