Winterzeit ist Rotweinzeit – das ist wohl nicht nur bei mir so. Auch wenn mein Herz normalerweise eher für feingliedrige, elegante Pinot Noirs schlägt, hat mich eine Verkostung ausgesprochen kraftvoller Rotweine neugierig gemacht. Sechs sogenannte Power-Rotweine standen auf dem Tisch, aus drei sehr unterschiedlichen Regionen: Kalifornien, Südafrika und dem (noch immer) Geheimtipp Priorat in Katalonien.
Das Fazit schon vorweg: Das war geballte Rotwein-Power. Wir probierten zu sechst – und am Ende hatte tatsächlich jeder einen anderen Favoriten.
Kalifornien – Zinfandel mit Muskeln

2021 Zinfandel Beyer Ranch – Wente Vineyards
Schon in der Nase sehr vielschichtig: Wald, Tanne, Erde, feuchtes Moos, dazu würzige Noten von Knoblauch und Bärlauch. Am Gaumen rund, weich und ausgewogen, mit einer spürbaren, aber gut integrierten Süße.
Der Wein vereint vieles, was Zinfandel-Fans lieben: konzentrierte Brombeeraromen, ergänzt durch Gewürze, vielleicht auch Hagebutte und eine bemerkenswert cremige Holznote.
2021 Zinfandel – Francis Ford Coppola Winery
Kräftiger und würziger als der von Wente, mit deutlich spürbarem Alkohol. Ein Wein, der klar nach Essen verlangt – und dabei wohl besonders gut zu Wildgerichten passen dürfte.
In der Nase und am Gaumen zeigen sich reife Frucht, sanfte Konfitüre, Pfeffer, cremige Tiefe und Kraft. Die Tannine sind weich, die Würze präsent, aber nicht überbordend. Der Ausbau im Holz verleiht dem Wein zusätzliche Struktur und Tiefe.
Südafrika – Shiraz zwischen Charme und Strenge

2021 Shiraz „The Pepper Tree“ – Bon Courage, Robertson
Hier ringen Gefälligkeit und Strenge sichtbar miteinander. Typisch Neue Welt zeigt dieser Shiraz intensive Frucht, weißen Pfeffer und dezente Vanillenoten aus dem Holz. Die 16 Monate Reife in zweit- und drittbelegten amerikanischen und französischen Eichenfässern sorgen für Struktur und Komplexität. Der Abgang ist eher kurz, hinterlässt aber Eindruck – ein Wein mit Charakter und Ecken, der polarisiert.
2018 Siren Syrah – Dornier, Stellenbosch
Großartige Nase: schwarze, dunkle Beeren, schwarze Johannisbeeren, dazu fleischige Noten, fast etwas wie Blutwurst – intensiv und sehr ansprechend.
Am Gaumen noch spürbare Tannine, aber bereits gut eingebunden. Die Frucht ist saftig, die Würze fein dosiert, begleitet von floralen Anklängen wie Veilchen und Lilien. Der 15-monatige Ausbau in französischer Eiche verleiht dem Wein samtige Weichheit.
Priorat – Schiefer, Frische und Eleganz

2024 Minairó – Gil Family Estate
Eine Cuvée aus 40% Garnacha, 40% Cariñena sowie Syrah und Merlot. Die Reben sind 20 bis 30 Jahre alt, der junge Jahrgang 2024 wurde im Stahltank ausgebaut.
Ein ganz anderer Stil als die vorherigen: kühl, frisch und mineralisch. In der Nase Kokos, Kiefernwald, Eukalyptus, Tanne, dazu Minze und Rosmarin. Sehr präzise und von markanter Säure getragen. Am Gaumen rote Frucht, feine Würze, kühle Frische und eine klare Mineralität – ein eleganter Ausdruck der Schieferböden des Priorat.
2023 Clar del Bosc – Gil Family Estate
Die Cuvée besteht aus Garnacha (50%), Cariñena (45%), etwas Syrah und einem Hauch Cabernet Sauvignon. Die Reben sind beeindruckende 50 bis 100 Jahre alt. Ausbau: 12 Monate in 500-Liter-Fässern aus französischer Eiche.
Deutlich fruchtbetonter als der Minairó, dabei ebenso tiefgründig. Die Nase erinnert an Gewürze, Wald, Eukalyptus – fast wie ein altes spanisches Dorf mit feuchten Steinwänden. Dicht und strukturiert, mit samtigen Tanninen, ausgewogener Säure und intensiver Frucht. Wir entdecken Brombeeren, Pflaumen, Schokolade, Kräuter und die typische Schiefermineralik. Schöner langer, eleganter Abgang.
Fazit
Sechs Weine, drei Regionen, unzählige Eindrücke – und kein eindeutiger Sieger. Genau das macht solche Verkostungen spannend. Von kalifornischer Opulenz über südafrikanische Würze bis zur kühlen, mineralischen Eleganz des Priorat: Rotwein-Power kann viele Gesichter haben.
Und manchmal lohnt es sich eben doch, den Pinot Noir kurz beiseite zu stellen.
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