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Gibt es risikofreien Wein-Konsum?

Schwieriges Thema. In der Zeitschrift The Lancet („die Lanzette“) – eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt – wurde eine Studie zu den gesundheitlichen Risiken des Alkoholkonsums veröffentlicht. Für uns Weintrinker natürlich ein Thema. Letztlich geht es um die Frage: Gibt es risikofreien Wein-Konsum? Ergebnis jener Studie ist, dass die gesundheitlichen Risiken die gesundheitlichen Vorteile eines moderaten Alkohol-Konsums überwiegen. Wer gerne ein Glas Wein trinkt und stets davon ausgegangen ist, dass einem das durchaus gut tut, ist jetzt irritiert.  Ich sammle seit Jahren  Ergebnisse von Studien und Untersuchungen zum Thema. Und bin von den eher positiven Wirkungen eines MODERATEN Wein-Konsums überzeugt. Nun das. 

Forderung nach Gesetzen

Die Studie im Lancet ist schwere Kost. Sie ist eine Zusammenfassung  aus 694 Datenquellen und 592 Studien in 195 Ländern zwischen 1990 und 2016. Alles hochwissenschaftlich natürlich. Unter anderem heißt es, dass im 2016 2,8 Millionen Todesfälle weltweit (4,85%) alkoholbedingt waren. Am Ende steht die Forderung, dass der Alkoholkonsum von den Gesetzgebern reguliert werden soll.
Da hört der Spaß auf. Bin der Meinung, Regulierungen richten mehr Schaden an als Nutzen. Michael Gorbatschow, der Ende der 80er Jahre versucht hat, im Sowjetreich den Alkoholkonsum zu regulieren und damit kläglich gescheitert ist, kann ein Lied davon singen.  Die Älteren werden sich an die Prohibition in den USA und einigen nordeuropäischen Ländern vor rund 100 Jahren (auf den Färöern bis 1992) erinnern. War auch kein Erfolg.

Stellungnahme zeigt Fehler auf

Die Studie hat auch die Deutsche Weinakademie (DWA), eine Interessenvertretung der deutschen  Weinwirtschaft, aufgeschreckt. Umgehend hat der Wissenschaftliche Beirat der DWA dazu eine Stellungnahme verfasst. Die ist nicht ganz so schwer verdaulich, zeigt unter anderem gravierende Schwächen und Fehler der Studie auf. So beruhen die angegebenen Trinkmengen auf Schätzungen, bleiben Trinkmuster unberücksichtigt und wird zwischen den alkoholischen Getränken nicht unterschieden. Auch länderspezifische Aspekte spielen keine Rolle. Die Stellungnahme soll natürlich erstmal beruhigen.

Stellungnahme Lancet

Eigenes Urteil

Wer es also ganz genau wissen will, sollte erst die Studie und dann die Stellungnahme lesen und sich sein eigenes Urteil bilden. Habe mich fast fast zwei Stunden lang mit den beiden Papieren beschäftigt und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass kein Handlungsbedarf besteht. Im Moment ist die Aussicht auf Genuss stärker als die Angst vor einem Risiko.
Beobachte das Thema natürlich weiter.

Tage des offenen Weins

Nette Aktion des Deutschen Weininstituts (DWI): Im September steigen in zehn deutschen Städten die „Tage des offenen Weins“  mit diversen zu Verkostungsevents. Es sind in diesem Jahr mehr als je zuvor. Alle Stationen zu schaffen dürfte freilich etwas schwierig werden, selbst in einer Stadt…

Zehn Städte

Fakt ist: Vom 8. bis 22. September 2018 gehen die „Tage des offenen Weins“ auf Deutschlandtour. An drei Wochenenden öffnen in zehn deutschen Großstädten Vinotheken und Weinbars ihre Türen und bieten die Chance, deutsche Weine neu zu entdecken. Ob Vinothek, der Weinladen um die Ecke oder ein Restaurant – an fast 300 Stationen sind Weinfreunde zu Tastings eingeladen. Die individuellen Kollektionen von drei verschiedenen Weinen können für fünf Euro verkostet werden.  Manch einer wird überrascht sein, was für eine Vielfalt neben bekannten Rebsorten da so wartet.
In diesem Jahr findet der Tag des offenen Weins in zehn Großstädten statt: Hamburg, Essen, Düsseldorf, München, Nürnberg und Leipzig sowie Berlin, Frankfurt, Köln und Münster.

Termine und Stationen im Überblick

8. September: Tag des offenen Weins in Hamburg, Essen und Düsseldorf
15. September: Tag des offenen Weins in München, Nürnberg und Leipzig
22. September: Tag des offenen Weins in Berlin, Frankfurt, Köln und Münster

Auf der Website weinentdecker-werden.de  des des Deutschen Weininstituts gibt es weitere NInformationen zu den Tagen des offenen Weins und rund um die deutschen Anbaugebiete, unterschiedlichen Rebsorten oder Kurztrips zum Thema Wein.

Foto: DWI

Schöne Mitbringsel: Sauvignon Blanc aus Neuseeland

Schön, wenn man Freunde hat. Noch schöner, wenn man Freunde hat, die nach Neuseeland fahren und Wein mitbringen. Sauvignon Blanc natürlich, DIE Rebsorte vom anderen Ende der Welt. Ich mag sie, die Sauvignon Blanc mit ihrer intensive Aromatik, der Exotik im Glas, die es so kaum anderswo auf der Welt gibt.  Und wenn jemand einwirft, Sauvignon Blanc aus Neuseeland riechen nach Katzenpisse – das sollte man in dem Fall nicht wörtlich nehmen. Es ist ein Kompliment.
Konnte mich vor einigen Jahren schon mal (weintechnisch) ein bisschen durch Neuseeland probieren – das war so spannend wie genussvoll. Entsprechen doch waren die Erwartungen. Das Fazit kurz und knapp: Die Mitbringsel aus Neuseeland haben nicht enttäuscht – alle typische Sauvignon Blanc – und doch verschieden.

Wir haben probiert…

Amisfield 2017, Central Otago – Schönes hellgrün, klassische Aromatik nach Stachelbeeren, Ananas, schöner Köper, viel  Substanz und schöne Struktur, Lehrbuch-Sauvignon Blanc und einstimmig (!) Tagessieger. (16,0 Punkte)

Nautilus 2016, Marlborough – schöne Harmonie, angenehme Exotik in den Aromen, Passionsfrucht, Grapefruit, Stachelbeeren zum Beispiel, rund und fertig und schön. Hat in einem Test schon mal überzeugt, gerne immer wieder.  (15,0 Punkte)

Schubert 2017, Wairarapa – grün, reif, nicht ganz so spritzig. Die Exotik etwas dezenter, dafür mehr Eleganz, fast Finesse, erinnert auch an einen Klasse Grauburgunder. Besitzer ist der Badener Kai Schubert,  vor über 25 Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist. Zum Glück für die Neuseeländer.  (15,0 Punkte)

Villa Maria 2017, Marlborough – knackig, weiße Johannisbeeren, Passionsfrucht!, jedoch etwas schlanker und nicht ganz so intensiv wie die anderen. Auch sehr schön trinkbar und in jedem Fall typisch, reichte an Amisfield und Nautilus nicht ganz heran. Vielleicht Liebe auf den zweiten Blick? Glücklich das Land, das solche Sauvignons hervorbringt. (14,5 Punkte) 

Cloudy Bay 2017, Marlborough – der vielleicht berühmteste Sauvignon Blanc aus Neuseeland –  eigentlich eine Legende – wurde in Deutschland gekauft, quasi zur Vergleichsprobe. Alle Mittrinker waren jedoch etwas ratlos, sich aber auch einig: Durchaus nett, aber nicht der Beste des Tages. (14,0 Punkte) 

* Die Punktzahlen sind meine persönliche Wertung im 20er Schema nach Johnson.

Foto: NZL-Wines, Montage: Patrick Moye

Reife Vinho Verde?

Weine für einen heißen Sommer – wie dieses Jahr – gibt es reichlich. Einer meiner Lieblinge an heißen Tagen ist Vinho Verde, nicht erst seit diesem Jahr. Vinho Verde kommt aus der  Minho-Region im Norden Portugals. Dort ist es tatsächlich grüner als im Rest des Landes.  Dazu deutlich feuchter, das verleiht dem Wein Frische.  30 Grad draußen, 9 Grad im Glas – funktioniert einfach wunderbar. Vinho Verde besteht aus verschiedenen lokalen Rebsorten, es gibt ihn als Weißwein, Rotwein und als Rosé. Am populärsten ist der Weiße. Für den werden hauptsächlich die Rebsorten Alvarinho, Loureiro, Arinto,  Avesso, Azal und Trajadura verwendet. Die Liste der angebauten Sorten ist viel länger.

Sind jetzt reife Vinho Verde angesagt?

Jahrelang galt der Grundsatz: Vinho Verde soll jung getrunken werden. Spritzig, fruchtig, oft leicht moussierend ist sein Markenzeichen. Nun sollen reifere Vinho Verdes den Markt erobern.
„Entgegen der vorherrschenden Vorurteile verfügen Rebsorten wie Alvarinho, Avesso, Loureiro und Arinto über ein ganz erstaunliches Alterungspotential und können durchaus zwischen zwei und fünf Jahren in der Flasche gelagert werden. Oftmals profitieren sie sogar von einer Lagerung von zehn oder mehr Jahren. Dieses Reifepotential eröffnet den Produzenten neue Marktsegmente“, heißt es in einer Mitteilung des Comissão de Viticultura da Região dos Vinhos Verdes (CVRVV).
Der Vinho Verde-Erzeuger Vasco Croft gibt in der Zeitschrift Harpers Wine & Spirit zu Protokoll: „Es gibt über 200 Rebsorten in Portugal und wir haben erst vor Kurzem wirklich begonnen, sie neu zu entdecken und die Vielfalt zu verstehen, die wir hier in der Region haben.“ 

Wir haben probiert …

Funktioniert reifer Vinho Verde? Wir haben in einer kleinen Runde sechs Vinho Verde probiert – junge und ältere.

Alvarinho Deu-la-Deu 2015.  Immerhin 13 Prozent Alkohol, Intensives gelb, sehr intensiv, gehaltvoll , blumig. Erinnert nicht an typischen Vinho Verde, eher an Chardonnay.
Quinta de Lourosa 2017. Ganz typisch Vinho Verde, sehr blass in der Farbe, spritzig, ideal bei der Hitze. Ungewöhnlich: auf dem Etikett  kein Hinweis auf Alkoholgehalt.
Via Latina Alvarinho 2016. Mittleres gelb, Aromen nach gelben Früchten, Aprikosen, Gurken. Spritzigkeit fehlt, wirkt leicht, aber etwas beliebig.
Parcela Unica Alvarinho 2015 von Anselmo Mendes. Interessanter Wein, wären wir aber auch nicht leicht auf Vinho Verde gekommen. Smarte Frucht, leichter Bitterton, einige Mittester hätten Chardonnay vermutet.
Curvos Loureiro 2017 von Quinta de Curvos.  Jetzt wieder ganz typisch Vinho Verde, leicht spritzig. Mandarine, Zitrone, Bonbon im Gaumen, schöne  Frische.
Curvos Superior 2014 von Quinta de Curvos. Eine Cuvée aus 75% Loureiro, 15% Trajadura und 10% Arinto. Farbe golden, eine gewisse Spritzigkeit plus Reife geben einen interessanten Mix,  die Nase ist schwierig. Interessante Erfahrung. 

Okay, aber…

Fazit: Die reiferen Vinho Verdes sind okay, haben mal mehr, mal weniger gefallen, da gingen die Meinungen auseinander. Nicht auseinander gingen die Meinungen bei den beiden 2017-ern, den jungen. Die waren bei allen sechs Verkostern vorn, der von Quinta de Lourosa war Tagessieger. Scheint so, als müssten die reiferen Vinho Verde ihr Profil noch finden. Die jungen haben es. 

Minho ohne Vinho Verde 

Was zum Thema reife Weine spannendes aus der Region Minho kommen kann zeigt ein Covela Reserva 2014 von er Quinta de Covela. Auf dem Etikett steht nicht Vinho Verde sondern nur Minho. Der Wein ist topfit, hat einen schönen Körper und viel Charisma. Das Holz ist noch ziemlich präsent, also noch etwas liegen lassen. 

Historisches Jahr: Weinlese hat schon begonnen

Konsequenz der anhaltenden Trockenheit und Hitze: Die Weinlese begann so früh wie nie. Am 6. August wurde  in Deutschland die Traubenlese für den 2018-er Jahrgang offiziell gestartet. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts ist das der bisher früheste Lesebeginn hierzulande. Gelesen wurde in einem Weinberg in Lörzweiler bei Mainz (dazu gab es einen Bericht im ZDF) und auf Schloss Wackerbarth in Radebeul/Sachsen – in beiden Fällen die Rebsorte Solaris. Im vergangenen Jahr begann die Lese am 16. August, damals in einem Weingut in der Pfalz. Das Foto (Quelle Schloss Wackerbarth) zeigt die Lese von Solaris-Trauben am 6. August auf Rebflächen des Staatsweingutes Schloss Wackerbarth.  

Reifevorsprung drei Wochen

Laut Wackerbarths Weinbauleiter Till Neumeister hätten die Trauben einen Reifevorsprung von rund drei Wochen. Im April zählte Sachsen mit über 250 Sonnenstunden zu den wärmsten und sonnenreichsten Regionen Deutschlands. Der Mai war im Elbtal ebenfalls sehr warm und trocken. Dadurch fand die Blüte der Reben bereits Ende Mai und damit rund drei Wochen früher als üblich statt. Diesen Vorsprung konnten die Reben dank des warmen und sonnigen Sommers bis jetzt halten.  „Die Trauben sind gesund und präsentieren sich in einem guten Zustand“, erklärte  Neumeister. Er gehe „von einem qualitativ und quantitativ ausgewogenen Jahrgang“ aus.  

20 Prozent weniger Ertrag?

Hatte diese Woche bei einem Termin in Freyburg Gelegenheit, mit einigen Saale-Unstrut-Winzern zu sprechen. Dort hat die Lese noch nicht begonnen, die meisten Winzer werden aber noch im August damit anfangen, zunächst mit Müller-Thurgau- und Frühburgunder-Trauben.  Später reifende Sorten wie Riesling oder Spätburgunder dürften in diesem Jahr bereits Mitte September statt Anfang Oktober lesereif sein.
Für konkrete Aussagen zu Erntemenge und Qualität sei es noch zu früh. Weil die meisten Winzer ihre Rebflächen nicht bewässern, werden Ertragseinbußen von rund 20 Prozent erwartet. Zugleich wird aber darauf hingewiesen, dass wegen der Trockenheit deutlich weniger Aufwand an Pflanzenschutz nötig war. 

„Historisches Jahr“

Hier einige Statements:
Klaus Böhme, Weingut Böhme, Kirchscheidungen: Wir werden mit der Lese wohl schon im August beginnen. Auf alle Fälle wird es eine flinke Lese geben. Auf alle Fälle wird es ein historisches Jahr. Meine Mutter hat gesagt, Sache Bedingungen habe es zuletzt 1947 gegeben.  

Hans Albrecht Zieger, Geschäftsführer der Winzervereinigung Freyburg: Da wir nur etwas 2 Prozent unserer Rebflächen bewässern, rechnen wir mit rund 30 Prozent Ertragsausfall. Das Problem sind die tropischen Nächte mit Temperaturen von über 20 Grad. Das forciert den Säureabbau. Wir, und sicher andere Betriebe auch, werden einen Antrag auf Nachsäuerung stellen.

Sandra Hake, Weingut Frölich-Hake, Roßbach: Wir bewässern  nicht, es wird sicher Einbußen geben. Eigentlich wollen wir nicht im August schon mit der Lese beginnen. Mal sehen, was die nächsten Tage bringen. Zur Panik besteht aber kein Grund.  

Elisabeth Born, Weingut Born, Höhnstedt: Wir werden wohl nächste Woche beginnen. Das ist vier Wochen früher als gewöhnlich, so früh wie noch nie. Der Solaris ist schon reif, der Rote Gutedel richtig rot und der Sauvignon Blanc hat schon eine erstaunliche Süße. 

Piesporter Goldtröpfchen – auch 007 war begeistert

Der Name ist einfach sensationell.  Und weil die bisher getrunkenen Rieslinge vom Goldtröpfchen noch nie enttäuscht haben, muss jetzt mal einer Weinlage gratuliert werden. Die Lage Piesporter Goldtröpfchen in Piesport an der Mosel feiert 150. Geburtstag. Wer in der Nähe ist hat’s gut. Das Jubiläum feiern die Goldtröpfchen-Winzer mit einem „Gold-Festival“ am 28. Juli, von 16 bis 22 Uhr. Mitten in den Piesporter Weinbergen werden 150 Goldtröpfchen-Weine zu probieren sein.  Wer nicht vor Ort sein kann (so wie ich) entkorkt zum Jubiläum eine Flasche vom Piesporter Goldtröpfchen. Bei mir gibt’s eine 2014er Spätlese trocken Piesporter Goldtröpfchen vom Weingut Reuscher-Haart. Lohnt sich.  

Berühmte Fans

Dass sich das lohnt, haben auch schon andere mitbekommen.  In seinem Roman Goldfinger lässt Ian Flemming den Bösewicht Goldfinger ein Piesporter Goldtröpfchen für James Bond zum Dinner servieren. 007 zeigt sich begeistert. Thomas Mann war ebenfalls Goldtröpfchen-Fan. In seinem Roman „Lotte in Weimar“ gibt es einen „Franzosen“ und eben einen Mosel aus Piesport. Natürlich werden beide getrunken. Schließlich: Das Piesporter Goldtröpfchen war einer der Weine auf der Hochzeitsfeier von Prinz Andrew und Sarah Fergusson am 23. Juli 1986 am englischen Königshof. 

Die älteste Lage?

Mit Rekorden muss man vorsichtig sein. Fakt ist: Die erste bekannte Verwendung des Lagennamens stammt aus dem Jahre 1868. Damals verkaufte ein Winzer aus Piesport gemäß einem Kellerbuch aus dem Jahre 1875 insgesamt 13 Flaschen 1868er Piesporter Goldtröpfchen nach Berlin zum Preis von 6 Mark die Flasche. Das Kellerbuch befindet sich heute noch im Besitz einer Piesporter Winzerfamilie. Aus dem gleichen Jahr, 1868, stammt die Saar-Mosel-Weinbaukarte von 1868. Die Karte wurde 2011 von dem Weinjournalisten Stuart Pigott und dem Vermessungsdirektor Alfons Hausen wiederentdeckt und der Öffentlichkeit erschlossen. Kellerbuch und die Lagenkarte können als Geburt der Vermarktung der Steillagenweine an der Mosel bezeichnet werden.

Alles Riesling

Piesport ist mit 431 Hektar die größte Weinbaugemeinde der Mosel. 66 Hektar davon umfasst die Lage Piesporter Goldtröpfchen, eine Steillage.  99 Prozent der Reben sind  Riesling. Schon 1763 hat der weitsichtige Piesporter Pastor Johannes Hau bewirkt, dass die Gemeinde Piesport den Beschluss gefasst hat, nur noch Riesling anzupflanzen – 24 Jahre bevor Kurfürst Clemens Wenzeslaus den Rieslinganbau für die ganze Mosel anordnete. Lange Zeit galt „Piesporter“ als Synonym für Riesling.

Foto: Jörg Kinn

Vive le France

Frankreich ist Fußball-Weltmeister – Félicitations, Vive le France. Was den Wein betrifft fühlt sich Frankreich freilich schon lange als Champion. Ob zu Recht oder nicht – dazu wird jeder seine eigene Meinung haben. Fakt ist, dass aus Frankreich einige der wunderbarsten Weine der Welt kommen. Fakt ist auch, dass nicht alles toll ist, dafür manches (über)teuer(t). Habe nach dem WM-Finale im Archiv geblättert und mich mit einiger Sehnsucht an große Weine aus Frankreich erinnert, die ich genießen durfte. Wahrhaft weltmeisterliche Weine aus Frankreich – hier meine (bisherigen) Top 11. Das ist kein Ranking!

Chateau Mouton Rothschild, Bordeaux 

Mehrere Jahrgänge getrunken und (bis auf den 93er) immer mit Begeisterung. Ein Mouton Rothschild (1986) war es, der im Frühjahr 1991 die Tür in die Welt der Weine ganz weit aufstieß. Habe den 1988er  gemeinsam mit Philippine de Rothschild verkostet – mehr geht fast nicht. Und erst zuletzt im Juni 2017 bei einem Freund im Garten den 1998-er getrunken, einfach wunderbar.

Champagner Krug Clos de Mesnil 1989, Champagne

Erweckungserlebnis im November 2001 in Halle/Saale. Bin kein großer Fan von Sprudelweinen, in meiner Erfahrung sind „günstige“ Champagner ihr Geld nicht wert. Der Clos de Mesnil ist nicht günstig, weil von einem anderen Stern. Alles Vergleich mit Sekt, Prosecco, Cava etc. – vergessen. Das ist eine andere, herrliche Welt. Wie gut es doch ist, jemanden zu kennen, der Champagner sammelt und ab und an entkorkt…

Montrachet Grand Cru Marquis de Laguiche 2000, Burgund

Aus dem Hause Joseph Drouhin. Hab den Burgunder im Mai 2003 im Adlon in Berlin kennengelernt. Spontanes Urteil damals: Einer der besten Weißweine der Welt.  Hat herrliche Komplexität, Butter und Olivenöl im Gaumen, tolle Harmonie und Finesse. In den Notizen zum Tage kommt fünf Mal das Wort großartig vor. 

Le Meursault de Ropiteau 1989, Burgund

Entkorkt im März 1997 nach einem Opernbesuch. Geistige Hochstimmung nach der Opera, da kommt so ein Meursault gerade recht. Ein Bilderbuch-Chardonnay, mit einiger Mühe noch heute im Gaumen präsent. Hatte den Wein seinerzeit direkt in Beaune gekauft. Spielen solche schönen Erinnerungen bei der Bewertung eine Rolle? Vermutlich ja.  

Gevrey Chambertin 1er Cru Les Combottes 2004, Burgund 

Aus dem Hause von Jean Louis et Didier Amiot in Morey-Saint-Denis. Getrunken im April 2011 zu einem Festessen. Die beste Köchin der Welt hat gezaubert. Der Burgunder mit dieser klassischen animalischen Nase nach nassem Fell und den leicht morbiden Aromen war der ideale Partner im kulinarischen Himmel. Unvergesslich, weil alles perfekt gepasst und harmoniert hat.

Riesling St. Catherine 1994 Domaine Weinbach, Elsaß 

Getrunken im Oktober 2004 in trauter Zweisamkeit daheim. Jaja, nicht nur die Deutschen können Riesling. Dieser Elsässer gewährte einen Blick ins Paradies, hatte mit zehn Jahren die perfekte Reife. Brillante Altersfarbe, schöne Restsäure, Bratapfel-Aromen, schöne  Patina, alles bestens.  Beste Grüße nach Kaysersberg an Colette Faller, der charismatischen Chefin von Domaine Weinbach.

Chateau La Lagune 1990, Bordeaux

Im März 2011 in Leipzig bei einer After-Work-Party genossen. Ein Ereignis. Ein 21 Jahre alter Bordeaux von Haut Medoc, nicht mal klassifiziert? Spielt keine Rolle, es war großartig! Trotz seines Alters war der Wein noch topfit, kein brauner Rand, nicht am kippen, dafür eine tolle Nase und ein unglaubliche Vielfalt an Aromen im Gaumen. Brombeerextrakt steht in den Notizen, Johannisbeeren, und so weiter. Geradezu mit einer ewigen Präsenz. Habe noch einen 1997er im Keller. Wann trinken?

Sauternes Chateau Guiraud 1er Cru, Bordeaux

Entkorkt in St. Emilion  2013. Ein (inzwischen verstorbener) Freund und Wein-Spezi vertrat die Ansicht, Süßweine seien das Ende der Weinkultur und hätten keine Berechtigung. Hätte er den  Chateau Guiraud nur erlebt. Ein kleiner König im Glas. In jedem Fall aber wunderbar, süchtig machend. Die Sucht bremst der Preis. Konnte auch schon Chateau d’Yqem trinken, der ist mir nicht so in Erinnerung. 

Domaine Puech Auger „Les Dolomies“ 2000, Languedoc 

Mehrfach getrunken, weil nach der Probe gebunkert. Der Wein hat Klischees zu 100 Prozent erfüllt: In dem kleinen Städtchen Montpeyroux im Languedoc bei einem Winzer geklingelt, durchprobiert, sich in den „Les Dolomies“ verliebt und mehrere Kisten eingeladen. Der Wein ist eine Cuvée aus Syrah, Mourvedre, Grenache und Carignan und lag 18 Monate im Barrique. Hat ewiges Leben. Leider war  im August 2017 die letzte Flasche ausgetrunken. Hat bis zu dieser letzten Flasche begeistert.

Mas Amiel 1999 Maury, Roussillon

Getrunken 2003 in Riols, Südfrankreich. Noch immer im Gaumen. Der Wein hat das Tor zu den Vin doux naturel ganz weit aufgestoßen, wieder so ein kurzer Besuch im Paradies.  Süße, Power, Mächtigkeit – alles da. Viel Platz für Träume. Auch hier im nachhinein die Frage – hat die Idylle vor Ort mitgeholfen.

Domaine Raspail-Ay 2000 Gigondas, Rhône 

Vom Juli 2002 in der Maison de Vin in Gigondas bis ins Jahr  2017 im heimischen Domizil ein treuer Begleiter und immer wunderbar. Begründete die Liebe zu den Weinen von der Rhône. Diese herrlichen Beeren-Aromen, die schöne Balance aus Power und  Eleganz, Kakao, Tabak, und vor allem eine ewige Präsenz im Gaumen. Habe mittlerweile etliche  Chateauneuf du Pape getrunken – keiner konnte bislang mithalten.

Israel – neue Gesichter

Israel gehört weltweit zu den dynamischsten Weinländern überhaupt. Das Thema hatten wir hier schon. Konnte mich jüngst bei einem Besuch vor Ort davon erneut überzeugen. Dynamik in jede Richtung: Einige vermeintliche Klassiker haben diesmal eher enttäuscht (Dalton, Recanati), andere ihren Ruf bestätigt – und es gab einige spannende Entdeckungen. Und neue Gesichter. Ein kleiner Streifzug.

Die sichere Bank

Tishbi – Chardonnay Single Vineyard

Die Weine von Jonathan Tishbi haben bei allen Israel-Aufenthalten überzeugt, auch jetzt wieder. Der Cabernet Sauvignon war großartig. Richtig Klasse der Chardonnay Single Vineyard, klassisch, schön gekühlt bei großer Hitze eine Offenbarung. Die einfache Serie mit Cabernet Franc und der roten Cuvee Cabernet/Shiraz ist da schon abgefallen.
Pelter Winery, auch eine sichere Bank. Auch hier fällt der Chardonnay auf, zitronig, kräutrig, mit schöner, leichter Bitternote. Toller Fischbegleiter!
Bei Segal ist auch ein schöner Chardonnay in Erinnerung geblieben, dazu ein netter Rosé. Weine, die beim trocken-warmen Klima in Nahost immer funktionieren.
Schließlich wäre noch Teperberg mit der Serie Inspire zu nennen, sowohl der Dry Red als auch der Dry White mehr als passabel. Der Weiße ist eine abenteuerlich anmutende Cuvée aus Sauvignon Blanc, Dabouki und Gewürztraminer, macht viel Spaß. Beim Roten sind Grenache, Syrah, Carignan und Mourvedre im Spiel, überaus gelungen.  

Die Fundstücke  

Yatir – Mt. Amasa

Derech Eretz aus Mizpe Ramon, Mitten in der Negev-Wüste. Der Shiraz war gut, der Chardonnay hat weniger Eindruck gemacht.
Der Cabernet Sauvignon Privat Selection der Carmel Winery ist ein  Cabernet der Kategorie klassisch. Nicht mehr, nicht  weniger. Generell hat die Serie Privat Selection gut gefallen.
Ein Wein von Yatir (Yatir Forest 2002) hat mich einst euphorisiert, im privaten Ranking noch immer unter der zehn besten je getrunkenen Rotweine. Für den aktuellen Yatir Forest (Cabernet/Merlot Cuvée) werden um die 70 Euro aufgerufen. Tief durchatmen. Habe eine Etage „tiefer“ zum Yatir Mt. Amasa gegriffen, was soll ich sagen: fantastisch. Die17 Euro (in Deutschland doppelt so teuer) sind jeden Cent wert. Einfach großartig.

Gilt für viele Weine vor Ort: Leider ist oft wegen der mangelnden hebräischen Sprachkenntnisse auf dem Etikett nicht mehr zu lesen als die Rebsorte.

Die Entdeckung

Kitron – Reserve Lika

Die Entdeckung der Tour war Kitron Winery in Hosha’Aya mit Blick auf das historische Zippori. Die Winery ist noch ganz jung (2010 begonnen, 2017 fertiggestellt), hochmodern, stylisch, mit spannenden Weinen. 50000 Flaschen beträgt die Jahresproduktion (40000 Rotwein, 10000 Weißwein). Die Reben wachsen in Galiläa und auf dem Golan (ca 80 Kilometer entfernt), gelesen wird nachts. Die Trauben werden in Tanks ins Weingut gebracht. Die Rotweine reifen fünf Jahre, bevor sie in den Verkauf gehen.
Kann die Weine nur loben: Ein sauberer, intensiver und runder Chardonnay (2016) ist der Auftakt. Da hält der gerade abgefüllte 2017er Gewürztraminer nicht ganz mit.
Die Stärke scheinen die Roten: Der 2011er Cabernet Sauvignon hat eine warme, fruchtige Nase, im Geschmack klassisch kirschig, die 32 Monate Barrique-Reife verleihen ein langes Leben. Beim Shiraz 2010 sind die Trauben auf 800 Metern Höhe in Hochgaliläa gewachsen und dann 30 Monate in Eichenholzfässern gereift. Shiraz-Fans jubeln. Als Highlight gilt die Reserve Lika 2009, eine Cuveé aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Shiraz, 18 Monate im Barrique gereift, da muss sich so mancher Bordeaux-Crus verstecken. Toller Wein.
Ein Besuch lohnt unbedingt – auch die Begegnung mit Biton Maeir (Foto ganz oben), charismatischer Chef des Weinguts. Die Namen all seiner acht Kinder haben mit Wein zu tun. 

Die hochmoderne Kitron-Winery

Israel? Immer wieder, bin schon auf den nächsten Besuch gespannt. 

 

 

Wein Gespräch: Elisabeth & Jochen Born

Elisabeth Born hat 2017 das Weingut Born von ihrem Vater Günter Born übernommen, der nach 1990 einer der ersten privaten Weinbaubetriebe in Saale-Unstrut war. Elisabeth führt den Betrieb gemeinsam mit ihrem Partner Jochen, der bald Born heißt – im Juli wird geheiratet.  Ein Gespräch mit beiden.

Hat man als Tochter eines Winzers überhaupt eine andere Chance, als Winzerin zu werden?
Elisabeth: Das war nicht von vornherein klar. Mein Vater hat mich zwar schon sehr früh und sehr sanft in diese Richtung gedrückt. Er wollte schon sehr gerne, dass ich nach Geisenheim gehe und dort Weinbau studiere. Aber wenn ich andere Interessen gehabt hätte oder etwas ganz anderes hätte machen wollen, wäre das auch kein Problem gewesen. Mein Vater hätte es nicht verhindern können.

Wie war das als Kind, mussten Sie viel helfen im Betrieb?
Elisabeth: Ja, aber das war nicht ganz so schön. Es war oft so, dass niemand daheim war, wenn ich aus der Schule nach Hause kam. Meine Großeltern, inzwischen sind sie leider verstorben, haben den Vater sehr unterstützt. Deshalb bin ich nach der Schule ganz oft in den Weinberg gegangen oder gefahren, oft gab’s dann dort auch was zu essen. Und natürlich auch etwas zu tun, aber das musste ich nicht. Wenn ich Lust hatte, konnte ich mitmachen, leichte Sachen. Als ich dann etwas älter war, musste ich dann doch schon mal die Tanks sauber machen oder in die Tanks reinkrabbeln, weil ich eben noch so klein war. Da kam ich leichter wieder raus. Als Teenager kann man sich natürlich bessere Sachen vorstellen als Tanks saubermachen.

Jochen, kommen Sie auch aus einem Weinbaubetrieb?
Jochen: Ich bin klassischer Quereinsteiger, das hätte sonst wohl auch nicht so funktioniert. Wenn der Winzer einen Sohn hat und der Weinbau studiert, glaube ich, dann ist die Zukunft mehr als vorbestimmt.

Wie sind Sie dann auf das Winzer-Studium gekommen?
Jochen: Reines Interesse. Und es hat funktioniert. Und es hat auch Spaß gemacht. Ich habe in einem Betrieb gelernt, der mir gut gefallen hat: In Fellbach bei Stuttgart, beim Weingut Schnaitmann. Der Chef war in meinem Alter, jetzt so Mitte 30, aber das Verhältnis war einfach gut. Nicht wie ein alter Lehrmeister zu einem jungen Lehrling, sondern fast auf Augenhöhe. Das hat mir gut gefallen – und so bin ich dabei geblieben.

Elisabeth, am am 1. September 2017 haben Sie den Betrieb von Ihrem Vater übernommen. Wie war das so, gab es viele Konflikte?
Elisabeth: Im Endeffekt war es ja nur eine Unterschrift. Ich habe ja schon länger im Weingut mitgearbeitet und mein Vater hat sich in den letzten Jahren immer mehr rausgenommen. Von daher hat sich für mich so gar nicht so viel verändert. Klar, ich habe jetzt eine andere Verantwortung. Aber mein Vater macht ja auch noch mit.

Wo?
Elisabeth: In der Buchführung, im Verkauf. Und er nimmt die Telefongespräche an. Das ist ja auch sehr wichtig im Weingut, dass jemand da ist.

Gibt es viel Konfliktpotenzial?
Elisabeth: Eigentlich sehr wenig. Es gibt schon immer mal einen Konflikt, aber mein Vater ist da sehr kompromissbereit. Zuletzt hat er mich wegen dem Pink Pony gemaßregelt, er geht aus, ich hätte zu wenig gemacht. Dabei war er bestimmt kein großer Fan von dem Wein …  (lacht)

Wie schwer oder wie leicht ist es, wenn man von außerhalb in einen fest etablierten Winzerbetrieb kommt?
Jochen: Es war doch relativ einfach.
Elisabeth: Der Jochen wurde ein bisschen ins kalte Wasser geschmissen. Als er hierher gekommen ist, hatte ich mich entschieden, noch mal ein halbes Jahr nach Südafrika zu gehen. Und mein Vater ist genau in jenem Winter bei Glatteis auf dem Hof gestürzt, hatte sich dabei einen schwierigen Bruch im Ellbogen zugezogen. Er war im Krankenhaus und ich war nicht da. Da war der Jochen allein im Betrieb, musste sich reinfuchsen. Das ging auch ziemlich lange, einige Monate. Das hat er natürlich sehr gut gemacht: Als mein Vater aus dem Krankenhaus wiederkam stand der Betrieb noch.

Hat das geholfen bei der Anerkennung?
Jochen: Ich denke schon. Aber Günter war ja auch froh, dass Elisabeth vom Studium nicht allein zurückgekommen ist. Die andere Sache war, dass man als Wessi auf ein Dorf in den Osten kommt. Alle sagen natürlich, ich komme aus Stuttgart. Aber das stimmt nicht, ich komme aus einem Kaff hinter Stuttgart, was sehr klein ist. Daher war die Umstellung gar nicht so wild, denn Dorfer funktionieren überall gleich. Und ich hab mich ganz gut, wenn nicht sogar sehr gut hier eingelebt.

Gab es ein Schlüsselerlebnis in Sachen Wein?
Jochen: Den geilsten Rotwein, den ich je getrunken habe, den haben wir sogar zusammen getrunken. Den haben wir geschenkt bekommen. Aber das war nicht hier in Höhnstedt.

Erzählen Sie.
Jochen: Wir waren bei mir in der Heimat, waren da gut essen. Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar und das hat sich eine Flasche Wein bestellt. Eine richtig teure Flasche. Wir saßen am Nachbartisch und kamen ins Gespräch. Und er fragte, ob wir beide den Wein mal probieren wollen, er wollte unsere Meinung hören.
Elisabeth: Die waren ganz überrascht, dass junge Leute sich so für Wein interessieren,  die fanden das ganz ungewöhnlich. So kamen wir ins Gespräch
Jochen: Der Wein war ein Vega Sicilia Unico, ein echt geiler Tropfen. Das war so ein Erlebnis wo wir gesagt haben: So muss Rotwein schmecken. Den Geschmack vergisst man sein Leben lang nicht.

Was wird im Alltag so entkorkt?
Elisabeth: Wir trinken querbeet. Mein Vater macht mit einem Freund jedes Jahr eine ausgiebige Weintour durch Frankreich, da bringt er ganz viel Wein mit. Gekauft wird direkt beim Winzer, Elsaß, Burgund, Languedoc – alles. Und dann hat mein Vater auch noch einem befreundeten Winzer in Österreich, mit dem tauschen wir auch ganz viel Wein. Also wird ganz oft ein Franzose geöffnet oder ein Österreicher. Aber eigentlich nur Rotweine. Wenn ich etwas Weißes trinke, dann immer aus Deutschland. Wir tauschen ganz viel Wein mit anderen Winzern.

Wann ist ein Wein ein guter Wein?
Jochen: Wenn die Flasche alle ist und man denkt: Oh, wir brauchen eine zweite

Manche Winzer lassen Weine mit Musikbegleitung reifen, andere setzen auf die Lese bei Vollmond. Praktizieren Sie selbst etwas Außergewöhnliches?
Elisabeth: Nein, das scheitert wohl daran, dass wir beide einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack haben.

Gibt es den idealen Wein?
Jochen: Den gibt es nicht. Es irrt der Mensch so lang er strebt. Man muss sich jedes Jahr neu ausprobieren und schauen, ob man einen guten hinkriegt.

Winzerbesuch: Weingut Born

Unlängst bei einem Musikfestival: Ich betreute einen kleinen Weinstand, schöne Sachen im Angebot: Riesling von der Mosel, Sauvignon Blanc von der Loire, Blaufränkisch aus Österreich, Shiraz aus der neuen Welt, Rosé aus Frankreich. Und Pink Pony, heißt wirklich so. Im Gegensatz zu den anderen Weinen war der nicht trocken, dafür sehr, sehr fruchtig, ja, halbtrocken. Viele Gäste wunderten sich, das gibt’s bei mir sonst nicht. Pink Pony ist ein Rosé vom Weingut Born, Saale-Unstrut. Habe ich mich gewundert, weil dort nicht erwartet.
Nun, der Pink Pony war beim Festival zuerst ausgetrunken… 

Sichere Bank und neue Ideen

Die Weine vom Weingut Born in Höhnstedt, im nördlichen Teil Saale-Unstruts, haben seit Jahren einen festen Platz in meinem Keller. Günter Born war nach 1990 einer der ersten privaten Weinbaubetriebe im Gebiet. Seiner Linie blieb er (nach Anlaufschwierigkeiten) in all den Jahren treu: Blitzsaubere Weine, bei denen die Rebsorte immer Mittelpunkt steht, keine Schnörkel, immer trocken, mit schöner Mineralität und starkem Charakter. Eine sichere Bank über viele Jahre. 

Am 1. September 2017 hat Günter Born seiner Tochter Elisabeth den Betrieb übergeben. Sie führt ihn nun gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner Jochen, der bald Born heiß, weil demnächst geheiratet wird. Elisabeth Born war Gebietsweinkönigin, deutsche Weinprinzessin, studierte in Geisenheim und sammelte u.a. in Neuseeland Erfahrung. Das Weingut würde in gute Hände gehen, so viel war klar. Klar war aber auch: Eine neue Generation hat eigene Vorstellungen, Pläne und Ideen. Zum Beispiel Weine wie den Pink Pony. 

Rebflächen bei Höhnstedt

Höchste Zeit also, sich vor Ort umzusehen und zu probieren, was sich getan hat bzw. tut. Einige Fakten vorweg: 9 Hektar Rebflächen werden bewirtschaftet, davon 1 Hektar Terrassenlage. 70 % der Sorten sind weiß, 30 % rot. Aktuell laufen große Umbauarbeiten, ein größerer, moderner Verkostungsraum entsteht, beim Wein die Serie „Born to be Wine“. Da hat im Marketing-Seminar jemand aufgepasst. 

Wir probieren mal durch. 

Shooting-Star Pink Pony?

Auftakt mit dem Allerhand 2017 – eine Cuvée aus Bacchus, Müller-Thurgau, Elbling, Weißburgunder, Johanniter, Cabernet blanc und Gutedel. Also fast alles, was außer Riesling im Gebiet an Weißweinen noch wächst. Der Allerhand ist ein gemeinsames Projekt der Breitengrad-Gruppe, zu denen die Borns gehören, ein Teil des Erlöses geht an soziale Projekte. Nun, der Allerhand erfüllt alle Kriterien eines klassischen Sommerweines: frisch, lebendig, mit charmanter Frucht. Für die Terrasse oder die Gartenparty. Und klar, das ist ein Breitengrad-Wein, kein Born-Wein.

Weiter geht’s mit den Rosés. Zuerst der trockene, eine Cuvée aus Portugieser und Regent, weniger als 4 Gramm Restzucker. So mag ich es.  Dann Pink Pony, halbtrocken,  da mischen viele mit: Portugieser, Regent, Spätburgunder, Zweigelt. Überbordende (rote) Frucht, nicht richtig süß, aber ein bisschen schon. Nicht ganz meine Welt – aber extrem erfolgreich. Einer der meistverkauften Weine des Betriebes, viele Fans -siehe Festival. Ein echter Shooting-Star!

Es wird spannend

Gutedel 2017 – aus der (zu unrecht) verkannten Rebsorte hat Günter Born immer viel rausgeholt. Seine Nachfolger tun es ihm gleich.  Den Restzucker spürt man nicht, nur 10,5 % Alkohol machen den Wein leicht trinkbar. Das ist einer für den Sommer oder zur Vesper.  Dann der Weißburgunder 2016. Auch hier wird das Niveau gehalten, schnörkellos, solide, er kann ein sommerliches Menü fein begleiten. Nichts falsch gemacht. 

Riesling 2016 – jetzt wird’s spannend.  Gilt für die Gesichte: Ein Großteil ist spontan vergoren, keine Schönung, 12 % Alkohol. Eigentlich ist das eine Riesling-Cuvee, weil von drei Riesling-Lagen, in zwei Etappen gelesen und alles eigens ausgebaut. Gilt für den Wein: Weil der Riesling in keine Schublade passt, jeder Schluck eine Entdeckung ist und ganz viel Charisma hat. Definitiv keiner von der Stange, und das ist großartig.  

Spannend geht’s weiter mit dem Silvaner 2016. Der hat auch eine hübsche Geschichte. 102 Grad Oechsle (!),  der Wein lag fast ein Jahr auf der Hefe, super-langsame Gärung,  komplett trocken ausgebaut. Das Ergebnis ist natürlich kein 08/15-Silvaner. Der Wein hat einen schönen Schmelz, ist etwas rauchig, zeigt erstaunlich viele Facetten. Demnächst ist unbedingt eine Vergleichsprobe mit ein paar schönen Silvanern aus Franken angesagt. Blind natürlich. Kann sein, dass es da Überraschungen gibt. 

Liebe oder Ablehnung?

Noch kein Ende der Katagorie spannend, ungewöhnlich. Der Gewürztraminer (2016) würde die Kundschaft spalten, erzählte Jochen. „Entweder man liebt ihn oder man mag ihn gar nicht.“ Weil das eben kein Gewürztraminer ist, der die Klischees  würzig, leicht süßlich, etc. bedient. Dieser hier ist knochentrocken, dennoch aromatisch, kräutrig, Obst scheint im Spiel, die Nase rosig. Er riecht süß, ist es aber nicht. 14 % Alkohol sind eine ordentliche Basis, auch hier das Urteil: extrem spannend. Zu Ausgangsfrage (man liebt ihn oder man mag ihn gar nicht): Ich gehöre zur ersten Kategorie.

Das rote Finale. Das Vorurteil, dass es im Gebiet keine vernünftigen Rotweine gibt, ist längst widerlegt, dafür steht nicht nur das Flaggschiff André Gussek. Auch Borns können mithalten. Der 2015-er Portugieser hat Saft, hat Power,  erinnert an den Geschmack von Trockenpflaumen. Macht auch Spaß, aber in Erinnerung bleiben die spannenden Weißen.

Auf der Homepage des Weinguts heißt es: Günter Born, der Patron des Hauses, blickt wohlwollend auf die jetzt im Weingut eingestiegene nächste Generation.  Das geht nicht nur dem Patron so. 

Im Keller