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Weingut-Besuch: Ilmbacher Hof

Das war schon lange fällig: Besuch im Ilmbacher Hof im fränkischen Iphofen. Die Weine von Thomas Fröhlich sind mir vor drei Jahren eher zufällig aufgefallen und haben auch den „Charaktertest“ daheim, heißt ohne Urlaubsfeeling, bravourös bestanden. Schließlich will ich endlich wissen, wieso sich ein Winzer mitten im Kernland des Silvaners auch einer anderen, vermeintlich unspektakulären Rebsorte mit Hingabe widmet: Müller-Thurgau. 

Große Geschichte

Thomas Fröhlich empfängt bestens gelaunt im Ilmbacher Hof. Das Weinguts liegt direkt an der historischen Stadtmauer des idyllischen Städtchens Iphofen. Kurz nach Aufhebung der ärgsten Pandemie-Beschränkungen kann die Besenwirtschaft im Hof wieder öffnen, Weinkauf vor Ort ist möglich, Veranstaltungen auch. Im Hof ist viel los, und das gefällt Thomas Fröhlich. Zunächst gibt’s eine kleine Geschichts-Lektion. Wieso Ilmbacher Hof? „Mönche des Kartäuser Klosters Ilmbach haben den Hof 1742 als Weinbetrieb gegründet. 1803, im Zuge der Säkularisation, hat mein Ur-Ur-Ur-Großvater das Anwesen für 12.000 Goldmark gekauft. Unsere Familie bewirtschaftet das Gut nun also in sechster Generation“, erzählt Fröhlich stolz.  

Winzer auf Umwegen

Solche Tradition hat nicht jedes Weingut vorzuweisen – eine Biografie wie Thomas Fröhlich auch nicht jeder Winzer. Der wollte mit Wein eigentlich nichts zu tun haben. Kein Gedanke an die Übernahme des elterlichen Betriebes. „Ich habe alles gemacht, um nicht Winzer zu werden“, sagt er. Die Kurzfassung: Bankkaufmann-Lehre,  Job bei der Sparkasse, BWL-Studium, Job in Führungsposition bei einem Autoverleiher in Hamburg. Dann, mit 30, doch noch Winzerausbildung. Seit 2012 führt er den Ilmbacher Hof, klassischer Familienbetrieb. Bewirtschaftet werden 5,7 Hektar Rebfläche, 50 Prozent Silvaner. Alle Lagen im direkten Umfeld. „Ich bin in fünf Minuten in allen meiner Wengert.“  
Dass ein Umweg zur Winzerei nicht schadet, ist keine neue Erkenntnis. Bei Thomas Fröhlich trägt das BWL-Studium sichtbar Früchte. Nach der Betriebsübernahme eröffnete er 2015 im Hof die Besenwirtschaft. Im Mai 2019 war die Kartäuser Scheune fertig saniert. Dort wurde gar eine  Fußbodenheizung eingebaut, damit Veranstaltungen das ganze Jahr über möglich sind. Ambitioniert auch die Wein-Projekte: Mit zwei befreundeten Winzern kreierte er Stollenwein und Amphorenwein, dazu gleich mehr. Thomas Fröhlich sprudelt vor Ideen. Da kommt noch mehr, ganz sicher. 

Passion Müller-Thurgau 

Wie aber ist es zur Liebe zum Müller-Thurgau gekommen? Thomas Fröhlich erzählt. „Ich bin eingestiegen und war zunächst mit dem Wein vom Vater beschäftigt. Ich habe probiert, geschaut, was schmeckt, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich der Müller herauskristallisiert, da hatten wir einiges an Fläche. Den gab’s in der Literlasche, wie tausend Mal in Franken, ein bisschen langweilig. Die Sorte hat leider noch immer ein angestaubtes Image.  2012 habe ich meinen ersten Jahrgang verantwortet und Glück gehabt, 12 war ja ein Bilderbuch-Jahrgang. 2013 hatten wir ein großes Jubiläum im fränkischen Weinbau: 100 Jahre Müller-Thurgau in Franken. Ich habe zum Vater gesagt, lass mich mal was ausprobieren, die Rebsorte liegt mir. Lass uns einen Wein kühl vergären, bei 14 bis 15 Grad. Und weil Geburtstag war, haben wir den Müller-Thurgau Edition 100 genannt. Ich wusste nicht, wie das ankommt.“ Die moderne Interpretation des Klassikers kam an. Seine „Müller“ wurden seither  mehrfach mit dem Müller-Thurgau-Preis belobigt. Zuletzt drei mal in Folge war Fröhlich „Müller-Thurgau-Winzer des Jahres“.

Großes Gewächs?

Aktuell ist Müller-Thurgau Edition 108 (kleine Rechenhilfe: achtes Jahr nach dem Jubiläum) abgefüllt. Ein feiner, frischer Wein, schöne Frucht-Säure-Balance, auch das Terroir (Gipskeuper) kommt zur Geltung. Schöner Tropfen. Dann gibt’s noch den 2020er Müller-Thurgau Alte Reben, was etwas abenteuerlich klingt.  „Es handelt sich um ein Drittel Hektar Rebfläche, 1976 gepflanzt. Gehörte einer Dame aus Augsburg, die konnte es nicht mehr bewirtschaften.“ Fröhlich stand vor der Frage: Rausreißen oder? Er entschied sich fürs oder, und so gibt es mit 45 Jahre alten Müller-Reben eine echte Rarität. Klar schmeckt der Wein, er ist intensiv, hat Substanz, Geschmack, Reife, ein Füllhorn an Aromen. Fröhlich: „Für mich ist das ein großes Gewächs von Müller-Thurgau, auch wenn es das offiziell nicht gibt.“ Eine Blindprobe wäre spannend – wer tippt auf Müller-Thurgau? 

 

Klassiker Silvaner

Natürlich pflegt auch Fröhlich auch den Silvaner, die fränkische Leitrebe. Der 2019er Echter Silvaner vom Julius Echter Berg erfüllt alle Erwartungen. Viel Würze, feine Struktur, ein Weinführer schreibt von einem „Extraktionsmonster“. Aber da gibt es noch den Silvaner Stollenwein 2018, ein Produkt der 2017 gegründeten „Keuper-Connection“. Fröhlich und zwei befreundete Winzer lassen den Silvaner in 500 Liter-Tonneaus im Gipsstollen des lokalen Giganten Knauf (200 km Wegenetz,  das größte Bergwerk Bayerns) 60 Meter unter der Erde reifen.  Dort herrschen  konstant 14 Grad und 80% Luftfeuchte. Ein klasse Wein, markante Mineralität, eine Spur  Salzigkeit, viel Charisma. Es braucht wenig Fantasie, um im Geschmack tatsächlich Kalk-Aromen auszumachen. Hochspannende Geschichte. Fröhlich verrät: „Der erste Stollenwein war 240 Tage unter der Erde, der zweite 329 und aktuell läuft das Projekt 1000 Tage.“  Ablauf ist am 6. September 2021, es geht also um den 2018er Jahrgang. Bin schon gespannt. Wie lange soll noch Wein im Stollen reifen? „So lange wir dürfen.“

Projekt Amphorenwein

Der Stollenwein ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nächste Stufe: Amphorenwein. Wir reden weiter über den 2018er Silvaner. Die Amphore kommt aus Georgien, korrekt heißt sie Qvervi, fasst 900 Liter. In der im Boden vergrabenen Qvervi sind die Trauben spontan vergoren und 10 Monate gereift. „Unfiltriert, umgeschwefelt, aus der Amphore direkt auf die Flasche gezogen. Ein Ur-Wein, irgendwie archaisch“, findet Thomas Fröhlich. Das trifft es wohl. Ja, ich bin ein Freund von (gelungenen!!) Orange- oder eben Amphoren-Weinen und dieser gefällt mir. Schon die goldene Farbe ist der Hammer. Geranien kommen beim Riechen und Schmecken in den Sinn, gebratene Ananas oder Geräuchertes. Silvaner? Vielleicht im zehnten Eindruck. Ein Schatz, nicht nur vom Fachmagazin Vinum zu einem der besten Orange-Weine Deutschlands gekürt. Kann in einer Amphore nicht auch viel schiefgehen? Schöner Satz von Thomas Fröhlich: „Am Abgrund ist die Aussicht am schönsten.“  

Und dann noch Scheurebe…

Gönne mir in der Besenwirtschaft zum Abschluss noch eine trockene Scheurebe vom Kronsberg. Theoretisch hatte die nach dem Amphoren-Silvaner keine Chance. Sie war trotzdem ein Genuss. Scheurebe – ewige Skepsis. Aber das ist schon die dritte in kurzer Zeit, die mir gefällt. Verdient intensivere Beobachtung!

Update: Hilfe für Ahr-Winzer

Die Katastrophe an der Ahr (ich kann die Bilder noch immer nicht ertragen, deshalb oben ein Foto aus guten Tagen) und Hilfe für die Ahr-Winzer, ein kurzes Update: Es sieht schlimm aus, zugleich gibt es aber auch eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft für die Ahr-Winzer. Die erfreulich schnell gestartete Spendenaktion des Verbandes der Prädikatsweingüter (VdP) ist schon jetzt ein Erfolg. Übrigens ging VDP-Verbandschef Steffen Christmann (Weingut A. Christmann, Gimmeldingen) mit gutem Beispiel voran und spendierte 150 Flaschen seines Riesling Idig GG für ein Fluthilfe-Paket. Das enthielt jeweils drei Flaschen aus unterschiedlichen Jahrgängen zum Preis von 300 Euro. Die 50 Pakete waren nach wenigen Stunden ausverkauft. Die erlösten 15.000 Euro gehen direkt an die von der Katastrophe betroffenen Ahr-Winzer.
Es gibt viele weitere Initiativen, um den von der  Katastrophe betroffenen Winzern zu helfen. 

Erste Bilanz 

Winzer berichten, dass es im Ahrtal auch am Dienstag noch keinen Strom gab, auch Gas- und  Wasserversorgung sind zusammengebrochen. Viele Winzer haben Haus und Hof verloren. Auch sind Keller vernichtet, Geräte, Maschinen unbrauchbar. Die Ernte von zwei Jahren und mehr ist hinüber. Auf Facebook beschreibt die  ehemalige deutsche Weinkönigin Julia Bertram aus Dernau  die Situation des Familienbetriebs so: „Schwer verletzt“ sei aus der Familie niemand. Aber „sowohl das Flaschenlager als auch der Weinkeller sind komplett zerstört und alles ist weg oder kaputt. Auch die Häuser sind unbewohnbar und zum Teil nicht zu erreichen, da es die Brücken nicht gepackt haben“. Ersten Schätzungen zufolge haben die Ahr-Winzer Rotwein im Wert von 50 Millionen Euro verloren.

Helfer gesucht

So schlimm es für die Ahr-Winzer aussieht, so vielfältig ist die Hilfe aus allen Teilen Deutschlands. Viele Freiwillige, vor allem Jugendliche, haben sich zur Unterstützung gemeldet. Sie kommen aus allen Teilen des Landes. Weiter werden Weinbergshelfer und Helferinnen an der Ahr dringend gesucht. Nicht nur kurz­fris­tig, son­dern bis zur Lese im Herbst. Jede hel­fen­de Hand ist will­kom­men, heißt es in einem Aufruf. Wohn­con­tai­ner zur Unter­brin­gung seien auf dem Weg.
Wer mit­hel­fen kann, und sei es nur für ein paar Tage, kann sich per eMail bei Katha­ri­na Huber vom VDP melden, die die Koor­di­na­ti­on der Ein­sät­ze über­nom­men hat.
In der Mail bitte kon­kret mit angeben:
– den  Namen
– Anzahl der Per­so­nen
– Zeit­raum, an dem Hilfe möglich ist
– die Handy-Nummer zur Kon­takt­auf­nah­me

Von Winzern für Winzer

Vor allem helfen auch Winzer-Kollegen, die eine Hilfs­ak­ti­on gestar­tet haben: Kreiert wurde ein „SOLIDA(H)RITÄT Paket”. In dem Paket sind sechs Fla­schen, gespendet von Winzerinnen und Winzern aus allen mög­li­chen Anbau­ge­bie­ten, sogar aus Süd­ti­rol und Öster­reich. Das Überraschungspaket kann für 65 Euro online gekauft werden  Der Erlös des Über­ra­schungs­pa­ketes kommt den betrof­fe­nen Ahr-Winzern zugu­te. Bis Dienstagabend wurden bereits  5300 SolidAHRitätspakete mit insgesamt 31.200 Flaschen versendet, macht eine Spendensumme von rund 345.000 Euro. Stark! 

Fair’n Green  e.V.,

Der Fair’n Green e.V., wo auch meh­re­re Weinbaubetriebe an der Ahr Mitglieder sind, hat eine eigene Spendenaktion gestartet. „Teil­wei­se wur­den die Wein­gü­ter sehr stark beschä­digt und Wein­gü­ter, die über Genera­tio­nen hin­weg auf­ge­baut wur­den, ste­hen nun vor einem umfas­sen­den Wie­der­auf­bau. … Wir haben ein Spen­den­kon­to ein­ge­rich­tet und rufen alle Per­so­nen und Unter­neh­men in unse­rem Netz­werk dazu auf, sich mit einer Spen­de am Wie­der­auf­bau nach dem Hoch­was­ser zu betei­li­gen. Die gesam­mel­ten Gel­der wer­den für die betrof­fe­nen Wein­bau­be­trie­be an der Ahr ein­ge­setzt“, heißt es in einer Erklärung.
Das Spen­den­kon­to Fair and Green e.V.
IBAN: DE67 4306 0967 4076 8938 01
Stich­wort: Hil­fe für Flut­op­fer
BIC: GENODEM1GLS, GLS Bank, Bochum

Weitere Spenden-Konten

Der VDP.Adler hilft e.V
Rheingauer Volksbank
IBAN DE 21 5109 1500 0000 2045 28
BIC: GENODE51RGG
Betreff: Solidarität Ahr Weinbau

Der Verein „ Ahr – A wineregion needs H elp for R ebuilding e.V.“  
Empfänger: Ahr – A wineregion needs H elp for R ebuilding e.V.
IBAN: DE94 5775 1310 0000 3395 07
BIC: MALADE51AHR

@Foto: VDP by Peter Bender

Hilfe für Ahr-Winzer 

Das sind wahrhaft schockierende Nachrichten, die uns aktuell aus dem Ahrtal erreichen. Ich kann die Bilder gar nicht ertragen. Furchtbare Überschwemmungen, unvorstellbare Naturgewalten, eine Katastrophe! Betroffen sind auch die Ahr-Winzer. Von der Ahr-Winzern sind mir vor allem hervorragende Rotweine in Erinnerung. Auch denke ich noch gerne an die Begegnung mit Dörte Näkel vom Weingut Meyer-Näkel vor einigen Jahren.
Angesichts der aktuellen Katastrophe wird um Hilfe für die Ahr-Winzer gebeten. Und nicht alltäglich: Wer hilft, bekommt eine Belohnung (Foto!). Im Folgenden eine Mail des Verbandes der Prädikatsweingüter (VdP) unter der Überschrift „Für die Zukunft des Ahr-Weinbaus – ein Spendenaufruf“.

Bilder können fassungslos machen

Bilder können fassungslos machen. Besonders wenn es solche sind, wie wir sie in den Nachrichten sehen. Wir möchten unser tiefes Mitgefühl ausdrücken und sind in Gedanken bei allen Betroffenen des Unwetters in NRW und RLP, besonders im Ahrtal.
Das Hochwasser hat viele Weingüter an der Ahr hart getroffen und macht die gesamte Weinwelt betroffen. Nachdem erste Hilfsaktionen anlaufen, die von unglaublicher und beeindruckender Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland geprägt sind, lässt sich langsam auch ein langfristiges Maß der Auswirkungen auf den Weinbau an der Ahr abschätzen. Fässer wurden weggeschwemmt, Hallen und Häuser sind eingefallen, mehr als ein ganzer Jahrgang ist verloren – der kommende Jahrgang muss geschützt, Weinberge bearbeitet werden, oft ohne die nun fehlenden Geräte.

Wie können wir helfen?

Um die Verarbeitung des Geschehenen und den mit Investitionen verbundenen Wiederaufbau etwas sorgloser zu gestalten, haben wir uns entschieden diesen Spendenaufruf zu starten. Gemeinsam mit Ihnen möchten wir ein finanzielles Hilfspaket für den Weinbau an der Ahr schaffen, das allen Winzerinnen und Winzern in dieser schwierigen Zeit Hoffnung und Zuversicht verleiht. 
Der Spendenbeitrag ist frei wählbar und kann direkt an den Verein „Der Adler hilft e.V.“ überwiesen werden. Alle Spenden kommen dem Wiederaufbau der Weinbauregion Ahr zugute.

Spendenkonto: Der VDP.Adler hilft e.V.
Rheingauer Volksbank
IBAN: DE 21 5109 1500 0000 2045 28
BIC: GENODE51RGG
Betreff: Solidarität Ahr Weinbau

Bilder als Dankeschön

Bilder können aber gleichzeitig auch Erinnerungen schaffen und Hoffnung für die Zukunft sein. Deshalb verschicken wir die Weinlandschaft der Ahr als Dankeschön an Sie!
Man kann von Glück oder Schicksal sprechen – Vor knapp drei Wochen waren wir über zwei Tage lang in der Weinbauregion an der Ahr, um die einzigartige Region fotografisch einzufangen und die ansässigen Weingüter des VDP zu porträtieren. In dieser Zeit haben wir uns abgesehen von den herausragenden Rotweinen einmal mehr auch in die eindrucksvolle Naturlandschaft mit ihren Steilhängen und die herzlichen Persönlichkeiten des Ahrtals verliebt.
Sehr gerne möchten wir uns bei Ihnen mit der Zusendung eines hochwertigen Prints für Ihre Hilfe und Unterstützung bedanken.
Hier gibt es weitere Informationen zur Hilfsaktion. 

@Foto: VDP by Peter Bender

Hobby-Winzer ganz groß

War unlängst Gast bei einer so irren wie spektakulären Weinverkostung: 40 Weine aus aller Welt, von berühmten sowie gänzlich unbekannten Winzern standen an. Eine fantastische Entdeckungsreise.

100-Parker-Punkte-Wein

Ein 100-Parker-Punkte-Wein war auch dabei. Die Riesling Auslese Zeltinger Sonnenuhr 2017 von Markus Molitor war natürlich ein Höhepunkt, ein wirklich großartiger Wein. Doch das eigentliche Highlight bzw. die große Überraschung des Tastings waren Weine von Nebenerwerbs- oder Hobby-Winzern. Das waren wahrhafte Entdeckungen, denn diese Weine gibt’s in keinem Shop und werden – wegen der geringen Menge oder weil dank Stammkundschaft für den freien Verkauf nichts übrig ist – auch nie in einem landen. Sieben Weine, die mich besonders beeindruckt haben. Und jeder hat seine eigene Geschichte.

Die Weine von Hartmut Schreiter

Hartmut Schreiter aus Höhnstedt ist seit 2008 Hobby-Winzer mit 0,4 Rebfläche. Auf den Etiketten firmieren seine Weine unter der Abfüllung „WeinWerk“. Der 2020er Alter Albert ist eine nicht alltägliche Cuvée von Müller-Thurgau (80%) und Elbling (20%).  Ein weicher Wein, süffig und doch mit Ausdruck. Der Name? „Albert hieß der Großvater meiner Frau, der hatte Elbling-Stöcke“, erzählt der Winzer. Für einen reinen Elbling reicht die Menge nicht, die Vermählung mit dem Müller-Thurgau ist eine charmante Idee und einfach fein umgesetzt.

Ein dickes Ausrufezeichen verdient die 2020er Scheurebe . Auch hier nicht nach 08/15-Rezept, sondern mit einer Idee gemacht:  Ein Drittel (exakt 38%) wurde im frischem Holzfass ausgebaut. „Scheurebe ist unser Sauvignon“, sagt Schreiter. „Vorbild war Sauvignon Sanct Valentin von der Kellerei St. Michael-Eppan in Südtirol.“ Tatsächlich hat die Schreitersche Scheurebe eine überraschende Eleganz, eine wunderbare Cremigkeit, dazu einen Hauch Salzigkeit. Ein toller Wein, leider gibt’s nur 900 Liter davon.

Auf dem Level geht es weiter. Der Traminer 2020 ist eine Wucht, wir entdecken getrocknete gelbe Früchte, vornehmlich Aprikosen. Ein Klasse-Traminer, von dem gibt’s auch nur 200 Liter.  Finale mit der Silvanessenz von 2018, wo der Name schon alles verrät. Silvaner, 30 Gramm Restzucker, 14 Prozent Alkohol, das ist im Glas ein Darling mit Power. Für Hartmut Schreiter „ein Spaßwein“. Richtig, der macht Spaß.

Weinhaus Polomski

Neu im Gebiet – und auch wieder nicht. Sandra Polomski war 1998/99 Weinkönigin in Saale-Unstrut und ein Jahr später deutsche Weinprinzessin, hat jahrelang engagiert die Öffentlichkeitsarbeit des Weinbauverbandes geleitet und ist nach Heirat und Familie nun auch der Winzerei verfallen. Mit etwas mehr als einem halben Hektar Rebfläche in der Steillage Edelacker bewirtschaftet sie ein Filetstück. Und das überaus ambitioniert. Die Debüt-Weine sind tolle Charaktere. Wie der Weissherbst vom Blauen Zweigelt  („zweites Standjahr, nur zwei Trauben pro Stock, 106 Oechsle“) mit satten 13,% Alkohol, es gibt nur 390 Flaschen davon. Noch mehr Eindruck hat der 2020 Chardonnay Jungfernwein Auslese gemacht. Eine trockene Auslese („an jeder zweiten Rebe eine Traube“), ausgebaut im 50-Liter-Glasballon! Auch wenn die Rebsorte kaum erkennbar ist – ein famoser Wein, der in hippen Weinbars in Großstädten Karriere machen würde. Es gibt halt nur 50 Liter…

Siegmund & Klingbeil

Aus Naumburg kommt eine Missgunst. Der Name verwirrt schon, ist aber auch eine Botschaft: „Missgunst“ heißt der Wein vom Weinhaus Siegmund & Klingbeil. Die Erklärung steht zum Glück gleich mit auf dem Etikett: „Nicht zum Teilen geeignet“. Nicht teilen soll man das Produkt der beiden gebürtigen Berliner Sören Siegmund und Sebastian Klingbeil, die mit dem Anspruch „Experimentierfreude“ werben. Diesen Anspruch erfüllt die 2019er „Missgunst“ auf jeden Fall. Das ist eine Auslese-Cuvée aus Muscaris (80%) und Riesling (20%), ausgebaut in einer Ton-Amphore, nur etwas mehr als 1 Gramm Restzucker, 14 % Alkohol. Spannender Tropfen, eine Vielfalt an Aromen, Würze, Frucht, Schärfe, alles da. Ganz klar ein Wein für Freaks.

Wein-Gespräch: Sandro Bottega

Hatte unlängst das Vergnügen, in einer Zoom-Schalte Sandro Bottega kennenzulernen, dessen Prosecco in goldener Flasche viel Eindruck hinterlassen hat. Beste Gelegenheit für ein Interview mit dem Prosecco-Giganten, zu dessen Imperium auch vier Weingüter, eine Glasfabrik und ein Logistik-Center gehören. Sandro Bottega hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben, unter anderem unterstützt er die Slow-Food-Bewegung. 

Herr Bottega, Sie sind Prosecco-Spezialist: Wie sollte ein guter Prosecco schmecken?
Prosecco ist das Symbol des einfachen und eleganten Trinkens, das mit dem italienischen Lebensstil zusammenhängt. Das Wichtigste an einem guten Prosecco ist das Aussehen. Die Farbe muss strohgelb mit grünlichen Reflexen sein, brillant, mit einem satten, cremigen und stabilen Schaum und einer feinen Perlage. Dann das typische Bouquet, fruchtig (erinnert an goldene Äpfel, Birne, Pfirsich und Zitrusfrüchte) und blumig (Akazien, Maiglöckchen). Es erinnert auch an Wiesenblumen, Natur, weite Hügel;  Zucker, Säure, Mineralität, Perlage und Cremigkeit kombiniert zu einem ausgewogenen und harmonischen Geschmack; der Körper ist leicht und die Säure lebendig und dennoch ausgewogen. Am Gaumen ist er cremig und fein.

Leider gibt es auch viel Mittelmaß, vor allem bei Discountern. Wie erkennt man einen guten Prosecco im Regal?
Einige wichtige Regeln: Zu niedrige Preise sind gleichbedeutend mit schlechter Qualität. Verlassen Sie sich auf Doc und Docg (Dop). Wir wissen, woher die Trauben kommen, und die Produktion muss die vom Konsortium festgelegten Regeln einhalten. Und denken Sie auch daran, dass eine bekannte Marke ein Synonym für Qualität ist. Weil das bedeutet, dass der Wein das Ergebnis einer Lieferkette von einem einzigen Unternehmen ausgehend ist.

Sie sind in einer Weindynastie aufgewachsen. Hatten Sie eine andere Chance, als im Weinbau zu arbeiten?
Ich hatte schon immer die Leidenschaft für den Weinbau und seit meiner Jugend habe ich meinem Vater geholfen. Aber ja, als Junge hatte ich auch viele andere Träume und Möglichkeiten: Ich habe begonnen zu studieren, und mich hat die Idee gereizt, Pilot oder Musiker zu werden. Als mein Vater starb, änderte sich alles. Ich beschloss sofort, die Zügel dessen zu übernehmen, was er geschaffen hatte.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Wein?
Das war mit einem Prosecco Superiore, den mein Vater mit nach Hause nahm, ohne Etikett und sozusagen handgemacht. Aber meine Mutter fühlte sie sich damit wie eine Königin. Es war der beste Wein für sie und auch für mich. Ich war wahrscheinlich so 10 Jahre alt, und ein paar Tropfen Prosecco mit Wasser gemischt – da habe ich mich wie ein Erwachsener gefühlt.

Sie sind seit 1983 im Geschäft. Wie hat sich die Weinwelt seitdem verändert?
Das Unternehmen wurde 1977 von meinem Vater Aldo Bottega gegründet und ich war ab 1983, im Alter von 19 Jahren, nach seinem Tod vollständig im Geschäft involviert. Bis 1995 war unser Kerngeschäft Grappa, später ist der Wein zum Haupttreiber des Unternehmens geworden. Seitdem hat sich in der Welt des Weins viel verändert. Das Wachstum von Ländern mit einer neuen Weinkultur wie den USA, Australien, Chile, Argentinien, Neuseeland und Südafrika war mit offensichtlichen Auswirkungen auf den Markt, insbesondere in den angelsächsischen Ländern, von Bedeutung. In den letzten 15 Jahren ist die Nachfrage nach Schaumweinen sukzessive gestiegen. Der große Erfolg von Prosecco, der für seine Frische und Vielseitigkeit geschätzt wird, ist Teil dieses Trends.

Einige Winzer altern Weine mit musikalischer Begleitung, andere pflücken Trauben nach den Mondphasen. Ihr Markenzeichen sind farbenfrohe Flaschen, vor allem die goldene. Gibt es weitere Ideen?
Wir haben vor kurzem Bottega Stella auf den Markt gebracht, einen Brut-Sekt mit starker Persönlichkeit, der aus einer speziellen Cuveé stammt, aus Pinot Noir-, Chardonnay- und Glera-Trauben. Die große und eindrucksvolle Flasche stellt eine Konstellation auf ihrer Oberfläche dar. Der blaue Hintergrund hebt die Sterne hervor, die dank der LED-Glühbirne am Flaschenboden hell leuchten und die durch einen kleinen Schalters angeschaltet wird. Die Bottega Stella ist eine faszinierende Idee für exklusive Partys, informelle Veranstaltungen oder Abende mit Freunden.

Der Klimawandel ist derzeit ein großes Thema. Wie sind Ihre Betriebe betroffen und wie reagieren Sie?
Der Klimawandel bedroht alle Produzenten, auch im Prosecco-Gebiet. Es ist ein großes Problem. Denn wenn es heiß ist, ist es zu heiß, während es, wenn es regnet, zu viel regnet. Prosecco zeichnet sich durch niedrigen Alkohol- und hohen Säuregehalt aus. Aber hohe Temperaturen und frühere Reife erzeugen den gegenteiligen Effekt. In unseren Bottega Weinbergen kompensieren wir das innerhalb der festgelegten Regeln, um Säure und Aromen zu erhalten. Für den Hagel testen wir die Einführung von Anti-Hagel-Netzen. Wir kümmern uns auch um das Blattwerk, sodass es gleichzeitig Licht bekommt, aber vor übermäßiger Hitze geschützt ist. Schließlich forschen wir über Wurzelstöcke für unsere Reben, um sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit zu machen.

Welche Trends wird es in den nächsten 10, 20 Jahren geben?
Der globale Weinmarkt wird in den nächsten 10 Jahren voraussichtlich wachsen. Die zunehmende Vorliebe für Weine bei allen Altersgruppen auf der ganzen Welt anstelle von harten Spirituosen dürfte ein wichtiger Faktor sein, der zum Wachstum beiträgt. Laut Prognose werden vermehrt niedrig alkoholische Getränken nachgefragt. Der Wein hat eine breite Akzeptanz auf der ganzen Welt erreicht und das wird weiter zunehmen. Seine erschwingliche Preisgestaltung zusammen mit dem feinen Geschmack hat zu einer gewissen Popularität geführt. Der Online-Verkauf von Wein wird auch weiter entwickeln, sodass Wein für die Verbraucher unabhängig von ihrem Standort leicht zugänglich ist.

Derzeit hat die Corona-Pandemie eine Menge Schaden angerichtet. Wie hat Ihr Unternehmen die Krise erlebt?
 Der Online-Verkauf war eines der Hauptthemen während der Pandemie. Die Lieferung nach Hause war für viele Bars und Restaurants eine Rettung während des Lockdowns. Natürlich war und ist der Export von der Pandemie stärker betroffen. Covid-19 hat die Konsummöglichkeiten eingeschränkt und folglich zu einem deutlichen Umsatzrückgang in den wichtigsten Märkten geführt, außer da, wo wir im Off-Trade stärker sind. Wir haben vorgeschlagen und einigen Kunden, hauptsächlich Restaurants, geholfen, während des Lockdowns einen Lieferservice zu starten. Während der ersten Notlage haben wir als Botschaft der Hoffnung eine limitierte Auflage unserer Prosecco Gold Magnum Flasche mit Regenbogendekoration kreiert. Es wurde als Anerkennung an italienische Influencer aus der Welt des Weines und italienische VIPs geschickt. Einige von ihnen haben sich mit einer Instagram-Story bedankt. Ende 2020 haben wir das von mir geschriebene Buch „Die 100 Prosecco-Rezepte“ auf den Markt gebracht. Die Sammlung von Rezepten, vom Aperitif bis zum Dessert, wird von vielen faszinierenden Geschichten und Kuriositäten begleitet.

Wenn Sie abends nach Hause kommen, was öffnen Sie? Immer Prosecco?
Ich trinke nicht jeden Abend. Aber ja, wegen seiner Vielseitigkeit und Leichtigkeit ist Prosecco eine meiner ersten Wahlen, um das Abendessen zu begleiten. Dann liebe ich es aber auch, den richtigen Wein zum Essen zu finden, und da gibt es viele Möglichkeiten. Wenn wir von Rotweinen sprechen, muss ich sagen, dass ich persönlich gerne einen guten Chianti trinke, den ich wegen seiner Komplexität und seines reichen Aromas schätze.

Und was trinken Sie zu einem besonderen Anlass, Hochzeitstag oder Geburtstag zum Beispiel?
Eine gute Wahl ist sicherlich Bottega Gold, unser Prosecco DOC in goldener Lackierung. Der ist perfekt zum Feiern, weil er von innen genauso charmant ist wie von außen. Eine andere Möglichkeit ist Bottega Stardust, auch immer ein Prosecco DOC: Ein Produkt von unmittelbarer visueller Wirkung, da das dunkle Glas der traditionellen Flasche vollständig von einer Galaxie von Kristallen bedeckt ist. Der Effekt „Stardust“ lässt den Moment des Anstoßens besonders strahlen und macht den Moment so unvergesslich.

Haben Sie einen persönlichen Lieblingswein?
Jeder Wein könnte für ein bestimmtes Merkmal geliebt werden. Aber wenn ich einen wählen muss, würde ich sagen: Il Vino dei Poeti Ancestral Spumante. Ich liebe ihn, weil er diejenige ist, der am besten die Verbindung mit den alten Weinbautraditionen darstellt, die weit zurückreichen und über Generationen bis heute weitergegeben wurden. Ein Schaumwein, der mit dieser einzigartigen Technik hergestellt wird, die damals entwickelt wurde, als die Jahreszeiten die Produktentwicklung bestimmten, lange vor dem Beginn der modernen Technologie. Ein Wein, der sich durch fast keinen Restzucker und einen starken und authentischen Geschmack dank seiner bescheidenen Wurzel auszeichnet. Ein echtes Vermächtnis der ältesten Zeiten, das man an keinem anderen Ort der Welt finden kann.

Mit wem möchten Sie ein Glas Wein trinken?
Ich möchte ein Glas Wein mit Francis Ford Coppola trinken, um zunächst einmal den Erfolg des limitierten Weins zu würdigen, den wir in Partnerschaft mit den Oscars kreiert haben. Und dann mit ihm bei einem guten Glas Wein plaudern, über zukünftige Projekte, aber nicht nur: auch über Wein und Kino quatschen, ohne eine feste Zeit, zu der man aufhören muss.

Die letzte Frage stelle ich jedem Winzer: Gibt es einen perfekten Wein?
Nein, der perfekte Wein ist immer der Wein, der mit den Trauben der nächsten Ernte produziert wird. Aber ohne Spaß, ich möchte dazu sagen, dass Prosecco nicht der perfekte Wein sein mag, aber er stellt die beste Balance zwischen Geschmack, Frische, Vielseitigkeit, Qualität und Preis zumindest in der Welt des Schaumweins dar.

Sandro Bottega (r.) mit Francis Ford Coppola

@Fotos: Bottega SpA

Winzer und Corona

Wie sind die Winzer in der Region durch die Corona-Krise gekommen? Klar, die Pandemie hat auch den Weinbaubetrieben in Sachsen und an Saale-Unstrut zugesetzt, manchen mehr, manchen weniger.  Ein Stimmungsbild unter Winzern in Ostdeutschland. Ein Beitrag, der zuerst in der Wirtschaftsbeilage der Leipziger Volkszeitung erschienen ist.

Homeoffice kein Thema

Eines scheint erst mal klar: Einen direkten Einfluss auf die Arbeiten in den Betrieben hatte die Pandemie nicht, Kurzarbeit oder Homeoffice waren keine Themen. „Wir können ja nicht einfach die Bewirtschaftung der Weinberge einstellen. Da sind die Arbeiten mehr oder weniger normal weitergegangen“, sagt Klaus Böhme, Winzer in Kirchscheidungen an der Unstrut.  „Was sich verändert hat war natürlich die Vermarktung. Unsere Kunden in der Gastronomie mussten von heute auf morgen ihre Betriebe schließen, da hatten wir plötzlich keine Abnahme mehr. Das haben wir schon gemerkt.“

„Frost und Hagel waren schlimmer“

Auch André Gussek, der in Naumburg ein 9-Hektar-Weingut führt, hat das gemerkt. Winzer Gussek sieht sich „zwischen den Fronten“. Denn: „Die Einbußen in der Gastronomie haben uns schon getroffen, das ist ein wichtiger Vertriebsweg. Gleichzeit ist die Direktvermarktung aber angestiegen, das bedeutet bessere Margen. Und der Online-Handel hat deutlich zugenommen. Kurz gesagt, wir haben weniger Wein verkauft, aber das zu einem höheren Preis.“ Das Plus aus Direktvermarktung hätten die Einbußen aus dem Verlust des Gastronomie-Geschäfts in etwa ausgeglichen. Dann sagt André Gussek noch einen Satz, der von vielen Winzern zu hören ist: „Frost und Hagel waren schlimmer als Corona.“

„Alles ist einfach weggebrochen“

Das bestätigt auch Georg Prinz zur Lippe (Foto). Dennoch ist der Boss von Sachsens Aushängeschild Schloss Proschwitz in einer schwierigeren Lage als Gussek. Nicht nur, weil es mit Lippes 70 Hektar im Elbtal um andere Mengen an Wein geht. „40 Prozent unserer Weine gehen in die Gastronomie, weltweit, auf Kreuzfahrtschiffe und auf Flughäfen. Das alles ist einfach weggebrochen“, sagt Georg Prinz zur Lippe. Auch bei ihm hat der Umsatz im Direktverkauf zugelegt. „Aber von den 40 Prozent Verlust bleiben halt immer noch 25 Prozent, und das ist ein Millionenbetrag.“

Weihnachtsmärkte vermisst

Die Corona-Geschichte hat viele Facetten, es geht nicht nur um Gastronomie und Direktvermarktung. Das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth ist ein Hotspot für Veranstaltungen. 500, Hochzeiten, Tagungen, Firmen- und Familienfeiern, mussten wegen der Pandemie abgesagt werden. „Wir waren immer auf 23 Weihnachtsmärkten“, sagt Sonja Schilg. 2020 fand kein einziger statt. Die Geschäftsführerin der GmbH erzählt aber auch von der anderen Seite der Medaille. „Im Sommer ist der deutsche Binnentourismus stark angestiegen. So hatten wir vor dem zweiten Lockdown sogar ein Besucher- und Ertragswachstum!“  Bilanz des Corona-Jahres 2020: Minimaler Verlust, aber 190.000 Besucher, wie jedes Jahr.

Schloß Wackerbarth: In normalen Zeiten viel Betrieb, während der Pandemie oft Leere.

Überall dasselbe Lied: Abgesagte Veranstaltungen, keine Weinfeste, keine Weihnachtsmärkte, Verkostungen nur noch online.

 

„Plötzlich kam niemand mehr“

Oft sind auf dem ersten Blick Folgen von Corona-Verordnungen gar nicht absehbar. Andreas Clauß vom Thüringer Weingut Bad Sulza, wo knapp 50  Hektar Rebflächen bewirtschaftet werden, erzählt: „Wir hatten immer viel Laufkundschaft aus der nahen Toskana-Therme in Bad Sulza. Die musste während der Pandemie schließen. Plötzlich kam niemand mehr zu uns. Dann hatten wir einen neuen Trend: Es sind zwar weniger Kunden gekommen, aber die gekommen sind, haben viel mehr Wein eingekauft.“ Auch Andreas Clauß sagt: „Der Spätfrost hat mehr weh getan als die Pandemie.“

Online-Geschäft hilft

Wolfram Proppe ist in seiner Bewertung der Corona-Krise zwiegespalten. „Die Ausfälle in der Gastronomie haben auch wir gespürt, aber viele unserer Kunden haben uns online die Treue gehalten“, sagt der Winzer aus dem Löberschütz in Thüringen. Die Ausfälle im Veranstaltungsbereich haben ihn nicht getroffen – an Veranstaltungen wie Hoffeste oder Weihnachtsmärkte ist der junge Winzer gar nicht beteiligt. Kein Wunder das Proppe sagt: „Andere Betriebe hat es mit Corona schlimmer getroffen. Für mich waren die Spätfröste während der Eisheiligen 2020 ein viel größeres Problem.“
Klingt unterm Strich so, als sei den Winzern, was Corona betrifft, das Schlimmste erspart geblieben. Klaus Böhme: „So sieht es aus.“

@Fotos: Nora Börding

Winzerbesuch: André Gussek  

Beim Besuch bei Winzer André Gussek in Naumburg im letzten Herbst waren die 2020er Weine noch nicht in der Flasche. Dafür gab es eine hochinteressante Lektion in Sachen Grauburgunder. Nun sind viele Weine des durchaus schwierigen Jahrgangs 2020 abgefüllt, dazu spannende Rote von 2019. Grund genug, für einen neuerlichen Winzerbesuch bei André Gussek in Naumburg. 

Barrique-Spezialist

Der Winzer, einst Kellermeister des Landesweinguts und seit 1993 mit eigenem Betrieb (seit 2001 im Haupterwerb), bewirtschaftet 9 Hektar. Ein Teil der Reben wächst direkt hinter dem Gutsgebäude mitten in Naumburg. Prunkstück ist jedoch der Kaatschener Dachsberg, bekannteste Steillage in Thüringen. Gussek steht für Terroir-geprägte Weißweine, viel Ehrgeiz gilt dem Riesling. Auch gilt er als Spezialist für Barrique-Weine. Unbestritten gehören seine Rotweine zu den besten des Gebiets, ja ganz Ostdeutschlands. Noch erwähnenswert: André Gussek gehört neben anderen Winzern der Region zu den Mitbegründern des Projekts „Breitengrad 51“.

Schwieriges 2020

Warum das Jahr 2020 schwierig war? „Frostschäden, Minusgrade im Mai, massive Verluste“, erzählt  André Gussek. Die Konsequenzen: „Der Keller ist so gut wie leer. Kein Blanc de Noir, obwohl den jetzt jeder haben will. Und es gibt nur einen Rotwein, und den als eine Cuvée.“ Wenigstens hat es die weißen Sorten nicht so arg getroffen, und da bewegen sich die 2020er von Gussek auf gewohnt hohem Niveau. Und bei den Roten war ja der 2019er dran, da gibt es ein dickes Ausrufezeichen. 

Müller-Thurgau & mehr

Start mit dem Müller-Thurgau Muschelkalk. Schöne Frische, Duft nach Flieder, feines Tröpfchen. Gussek nennt den Müller-Thurgau „Brot- und Butter-Wein“. Tiefstapelei? Im Hitze- und Trockenjahr hatte der „Müller“ 96 Oechsle, „das gab’s noch nie“. Ganz klar zu viel für einen Butterwein.
Der Silvaner Sonneck Alte Reben (tatsächlich über 90 Jahre alt!) erfüllt alle Erwartungen: er ist durchgegoren, erwachsen, reif, kräftig.
Von anderem Charakter ist der Weißburgunder Gutswein: frisch, kalkig, mineralisch, kräutrig, mit schönem Körper.   Den Weißburgunder Sonneck gibt’s als Fassprobe, die berechtigt zu hohen Erwartungen. „Zum erstem Mal bei Weißburgunder erfolgte die Reife auf der Feinhefe , wie beim Riesling“ , erklärte Gussek.  

Starke Rieslinge

Die Rieslinge gehören seit jeher zu Gusseks Aushängeschildern, bei den 2020ern ist es nicht anders. Der Riesling Gutswein trocken ist ein feiner Einsteiger mit schöner Aromatik und schöner Säure.  Den Riesling Naumburger Steinmeister gibt’s als Fassprobe, in die Flaschen kommt er erst im März 2022. Doch da reift etwas Großes. Schon jetzt wirkt der Wein dicht, fast fett, mit toller Aromatik. Wohin die Reise geht, verrät der Riesling Naumburger Steinmeister von 2019. Notiert: „straffes Gelb, tolle Säure, Power, gelbe Frucht.“
Begeistert hat mich der Riesling Dachsberg 2019. Abgefüllt im November 2020 hat er in bester Balance Power, Aromatik, Mineraltität, Frucht und Säure.  Klasse-Wein. 

Cabernet Cortis

Finale mit der roten Überraschung. die heißt Cabernet Cortis. Das ist eine Piwi-Sorte, Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Solaris. Wie er auf Cortis kam? „Ich habe ihn nach der Beschreibung der Sorte ausgesucht, erzählt Gussek. Viele Vorteile hätten ihn überzeugt, als da sind: lockerbeerige Reben, frühe Reife, kann lange hängen, gute Farbe, reife Tannine. „Eigentlich wollte ich ihn als Ergänzungspartner für Rotwein-Cuvees“ erzählt der Winzer. Herausgekommen ist ein Prachtstück von Rotwein – reinsortig.
Die erste Ausgabe ist der Cabernet Cortis Naumburger Steinmeister 2017/2018. Der hat eine schöne Dichte und Komplexität, schmeckt nach dunklen Beeren. Gelungenes Debüt, könnte man sagen. Doch mit dem Cabernet Cortis 2019 geht es noch eine Stufe höher. Der lag ein Jahr im Barrique, das gibt Muskeln. Er bringt die Vorzüge des Cabernet zum Vorschein, hat viel Frucht, wirkt cremig, Aromen nach Kaffee, Tabak und 74prozentiger Schokolade ( oder doch 80%?), überreife Pflaumen, über den Wein lässt sich lange philosophieren. Ein großer Wurf. 

Weingut-Besuch: Thüringer Weingut Bad Sulza 

Besuch im Thüringer Weingut Bad Sulza. Denn das ist auch so eine Corona-Folge: Keine oder sehr eingeschränkte Jungweinproben. Die traditionelle und stets sehr spannende gemeinsame Jungweinprobe der Winzer von Saale-Unstrut und Sachsen fand nun schon das zweite Jahr in Folge nicht statt. Also heißt es, hin zu den Winzern, um zu sehen, was der 2020er Jahrgang zu bieten hat. 2020 war geprägt von starken Frostschäden im Mai, der Trockenheit und geringen Erntemengen. Muss nicht unbedingt der Qualität schaden. 

Jüngste Station also das Thüringer Weingut Bad Sulza. Eine sichere Bank, weil seit Jahren die Weine durchweg gutes bis sehr gutes Niveau aufweisen. Chef Andreas Clauß war 1994 aus Esslingen in Baden-Württemberg nach Ostdeutschland gegangen und hat mit dem Thüringer Weingut Bad Sulza eines der führenden Weingüter im Osten Deutschlands aufgebaut. Diese spezielle West-Ost-Geschichte war auf dem Blog übrigens schon mal Thema.

Piwis im Kommen

Aktuell bewirtschaftet das Thüringer Weingut Bad Sulza 50 Hektar Rebfläche, 75 Prozent sind weiße Rebsorten, 25 Prozent rote. Das Sortenspektrum ist groß  – und erweitert sich noch: Clauß setzt verstärkt auf PiWi-Sorten, unlängst hat er Sauvignier Gris gepflanzt. Das ergänzt das durchaus erstaunliche PiWi-Portfolio, das aus  Sauvignac, Regent, Johanniter, Muscaris, Cabernet Blanc, Sauvitage, Cabaret Noir, Satin Noir und schon seit längerer Zeit aus Pinotin, Cabertin und Cabernet Jura besteht. Da ist in Zukunft einiges an spannenden und vielleicht auch ungewöhnlichen Weinen zu erwarten. Doch in der aktuellen Kollektion des 2020er Jahrgangs  dominieren bei den probierten Weißweinen noch die traditionellen Rebsorten.

Riesling & mehr

Start der 2020er mit dem Gutedel Gutswein.  Der zeigt sich gewohnt aromatisch, fast dicht,  klassischer Sommer- bzw. Terrassenwein.  Für den Silvaner vom Jenaer Greifenberg trifft das nur bedingt zu. Der hat eine schöne Säure und auch die klassische Aromatik, aber 13% Alkohol könnten manchem an einem heißen Sommertag zu viel sein. In dem Fall: auf den Abend warten.
Dagegen präsentiert sich der trockene Grauburgunder Gutswein mit seinen 12,5% Alkohol schön schlank, klar im Ausdruck. Er hat weniger als 3 Gramm Restzucker – passt perfekt.
Keine Einwände beim Riesling Gutswein – schnörkellos, unkompliziert, schlank (12,0%).
Der Riesling vom Jenaer Greifenberg ist eine Rarität. Wegen den Spätfrostes gab es in der Lage in Jena beim Riesling fast Totalschaden, die geerntete Traubenmenge von einem Hektar ergaben nur 600 Liter Wein. Der wurde  im 500 Liter Holzfass (gebraucht) ausgebaut, der leichte Holzton ist genauso charmant, wie die spitze Säure. Spannende Rarität.

Test mit Andreas Clauß vom Thüringer Weingut Bad Sulza

Die Burgunder

Der Weißburgunder Gutswein ist gepflegtes Understatement. Das ist ein richtig schöner Tropfen für jeden Tag, unkompliziert und doch mit Ausdruck.  Der Weißburgunder vom Jenaer Grafenberg präsentiert sich schon recht erwachsen, hat eine schöne Frucht, aber mir hat der Gutswein-Weißburgunder besser gefallen. Der Weißburgunder vom Sonnenberg ist noch von anderer Statur. Im 600 l Holzfass gereift, lag bis zur Füllung auf der Hefe. Merkt man irgendwie, auf angenehme Weise. Dazu schöne Aromen nach gelben Früchten,
Der Auxerrois scheint die neue Modesorte im Gebiet, war erst jüngst bei Wolfram Proppe überaus angetan. Andreas Clauß weiß auch, wie es geht: Zeitige Lese, geringer Ertrag, Ausbau in alten Barriques in sechster, siebter, achter Belegung. Heraus kommt ein sehr stoffliger Auxerrois mit viel Volumen und schöner Aromatik. Fein!

Mehr als Außenseiter

Die Zusammensetzung der Cuvée Fumé Sonnenberg klingt leicht abenteuerlich: Chardonnay und Muscat Ottonel treffen sich, originell und gewiss ungewöhnlich. Geschmacklich macht in der Cuvée der Muscat das Rennen.  Der Bacchus vom Jenaer Grafenberg hat die erwartete intensive Aromatik, saubererer Holunderton, ist noch leicht spritzig. Ist was für Bacchus-Liebhaber, der ich nicht bin.

Klassiker Traminer

Spannung beim Traminer, von dem es in den vergangenen Jahren schon hervorragende gab.  Auch der 2020er lässt kaum Wünsche offen: ein verführerischer zarter Rosenduft, Mandel-Aroma, schön schlank, eine Tänzerin auf der Zunge. Gelungen! Zum Finale den Traminer Eiswein von 2018, davon gibt es nur 200 Liter.  Bekam Großes DLG-Gold, und das völlig zu recht.

Argentinien: Viel mehr als Malbec!

Steile These von Phil Crozier: „Wein ist nur in zwei Ländern Nationalgetränk: Italien und Argentinien.“ Italien war irgendwie klar, aber Argentinien? Von dort sind mir bisher nur einige passable Malbec aufgefallen, kürzlich erst beim Malbec World Day gewürdigt. Aber sonst?
Da ist etwas zu überprüfen und da kommt ein Tasting argentinischer Weine mit Phil Crozier gerade recht. Der Brite ist Sommelier und Argentiniens „Brand Ambassador UK & Europe“. Der Mann kennt sich erstens very gut aus und hat zweitens eine Mission. Argentinien hat viel mehr zu bieten als „nur“ Malbec! So ist es, und die kleine Reise durch die argentinische Weinwelt in fünf Flights beweist das auf beeindruckend.  Langsam  beginne ich Freunde zu verstehen, die seit einer Reise nach Argentinien vor einigen Jahren nur noch argentinische Weine trinken. So weit wird es bei mir nicht kommen, aber verstärkt in den Fokus rückt das Land künftig allemal.  

Einige Fakten

Weinbau in Argentinien wird seit dem 16. Jahrhundert betrieben. Heißes Datum ist der 17. April 1853, da wurde die Weinbauschule Quinta Normal Agronómica de Mendoza nach französischem Vorbild gegründet. Domingo Faustino Sarmiento, später Präsident Argentiniens, hatte daran entscheidenden Anteil. Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts dominierte Massenware, der Wein war ausschließlich für den einheimischen Konsum bestimmt. Doch in den letzten Jahren gab es eine rasante Entwicklung in Sachen Qualität. Sie ist noch voll im Gang.
In 13 der 23 Provinzen Argentiniens wird Weinbau betrieben. Es gibt vier große Weinbau-Regionen: North 6000 ha (Salta, Catamarca, Tucumán, Jujuy), Cuyo 158.000 ha (La Rioja, San Juan, Mendoza), Patagonia 3900 ha  (Neuquén, Río Negro, La Pampa, Chubut) und Atlantic 148 ha (Buenos Aires). 58% der Produktion ist Rotwein, 18% Weißwein, 24% Rosé (pink). 75 Prozent des produzierten Weines wird in Argentinien getrunken. Auch dort gibt es die Tendenz wie in Europa – die jüngere Generation trinkt weniger Alkohol. Irgendwie scheinen die argentinischen Winzer Bodenhaftung behalten zu haben: Der teuerste argentinische Wein kostet 200 Dollar.

Criolla & Co.

Start mit dem Abito Moscatel de Alexandria 2019 (Barrancas, Maipú, Mendoza). Nicht mein Favorit, aber ein wichtiger Wein für den Export nach Nordamerika. Er ist süß, mit 38 Gramm Restzucker klassisch lieblich. Die Süße ist jedoch nicht aufdringlich, wird mit Säure abgefedert. „Swimmingpool-Wine“ nennt ihn Phil Crozier. Wir entdecken Holunder, Rosen, grünen Apfel. Könnte zur Vietnam-Küche gut passen.
Weiter mit dem Rocamadre Criolla 2019 (Paraje Altamira, San Carlos, Mendoza). Je 50 Prozent  Criolla Chica und Criolla Grande. Ein ziemlich dunkelroter Rosé von 80 Jahre alten Reben. Unfiltriert, sechs Monate in alten Holzfässern gereift. Kategorie „einfacher Wein“, leicht trinkbar. Netter Grillwein, erinnert an einen Beaujolais Noveau.
Jetzt wird’s interessant: Kaiken ‚Terroir Series‘ Torrontés (Cafayate, Salta). Torrontés gehört zu den  dominierenden weißen Sorten Argentiniens. Klassischer Sommerwein, in vielen Restaurants auf der Karte. Hat eine schöne Säure, passt super zu asiatischer Küche. „Die Rebsorte spaltet – entweder man mag sie oder man hasst sie“, sagt Phil. Ich mag sie. 

Chardonnay

Die Weltrebsorte darf auch in Südamerika nicht fehlen. Die beiden Weine zeigen Format. Die Reben des Zuccardi ‚Fosil‘ Chardonnay 2020 (San Pablo, Tunuyán, Mendoza) wachsen auf 1400 m Höhe. Der Wein gefällt mir mit seiner ausdruckstarken Säure sehr gut, er ist schön balanciert, ein toller Wein.  „Ruccola, nussige Nase, getoastet, Kürbiskern“, steht im Notizblock, Ein Exportschlager (v.a. USA, Kanada, China) und leider mit 50 bis 70 Dollar nicht ganz günstig.
Otronia ‚Blocks 3&6‘ Chardonnay 2018 (Sarmiento, Chubut, Patagonia) ist von anderem Charakter. Er kommt aus dem Herzen Patagoniens, der südlichsten Ecke, wo Wein kultiviert wird. Dort herrscht trockenes Klima und permanent weht Wind. 3&6 bedeutet Selektion der Blöcke 3 und 6 von Weinberg 22, was immer das auch konkret bedeuten mag. Er in Fudern aus französischer Eiche 18 bis 20 Monate gereift, damit fetter und wuchtiger als der  ‚Fosil‘, auch nicht ganz so balanciert. Auch hier eine markante Säure, dann noch Pfirsich, Birne, Stachelbeere, Kamille, Kräuter – Entdecker-Wein! 

Pinot Noir 

Auch diese klassische europäische Sorte macht in Argentinien Karriere! Keine Einwände beim Wapisa Pinot Noir 2018 (San Javier, Rio Negro, Patagonia). Die Reben stehen nahe am Atlantik, der gibt eine speziellen Touch. 8 Monate Reife in alten Holzfässern. Schöne helle Farbe, klassisch PN, funkelnd, nicht wuchtig, aber erstaunlich kräftig, rund und harmonisch. Notiert sind: Nelken, Cranberrys, lange in der Sonne gelegene Erdbeeren, seidige Textur.
Humberto Canale ‚Old Vineyard‘ Pinot Noir 2018 (General Roca, Alto Rio Negro, Patagonia). Humberto Canale gehört mit 500 ha Rebfläche zu den Großen im Land. Der ‚Old Vineyard‘ ist aber alles andere als Massenware.  Spannender PN, wir haben Kirsch- und Walnuss-Aromen entdeckt, Tabak und Vanille kommen wohl von der zehnmonatigen Reife im Barrique. Feine Beweise, dass Argentinien viel mehr zu bieten hat als Malbec! 

Cabernet Franc

Überraschung! Charakterstark, charismatisch, kraftvoll und doch harmonisch, dieses Niveau hatte ich den Cabernets nicht zugetraut. Der Desquiciado Cabernet Franc 2020 Gualtallary (Tupungato, Uco Valley, Mendoza) kommt von einem junger Winzer, das Weingut ist erst 10 Jahre alt. Im Spiel sind 90% Cabernet Franc, 5% Petit Verdot und 5% Malbec. Sehr saftig, stoffig, Frucht und Säure harmonieren gut. Sauerkirsche, Waldheidelbeere und Toffee sind die Stichworte. Feines Tröpfchen!
Gilt auch für Doña Paula ‚Altaluvia‘ Cabernet Franc 2018 Gualtallary (Tupungato, Uco Valley, Mendoza). Die Reben wachsen in 1600 m Höhe! 16 Monate in französischen Eichenholzfässern gereift, zweite und dritte Belegung. Konzentrierte Frucht, lange Präsenz im Gaumen, die 15% Alkohol stören nicht. Ein Klasse-Wein. „Aber schwerer zu verkaufen als Malbec“,  sagt Phil.
Warum nur? Liegt es am Image der Rebsorte?

Malbec

Die argentinische Paradesorte muss zum Abschluss sein. Im Glas zwei großartige Vertreter, die die unlängst getesteten locker in den Schatten stellen. Der Pyros Single Vineyard Block No.4 Malbec 2015 (Pedernal San Juan) kommt aus einer unwirtlichen Gegend: 1400 m Höhe, nur 150 mm Niederschlag in Jahr (und das im Winter als Schnee), arme Böden. Gar nicht arm ist der Wein, der erst 18 Monate in Eichenholzfässern und dann ein Jahr in der Flasche  gereift ist. Ein würdiger Malbec-Botschafter.
Gilt uneingeschränkt auch für den Fuego Blanco Malbec 2018 (Pedernal San Juan).  Der kommt aus ähnlicher Höhe, lag aber nur 8 Monate in französischer Eiche. Etwas charmanter als der erste, fruchtig, würzig, harmonisch, Lakritz in der Nase. Gerne wieder. 

Noch zwei Fragen an Phil

Was ist mit Cabernet Sauvignon? „Es gibt fantastische in Argentinien, aber gibt es in der Welt nicht so viele? „

Welche Rolle spielt der in Europa so populäre Malbec im eigenen Land? „Das hängt vom Preisniveau ab. Im niedrigen Preisniveau spielt Malbec kaum eine Rolle. Criolla Grande und Cereza sind die dominierenden roten Rebsorten, Pedro Giminez für Weiße. Die Rotweine sind in der Regel hell, wobei die Rebsorte den Preis in den Hintergrund rückt. Auch auf dem Markt gibt es reichlich Roséweine, die leicht und saftig sind und aus den Sorten Moscatel und Criolla Grande hergestellt werden. Auf einem höheren Preislevel kommen alle Rebsorten vor, aber Malbec dominiert zusammen mit Cuvées.“ 

Winzer-Besuch: Wolfram Proppe

Wolfram Proppe gehört zu den unterschätzten Winzern an Saale-Unstrut. Der (mittlerweile Ex-) Breitengrad-Winzer war mit einigen feinen Tropfen immer mal wieder aufgefallen, für mich flog er unter dem Radar. Mag auch daran liegen, dass sein Weingut bislang zwei eher versteckte Standorte hatte, niemals an den klassischen Routen um Naumburg und Freyburg. Nun scheint Wolfram Proppe im thüringischen Löberschütz eine endgültige Bleiben gefunden zu haben. Höchste Zeit für einen Besuch.

„Weit ab vom Schuss“

Wolfram Proppe, 1982 geboren, empfängt auf einem historischen Gutshof, dessen Sanierung schon weit fortgeschritten ist. Auf dem dortigen Hof produziert er die Weine erst seit wenigen Jahren. Vorher hatte er im elterlich Gut in Laabsdorf, östlich von Jena seine Weine gezaubert. Doch dort wurde es schnell zu eng. Dann das Angebot aus Löberschütz, doch auf dem Gelände gab es noch andere Mieter. 2019 hat er das Anwesen gekauft und nun das gesamt Areal zur Verfügung. Er lebt dort mit seiner Frau Wencke und den beiden Kindern, der Keller befindet sich auf dem Hof und auch einer kleiner Shop, der jedoch noch nicht durchgängig geöffnet ist. Dass Löberschütz „ziemlich weit ab von Schuss liegt“, wie er selbst sagt, störe ihn nicht. „Ich bin sogar froh darüber. Da brauche ich keine Sorge haben, dass man was verpasst.“

Wolfram Proppe auf dem Gut in Löberschütz

 

Alte und Neue Meister

Mit dem Umzug nach Löberschütz kehrt Wolfram Proppe quasi zu seinen Wurzeln zurück. 1982 ist er im nur zehn Kilometer entfernten Jena geboren, lernte Winzer, danach folgte ein Technikerstudium für Weinbau, Oenologie und Brennereitechnologie  in Weinsberg. Er arbeitete eine Zeit in Württemberg, kehrte dann zurück. 2007 gründete er sein Weingut, zunächst im Nebenerwerb und führt dieses seit 2014 hauptamtlich. Aktuell bewirtschaftet er rund 6 Hektar Rebfläche. Kernstück ist die Einzellage Golmsdorfer Gleisburg am Ausgang des Gleistals zum Saaletal hin. Neun Rebsorten sind im Anbau, darunter die Klassiker Weißburgunder, Müller-Thurgau, Bacchus, Riesling und Chardonnay, vor allem aber Auxerrois, von dem noch die Rede sein wird. Originell ist die Vermarktung der Piwi-Sorten Cabernet Blanc und Cabernet Jura als „Neue Meister“. Ganz traditionell dagegen ist Proppe bei einem anderen Thema: Alle Weine sind mit Kork verschlossen – bis auf die Neuen Meister. Die haben Schraubverschlüsse. Der Cabernet Blanc 2019 ist einer der Neuen Meister. Ich tue mich mit den Piwi-Sorten immer noch ein bisschen schwer, aber gegen diesen würzig-duftigen Cabernet (Paprika!) gibt es wenig zu sagen. In einer Blindprobe würde er als gelungener Sauvignon Blanc durchgehen.

Auxerrois von Format 

Wolfram Proppe hat sich den Ruf als Auxerrois-Spezialist erworben. Kein Wunder, macht die Sorte doch 50 Prozent seiner Anbaufläche aus. Der erst kürzlich in die Flasche gefüllte 2020er Auxerrois ist tatsächlich von großem Format. Er tritt deutlich in Erscheinung, ein Musketier mit Aromen von Zitrus, Pfirsich und Grapefruit. „Es gab zwei Lesetermine, einmal hatten wir 89 Oechsle, einmal 95. Der Wein lag lange auf der Hefe, dann kurz im Holz“ erklärt Proppe.
Auch der Kerner 2020 Gutswein zeigt ausgeprägte Aromatik, die mehr als 7 Gramm Säure sind spürbar. In eine andere Richtung bewegt sich eine andere Aromasorte, der 2020er Bacchus: extrem duftig und fruchtig bewegt er sich mit 11 Gramm Restzucker im halbtrockenen Millieu. Vielleicht nicht jedermanns Sache, „aber im Verkauf sehr gut gefragt“. 

Weine von Wolfram Proppe im Test

Spannende Klassiker

Interessant die Fassprobe des 2020er Rieslings, der erst in einigen Wochen abgefüllt wird. Es ist eine sehr seltene Cuvée aus Weißem und Rotem Riesling. Der Wein hat schon jetzt eine tolle Mineralik, verspricht viel. Ein Highlight ist der 2019er im Eichenholzfass gereifte Weißburgunder. „Der Wein ist normal vergoren, dann, von der Hefe getrennt, lag er von Mai 2020 bis Februar 2021 in älteren Fässern“ erzählt Proppe. Das Holz ist noch leicht spürbar, aber klasse eingebunden. Klar, der Weißburgunder muss sich noch eine Weile ausruhen – dann wird er ein Großer.
Der Chardonnay wird bei Proppe in verschiedenen Qualitätsstufen angeboten. Schon der normale gehört zur Gebietsspitze. Sein Breitengrad-Wein toppt aber fast alles. Mörder-Körper, im Barrique gereift, voll, fett, grün-gelbe Äpfel, Quitten, Birnen, da müssen sich einige warm anziehen.

Rosé vom Cabernet Jura

Bei den roten Sorten hat er aus seiner Startzeit, als er noch Kellermeister bei Andreas Clauß im Thüringer Weingut Bad Sulza war, und bestrebt, Sorten zu pflanzen, die sein damaliger Chef nicht hatte, auf den Cabernet Jura gesetzt. Neben einem sehr südländischen, fetten Rotwein macht er ein interessanten Rosé. Ganz viel Würze hebt ihn aus der Masse der leichten Kollegen heraus. Inzwischen ist Proppe bei den Breitengradlern wieder ausgetreten, in Freundschaft, aber die Differenzen war wohl doch zu groß.