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Wie gesund ist Wein?

Riesenthema – Wein und Gesundheit. Fast wöchentlich kommen Ergebnisse neuer Studien auf den Markt. Die einen schwören auf die positiven Wirkungen MODERATEN Weinkonsums. Andere verteufeln den Wein wegen des Teufels Alkohol grundsätzlich. Es wird mehr und mehr zum Glaubenskrieg.

Bin grundsätzlich von positiven Wirkungen des Weins überzeugt, maße mir aber kein Urteil an. Ich sammle Material zum Thema. Im folgenden einige Meldungen und Nachrichten der letzten Monate. Kernfrage: Wie gesund ist Wein?

Pro und Kontra in der „Zeit“

Die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ widmete sich unlängst ausführlich dem Thema. Zu Wort kamen drei Wissenschaftler: Der Gesundheitsforscher Ulrich John antwortete auf die Frage, wie viel Alkohol man trinken darf: „Am besten gar nichts. Dann sind Sie auf der sicheren Seite.“ Auch mit dem Glauben, ein Gläschen Rotwein sei gut fürs Herz, räumt der Gesundheitsforscher auf: „Diese Empfehlung beruhte auf mangelhaften Studien.“

Die Statistikerin Angela Wood von der Universität Cambridge hat eine der beiden Alkohol-Studien verfasst, die im vergangenen Jahr viel Aufsehen erregten.  Auf die Frage, wie viel trinken darf, antwortet sie: „Wenn Sie mehr als 100 Gramm Reinalkohol pro Woche trinken, steigt das Risiko, früher zu sterben.“ Wie stark steigt es? „Wenn Sie 40 Jahre alt sind und statt 100 Gramm pro Woche das Doppelte trinken, sterben Sie ein halbes Jahr früher. Im Durchschnitt natürlich!“

Der Risikoforscher David Spiegelhalter ist in Winton Professor of the Public Understanding of Risk. Auch an ihn die Frage, wie viel darf ich trinken? „Die britischen Empfehlungen sind vernünftig: 14 Einheiten in der Woche, das sind 112 Gramm reiner Alkohol. Das ist mit einem geringen Risiko verbundenDas sind ungefähr zehn kleine Gläser Wein oder Bier.“ Dann macht der Professor noch eine interessante Rechnung auf:  „Von 100.000 Menschen, die jeden Tag ein alkoholisches Getränk trinken, bekommen 918 innerhalb eines Jahres ein Gesundheitsproblem, das mit Alkohol verbunden sein kann. Und von 100.000 Menschen, die gar nichts trinken, bekommen 914 so ein Problem. Ein Glas pro Tag macht also vier Probleme mehr bei 100.000 Leuten. Das nenne ich mal ein niedriges Risiko.“

Rotwein ersetzt Sport?

 Ein kanadisches Forscherteam der University of Alberta hat herausgefunden, dass Rotwein das Herz-Kreislauf-System verbessert, die Gehirnaktivität steigert und die Knochen stärkt. In einigen Bereichen soll dies den gleichen Effekt haben wie intensives Sporttraining.  Den Wissenschaftlern gelang es, im Wein sogenannte Resveratrol-Verbindungen nachzuweisen. Diese Substanz aktiviert den Schutzmechanismus in den Zellen und stärkt zudem die körperliche Verfassung, die Funktion des Herzens und die Muskelstärke. Somit wirkt es auf die gleiche Art und Weise, wie der Sport es tut. Dass das Resveratrol beim Abnehmen hilft, hat auch eine Studie der Washington State University erwiesen. Offenbar wandelt diese Substanz das vorhandene Fettgewebe im Körper so um, dass es danach leichter abgebaut werden kann. Zudem soll Resveratrol auch lebensverlängernd wirken, Diabetes vorbeugen und Krebszellen abtöten.

2,8 Millionen Todesfälle?

In der Zeitschrift The Lancet („die Lanzette“) – eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt – wurde eine Studie zu den gesundheitlichen Risiken des Alkoholkonsums veröffentlicht. Ergebnis jener Studie ist, dass die gesundheitlichen Risiken die gesundheitlichen Vorteile eines moderaten Alkohol-Konsums überwiegen. Die Studie ist eine Zusammenfassung  aus 694 Datenquellen und 592 Studien in 195 Ländern zwischen 1990 und 2016. Unter anderem heißt es, dass im 2016 2,8 Millionen Todesfälle weltweit (4,85%) alkoholbedingt waren. Am Ende steht die Forderung, dass der Alkoholkonsum von den Gesetzgebern reguliert werden soll. Umgehend hat der Wissenschaftliche Beirat der DWA dazu eine Stellungnahme verfasst. Die zeigt unter anderem gravierende Schwächen und Fehler der Studie auf. 

 Was ist mit Allergien?

Eine Untersuchung des Instituts für Molekulare Biophysik der Universität Mainz zum Thema wurde im Deutschen Ärzteblatt veröffentlich. Mit einer Fragebogenerhebung wollten die Forscher feststellen, wie viele Menschen von einer Weinunverträglichkeit betroffen sind. 948 Fragebögen wurden ausgewertet – und 7,2 Prozent der Befragten berichteten von Unverträglichkeit oder allergischen Reaktionen. Symptome sind unter anderem Hautrötungen, Durchfall, Erbrechen oder Herzrasen.  Was diese Symptome auslöst, darüber konnten die Forscher nach dieser Erhebung nur spekulieren. Denn Wein ist ein Cocktail aus vielen Substanzen, darunter auch viele, die zu Allergien und Unverträglichkeiten führen können. Rotwein schien zu heftigeren Reaktionen zu führen als Weißwein.  

Wein beugt Alzheimer vor?

Bei einer Studie im Mount-Sinai-Spital in New York wurden Ratten erfolgreich mit Polyphenolen aus Rotwein gegen Alzheimer behandelt. Weiterführende Ergebnisse sind noch nicht bekannt.

Leben Weintrinker länger?

Da streiten sich die Wissenschaftler. 40 Jahre lang beobachteten niederländische Forscher die Trinkgewohnheiten von 1400 Männern. Die Teilnehmer der Studie waren zwischen 40 und 60 Jahre alt und wurden in mehrjährigen Abständen untersucht. Dabei prüften die Forscher neben den Trinkgewohnheiten der Männer auch deren Ernährung, Gewichtsveränderung und Rauchverhalten. In diesem langen Untersuchungszeitraum wurde der Nachweis erbracht, dass der Genuss von täglich ein bis zwei Gläsern Alkohol nicht nur vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt, sondern auch das Leben verlängert. Während Alkohol generell die Lebenszeit gegenüber den Abstinenzlern um 1,6 Jahre verlängerte, lebten die Weintrinker im speziellen 3,8 Jahre mehr. US-Wissenschaftler der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore melden jedoch Zweifel gegen diese Vermutung an. Eine durchgeführte Langzeitstudie mit knapp 800 älteren Menschen habe die positiven Effekte des Weins nicht nachweisen können.  

Macht Wein intelligenter?

Laut einer Studie der Uni Kopenhagen steigt mit dem Intelligenzquotienten auch die Wahrscheinlichkeit einen Weintrinker vor sich zu haben. Nach einer Langzeitstudie des Londoner University College wurden 10000 britische Beamten über mehrere Jahre Intelligenztests unterzogen. Die besten Ergebnisse erzielten diejenigen, die pro Tage ine halbe Flasche Wein tranken. Die Forscher erklären sich dieses Phänomen damit, dass der Wein den Blutfluss im Gehirn erhöht, woraus letztendlich die bessere Denkfähigkeit resultieren könnte.

Beugt Wein Depressionen vor?

Im Rahmen einer Studie über mediterrane Ernährung und den Einfluss auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit, fanden spanische Forscher heraus, dass 5 bis 15 g Alkohol täglich, ein um 28 Prozent geringeres Risiko mit sich bringen, depressiv zu werden. In der siebenjährigen Beobachtung von 5505 Teilnehmern hatten diejenigen ein höheres Risiko an Depressionen zu erkranken, die keinen Alkohol tranken oder nur in vernünftigen Mengen konsumierten. Da es sich um eine spanische Studie handelte, wurde in erster Linie Wein getrunken. Als Nebeneffekt ermöglichte die Studie den Wissenschaftlern, gezielt die Auswirkungen des Weins auf die psychische Gesundheit zu erforschen. Wer zu Beginn regelmäßig zwei bis sieben Gläser Wein pro Woche trank, hatte ein um 32 Prozent verringertes Risiko – verglichen mit den Anti-Alkoholikern. Die Analyse der wiederholten Befragungen ergab auch eine Verstärkung des Effektes: Wer im gesamten Studienverlauf zwei bis sieben Gläser Wein pro Woche trank, wies ein um 43 Prozent verringertes Risiko für Depressionen auf.

Was raten Experten?

 Ernährungswissenschaftler empfehlen ein moderates Glas am Tag im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung. Trinkt man mehr, hebt der Alkohol die positive Wirkung aber wieder auf. Empfohlen wird für Männer maximal 20 g Alkohol pro Tag (0,25 ml Wein). Für Frauen nur die Hälfte.

Schlusssatz noch einmal  Professor Spiegelhalter: „Es gibt Dinge, die sollte man definitiv nicht tun. Motorrad fahren ohne Helm zum Beispiel oder Alkohol in großen Mengen trinken..“

Eine Hochzeit mit Traminer

Unlängst gab es Quarkkäulchen. Dazu einen Traminer – das war eine echt sächsische Hochzeit.  Habe ständig an meine Oma denken müssen. Die wäre dieses Jahr 117 Jahre alt geworden, ist aber leider schon vor 30 Jahren gestorben. Sie hat die besten Quarkkäulchen der Welt gemacht – und in ihrem Leben gerne warmes Bier und Wermuth getrunken. Aber nie einen Traminer, leider…

Unerreicht

Oma Johanne
Oma Johanne

Ich sehe es noch genau vor mir, wie meine Oma Quarkkäulchen (manchmal auch Quarkkeulchen geschrieben) gebraten hat, obwohl das über 50 Jahre her ist. Der ganze Küchentisch war mit Mehl bestäubt, darauf wurde ein Teig geknetet, dieser zu einer Rolle geformt, davon dann Scheiben abgeschnitten und die kamen dann in die Pfanne. Diese kleinen flachen Klößchen, eine echte sächsische Spezialität, waren ihr Meisterstück. Niemand konnte sie so gut wie sie. Außen knusprig golden gebraten, innen weich, schön quarkig. Gerne wurden sie mit Apfelmus gegessen, ich mochte sie pur mit Zucker und Zimt berieselt am liebsten. Wir Kinder haben diese „Quarkkließ“, so werden die Quarkkäulchen im tiefen Erzgebirge genannt, geliebt und nicht selten ein Wettessen veranstaltet, wer die meisten schafft, sechs, sieben, acht … Als die Oma gestorben war, war es mit herrlichen Quarkkäulchen vorbei. Es gab kein Rezept, niemand hat sie je nach dem Geheimnis gefragt, niemand brachte sie auch nur in annähernder Qualität zustande. Nicht einmal die beste Köchin der Welt.

Manchmal fast Pappe

Die Suche nach dem Geschmack der Kindheit ist eine komplizierte und oftmals frustrierende Angelegenheit. Es ist nicht so, dass es Quarkkäulchen nicht gibt. In vielen Restaurants in Sachsen stehen sie als Dessert auf der Karte.  Doch die meisten sind nur ein müder Versuch, nicht der Rede wert. Sie sind zu fest oder zu wenig gebraten oder schmecken gar nicht nach Quark, sondern nach Pappe. Manchmal kommt auch alles zusammen. Da bleibt nur der Trost beim passenden Wein, doch dazu gleich.

Rezept entdeckt

Quarkkäulchen

In einem ziemlich zerfledderten Kochbuch aus dem Jahr 1980 habe ich ein Rezept gefunden, das Omas Quarkkäulchen ziemlich nahe kommt. Kartoffeln und Quark (für Österreicher: Topfen) müssen besorgt werden, der Rest ist in der Regel vorrätig. Die Kartoffeln sollten schon am Vortag gekocht werden. Diese dann reiben, mit Quark, Mehl, Ei und den Gewürzen zu einem Teig verarbeiten. Der sollte nicht zu feucht sein, das ist die Kunst!, bei Bedarf noch etwas Mehl nachgeben. Schließlich noch die Rosinen untermengen. Den Teig zu einer Rolle formen, etwa 1,5 Zentimeter dicke Scheiben abschneiden, die in Mehl wälzen und in heißem Fett auf beiden Seiten goldbraun braten. Mit einer Zimt-Zucker-Mischung bestreuen und genießen. Das geht sehr gut mit Apfelmus oder diversem Kompott oder Eis oder auch nur so.

Rettung Traminer

Traminer Spätlese
Drei Herren

Die fehlenden drei Prozent zur Qualität von Omas Quarkkäulchen muss jetzt der Wein wettmachen. Hervorragend passt ein Traminer, der sollte hübsch aromatisch, aber nicht zu süß sein. Da gibt es in Sachsen sehr schöne. Mir gefällt der Traminer Spätlese vom Weingut Drei Herren (wird übrigens von zwei Herren und einer Dame geführt, doch das ist ein andere Geschichte) in Radebeul bei Dresden sehr gut. Der hat den klassischen Rosenduft, schmeckt nach Passionsfrucht, Honig, auch ein Hauch Exotik ist erkennbar. Aber nie aufdringlich. Fast eine Liebesbeziehung zu den Quarkkäulchen, kulinarisch eine Hochzeit. Ein Muskateller, etwa aus der Steiermark, funktioniert auch ganz gut.
Das hätte sich die Oma wohl nie träumen lassen, ein Wein zu ihrem „Arme-Leute-Essen“. Aber geschmeckt hätte es ihr auch, ganz sicher.

Das Rezept

Die Zutaten (für 4 Personen)
500 g gekochte Kartoffeln
375 g Quark
150 g Mehl
65 g Zucker
2 Eier
Salz
etwas geriebene Zitronenschale
50 g Rosinen


Wein-Gespräch: Albert Darboven

Albert „Addi“ Darboven, geboren 1936, ist geschäftsführender Inhaber  des Kaffeehandelshauses J.J. Darboven – und ein bekennender Weinfreund. Ein Treffen bei einem Reitsportturnier in Leipzig bot eine gute Gelegenheit, mit dem Kaffee-König über Wein zu plaudern.

Was haben Kaffee und Wein gemeinsam?

Es ist purer Genuss! Dabei ist Wein wahrscheinlich eine noch ältere Kultur als Kaffee. Aber er ist genau so ein köstliches Produkt wie Kaffee. Nur – zu viel Wein könnte teilweise ihre Identität ein bisschen verändern. Aber wenn sie einen Eimer voll Kaffee trinken, passiert gar nichts. Sie müssen dann vielleicht mal öfter auf die Toilette. 

Sie testen fast täglich Kaffee. Läuft das genauso wie beim Wein? 

Im Prinzip ja. Ich teste tatsächlich jeden Tag Kaffee, bringe ihn im Gaumen mit Sauerstoff in Verbindung. Also genauso, wie auch beim Wein. 

Was entkorken Sie am Abend? 

Gerne mal einen Rotwein, aber der muss auf alle Fälle trocken sein. Aber auch die Weißen mag ich gern. Und gerne trinke ich auch Champagner. Und was heißt Abend? Manchmal probiere ich auch schon mittags, ab 12 Uhr ist es ja erlaubt. Oder?

Was wird an einem besonderen Anlass getrunken? 

Ein Dom Perignon kann es da schon sein.

Die Branche diskutiert darüber, was besser ist: Schraub-, Glas- oder Kork-Verschluss. Was ist Ihre Meinung?

Da bin ich ganz und gar Traditionalist: Kork! 

Gibt es einen Wein, den Sie nie vergessen werden? 

Ja, ein Riesling von Maximin Grünhäuser, wohl eine Auslese, ein Süßwein. Den habe ich als junger Mann getrunken. Ich fand ihn umwerfend, ein echtes Erlebnis.  Das würde ich heute nicht mehr trinken, wäre mir zu süß. 

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?

Mit netten Menschen. Das muss kein Prominenter sein.

Was ist für Sie ein  perfekter Wein? 

Er muss würzig sein, und vor allem trocken. Wobei trocken bei einem Getränk ja wirklich sehr komisch klingt. Vor allem aber muss der Wein schmecken. 

Foto: Christian Modla

Gambero Rosso in Berlin – die Roten

Der kultige italienische Weinführer Gambero Rosso präsentierte in Berlin seine 2019-er Ausgabe. Wer den Gambero Rosso nicht kennt: Verschiedene Jurys testen in Blindverkostungen alljährlich mehr als 45.000 Weine Italiens und urteilen nach folgender Bewertungsskala: 1 Glas (bicchiere) steht für gute Weine, 2 Gläser verweisen auf sehr gute bis ausgezeichnete Weine und 3 Gläser schließlich krönen die herausragenden Tropfen. Die Ausgabe 2019 bewertet 2485 Weingüter und mehr als 22.000 Weine.
Erfreulicherweise haben die Signore e Signori vom Gambero nach Berlin einige Winzer mitgebracht – und die ihre Weine. Versteht sich von selbst, dass das Gläser-prämierte Weine waren. Habe mich also quer durch Italien verkosten können – mit dieser Idee:  HINTERHER in den Gambero Rosso schauen und die Bewertungen mit den eigenen zu vergleichen. Die interessantesten Weine – nach den Weißen nun die Roten. Eine nicht ganz leichte Aufgabe. 

Differenzen beim Barolo

Angekommen im Piemont. Beginne sachte mit der „Alltagstraube“ Barbera. Vicara  aus Rosignano Monferrato  hat drei Barbera an Bord: Barbera del Monferrato to Volpuva ’17, Barbera del Monferrato Cantico della Crosia ’15 und Barbera del Monferrato Cascina  Rocca  ’16 – alle bekommen vom Gambero 2 Gläser. Von mir ebenso, auch wenn der Cantico della Crosia leicht abfällt. Broccardo aus Monforte d’Alba stellt den 2016er Barbera d’Alba la Martina ( 2 Gambero-Gläser) vor. La Martina muss sein,  in seiner Weichheit und Saftigkeit ist er ein feines Beispiel für Barbera, bin geneigt, 3 Gläser zu vergeben. Differenzen, nur andersrum, beim Langhe Nebbiolo Il Gio Pi ’16 von Broccardo: Finde ihn gut, aber die Begeisterung fehlt, macht 1 Glas. Der Gambero gibt 2.

Unterschiedlich auch die Urteile zu den Barolos, wo es zuletzt feine Sachen zu entdecken gab. Hier das Urteil etwas gespaltener: Der Barolo Bricco San Pietro aus dem schwierigen 2014-er Jahrgang von Broccardo verdient gewiss 3 Gläser, auch wenn der wohl erst in sechs, sieben Jahren seine volle Reife hat. Der Gambero verteilt 2. Beim Barolo Cannubi von Marchesi di Barolo, auch aus 2014, ist es andersrum. Bei mir steht ein „okay“, mehr nicht, macht 2 Gläser; die Tester des Gambero vergeben Höchstwertung  3 Gläser.

Chianti, wir werden keine Freunde

Nun in die Toskana. Nach den 19 verkosteten Toskanern scheint endgültig klar, dass beim Thema Rotwein die Gambero-Verkoster  anders ticken oder schmecken als ich. Der Gambero-3-Gläser  Morellino di Scansano Ris. ’15 von der Fattoria Le Pupille bekommt von mir 1 Glas, der Chianti Fortebraccio  ’15 von der Tenuta Moriniello hat im Gambero 2 Gläser, bei mir ist 1 Glas notiert.  Der Brunello die Montalcino ’14 (Jahrgang!) von Ridolfi hat mir gar nicht gefallen. Mit den Chianti tue ich mich immer schwerer. Die Einzigartigkeit, die einen Chianti noch bis in die späten1990er Jahre unverwechselbar gemacht hat, ist kaum noch zu finden. Scheint so, dass er immer mehr auf gefällig gemacht wird – Stichwort Weltweingeschmack.  Immerhin: Finde den Chianti Colli Fiorentini ’16 von Lanciola gelungen, der bekommt 2 Gläser, wie im Gambero auch. Die beiden anderen Weine von Lanciola – der 16er Chiantio Classico Le Masse di Greve und der Terricci ’11 (eine Sangiovese-Merlot-Cuvée) –  werden im Weinführer mit 2 Gläsern gewürdigt, bei mir gibt’s jeweils nur 1. Von den vorgestellten Toskanern ist der Il Gobbo Nero ’15  von der Tenuta Moriniello aufgefallen, ein 18 Monate im Holzfass gereifter Syrah. Noch ein Baby zwar, aber ein richtig propperes. Vergebe generös 3 Gläser, vom Gambero kommen 2.

Spannender Süden

Im Süden wird es interessanter. Für einen Freund autochthoner Rebsorten sind die Marken, Apulien, Kalabrien, Basilicata  und Co. ein Dorado. Da ist zuerst der Pergola Aleatico Ortaia ’16 von Terracruda aus dem Marken ins Auge, pardon, in den Gaumen gesprungen. Aleatico ist eine autochthone Rebe und recht selten. Der Wein ist denn auch kein Mainstream-Tropfen – blumig fruchtig, frisch, ein Hauch Süße – bei 0 Gramm Restzucker. Trage 2  Gläser ein, Tendenz zur 3 – der Gambero sagt 2.  Velenosi hat den mit 3 Gambero-Gläsern bewerteten 15er Rosso Piceno Roggio del Filare dabei. Kann man so sehen, ich gebe 2plus.  Die Cuvée Offida Rosso Ludi ’15 bekommt 2, auch im dicken Buch von den Italienern. Aus Umbrien kommt F.illi Pardi. Der 14er Montefalco Sagrantino Sagrantino (doppelt weil aus Einzellage) bringt es im Gambero Rosso auf 3 Gläser – bei mir auch. Ein klasse Wein, individuell, charismatisch. Sagrantino ist auch eine spannende autochthone Rebe, immer ein Gewinn. Der „einfache“ 14er Montefalco Sagrantino von F.illi Pardi steht seinem edleren Bruder nur wenig nach: 2/2.

Blockbuster und mehr

Manchmal neigen die Weingüter im Streben nach Originellen aber zur Übertreibung.  Casale del Giglio aus dem Latium präsentiert Mater Matura ’15, eine Syrah-Petit-Verdot-Cuvée, 24 Monate (!) im Barrique gereift. Ein absoluter Blockbuster. Allerdings schon jetzt trinkbar, aber mit noch langem Leben. 2 Gläser vom Gambero, 2 von mir, wegen der günstigen Lebens-Perspektive des Weins.  Der 16er Cesanese vom gleichen Gut gefällt auch gut (2), im Gambero wird der nicht erwähnt. Nicht ganz so euphorisch wie die italienischen Tester bin ich beim Montepluciano d’Abruzzo Vig. die Sant’Eusanio ’16 von Valle Reale. Die vergeben 3 Gläser, ich nur 1. Weil? Habe schon mehrere bessere Montepluciano getrunken. 

Basilikata und Apulien stark 

Cantine del Notaio in der Basilikata hat Aglianico del Vulture im Gepäck. Die Sorte ist ein regionaler Star und auch mein Ding. 3 Gläser vergibt der Weinführer für den Aglianico del Vulture Il Repertorio ’16. Ein schöner Wein, aber mir fehlt die allerletzte Begeisterung, also nur 2. Finde den  Aglianico del Vulture Il Sigillo 2012 fast eindrucksvoller – 2 Gläser hier und da. Doch der Wein ist eigentlich noch gar nicht fair zu  bewerten. Die Trauben wurden 2012  Ende Dezember gelesen, Reife dann zwei Jahre im Barrique und zwei Jahre in der Fasche. Ein Baby noch – wir sehen uns in 10, 15 Jahren wieder.
Apulien boomt schon seit Jahren, kein Wunder. 3 Gläser für den 16er Primitivo di Manduria Zinfandel Sinfarosa Terra Nera von Felline sind gerechtfertigt. Klasse auch der Castel del Monte V.Pedale Riserva ’15 von Torrevento – 3 Gläser beiderseits. Der Castel del Monte Nero di Troia ’14 auch von Torrevento steht dem kaum nach – 2 Gläser im Gambero, 3 bei mir.
Jetzt gibt es zu oft 3 Gläser – Finito.

Gambero Rosso in Berlin – die Weißen

Der kultige italienische Weinführer Gambero Rosso präsentierte in Berlin seine 2019-er Ausgabe. Wer den Gambero Rosso nicht kennt: Verschiedene Jurys testen in Blindverkostungen alljährlich mehr als 45.000 Weine Italiens und urteilen nach folgender Bewertungsskala: 1 Glas (bicchiere) steht für gute Weine, 2 Gläser verweisen auf sehr gute bis ausgezeichnete Weine und 3 Gläser schließlich krönen die herausragenden Tropfen. Die Ausgabe 2019 bewertet 2485 Weingüter und über 22.000 Weine.
Erfreulicherweise haben die Signore e Signori vom Gambero nach Berlin einige Winzer mitgebracht. Habe mich also quer durch Italien verkosten können – mit dieser Idee: Die eigenen Bewertungen HINTERHER (!) mit denen im Gambero Rosso zu vergleichen. Die interessantesten Weine, zunächst die Weißen:

Start im Norden

Beginn mit Spumante, beim Trentino-Flaggschiff Ferrari. Und besser als mit dem Ferrari Perlè Bianco Riserva 2009 hätte es nicht losgehen können: Bin fast geneigt zu 3 Gläsern, aber die ersten Weine haben bei Tastings immer einen Vorteil, vergebe also 2 Gläser mit den Tendenz nach oben. Gambero Rosso: auch 2 Gläser.   Extra Brut Lunelli Ris. ’09.
Weiter nach Venetien. Dort gibt’s auch passable Sekte, von der Kellerei Conte Collalto zum Beispiel. Den Conegliano Valdobbiadene Brut San Salvatore ’17 find ich gut: 2 Gläser, der Gambero gibt nur 1 Glas. Andersrum beim gefällig gemachten Conegliano Valdobbiadene Extra Dry Gaio ’17: 1 Glas bei mir, 2 im Gambero.  Die Kellerei I Campi bringt mich mit den soliden Weißweinen Soave Classico  Campo Vulgare (1 von mir/2 vom Gambero) und Lugana Campo Argilla (1/1) nicht um den Schlaf. Der Valpolicella Cup. Ripasso Campo Ciotoli ’16 bekommt vom Gambero 3 Gläser, von mir mit gutem Willen 2. Ich fremdle also weiter mit Valpolicella.  

Eine heimliche Liebe

Im Friaul hat es länger gedauert. Mehrere Top-Winzer waren vor Ort – und mit ihnen viele Top-Weine. Erfreulicherweise auch einige der autochthonen weißen Sorte Ribolla Gialla, eine heimlich Liebe. Dem Ribolla Gialla ’17 von Feudi di Romans gebe ich 2 Gläser, der Gambero nur 1. Der Ribolla Gialla Rjgialla ’17 von La Tunella scheint mir noch einen Tick besser, ich neige zu 3 Gläsern, der Gambero vergibt 2. Definitiv 3 Gläser bekommt der Ribolla di Oslavia Riserva ’15 von Primosic von mir, aber nur 2 vom Gambero. 

Friaul insgesamt top

Bewerte die Weine aus dem Friaul Relativ relativ euphorisch weiter hoch – der Gambero Rosso aber auch. Einigkeit herrscht bei der feinen Auswahl von Villa Russiz: Jeweils 3 Gläser für Chardonnay Gräfin de la Tour ’14, jeweils 2 für den Sauvignon de la Tour ’16 und den Pinot Grigio ’17. Ähnlich bei Jermann: 2 Gläser für den knackigen 17er Pinot Grigio und die Cuvée Vintage Tunina ’16. Beim W…Dreams (97% Chardonnay, die restlichen 3 Prozent sind „Betriebsgeheimnis“) von 2016 verteile ich 3 Gläser, der Gambero 2.
Kleine „Differenzen“ auch bei Primosic: Mein Favorit ist der Ribolla Gialla, der Gambero Rosso aber gibt dem 15er Chardonnay Gmanje 3 Gläser, ich 2. Gleiches Urteil (2) aber bei der Cuvée Bianco Klin ’13. Weiter auseinander liegen wir bei La Tunella. Der Ribolla kommt bei mir wieder besser weg. Und statt 3 Gläser für den 16er Bianco Sesto vom Gambero gibt’s bei mir nur 1 Glas.  Einigkeit aber bei Vigneti Le Monde: 3 Gläser jeweils für den großartigen 17er Chardonnay. Der Unterschied beim Pinot Grigio ’17 (1 von mir, 2 Gambero) fällt nicht ins  Gewicht. Bei der Tenuta Luisa sind die 3 Gambero-Gläser für die Cuvée Desiderius I Ferretti ’16 absolut nachvollziehbar, bei den 2 Gläsern für den 17er Sauvignon kann ich dagegen nicht ganz mitgehen: 1 Glas von mir.

Weißer Star im Rotwein-Paradies

Jetzt ein paar hundert Kilometer gen Westen – ins Piemont. Wegen Barolo, Barbaresco & Co. ist das ein Rotwein-Paradies. Doch dort residieren auch weiße Stars, die gerne unterschätzt werden. Arneis zum Beispiel. Zwei feine Vertreter sind bei Pescaja aufgefallen: Den 18er Roero Arneis und der 17er M.to Solo Luna von über 40 Jahre alten Reben. Bin in beiden Fällen zu 3 Gläsern geneigt, der Gambero gibt beiden 2. Schade, dass andere Winzer aus dem Piemont keine Weißen dabei hatten. Wiederum auch kein Wunder, wer bei Barolo & Co. im Portfolio hat.

Zu den Roten demnächst auf diesem Kanal. 

P.S.: Weil von unterschätzten Rebsorten die Rede war: Vermentino gehört auch dazu. Schöne Vermentino kommen aus dem (weintechnisch) kleinen Gebiet Ligurien. In Berlin nur schmal vertreten, schade. Es hat sich doch gelohnt.  Sowohl der 17er Colli di Luna Vermentino Su. Boceda als auch der 17er Colli di Luna Vermentino Mortedo  von Zangani haben 2 Gläser bekommen – von mir und den Italienern. 

Eiswein-Lese bei Blutmond

Idyllischer (kitschiger?) geht es nicht. Bei Blutmond (Vollmond während einer totalen Kernschattenfinsternis) und klirrender Kälte wurde am 21. Januar von mehreren Winzern Eiswein gelesen. Mehrere Betriebe nutzten die frostigen Temperaturen. Bin gespannt, auf  wievielen Etiketten später der Hinweis „gelegenen bei Blutmond“ auftaucht…
Fakt ist, am Blutmond-Montag herrschte im nördlichsten Anbaugebiet Deutschlands Hochbetrieb. Gleich sieben Betriebe nutzten die Gunst der Stunde.

Reichlich Oechsle

Bei  minus zehn Grad Celsius haben 20 Mitarbeiter in der Lage Müncherodaer Himmelreich 400 Kilogramm Riesling gelesen. Die Lage „Müncherodaer Himmelreich“ gehört  zur Agrargenossenschaft Gleina, die Mitglied der Freyburger Winzervereinigung ist. Mit einem Mostgewicht von 172° Öchsle reift nun in der Winzervereinigung 120 Liter Eiswein heran. Mit 179° Öchsle erntete das Landesweingut Kloster Pforta am Pfortenser Köppelberg 200 Liter Riesling. Auch das Weingut Herzer in Roßbach (Weißburgunder, ca. 200 Liter, gut 185° Oechsle) sowie  Böhme & Töchter in Gleina (Riesling, 18 Liter, 168° Oechsle) waren am Montag bei Blutmond aktiv. 

Auch Thüringen aktiv

Auch in Thüringen nutzten die Winzer die frostigen Temperaturen. Das Weingut Wolfram Proppe erntete einen Cabernet Blanc mit 175° Öchsle und einen Kerner mit 186° Öchsle. Am Bad Sulzaer Sonnenberg freute sich das Thüringer Weingut Bad Sulza über 200 Liter mit 168° Öchsle vom Traminer. Satte 204° Öchsle beträgt das Mostgewicht der Muscaris-Beeren die  vom Thüringer Weingut Zahn im Kaatschner Dachsberg gelesen wurden.

Fotos: Henri Müller

Bisher kaum Gelegenheit 

Bisher war nur wenigen Winzern in Deutschland ist in diesem Winter eine Eiswein-Lese gelungen. Bekannt sind Aktivitäten aus Baden, Nahe und Saale-Unstrut.  Den Auftakt machte am 28. November 2018 das Weingut Born in Höhnstedt.  An der Nahe (Weingut Lorenz Keller in Klettgau-Erzingen) wurde  am 3. Januar 2019 bei Frosttemperaturen gefrorene Trauben vom Spätburgunder geerntet.

Crashkurs Eiswein

Für die Herstellung von Eiswein werden überreife, gefrorene Trauben gelesen mit einem Mindest-Mostgewicht von 125° Öchsle. Die Lese muss bei einer Temperatur von mindestens – 7 °C erfolgen und die Trauben müssen gefroren gepresst werden. Für die Eisweinlese ist Dauerfrost an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ideal. Das in den Beeren enthaltene Wasser kristallisiert bei Minusgraden aus. Nur der in den Trauben enthaltene Zucker bindet nicht kristallisiertes Wasser sowie die enthaltenen Fruchtsäuren. Die Kälte sorgt so für einen sehr konzentrierten Saft mit intensiven Aromen.

Saale-Unstrut reif

Zuletzt wurde auf dem Blog über die 2018er Jungweine von Saale-Unstrut berichtet, die Wein-Babys. In einer überaus spannenden Verkostung waren nun die Senioren dran: Reife Weine von Saale-Unstrut aus den Jahrgängen 2003 bis 2007.

Zu reif?

Über dem Sechser-Gremium schwebten viele Fragen: Sind die Weine überhaupt noch trinkbar? Sind sie zu reif? Zu blass? Oder ganz hinüber, was bei einem über 15 Jahre alten Müller-Thurgau absolut kein Wunder wäre. Die Antworten haben uns doch überrascht.

Überraschungen

Überraschung 1: Kein Wein war verdorben und nicht mehr trinkbar. War so nicht erwartet worden. Dass nicht alle Weine noch größten Genuss boten, war freilich klar.
Überraschung 2: Einige Tropfen waren großartig – wir haben offenbar den ideale Zeitpunkt erwischt. Zum Beispiel: Der 2007er Riesling feinherb von Gussek. Die 2005er Traminer Spätlese von Pawis. Die 2007er Traminer Spätlese von Böhme. Eine Kerner Auslese 2006 von Gussek.  Bestform nach über 10 Jahren? Hätte auch keiner gedacht. Wer sowas noch im Keller hat: JETZT trinken, perfekt.
Überraschung 3: Dem einzigen Rotwein im Feld, T&M 2004 von Böhme und Töchter, wurde viel zugetraut, weil im Barrique gereift. Der Wein hat mir vor 10 Jahren richtig gut gefallen und auch beim letzten Test vor 7 Jahren noch Potenzial verraten. Doch jetzt war der Wein eine Enttäuschung. Bester Zeitpunkt verpasst. 

Die probierten Weine

Müller Thurgau QbA 2003, Weingut Pawis – Durchaus noch trinkbar, aber mit wenig Genuss. Nicht mehr als Müller Thurgau erkennbar.
Riesling QbA feinherb 2007, Winzerhof Gussek – Dunkelgelb, riecht nicht mehr wirklich gut, schmeckt aber umso besser. Schöner Firn, schöne Restsüße, Honig; groß.
Riesling Kabinett Großjenaer Blütengrund 2003, Weingut Pawis – Goldfarben, Zitrus pur, keine Frucht mehr, viel Firn. Etwas für Liebhbaber firniger Weine.
Riesling Spätlese 2004, Weingut Pawis – Dunkles orange, Nase okay, bricht aber ganz schnell weg. Aprikose, Akazie und ein paar weniger appetitliche Assoziationen.
Weißer Burgunder Kabinett 2005, Weingut Pawis – Hellbraun, rostfarben, ist sichtbar oxidiert. Nase aber besser. Trocken, nach Bratapfel, gekochten Früchten, interessanter Bitterton. Aber irgendwas fehlt.
Weißburgunder Spätlese Kaatschener Dachsberg 2007, Winzerhof Gussek – Farbe tolles Gold, schöne Süße, leichter, schmeichelhafter Firn.  Schöner Wein beim Schwelgen von guten alten Zeiten.
Weißburgunder Spätlese Dorndorfer Rappental 2003, Weingut Böhme – Dunkles Gelb, Böckser? Sind uns uneinig. Eher schwierig, nicht mehr der große Genuss.
Traminer Spätlese Freyburger Edelacker 2005, Weingut Pawis – Bernstein-, Whisky-Farbe, fast wie ein Tokajer. Viel Würde, reif, schöner Firn. Fertig, voll da, großes Trinkvergnügen.
Traminer Spätlese Dorndorfer Rappental 2007, Weingut Böhme Wirkt gar nicht alt, hat im Gegenteil eine erstaunliche Frische. Und auch schöne Süße. Eigentlich rund, allerdings für manche ein bisschen langweilig.
Kerner Auslese 90-60-90 2006, Winzerhof Gussek – Topfit! Barock im Glas, feine Frische, tolles Tröpfchen, großartig. Besser als beim letzten Test vor 5 Jahren.
T & M 2004, Böhme und Töchter Einer der ersten Cabernet Dorsa/Cabernet Dorio-Cuvée aus dem Hause Böhme/Gleina. Gereift im Barrique. Jetzt eine Enttäuschung. Nicht mehr ganz rund, nicht mehr schön, nicht lebendig, aber auch noch nicht tot.

Die ersten 2018er im Test

Wolf-Dietrich Balzereit

Wie sind sie denn gelungen, die Weine des mit viel Vorschusslorbeer bedachten Jahrgangs 2018?  Im Dezember 2018 war Gelegenheit, die ersten 2018er im Test kennenzulernen.  Eine Jungweinprobe im wahrsten Sinn. Immerhin 64 Weine aus Saale-Unstrut, Deutschlands nördlichstem Weinanbaugebiet, standen auf den Tischen bei der Jungwein-Verkostung. Für den Weinbeobachter getestet hat Wolf-Dietrich Balzereit, ein ausgewiesener Saale-Unstrut-Experte. Sein Urteil: „Ein gutes Feld mit zarten Spitzen“ heißt es im Naumburger Tageblatt, in dem der Report zuerst erschienen ist.  

Üppige Öchsle-Werte 

Sieben Mal stand Gutedel auf der Flasche, und der überzeugte bei allen beteiligten Gütern. Dennoch lag das Thüringer Weingut Bad Sulza (TWG) vorn, dicht gefolgt von Klaus Böhme und Seeliger sowie dem Weingut Köhler-Wölbling. Auch beim Müller-Thurgau – mit neun Abfüllungen Platz eins auf der Sortenliste – war das TWG vorn dabei. Pawis und Johannes Beyer sind ebenfalls positiv in einem sehr guten Feld aufgefallen. Gastgeber Herzer war gleich mit zwei Weinen dabei, einem „normalen“ und typischen Müller sowie einer überzeugenden Spätlese, die als Tankprobe auf den Tisch kam. 

Jahrgangsdiskussion 

Die beiden Silvaner setzten dann eine Jahrgangsdiskussion in Gang. Denn Pawis schickt seinen mit immerhin 14 Prozent Alkohol auf die Reise. Der heiße Sommer bescherte den Beeren üppige Zuckerwerte, die ja die Lese gleich vier bis sechs Wochen früher einforderten. Der Silvaner von Herzer ist mit 12,5 Prozent ausgewiesen. Öchsle-Werte um 100 Grad für Silvaner schrauben die Alkoholwerte eben nach oben und fordern den Kellermeister.
Die fünf Weißburgunder entpuppten sich als zurückhaltend. Die Runde entschied sich mehrheitlich für den von Klaus Böhme als Favoriten, aber auch Pawis und Dr. Hage gefielen. Beim Grauburgunder (drei) stach Herzer hervor. Dieser Rebsorte bekommen höhere Alkoholwerte (13, 14 Prozent) offenbar besser. Eines der Highlights des Abends war der Auxerrois von Wolfram Proppes Golmsdorfer Gleisburg, der fast einhellig als „genial“ klas- sifiziert wurde. 

Sauvignon angekommen

In den letzten Jahren hat sich mit dem Sauvignon Blanc (zwei) eine der internationalen Rebsorten auch an Saale-Unstrut breit gemacht. Offenbar geht das Konzept auch jung abgefüllt auf. Borns durchgegorene Tankprobe gefiel dabei einen Frucht-Hauch besser als der halbtrockene von Thürkind. Beim Cabernet Blanc (Tankprobe) sorgte nur der Gastgeber für ein 2018er Exemplar. Dieses überzeugte im Geschmacksbild irgendwo zwischen den im Gebiet in den Vorjahren präsentierten meist trockenen und denen mit deutlicher Restsüße ausgestatteten Exemplaren. 

Einige brauchen noch Zeit

Sehr gelungen das Bacchus-Feld (sieben): Klaus Böhme, Pawis, Herzer, Zahn und Schulze voran. Kerner und Kernling (drei) brauchen noch Zeit. Schulzes Johanniter Spätlese ist dagegen schon sehr präsent. Beyers Scheurebe war handwerklich top. Bei den Traminern stach, mal wieder, Schulze hervor. Schon jetzt ein absolutes und rares Vergnügen bereitet der Muscat Ottonel vom TWG. Beim Ortega stellte Dr. Hage eine schon sehr komplexe Spätlese vor. Herzer machte mit der Fassprobe einer Trockenbeerenauslese Lust auf das ausgereifte Produkt. 

Starker Auftritt der Rosés 

Wie schon in den Vorjahren stellten die hellen Tropfen aus dunklen Trauben ein sehr großes Feld. Sie sind offenbar von sommer-warmen Terrassen nicht mehr wegzudenken, sondern gehören zunehmend auch in Herbst und Winter. Insgesamt 14 nach verschiedenen Methoden erzeugte Weine, meist in Rosa, standen diesmal auf der Liste. Dabei zwei Blanc de Noir. Der sehr runde von der Winzervereinigung und ein würziger vom Blauen Zweigelt aus dem Hause Zahn lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Bei den Rosés landete Thürkinds Portugieser weit vorn, aber auch Born, Heft, Klaus Böhme, Werkstück Weimar, Zahns „Passion Z“ sowie deren Zweigelt Weißherbst und Herzers Spezialität, der André – da ist sehr viel Erfreuliches auf dem Markt. 

Erstaunlich auch die drei Rotlinge. Gelungen – wie stets – Pawis „Rosalie“. Diesmal allerdings übertrumpft von Johannes Beyer, der diese Methode seit Jahren kultiviert. 

Weine für die Feiertage

An den bevorstehende Feiertagen müssen besondere Weine ins Glas. Erst recht bei einem aus dem Weihnachtsland Erzgebirge stammenden Weihnachts-Fan. Im Marketing-Sprech der Branche ist von „Weinnacht“ die Rede. Trifft es. Habe vor einem Jahr Weine für die Feiertage 2017 vorgestellt, fast 2500 Leute fanden das interessant. Und schon kamen die ersten Anfragen: Was gibt es 2018?
Meine Strategie hat sich nicht geändert. Es werden an den bevorstehenden Feiertagen wieder die Weine getrunken, die mit einer besonderen Geschichte verbunden sind oder die einfach neugierig gemacht haben. Dass diese Weine auch qualitativ weit oben stehen (sollten), versteht sich von selbst.
Das sind die Weine für die Feiertage 2018:

Sherry Tio Pepe Fino En Rama, Gonzáles Byass, Spanien

Dieser Tio Pepe Fino ist mir bei einem Sherry-Tasting  aufgefallen und danach ist gleich eine Batterie in den Keller gewandert. Dieses  Mandel-Aroma, Haselnuss, die leichte Salzigkeit, überhaupt vielerlei Aromen, dazu die Frische: Ja, der hat was. Wird der Aperitif vor dem Weihnachtsessen – seit mehr als  50 Jahren ganz klassisch Gänsebraten. Der amerikanische Dramatiker Thomas S. Elliot bringt es auf den Punkt: „Alles, was ein zivilisierter Mensch braucht, sind ein oder zwei Glas Sherry vor dem Essen.“ Machen wir.

Traminer vom Julius-Echter-Berg, Johann Ruck, Franken

Aus Franken kommen Weltklasse-Silvaner. Johann Ruck in Iphofen ist eine sichere Bank. Doch auf der berühmten Lage Julius-Echter-Berg wächst nicht nur Silvaner, sondern auch Traminer. Und der ist würzig, kernig, richtig schön. Steht übrigens auch bei Sterne-Köchen auf der Karte. Einen Traminer von Johann Ruck gibt’s zum weihnachtlichen Gänsebraten. Nach vielen, vielen Experimenten hat sich ganz persönlich der Traminer/Gewürztraminer als perfekte Begleitung  herausgestellt. Auch Sterne-Köche liegen manchmal richtig. 

Sausenheimer Honigsack St. Laurent, Weingut Gaul, Pfalz

War die Entdeckung bei Wein am Dom 2018 in Speyer. Nochmal in Ruhe: St.Laurent! Eigentlich österreichisches Herrschaftsgebiet. Aber die Ösis werden blass, dieser Pfälzer ist ganz groß.  Zitiere aus den Notizen vom April: Perfekt balanciert, Gewürze, Zedernholz, immer neue Aromen, jeder Schluck eine Entdeckungsreise. Kommt an einem der Weihnachtstage auf den Tisch. Das Weingut Gaul in Grünstadt-Sausenheim, 19 Hektar, ist ein reiner Frauenbetrieb: Karolin Gaul führt ihn zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Dorothee. Habe Gaul 2015 entdeckt, nehme mir seither jedes Jahr vor, mal hinzufahren. Vielleicht klappt es 2019. 

Shiraz Reserve, Kitron Winery, Israel

Noch immer allerbeste Erinnerungen vom Besuch im Mai in der Kitron Winery. Das Weingut in Hosha’Aya mit Blick auf das historische Zippori ist noch ganz jung (erst 2017 fertiggestellt), hochmodern, stylisch, mit spannenden Weinen. Beim Shiraz 2010 sind die Trauben auf 800 Metern Höhe in Hochgaliläa gewachsen, dann 30 Monate in Eichenholzfässern gereift. Zu früh? Vielleicht, aber auf jeden Fall ein Fest für Shiraz-Fans wie Madame einer ist – Happy Wife, Happy Life. Mir schmeckt er auch. Leider nur eine Flasche im Keller (wegen teuer + Flugzeug). 

Belle Naturelle, Weingut Sonnhof Jurtschitsch, Kamptal

Habe mich lange schwer getan mit Orange-Weinen. Ändert sich seit einiger Zeit komplett, werde mehr und mehr Fan. Der Belle Naturelle vom Veltliner verspricht auf dem Etikett „ungeschminkt, ungeschönt, unfiltriert“, klingt schon mal spannend. Sogar von „Adam und Eva Kostüm“ ist die Rede, oh, là, là. Habe den Wein noch nicht probiert, das wird spannend. Ein Reinfall droht kaum.  Jurtschitsch ist eine gute Adresse in Österreich, konnte mich davon persönlich überzeugen. Den Belle Naturelle gibt’s Silvester. 

Sherry Sherry Lady 

Karoline Köster

Nachdem vor allem Österreich mich zu meinem letzten Termin als Vertretung des Weinbeobachters gezogen hat, ist es dieses Mal tatsächlich der Wein, der meine Neugier weckte. Ein ganz besonderer Wein, nämlich Sherry, den ich sowieso schon lieber trinke als die meisten klassischen Weißweine.
Wie harmoniert Sherry zu, ganz profan – Essen? Ein hervorragendes Dinner rund um die Kreuzberger Ente mit sorgfältig ausgewählten Sherry Weinen gab Antwort.
Dass „Kreuzberger Ente“ tatsächlich ein Begriff ist, wusste ich bis dato nicht, habe mir aber erschlossen, dass es wie bei einer Peking-Ente darum geht, alle Teile oder in der Berliner Variante möglichst viele Teile der Ente für die verschiedenen Teile des Menüs zu verwenden. Die Küche des Orania.Berlin rühmt sich in Sachen Kreuzberger Ente besonders damit, für ein Gericht nur drei Zutaten zu verwenden und trotzdem ganz besondere und extravagante Kreationen zu servieren. Aber es soll hier weniger um das Essen gehen, mehr um den Wein, den Sherry. 

Funktioniert bestens 

Ich nehme gleich die Haupterkenntnis des Abends vorweg: Sherry ist eine hervorragende Wahl bei sehr würzigen und fettig-salzigen Speisen. Gerade jetzt in der Winter-, Advents- und Weihnachtszeit, wenn der Weinfreund sich fragt, welchen Wein er zum Gänsebraten oder zur Ente am Besten serviert, dann kann er sich von den üblichen Verdächtigen getrost mal abwenden und zum Sherry-Vorrat greifen. Den man unbedingt haben sollte.
Zum Gegessenen und Getrunkenen des Abends lässt sich sehr viel sagen, ich beschränke mich auf drei von fünf Gängen, die mir drei sehr unterschiedliche Sherrlebnisse (genauso nennt man es) gebracht haben.  

Entendashi & Dim Sum mit Amontillado 

… vom Consejo Regulador Jerez-Xérès-Sherry

César Saldaña

Gleich das Highlight des Abends. Nein, nicht nur der Sherry selbst, sondern César Saldaña, der Generaldirektor des Sherry-Kontrollrates (so verstehe ich Consejo Regulador), der Sherry prüft und natürlich auch produziert. César Saldaña ist ein Spanier aus der Genussmittelbranche, wie man ihn sich vorstellt. Gutaussehend, galant, charmant, mit feinem Humor und immer einem verschmitzten Lächeln in den Augen. Und natürlich leidenschaftlicher Botschafter für Sherry Weine. Man hört ihm gern zu, wenn er mit herrlichem spanischen Akzent über die Weine philosophiert. Und man lässt sich von ihm gern in den Sherry-Genuss hineinführen. 

Das habe ich auch getan und gleich bei diesem Gang (meinem ersten) kam die Offenbarung. Wie unheimlich köstlich schmeckt sowieso schon dieses Entendashi, ich vermute, es handelte sich um Innereien und Knochen ausgekocht zu einem sehr salzigem, sehr würzigem, sehr asiatisch anmutendem Sud. Wie perfekt ist der Genuss in Kombination mit diesem Amontillado. Ein kleiner Ausflug in die Sherry-Kunde: Amontillado ist der intensivste, würzigste der trockenen Sherry-Typen. Im Alleingang wäre er mir zu trocken und zu stark gewesen, solo sind mir halbtrockene oder auch die trockensten von den Süßen am liebsten. Aber mit dem würzigen Entengericht ein echter Volltreffer. Innerlich vorgemerkt als Begleiter für die Weihnachtsgans. 

Krosse Haut, Gurke & Pfannkuchen mit Palo Cortado

… vom Consejo Regulador Jerez-Xérès-Sherry

Palo Cortado ist der würzigste von den süßen Sherrys. César Saldaña sagt, dieser Sherry sei mysteriös. Ich stimme ihm zu, eigentlich ist er schon süß. Aber dann irgendwie auch nicht, ein bisschen bitter im Nachgang und sonst stark im Geschmack und damit ist eben nicht die Süße gemeint. Solo eigentlich interessant, aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch das Gericht war natürlich sehr lecker, aber ein wenig zu viel von Allem. So viele Aromen (Ingwer, Gewürzgurke, Soja, Pflaume…) und dann so ein komplizierter Sherry – das war ein wenig zu wild. 

César Saldaña spricht derweil von den Eigenheiten des deutschen Marktes. Die Deutschen würden eher günstig statt hochwertig kaufen wollen, wobei der Trend der Sherry-Erzeuger – natürlich – eher in Richtung Qualität statt Menge gehe. Aber Sherry sei sowieso schwer zu verkaufen. Zudem gäbe es viele Fälschungen, besonders in den USA (drittgrößter Absatzmarkt für Sherry nach Großbritannien und den Niederlanden).

Brust, Pfeffer & Pak Choi mit Oloroso 

… von Rey Fernando de Castilla und von Gutiérres Colosia

Zum Fleisch bekommen wir zwei verschiedenen Oloroso serviert, wieder eine trockene Art. Ich schmecke nur sehr geringe Unterschiede zwischen den beiden Sherrys. Der Oloroso ist etwas beißend und leicht säuerlich. Solo nicht mein Geschmack, aber hier hat wieder das Essen geholfen. Die Entenbrust war etwas süßlich und das Pak Choi sauer angemacht. Der Sherry wurde dadurch leichter und angenehmer. Fand ich ganz gut. Hier auch passend der Tipp für Sherry-Newcomer vom Generaldirektor: Trinkt Sherry mit dem Essen zusammen. Für den Beginn Manzanilla mit Oliven, daran entscheidet sich, ob man zum Sherry-Freund wird oder nicht. Dann kann man mit Sherry zu Schmorgerichten weitermachen und letztendlich natürlich mit Desserts kombinieren. 

Auch asiatisch und orientalisch passt

Ich kann das nur bekräftigen und erweitern: Sherry mit asiatisch gewürztem Essen! Der geht einfach nicht unter, sondern kann sich gegen die starke Gewürzpalette behaupten. Wir haben es letztens ausprobiert: mit orientalischen Gewürzen kann der eine oder andere Sherry auch mithalten.
Zu guter Letzt noch eine Weisheit des galanten Sherry-Botschafters: Trinkt Sherry bloß nicht aus Sherry Gläsern! Warum? Antwort ist nicht notiert und nicht wichtig, macht es einfach so! Ich vertraue da ganz auf César Saldaña.