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Tee trinken mit Dirk Niepoort

Dirk Niepoort (geboren 1964) gilt als einer der innovativsten Weinmacher Portugals, wenn nicht gar Europas. Sein Vater, Rolf Eduard Niepoort, hat holländische Wurzeln. 1987 ist er in das Weingut der Familie eingestiegen und hat einen beispiellosen Umbruch begonnen. Bis dahin wurde ausschließlich Portwein erzeugt. Bald nach seinem Einstieg ergänzten Rot- und Weißweine das Portfolio. Redoma oder Batuta oder der weiße Coche sind inzwischen Spitzenmarken. Weltweit erfolgreich ist ein Douro-Rotwein, der je nach Markt unterschiedlich bezeichnet wird. Im deutschsprachigen Raum trägt er den Namen Fabelhaft.
Ich habe Dirk Niepoort auf der Portweinmesse getroffen, das spontane Gespräch war ein großes Vergnügen. Am Anfang ging es um Nat‘Cool, seine neue Idee. Dann kamen der Biotrend, stinkende Weine und Vorzüge der Literflasche zur Sprache. Natürlich war Portwein ein Thema. Am Ende tranken wir zusammen Tee.

Was bedeutet Nat‘Cool eigentlich?
Nat‘Cool ist ein Movement, eine Idee. Ziel ist es, Weine zu erzeugen, die einen niedrigen Alkoholgehalt haben, Terroir-fokussiert und mit möglichst wenigen Eingriffen in die Natur entstanden sind. Die Weine sollen Spaß machen und für Konsumenten leicht zugänglich sein. 

Also Natural Wine, im Trend …
Ich bin schon immer sehr affin mit Natural Wines, Natur, Bio, Biodynamik. Ich denke, wir müssen ein bisschen Respekt haben vor dem, was mit unserer Welt passiert. Bio ist für mich gar keine Frage, sondern selbstverständlich. Aber ich habe ein Problem mit gewissen Ideen, die extrem sind. Wenn man Naturweine macht nach dem Motto: Umso fehlerhafter der Wein ist, desto besser, umso mehr er stinkt, desto besser. Da gibt es irgendwo eine Grenze, wo ich sage: Ja, wir wollen die Welt schützen und was Gutes machen, aber nicht einfach Essig machen… Es geht darum, mit Leuten zu arbeiten, die positiv denken, nicht fundamentalistisch sind, aber grundsätzlich Bio sind oder in die Richtung gehen. 

Nat‘Cool beutetet immer Bio, oder?
Der Bio-Stempel, ist auch wieder so eine Sache, kann man alles in Frage stellen, Kupferverträglichkeit und so weiter… Deswegen gibt es die Idee, Weine zu machen, die Spaß machen, am liebsten in einer sehr leichten Literflasche. Weine zu machen die authentisch sind, typisch für die Gegend. Sie dürfen nicht perfekt sein, aber sie dürfen nicht fehlerhaft sein. Bei Nat‘Cool geht es nicht um Niepoort, es geht um Portugal, ja, aber es geht um noch viele andere Regionen, Málaga, Österreich…

Eine europäische Marke?
Weltweit. Argentinien, Chile, sogar Brasilien zeigt Interesse. Aber wir sind noch ganz am Anfang. Aber die Idee ist wirklich, weltweit eine Logik zu schaffen von Leuten, die wirklich was für unsere Welt machen wollen und Spaß haben am Wein. Und etwas authentisches zu machen, was das Terroir repräsentiert, etwas, was einfach sehr gut ist. Am liebsten in der Literflasche, aber das muss nicht sein.

Warum die Literflasche?
Die Literflasche ist eine ganz billige, leichte Flasche, die deshalb im Transport kein Problem ist. Aber klar, jeder kann machen was er will.

Nat‘Cool hat ja das Wort cool. Wie cool ist Port in der heutigen Zeit?
Portwein ist vielleicht nicht das coolste im Moment. Aber wir müssen doch nicht alle cool sein. Ich würde ja am liebsten sagen, Portwein sollte ein bisschen snobistisch werden. Das ist genau das Gegenteil von cool. Portwein ist für mich etwas Großartiges! Am liebsten würde ich sagen, wir machen alle weniger Portwein.

Warum weniger Portwein?
Ja, weniger Supermarkt-Portwein, dafür aber viel bessere Qualität. Das ist nicht eine Sache für Jedermann. Das muss man genießen.

Was muss für Sie ein guter Portwein haben?
Portwein ist einfach gut. Es gibt natürlich die alte Logik, der Vintage ist das beste. Mein Vater hat immer gesagt, Vintage ist der König der Portweine. Aber er sagt gleichzeitig, Tawny ist der Präsident der Portweine. One is by the heritage, the other one is by election. Das hat was. 

Was bevorzugen Sie: Vintage oder Tawny?
Ich liebe Vintage, aber ich liebe genauso Tawny.  Vintage ist großartig, Tawny ist großartig. Wir sollten nicht nur über Portwein reden, wir müssten über Douro reden. Douro ist die Portwein-Gegend, ohne Douro gibt es keinen Portwein. Deswegen Portwein ja, aber Mengen reduzieren besser machen und Preise erhöhen. Aber nebenbei Weine machen auf Mengen, die aber nicht billig sind. Nebenbei auch Garagenweine machen, um der Welt zu zeigen, dass wir genauso gut sind wie Bordeaux. Und noch mehr.

Was noch?
Tourismus, hochwertiger Tourismus. Die Portweingegend Douro ist die schönste, dramatischste, interessanteste, intensivste Weingegend überhaupt auf der Welt. Ich stehe dazu.Wir müssen die richtigen Leute dazu bringen, dass sie die Gegend kennenlernen. Das ist sehr wichtig, damit der Kunde versteht, wie schwer, wie hart, wie intensiv, wie kostenträchtig die ganze Gegend ist. Das muss man den Leuten natürlich auch zeigen, damit die verstehen, dass das alles nicht nur teuer ist, weil es teuer ist, sondern weil die Kosten sehr hoch sind. Wenn wir diese ganzen Sachen zusammensetzen, dann hat Douro eine Riesenzukunft.

Sie haben kürzlich von Robert Parker 100 Punkte für einen Port bekommen. Was bedeutet das?
Mich interessieren die Punkte überhaupt nicht. Es ist schön, es hat eine Wirkung, das muss ich zugeben. Es ist vielleicht auch ein schöner Moment, diese Punkte zu bekommen, aber an sich interessieren mich die Punkte überhaupt nicht. Mir geht es darum, eine harte Arbeit zu machen, dass der Kunde versteht, was wir machen und wie gut unsere Portweine sind. Und vielleicht auch wie eigenwillig das ist, was wir machen. Die 100 Punkte sind mir egal.

Welche Weine mögen Sie sonst außer Portwein?
Ich trinke meist nicht meine eigenen Weine, die muss ich zu oft trinken. Meine Schule war/ist, andere Weine und Winzer kennenzulernen. Ich liebe Burgund, ich liebe Mosel, ich liebe Côte du Rhône. Ich liebe alles, was gut ist.

Was wird geöffnet, wenn Sie abends von einem harten Arbeitstag nach Hause kommen?
Dann gibt es einen Tee.

Tee?
Meine Frau und ich haben die einzige Teeplantage in Europa, nördlich von Porto. Wir haben einen Hektar gepflanzt, 14.000 Pflanzen. Wir sind Teefanatiker und meine Liebe war schon immer Tee. Noch vor dem Wein war ich schon teeverrückt. Wir importieren Tee aus Japan, Korea, China, Taiwan, aber jetzt wir haben eine eigene Teeplantage.  Wir haben auch einen verrückten Tee, einen Oolong aus China. Genauer gesagt Bio-Oolong.

Wieso verrückter Tee?
Der Tee heißt Pipachá, Pipa ist portugiesisch Fass. Der Tee bleibt 6 Monate in dem Portweinfass. Aber man muss ihn ab und zu wieder rausnehmen und wieder reintun, das ist eine höllische Arbeit. Wir haben jetzt einen Raum nur dafür, damit das trocken genug ist, Porto ist ja sehr feucht.  Aber es schmeckt verdammt gut.

Wo kann man den kosten?
Hier, jetzt, ich habe ihn dabei.

Tee verkosten mit Dirk Niepoort.

Dirk Niepoort bereitet den Pipacha zu. Mangels geeigneter Tassen im Lokal müssen Wassergläser her. Wir probieren. Auch ich als Nicht-Teetrinker bin schwer beeindruckt. Der Tee ist aromatisch und hat tatsächlich einen Hauch Port im Geschmack. Oder ist das nur Einbildung? Das muss noch mal in neutraler Umgebung untersucht werden. In Portugal ist der Tee in einigen Läden zu haben, in Deutschland noch nicht. Aber es gibt ja einen Webshop.    

Zu Feiertagen – wird da auch Tee getrunken oder doch etwas Besonderes entkorkt?
Zum Glück gibt es tolle Weine auf der Welt, immer wieder interessante Sachen. Zu meinem 40. oder 30. Geburtstag, da gab es einen 74er La Tâche*, 3 Liter. Ab und zu macht man solche blödsinnigen Sachen, aber es hat wirklich gut geschmeckt.

War es so ein Erlebnis, wie man es sich vorstellt?
Ja!

Wem würden Sie gerne mal einen guten Portwein erklären oder mit wem einen guten Port trinken?
Mit Dir!

Eine prominente Person muss also nicht sein, oder?
Nein, das wäre wahrscheinlich meistens Themaverfehlung. Das muss nicht sein.

Wie würden Sie einen perfekten Wein beschreiben? Gibt es den?
Niepoort Vintage 2017 ist das naheste zu dieser Perfektion, die es natürlich nicht gibt. Aber näher gibt es für mich nichts.

* La Tâche kommt von der Domaine de la Romanée-Conti im Burgund, das gilt als das beste der Welt.  

Die ersten 2019er: Jungweinprobe macht Lust auf mehr

Die ersten Weine des 2019er Jahrgangs sind abgefüllt – was nicht unbedingt meinen Beifall findet. Doch die Jungweine, gerne „Frühchen“ genannt, finden ihr Publikum. Ein Kollege des Weinbeobachters war bei der Verkostung der ersten 2019er Weine von Saale-Unstrut dabei. Hier sein  Bericht:

Im verminten Feindesland

In diesem Jahr zog die Verkoster-Karawane der „Frühchen“ von Saale-Unstrut in den Bereich der Mansfelder Seen. Konkret geradezu ins verminte Feindesland der Frühfüller. Wenn René Schwalbe im Jahr nach der Lese schon irgendwann einen Vorjahreswein füllt, gilt das in der Branche als Sensation. Und doch war er neugierig genug, Gastgeber zu sein. Und er war ein sehr guter. Insgesamt 70 Weine hatten es nach Rollsdorf geschafft, bis auf einen Erzeuger hatten sich alle Betriebe beteiligt, die bereits  2019er Weine auf der Flasche haben, wenn auch nicht immer mit allen Sorten. Trotzdem kam ein sehr schönes Feld zusammen.

Rosa im Trend

Los ging es mit 16 Vertretern der Rubrik Rosé/Rotling. Eine ausnahmslos sehr schöne, durchaus differenzierte Runde. Borns „Pink Pony“, „Alles Rosa“ von Klaus Böhme, die Rosés von Böhme und Töchter, „Rosé Paradies“ von Dr. Hage, der André Rosé von Herzer und der Spätburgunder von Schulze stachen hervor. Sehr gut auch Beyer und Thürkind, gefolgt von Gussek und Heft. Kein Durchfaller.

Keine Durchfaller

Bei den neuen  Bacchus ganz vorn Proppe. Knapp vor den ebenfalls tollen von Dr. Hage, Thüringer Weingut Bad Sulza (TBS) und Böhme und Töchter. Duchfaller auch hier Fehlanzeige.
Bei den elf Müller-Thurgau die Naumburger Wein- und Sektmanufaktur (WSM) mit einem sehr urtypischen weit vorn. Ebenfalls herausragend Proppe und Klaus Böhme.
Fünf Gutedel als Vertreter einer Renaissance-Rebsorte. Sehr gut der von der Henne (WSM) und von Köhler-Wölbling. Auch Seeliger.
Zwei Silvaner am Start. Herzers mit Potential aber sehr frischgefüllt. Das wird. Klaus Böhmes, schon länger auf der Flasche, ist einfach weiter, gefestigt. Sehr schön.

Top-Rieslinge von Frühchen-Königen

Zwei weiße Cuvées, die ihre Käufer finden werden. „Trabenspiel“ von Klaus Böhme und „Traumtänzer“ von Seeliger. Die können Busse füllen.
Neun Weißburgunder. Schon tolle Tropfen dabei. Zahns Tultewitzer Bünauer Berg erneut topp. Proppe auch hier vorn dabei, ebenso Köhler-Wölbling und TBS. Pawis und Seeliger zu empfehlen.
Vier Grauburgunder. Zahn kann Burgunder von Tultewitz – geile Lage. Herzer, Pawis gleichauf. Der Weimarer Auxxerois der Winzervereinigung konnte noch nicht überzeugen.
Beim Kerner mal wieder Proppe Spitze. Der liebliche von Klaus Böhme wird weggehen,  wie geschnitten Brot.
Zwei Rieslinge. Sie kommen von den Frühchen-Königen: Klaus Böhme sehr schön. Pawis topp.

Ein Spalter und ein Hammer

Der einzige Sauvignon Blanc, aus Weimar, in Ordnung, braucht Zeit. Die Fassprobe Cabernet Blanc von Herzer deutet Riesenpotential an, erst 2020 trinken. Der liebliche Ortega von Dr. Hage ist sauber und wird, wie alle anderen lieblichen Vertreter des Abends, seinen Weg gehen. Die Scheurebe von Johannes Beyer spaltete die Tester. Mir hat sie gefallen. Und ein Grande Finale: Der Traminer von Schulze ist erneut ein Hammer.

Fazit: Es besteht Hoffnung

Fazit: Eine der besten Jungweinproben, das lässt auf tolle Basisweine hoffen. Es dürfte diesmal über alle Qualitätsstufen in großer Breite geile Weine geben. Bei den meisten Erzeugern leider nur zu wenig. Die Wahrheit steckt in der Flasche. Bei den Frühchen sollte die bis März wieder leer sein. Dann kommen die Nachfolger und dann es richtig. 

Weine für Weinnachten 

Der Beitrag bekommt nun den Stempel Tradition: Wie schon in den beiden letzten Jahren geht es um die Frage, was an den Feiertagen entkorkt wird. Im Marketing-Sprech ist ja von Weinnachten die Rede. Und wenn es um Weinnachten geht, dann darf es auch etwas Besonderes sein. Doch diesmal geht es nicht um Giganten oder Raritäten aus dem Keller. 2019 sollen die Weinnachts-Weine eine Reminiszenz an spezielle Erinnerungen und Begegnungen sein. Und weil Portugal und Port die letzten Wochen dominiert haben, sollen diesmal andere Regionen der Weinwelt nicht vernachlässigt werden. Das sind meine Weine für Weinnachten 2019:

Gewürztraminer, Domaine Zind Humbrecht, Elsaß

Als bekennender Traditionalist kommt (wie seit über 50 Jahren) wieder Gänsebraten auf den Tisch. Nach mehreren „Experimenten“ mit Weiß- und Rotwein oder Champagner kehre ich zu meinem Favoriten zurück. Ein Traminer soll es sein, für mich immer noch die perfekte Hochzeit mit der Gans. Und da wird hoch ins Regal gegriffen: Gewürztraminer Domaine Zind Humbrecht 2014 aus dem Elsaß. Warum Zind Humbrecht? Habe den 2014er noch nicht getrunken, kenne aber andere Jahrgänge des Ausnahme-Weingutes aus Turckheim und die verdienen das Prädikat Weltklasse. Enttäuschung wenig wahrscheinlich. Tja, und dann liegt der letzte Besuch im Elsaß leider 25 Jahre zurück. Es wird also höchste Zeit – der Gewürztraminer von Zind Humbrecht soll für den nötigen Motivationsschub sorgen. 

Saperavi, Koncho & Co., Georgien

Nun aber raus aus der Klassiker-Ecke. Eine großartige Georgien-Verkostung gehörte zu den Highlights 2019. Da mein Top-Favorit – der Tsitska von den Baia-Schwestern – noch immer nicht eingetroffen ist, muss eine georgische Alternative ran. Saperavi natürlich, die meistangebaute Rotweinsorte Georgiens. Der Saperavi von Koncho & Co. – die Premium-Marke des georgischen Weinherstellers J.S.C. „Corporation Kindzmarauli“ – ist mit Glück in Deutschland erhältlich (bei Jaques Weindepot).  Der Saperavi ist tatsächlich fast schwarz und gewiss leichter zugänglich als die, die es beim Georgien-Tasting gab und direkt aus dem Kaukasus eingefolgen wurden. Möglicherweise ist der Koncho & Co für die Kundschaft in Westeuropa gemacht, wo der Wein große Erfolge feiert. Bin auf die Urteile der Mittrinker gespannt.

La Boda, Domaine d’Aupilhac,  Languedoc

Rein in die Lieblingsecke: 2014er La Boda von der Domaine d’Aupilhac  im südfranzösischen Montpeyroux. Die Besitzer Sylvain und Désirée Fadat wirtschaften biologisch, vom Weingut kommen hervorragende Tropfen. Der 23 Monate im Holzfass gereifte La Boda bietet ein Feuerwerk an Aromen, rote Früchte, Himbeeren und Stachelbeeren etwa, Gewürze wie Zimt oder Pfeffer, alles balanciert, nichts dominiert. So wie es bei la Boda sein sollte – ist spanisch und bedeutet Hochzeit. Gemeint ist in diesem Fall die Verbinung zweier neu erworbener Lagen: Cocalières (wo der Syrah herkommt/45%) mit dem Aupilhac-Terroir (liefert den Mourvèdre/45% und den Carignan/10%). Ob der Wein zu Hause genau so schmeckt wie vor Ort? Habe keine Zweifel. Der Wein stand Weihnachten 2017 schon mal auf dem Tisch – allerbeste Erinnerungen!!  Damals aber war er noch etwas zu jung…

Riesling Schieferterrassen, Heymann-Löwenstein, Mosel

Ein Reparatur-Riesling muss sein. Der Besuch im Sommer beim VdP-Gut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Mosel bleibt aus mehreren Gründen unvergesslich. Chef Reinhard Löwenstein ist ein echter Typ. Und dann waren natürlich die fantastischen Rieslinge. Eine Art „Einsteiger“ ist der Riesling Schieferterrassen 2017 mit einer schönen Balance zwischen Mineralität und Frucht. Nicht mehr und nicht weniger als ein schöner Wein und perfekt nach einem Spaziergang im Schnee. Schnee bleibt wohl leider wieder aus – Riesling wird trotzdem getrunken. Natürlich locken die im Keller liegenden Rieslinge von der Lage Uhlen (Blaufüßer Lay und Laubach) noch mehr – aber die sind von 2017 und das wäre ja unverantwortlich. Da heißt es mal noch drei, vier Jahre warten…

Banyuls Thérése Reig, Domaine de La Rectorie, Roussillon

Ein Süßwein krönt ein jedes Menü. Diesmal: Der Banyuls Thérése Reig, Domaine de La Rectorie. Das Familiengut in Banyuls-sur-Mer ist mit tollen Rotweinen und eben bei großartigen Banyuls, das sind natürlich Süßweine (Vins Doux Naturels), ein ganz sicherer Tipp. Der Name Thérése Reig ist eine Hommage an die Großmutter der Familie, Thérése Reig hat die Entwicklung des Weingutes maßgeblich geprägt. Jener Banyuls ist nicht im Holz, sondern in Beton-Behältern reift. Zu Foie Gras eine Offenbarung – und so schließt sich der Kreis zur Gans. 

Riesling Brut Kallstadter Saumagen, Weingut am Nil, Pfalz 

Sprudel muss zum Jahresende sein, und nein, Champagner muss nicht sein. Erst recht, wenn ein fein  gemachter Winzersekt  einem Durchschnitts-Champagner nicht nur nicht nachsteht, sondern übertrumpft und zudem im Preis günstiger ist. Wie der Riesling Brut Kallstadter Saumagen 2016 vom Weingut am Nil. Nein, nicht in Afrika sonder in Kallstadt in der Pfalz. Ein Lagen- und Jahrgangssekt, traditionelle Flaschengärung, 18 Monate auf der Hefe gelegen. Fein, fein, eine Spur Obst, Holz, Würze, von allem etwas dabei, aber nichts dominiert. Macht Spaß und ist gewiss auch eine Wahl für die Silvesternacht.

Mister Portwein: Axel Probst

Axel Probst, geboren im großartigen Portwein-Jahr 1970, ist Mister Portwein. Der frühere Bundeswehr-Offizier veranstaltet in Leverkusen eine Portweinmesse, die in dieser Form weltweit einmalig ist. Slogan der Portweinmesse 2019, bei der 50 Produzenten 130 Weine vorstellten: Wer nicht kommt, mag keinen Port.   

Warum Portweinmesse, wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Letztendlich habe ich gedacht, so eine Messe muss es irgendwie mal geben. Dann habe ich mir gedacht: Wie willst du die haben? Und dann bin ich als Weinbegeisterter bzw. Portweinbegeisterter da rangegangen und habe gesagt: Wie muss so eine Messe aussehen? Was brauche ich für Räumlichkeiten und wie will ich das generell organisieren? Ich will eine Messe machen, wo nicht nur die Leute Spaß haben, da hinzugehen, sondern auch die Produzenten Spaß haben. Und da sind ja echt viele unterwegs. 

Warum Leverkusen?
Okay, Leverkusen ist jetzt nicht gerade der Nabel der Welt. Aber dieses Kasino dort ist wirklich eine geile Location für so eine Messe. Wo du unten essen kannst, hier die Messe hast und oben schläfst. Ich finde auch das Gebäude großartig. Ich habe dann gesagt, das soll keine Freak-Messe sein, sondern eine Messe, die die Leute gut in die Portweinwelt einführt. Dann musst du halt ein paar Stellgrößen haben, das heißt, ich brauchte ein anständiges Wasser, ich brauchte ein anständiges Glas, ich brauchte eine anständige Location. Ich denke mal mit Selters und Shot und dem Kasino, das passte irgendwie alles zusammen.

Jetzt stand der 2017er im Focus, was ist Ihr Urteil?
Ein Riesen-Jahrgang! So jung ist es immer schwierig für jemanden, der nicht so wirklich in dieser Materie drin ist, das so direkt zu beurteilen. Aber ich habe ja eigentlich fast alle 15er, 16er, 17er getrunken, auch die 11er. Der 2011er ist für mich der noch größere Jahrgang. 15, 16, 17 sind auch riesengroße Jahrgänge. Wenn ich die drei Jahrgänge mal miteinander vergleiche, ist meine qualitative Reihenfolge quer durch alle Produzenten hindurch eigentlich 17, 15, 16.

Die Häufung der deklarierten Jahrgänge ist doch ungewöhnlich, oder?
Ich finde es positiv. Letztendlich ist es so. Durch das gestiegene Wissen der Hersteller, was die im Weinberg machen und was die im Keller machen, sind die in der Lage, bei nicht 100 Prozent optimalen Erntebedingungen noch was Gutes rauszuholen. Das war eben früher nicht der Fall. Wenn es früher gut war, war es normalerweise wahnsinnig gut, also so wie 1927. Aber was gab es davor? Da gab es 1920 und 1922, dann eben 1927 und danach erst wieder 1931 ein bisschen.

Besteht nicht die Gefahr, dass das auch ein bisschen das Besondere, Exklusive verwischt?
Ja und nein. Ja, weil es das Exklusive halt nicht mehr hat. Nein, weil wir in so einer schnelllebigen Weinwelt leben, wo die Leute einfach Portwein im Fokus haben müssen. Die müssen daran erinnert werden, dass es auch Portwein gibt. Und für so einen Typen wie mich ist so eine Durststrecke, wie wir sie zwischen 2007 und 2011 hatten, nicht gut. Denn die Leute verlieren das sofort wieder aus dem Fokus. Deswegen ist es für mich auf jeden Fall gut, weil die dann schon schnallen: Ah, das passt schon. Wenn du Qualität in die Flasche füllen kannst, dann mach es. Die lassen sich halt sonst das Geschäft entgehen, wenn du einen Neugeborenen hast oder ein Hochzeitsjubiläum oder whatever. Die haben halt diesen Jahrgang. Du willst halt nicht den Jahrgang davor oder dahinter, du willst genau diesen Jahrgang haben. Und wenn du dann wie zum Beispiel 2013 oder 2014 eine reduzierte Menge machst und die Qualität in die Flasche bringst, warum denn nicht? 

Das läuft doch überall so, oder?
Klar, jeder in der Weinwelt macht das. Wenn du einen Bordeaux 2013 siehst, der ist jetzt auch nicht großartig. Die verlangen zum Teil aber auch 300 bis 400 Euro dafür von den großen Gewächsen. Da denke ich mir, warum soll die Portwein-Welt eine völlig andere Schiene einschlagen? Solange sie die Mengen anpassen und solange sie es anständig promoten. Und es gibt ja nichts, was sexyer ist als ein gereifter Vintage-Port. Das größte Risiko, das ein Hersteller hat, ist, dass er es nicht verkauft bekommt. Dann soll er es halt einlagern und verkauft es sukzessive. Die Nachfrage nach dem Jahrgang ist ja irgendwann da.

Woher kommt Ihr Interesse am Port?
Ich war Anfang der 90er in England in der Ausbildung bei der Bundeswehr und habe jemanden gehabt, der hinter mir im Flugzeug gesessen hat, er war sehr viel älter. Der hat mir drei Sachen beigebracht: Portwein trinken, Golf spielen und die Tatsache, dass man nicht mit einem Engländer mal eben für ein Bier weggehen kann, damals gab es noch die Sperrstunde. Es musste also schnell viel getrunken werden, es  war mein hemmungsloses Besäufnis. Nicht gut. Aber Portwein trinken und Golf spielen fand ich gut. Ich habe allerdings dann noch eine Tour ins Medoc gemacht, weil ich in den 90er Jahren in Bordeaux studiert habe. Alle meine Kommilitonen haben mit Aktien spekuliert. Aber Aktien sind für mich langweilig. Wenn du BWL studierst, musst du auch irgendwas kaufmännisches machen. Dann habe ich den Weinkeller von meinem Schwiegervater geerbt, da waren große Bordeaux aus den 80ern drin. Da habe ich den Bordeaux-Markt relativ schnell verstanden. Ich war viel im Bordeaux und habe mir die Chateaus dort angeguckt. 

Warum sind Sie nicht beim Bordeaux hängengeblieben?
Ich bin immer noch ein großer Bordeaux-Fan, man kann ja nicht den ganzen Tag Portwein trinken. Die Idee Port ist dann aber tatsächlich 2003 entstanden, als ich auf einer Fassprobe auf Chateau Latour war, also eines von den fünf Großen. Da hatten sie einen Drittwein zum ersten Mal, den Pauillac de Latour. Das haben sie früher fassweise generisch in den Markt verkauft, weil sie nicht wollten, dass da der Latour-Stempel drauf ist. Und auf einmal war es ein Drittwein und sollte 50 Euro kosten. Da habe ich gesagt: Leute, jetzt ist es eine Aktie. Genau da, wo ich nicht hinwollte. Also Portwein, das finde ich cool, also mache ich was mit Portwein. Bordeaux erklärt sich selber. Die ein bisschen Wein-affin sind wissen, dass es die Klassifizierung von 1855 gibt und so weiter. Aber Portwein muss man erklären. Du brauchst fünf bis sechs Vokabeln, die musst du verstanden haben und zuordnen können. Und du musst sagen können: Wenn ich ein Portwein-Etikett sehe, dann verstehe ich, was da ungefähr auf mich zukommt. Wenn du das nicht hast, wirst du dich nie an irgendwas rantrauen, was in der Portwein-Welt dann Spaß macht.

Was unterscheidet einen guten Port von einem Madeira oder Sherry?
Generell suche ich immer die Balance im Wein, das ist für mich das allerwichtigste für alle Weine. Das kann ganz viel von allem sein, das kann relativ wenig von allem sein. Bei Madeira ist mir zu viel Säure drin. Ich trinke auch super gerne alte Madeiras, die sind auch noch eine ganze Ecke günstiger als Port. Aber haben eben den großen Nachteil, dass sie einfach zu säurelastig sind. Bei Sherry ist es so, dass du durch dieses Solera-System das Problem hast, dass es so ein zufälliger Blend ist und es gibt nur diesen VOR und VSOR, also 20 und 30 Jahre alt, das schnallt aber auch keiner, wenn man Sherry mitbringt. Sherry hat so viele super Kombinationsmöglichkeiten mit Essen und so viel sensorische Vielfalt. Aber es ist irgendwie ein bisschen langweiliger, finde ich, weil ich mir immer denke: Hey, das ist so dieser Zufallsblend. Das nimmt mich nicht wirklich mit.

Im Gegensatz zu Port wohl…
Ja, und wenn du dann zu so einem Tasting gehst und du stellst irgendwas von einem alten Jahrgang von irgendeinem Hersteller auf den Tisch, dann bist du sofort in allen Netzwerken drin, weil die alle schon die Jahreszahl allein schon toll finden. Das haben wir hier bei der Masterclass gesehen, da gab es einen von 1884… Sowas kann Madeira auch, aber Madeira hat halt den Säurenachteil. Port hat einfach die Balance und diesen Sexappeal durch dieses Alter und diese Erhabenheit noch mit dabei.

Ruby oder Tawny?
Alles hat seine Zeit. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre das auf jeden Fall ein Vintage-Port. Aber es gibt für mich auch genauso Tawny-Elemente wie Ruby-Elemente, also Vintage-Port-Elemente. Aber wenn es eine einsame Insel wäre, wenn es die letzte Flasche wäre, dann wäre es ein Vintage.

Gibt es einen unvergesslichen Port?
Mein erster Port war ein Fonseca 77,  das ist eine ganz witzige Geschichte. Damals hatte ich überhaupt keine Ahnung von Port. Super Jahr, super Hersteller, tolles Erlebnis. Bei dem Wein fängst du auf jeden Fall an, dich für Portwein zu interessieren. Und dann geb es dieses Schlüsselerlebnis.

Erzählen Sie.
Ich hatte mir die Flasche Fonseca 77 gekauft, damals für 100 Mark, in den 90ern echt viel Geld für mich damals. Die Flasche kam und da war so ein richtig großer Farbklecks drauf. Da habe ich gesagt: Leute, ich habe gerade eine Flasche Wein für 100 Mark bei euch gekauft und die sieht aus, als wäre da der Anstreicher vorbeigegangen. Der Importeur hatte aber auch keine Ahnung, der hat gesagt: Tut mir total leid, ich schicke Ihnen eine neue. Da hat er mir die zweite Flasche kostenlos nachgeschickt als Kulanz. Ich sehe diese zweite Flasche und ich sehe den gleichen Farbklecks an der gleichen Stelle und denke mir: Hmm, das ist vielleicht ein System. Die Logik war dann, wenn die Hersteller Vintage-Ports bei sich selber lagern, etikettieren die die noch nicht, möchten aber, dass immer die gleiche Seite oben ist, damit sich gleichmäßig das Depot abbildet und dann machen die einfach so einen Farbklecks drauf. Das ist wirklich so ein Pinseltupfer und dann wissen die, wo oben ist. Deswegen hatte ich dann zwei Flaschen Fonseca 77. Das war so ein Schlüsselerlebnis. Zum einen, weil das der erste großartige Vintage-Port war, den ich jemals getrunken habe, und zum anderen die Geschichte mit dem Farbklecks.

Was trinkst Sie noch außer Port? Bordeaux denke ich mal…
Eigentlich trinke ich alles gerne. Ein perfekter Abend fängt mit Champagner an. Da strengt sich die deutsche Sektwelt zwar ordentlich an, aber Champagner ist Champagner, da kommt sprudelig leider nichts ran. Danach geht es weiter mit einem deutschen Weißwein, trocken. Dann geht es zum Bordeaux, selten zum Burgund, vielleicht zu selten. Vielleicht habe ich Burgund auch noch nicht so verstanden. Und dann geht es über einen Vintage-Port zum Reparatur-Riesling am Ende. Das ist ein schöner Abend. Aber das ist eben nicht nur Port.

Da waren wir jetzt schon beim besonderen Anlass. Aber so im Alltag, was wird schnell geöffnet?
Dann eher Port. Das ist wirklich was, wo ich dann die Füße hochlege und schaue, ob es ein schöner Tag war oder nicht.

Mit wem würden Sie gerne mal einen schönen Port trinken?
Mit Elon Musk. Der wird dann bestimmt noch visionärer.

Wie würde für Sie ein perfekter Port aussehen?
Es gibt den perfekten Port. Aber das ist nicht immer der gleiche und das ist eben das interessante. Das ist für mich auch der Unterschied im Vergleich zum alten Madeira. Wenn der abgefüllt ist, dann entwickelt der sich nur ganz wenig weiter in der Flasche, der bleibt halt so.  Schön, aber irgendwie langweilig. Beim Port hast du Phasen. Phasen, wo er dann nicht so gut ist und wieder Phasen, wo er echt gut ist. Für mich ist die perfekte Range zwischen 1970 und 1927, das sind die Weine. Wenn ich mir richtig was gönnen will, mache ich mir eine Flasche in der Range auf.  

Nicht die noch älteren?
Ich habe viele Weine aus dem 19. Jahrhundert getrunken, wo ich mir zu 95 Prozent gesagt habe: Super Wein, total interessant zu trinken für das, was es ist. Aber den hättest du eigentlich eher trinken müssen. Ich habe einen Kumpel, der hat mir drei Flaschen von 1815 mitgebracht, die haben wir 2015 getrunken. Also 200 Jahre alte Portweine! Klar ist das irgendwie toll, wenn man sowas erzählt, aber sensorisch ist es definitiv nicht mal ansatzweise der beste Portwein gewesen.

Portweinmesse 2019

Pflicht-, Kult- und Genuss-Termin zugleich: Portweinmesse! Die fand 2019 zum sechsten Mal statt. Und wie gehabt in Leverkusen, wie gewohnt charmant organisiert von Axel Probst und seinem Mitstreiter Christopher Pfaff.
Diesmal stand der Jahrgang 2017 im Fokus,  der dritte Jahrgang in Folge, in dem ein Vintage deklariert wurde. Das gab es noch nie in der über 300-jährigen Geschichte des Portweins. Dürfte wohl auch mit dem Klimawandel zu tun haben. Insgesamt 50 Portwein-Produzenten stellten 130 Weine vor – so viel wie noch nie. Neben den Vintage Ports 2017 (72 am Start!!) waren wieder Raritäten und interessante Tawnys kennenzulernen.
Habe mit Portwein-Fan Robert Nößler durchprobiert. Unsere Entdeckungen: 

Reise ins 19. Jahrhundert

Die Masterclass in Leverkusen stand diesmal im Zeichen von Ramos Pinto, ein großer Name in Vila Nova de Gaia. Absolut verblüffend, wie lebendig und kraftvoll sich die reinsortig ausgebauten Weine von 1982 präsentierten. Favorit bei mir war der Touriga Franca, Kollege Nößler fand den Touriga Nacional am beeindruckendsten. Unisono fanden wir, dass die im Vergleich präsentierten 1994er (nicht mehr reinsortig) nicht ganz mithalten konnten. Die drei Fassproben 2018 (Touriga Nacional, Touriga Franca, Tinta Cão) waren spannend und lassen einiges erwarten.
Aber alles war letztlich belanglos angesichts der Probe eines Portweins von 1884. Überaus faszinierend, was da im Glas war. Schon die Farbe: Bernstein-Cognac, das kriegt kein Maler hin. Im Geschmack frisches Leder, etwas Holz, Nüsse, eine Cognac-Note, klar, alt, aber voll im Leben. Großes Erlebnis! Habe das Probierglas nach dem Test zweimal mit Wasser ausgespült – danach war der Wein immer noch zu riechen. 

Unsere 2017er Lieblinge (alphabetisch)

Alves de Sousa:  Balanciert, Aromen nach Vanille und Cranberrys, schöne Frische, nicht zu süß.
Cockburns: Sehr dicht und konzentriert, Himbeeren, Waldfrüchte, Tannine gut eingebunden.
Graham’s: Der Vintage Stone Terrasse gehört zu den besten Vertretern. Viel Frucht, elegant und rund. Der „normale“ Vintage 2017 kommt konzentrierter, süßer, schwerer daher.
Niepoort: Der Vintage Port Bioma ist klasse, weich, würzig, mit langer Präsenz im Gaumen. Klar, noch seeehr jung.
Quinta do Noval: Der Nacional ist wohl der beste 2017er Vintage. Diese Nuancen von Zartbitter-Vollmilch-Nuss-Schokolade, die zarte Spur Rest-Tannine, die Harmonie von Süße und  Säure, dazu die fast ewige Präsenz: Ein Halleluja im Gaumen. Der „einfache“ Vintage hat es schwerer. Auch nicht schlecht, aber gegen den berühmten Bruder fällt er ab.
Quinta do Portal: Auch hier stellt der Single-Vineyard-Port „Muros“ seinen kleinen Bruder in den Schatten. Letzterer ist rund und gefällig, aber wenig auffällig. Der Muros hat von allem viel:  Power, Körper, Aromen.
Quevedo: Schlägt etwas aus der Art – dick, konzentriert, fast wuchtig. Zuviel des Guten? Vielleicht, aber wo kämen wir hin, wenn alles einem Muster folgt.
Taylor’s: Gegenteil von Quevedo. Eher leicht, saftig, weich, schmeichlerisch. Der geht immer.
Warre’s: Was uns bei der Portweinmesse 2018 begeistert hat, hat auch 2019 nicht enttäuscht. Leider war Warre’s diesmal nur mit dem 2017-er Vintage am Start, doch der bekam Bestnoten. Extrem dunkel in der Farbe, Schwarzkirschen im Gaumen, Süße und Säure perfekt balanciert, gilt auch für den Alkohol. Bei mir Rang zwei.

Was uns noch begeistert hat

– 20y old Tawny von Alves de Sousa – Kräuterbonbons, eine gewisse Leichtigkeit, perfekt für Einsteiger ins höhere Segment
– Vintage Port 2000 von Graham’s. Großartig, Toffee, Milchschokolade und mehr. Süß ja, aber in Harmonie. Zeigt, wohin die Reise bei einem Vintage gehen kann.
– Colheita 1982 von Krohn. Erst 2018 abgefüllt! Bernstein-farben,  spannender Aromen-Mix Toffee-Cognac, top. Ganz große Klasse.
– Old White Ports von Quinta das Lamelas. Sowohl der 20 year, als auch der 30 year und erst recht der 40 year sind in Bestform. Die Farbe (Bernstein) betört schon, je älter, desto runder und intensiver präsentiert er sich. Fein!
– Quinta do Mourão ist bei den Tawnys für mich das Maß aller Dinge. Vor allem der 40-Jährige ist ein Ereignis. Er ist rund, fertig, Honig, Trockenfrüchte schmeckt man, der Alkohol ist perfekt eingebunden. Besser geht’s nicht. Konnte ihn schon mehrfach probieren, erst unlängst wieder bei einem Besuch im Weingut beim Chef Miguel Braga. Immer wieder.
– Quinta do Vallado. Spannende Tawnys. Eines der seltenen Beispiele, wo ein 20y mehr Eindruck hinterlässt als die wahrlich nicht schlechten 30y und 40y Tawnys. Aber der 20er hat diesen verführerischen Aromen-Mix Karamell-Toffee-Gewürze. Bei den älteren kam der Alkohol spürbar hinzu. 

Mini-Kurs Portwein

Wer im Begriffsdschungel der Portweine nicht ganz fit ist, hier noch einmal ein Mini-Kurs.
Ruby heißen die Ports, die nach mindestens zweijähriger Fassreife direkt in die Flaschen gefüllt werden. In guten Jahren gibt es Vintage-Port, also Jahrgangs-Port. Die können im Alter zu ganz großer Form auflaufen.
Tawnys werden nach zwei Jahren in kleinere Fässer umgefüllt und reifen dort weiter, manche  50, 60 Jahre lang und noch länger. Allerdings: Ein „Tawny 20 years“ muss nicht 20 Jahre gereift sein. Die Zahl ist der Durchschnitt, kann also der Mix eines 10 mit einem 30 Jahre gereiften sein. Taucht der Begriff Colheita auf, handelt es sich um einen Jahrgangs-Tawny.
Es gibt auch weiße (auch da Tawnys) und neuerdings auch Rosé-Ports. 

Man kann es nicht oft genug sagen: Portwein darf nicht zu warm getrunken werden. Die besten Trinktemperaturen sind beim White 8 Grad, bei einem Tawny 12-14 Grad und bei einem Ruby 16-18 Grad. Wer es ganz genau wissen will – die sehr informative Website von Axel Probst beantwortet alle Fragen. 

Ruwer auf dem Etikett

Das wurde aber auch Zeit! Winzer im Ruwertal dürfen ab dem aktuellen Jahrgang, der im Jahr 2020 auf die Flasche kommt „Ruwer“ groß auf ihre Etiketten drucken. Die Entscheidung war überfällig. Warum es so lange gedauert hat, hat mit Spitzfindigkeiten des deutschen Weinrechts zu tun. Hier die Mitteilung des Moselwein e.v.:

Eins die teuersten Weißweine der Welt

Ruwer ist der kleinste der sechs weinbaulichen Bereiche im Weinanbaugebiet Mosel. 180 Hektar sind zwischen Sommerau und Trier- Eitelsbach mit Reben bestockt, zu fast 90 Prozent mit der Rebsorte Riesling. Der Ruwer-Riesling gilt schon seit dem 19. Jahrhundert als Spezialität der Mosel-Region, mit besonderer Feinheit, Mineralität und großer Lagerfähigkeit. Ruwer-Rieslinge gehörten um 1900 zu den teuersten Weißweinen der Welt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde Ruwer daher auch meist in einem Atemzug mit Mosel und Saar genannt und schließlich zu einem Bestandteil der offiziellen Gebietsbezeichnung Mosel-Saar-Ruwer. 

Vorbild Saar

Nachdem der Gebietsname Mosel-Saar-Ruwer im Deutschen Weingesetz ab 1. August 2007 zu Mosel verkürzt wurde, stellten sich die Weingüter im Ruwertal die Frage, wie sie die Herkunft ihrer Weine stärker herausstellen können. Vorbild waren die Kollegen im Weinbaubereich Saar. Dort ist seit mehr als zehn Jahren häufig der Bereichsname groß auf Weinetiketten zu finden. Fast alle größeren Weingüter mit Rebflächen an der Saar führen einen „Saar Riesling“ im Angebot – sehr erfolgreich. Diese Weine sind für viele große Weingüter inzwischen zu Produkten mit einem Markencharakter geworden. 

Das deutsche Weinrecht…

An der Ruwer, so die dortigen Erzeuger, sollte dies auch so werden. Dem standen aber bislang noch rechtliche Hürden im Weg. Das deutsche Weinrecht erlaubt es, den Bereichsnamen ohne den Zusatz „Bereich“ auf das Etikett zu drucken, sofern es keine Ortsnamen oder Einzellagenbezeichnungen gibt, mit denen es zu Verwechslungen kommen kann. Da es im Stadtteil Trier-Ruwer bis vor einigen Jahren noch Weinlagen gab, die den Begriff Ruwer als Namensbestandteil führen durften, war es für Weine aus anderen Lagen im Ruwertal nicht möglich, den Namen „ihres“ Flusses ohne Zusatz des Begriffes „Bereich“ auf das Etikett zu schreiben. 

Die Lösung

2019 wurde in dieser Sache eine wichtige Änderung erreicht. Auf Vorschlag der Landwirtschaftskammer wurden die inzwischen nicht mehr bewirtschafteten Weinbergslagen im Stadtteil Trier-Ruwer aus dem Lagenverzeichnis gelöscht. Damit besteht nun keine Kollision mehr mit Orts- oder Lagenweinen, die den Namen Ruwer in der Weinbezeichnung führen. Die Ortsbeiräte der Trierer Stadtteile Ruwer und Kürenz sowie der Stadtrat von Trier machten mit entsprechenden Beschlüssen den Weg frei für die Nutzung des Begriffes Ruwer für alle im Ruwertal erzeugten Weine. 

„Meilenstein für Ruwer-Riesling“

Stephanie Nickels, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Ruwer, und Frank-Stefan Meyer, Vorsitzender des Ruwer-Riesling-Vereins, begrüßen diese Entwicklung als „Meilenstein für den Ruwer-Riesling“. Die Erzeuger können ab dem Jahrgang 2019 ihre Weine offensiv mit dem Namen Ruwer auf dem Etikett vermarkten und als Spezialität des Anbaugebietes Mosel herausstellen. 

Fotos und Wein: Spanische Momente

Karoline Köster

Fotos aus Spanien und Wein aus Spanien? Spanische Momente? Eine bessere Kombination kann es für eine ambitionierte Fotografin, Wein-20 und Spanien-Liebhaberin wie Karoline Köster gar nicht geben. Hier ihr Bericht von einem ungewöhnlichen Tasting in Berlin.

Das Konzept dieses spanischen Abends ist großartig! Die Spanier haben sich eine besonders kreatives Art einfallen lassen, ihre Weine unter den Mann und die Frau zu bringen und in vielerlei Hinsicht Lust auf Spanien zu machen. Die Gäste wurden gebeten, einen „spanischen Moment“ in Form eines Fotos einzusenden. Dazu kommt, dass ein Abend mit spanischem Wein Hoffnung auf Rioja macht – und den trinke ich prinzipiell sehr gerne.  

Biowein – aber kein Müsli 

Der Sommelier Peer Holm, Präsident der Sommelier-Union Deutschland und Spanien-Experte, hat zu jedem der 10 eingesendeten Bilder einen Wein ausgesucht, der auf die eine oder andere Art und Weise zum Bild passt. Hier ist anzumerken, dass alle Weine von den Weingütern der SOW (Spanish Organic Wines – eine im Jahr 2014 gegründete, private Initiative von familiengeführten Weinkellereien mit eigenen Weinbergen in ganz Spanien) – Initiative stammen. Das hat zwar die Auswahl sicher etwas eingeschränkt, aber 38 Weingüter, die allesamt Bioweine unter ökologisch und technisch besten Voraussetzungen produzieren, bieten wohl immer noch genug Vielfalt.  Diese Weingüter sind schon lange im Bio-Business aktiv, nur schrieb man das früher wohl nicht so gern auf das Etikett, da man „nicht in die Müsli-Ecke gestellt werden wollte“. 

Der Meister war ratlos

Zuerst war auch gleich mein Beitrag dran. Das Foto wurde im Parc de Montjuic in Barcelona aufgenommen. Sommelier Holm musste gleich gestehen, dass sein erster Gedanke „Ach je, was soll ich damit machen?“ war und er Schwierigkeiten hatte, einen Wein auszusuchen, der dem Gefühl des Bildes entspricht. Denn es ging genau darum: Spanische Emotionen bzw. Augenblicke aus Spanien, die Emotionen transportieren. Dazu dann ein Wein, der diese Emotionen mitträgt. Ich persönlich sehe natürlich in meinem Bild klare Emotionen verkörpert – Freiheit, Leichtigkeit, Aufbruch, Offenheit… nun, Holm hatte einen anderen Ansatzpunkt gefunden, den ich eigentlich auch ganz kreativ fand. Den Cava Brot Brut Nature Reserva, den er zu meinen Photo ausgesucht hatte, zeigte auf dem Etikett einen Vogel, auf der Spitze von irgendwas Pflanzlichem sitzend, in die selbe Richtung blickend. Ganz klar, das Etikett passt zum Bild! Und der Wein kommt sogar aus Katalonien, also quasi um Barcelona herum. Tröstend insofern, da ich Schaumweine nicht so hundertprozentig gern mag und auch dieser nicht mein Fall war. Viel zu spritzig, aber es ging ja erst los. 1 von 5 Punkten. 

Der Schein trügt nicht

Schnell wurde klar, dass nicht selten das Etikett ausschlaggebend für die Weinauswahl war, ich fand das aber nicht weiter schlimm. So oder so wurden sehr unterschiedliche Weine in der sinnvollsten Reihenfolge mit vielen interessanten Informationen präsentiert und irgendeine Verbindung zu den Fotos hergestellt. Gleich zum zweiten Wein gab es viele regionalspezifische Infos. Zum Bild eines Aquädukts in Segovia gab es E de Esperanza. Rebsorte 100% Verdejo, eine sehr alte Traube, die fast nur im Gebiet Rueda (Kastilien) angebaut wird und die man gern mit Sauvignon Blanc vergleicht, Verdejo riecht allerdings nicht nach Katzenurin. Da ein Großteil Spaniens Hochebene ist, die Temperaturen frischer als am Steilhang und die Nächte kühl sind, können dort frische Weißweine entstehen, Verdejo wird in der Nacht gelesen. Hat auch nur 1-2g Restzucker, aber ich fand, man konnte den E de Esperanza unkompliziert trinken. 3 von 5 Punkten.

Korea im Glas?

Der dritte Wein war eine Cuvée mit 90 Prozent der Rebsorte Garnacha Blanca. Cuvées mag ich eigentlich ganz gerne, weil man tatsächlich das Beste aus mehreren Rebsorten hervorbringen kann, indem man sie zusammenbringt. Der Darnell Blanco Eco hat denn auch unglaublich gut gerochen, nach Mandarinen und der koreanischen Yuzu-Zitrone. Der Geschmack war schon sehr fein, wenn auch nicht so superlecker, wie der Geruch es eigentlich versprochen hatte. 3 von 5 Punkten.

Auf dem Jakosbweg

Beim nächsten Wein – Ijalba Tempranillo Blanco – war es genau andersherum. Mit dem Bild (Meilenstein mit Markierung des Ende des verlängerten Jakobswegs am Kap Finisterre) sind wir in Galizien gelandet, einer schwierigen Region für den Weinanbau. Der ausgesuchte Wein wird aber zumindest am Jakobsweg in der Rioja angebaut und roch fad, aber schmeckte wirklich gut, vor allem im Nachgang öffnete sich ein lieblicher, froher und weicher Geschmack. 3,5 von 5 Punkten.

Quietschbunter Karneval

Nummer 5 war Dehesa de Luna – ein Rosé. Da passte die Farbe des Rosé einfach zur Farbe des Weines im Foto perfekt. So weit, so gut. Denn: Im  Glas war ein Cabernet Sauvignon, der ist bekanntlich definitiv keine typische spanische Rebsorte. Bei dem Wein war ziemlich viel los im Glas, Peer Holm sprach von großer Lebensfreude. Ich würde es eher quietschbunter Karneval nennen. Das war mal definitiv nix für mich – womit der Wein gemeint ist und nicht der Karneval. Gibt nur 1 von 5 Punkten.

Jetzt endlich Rot

Mit Nummer 6 waren wir nunmehr endlich, endlich beim Rotwein angelangt. Bevorzuge ich immer noch. Zu dem Pinuaga 200 Cepas bleibt mir nicht sehr viel in Erinnerung, der schien mir irgendwie uninteressant. Man sprach von einem Geschmack „wie Samt und Seide“, dem kann ich ehrlich gesagt nicht zustimmen. Ich hatte eher ein raues Gefühl im Nachgang. 2 von 5 Punkten. Auch der nächste Rote hat mich dann doch eher enttäuscht, auch wenn die Sellección Eco mir etwas besser geschmeckt hat als der vorige. 2,5 von 5 Punkten.

Nur ein Wort: Top!

Nun endlich das, was ich mir erhofft hatte. Der beste Wein auch zum besten Bild des Abends. Ein klassischer Rioja mit dem schönen Namen Solar de Libano Organic Crianza aus dem höchsten und kältesten Teil der Rioja. Ich mit meinen rudimentären Spanisch-Kenntnissen habe spontan Sonne des Libanon übersetzt, ist natürlich Blödsinn. Die Winzerfamilie heißt einfach Libano. Ich habe keine weiteren Notizen gemacht außer „Top!“. Wer mag, kann sich die Lobeshymne der Weinhalle durchlesen, vermutlich kann man mit einem geübteren Gaumen Lakritze, Veilchen, Kirschen und Edelhölzer schmecken.
Ich glaube, an der Stelle ist es gelungen, Wein auf die ruhige, entschleunigte, aber dennoch überhaupt nicht langweilige Stimmung des Bildes abzustimmen. Bei keinem anderen Match haben Bild und Wein so harmoniert und waren so interessant und gut wie bei diesem. Rebsorte ganz typisch 100% Tempranillo, der gerne auch in Cuvees gemischt wird für längere Haltbarkeit. 4,5 von 5 Punkten (der halbe Punkt Abzug aus Prinzip, denn Perfektion gibt es nicht).

Wilde Schönheit

Das neunte Bild zeigte eine Frau in etwas anrüchiger Ausstrahlung. Ich war neugierig auf den erotischen Wein….bzw. die „wilde Schönheit“, wie der Finca El Molar Graciano angekündigt wurde. An der Stelle hätte kein harmonischer Wein gepasst und der Graciano zeigte sich tatsächlich ziemlich fordernd. Eine Diva auf dem Bild und im Glas, das war ein gutes Matching, auch wenn ich kein zweites Glas hätte trinken wollen. Aber auch hier war es schön zu sehen, dass der Gedanke, Schwingungen und Emotionen des Bildes auf die des Weines abzustimmen, ab und zu doch funktioniert hat und nicht immer letztendlich das Etikett herhalten musste, um einen gemeinsamen Foto-Wein-Moment zu kreieren. Für das Matching gibt’s 4 von 5 Punkten, für den Geschmack aus meiner Sicht nur 2,5 von 5 Punkten. 

PX geht immer

Zu guter Letzt ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, das wie Sherry aussah, wie Sherry schmeckte, aber dennoch keiner war – sagte zumindest Sommelier Peer Holm. Der Wein wird aber im Internet auch als Sherry verkauft und aufgelistet. Die Traube Pedro Ximénez ist zwar eine der bekanntesten Sherry-Rebsorten, hier wurde aber im Gegensatz zu Sherry nicht alkoholverstärkt. Der hohe Zuckeranteil des PX bringt den typischen Geschmack. Da ich spätestens seit der Sherry-Verkostung auf den Geschmack gekommen bin, habe ich Gutes erwartet und auch bekommen. Wie auch Sherry hätte der Bajoflor 5/3 (heißt übrigens „unter der Blüte“ und bezieht sich auf den Alterungsprozess, bei dem sich Hefe auf der Weinoberfläche bildet, was wohl wie Blumen aussieht) hervorragend zu fettigem, speckigem Essen gepasst, wie beispielsweise zu dem spanischen Schinken, der auf dem letzten Foto abgebildet war. Möglicherweise ist es auch dem Bild geschuldet, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, dass der Bajoflor 5/3 einen fettig-speckigen, sogar salzigen Nachgeschmack hatte, was der köstlich cremigen Süße ein wenig entgegenwirkte. 4 von 5 Punkten.

Auffallend, wenn auch keine Überraschung: Wie wenig die Preiskategorie den eigenen Genuss am Wein beeinflusst. Der beste Wein für mich persönlich, der Solar de Libano ist für unter 10 Euro zu haben. Aber einer der Weine, der mir am wenigsten geschmeckt hat, kostet 17 Euro. Mein Fazit des Abends: Rioja schmeckt zuverlässig. 


P.S.: Schlägt da gar das Erbmaterial durch?

Wein-Gespräch: Miguel Braga

Miguel Braga, Jahrgang 1962, ist Besitzer von Quinta do Mourão im idyllischen Douro-Tal in Portugal. Seine Portweine haben Weltklasse-Format – konnte mich unlängst persönlich überzeugen. 

Herr Braga, was ist für Sie ein guter Port?
Der nächste, den ich trinke… (lacht) Nein, dazu kann ich folgendes sagen: Für mich ist ein guter Port ein alter Tawny, der muss wie eine Ménage à trois im Mund sein: Alkohol, Süße und Säure. Für mich ist die Säure das Airbag eines Tawny, die bleibt im Mund. 

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Portwein?
Ja, ich glaube da war ich fünf Jahre alt. Bei einer Hochzeit habe ich die ganzen Reste aus den Flaschen getrunken. Ich erinnere mich daran, weil es danach wie ein Alptraum war.

Port ist hat eine sehr lange und große Tradition. Wie modern ist Portwein heute?
Er ist schon traditionell, aber auch junge Leute können das trinken. Tradition macht schließlich nicht krank.

Trinken Sie auch anderen Wein?
Ja, ich mache ja auch andere Weine, Stillweine. Und normalerweise mache ich die genauso wie den Port. Und ich mag sie alt. 

Trinken Sie auch Weine aus anderen Ländern und Regionen?
Ja natürlich, wenn ich zu Messen gehen gehe, biete ich meine Weine zum Austausch mit Weinen aus anderen Regionen an. Ich denke, das ist auch die einzige Möglichkeit, bei der ich Weine aus anderen Regionen koste, das ist die beste Gelegenheit, sich auszutauschen. 

Aber Port ist die Nummer Eins?
Port ist Port. Port ist die Lokomotive, der Rest ist das Gepäck. 

Was trinken Sie am liebsten am Abend, wenn Sie nach Hause kommen?
Vor dem Essen trinke ich ein Bier, um meine Kehle durchzuspülen. Danach fange ich mit einem Aperitif an, da am liebsten einen jungen Tawny. Zum Essen trinke ich normalerweise Rotwein, ich bin nicht so ein Weißwein-Fan. Zum Dessert dann ein 20, 30 Jahre alter Port – ein Weißer oder ein Tawny, das kommt auf die Süße und die Früchte beim Dessert an. Nach dem Kaffee dann ein – ich würde sagen selbstsüchtiger, introspektiver Wein wie zum Beispiel ein 40-Jähriger. 

Und zu einem besonderen Anlass dann ein 100-Jähriger?
Ich glaube, den hebt man besser für eine größere Gesellschaft mit erfahrenen Leuten auf, mit denen man darüber reden kann.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glass Portwein trinken?
Mit meiner Frau – sie mag das. Und mit meinen Kindern – auch sie lieben den Wein. Dann mit meiner Mutter, sie trinkt nichts anderes außer Portwein. Ausschließlich Port. Und mit allen meinen Freunden auch, würde ich sagen. Es muss nicht unbedingt jemand Berühmtes sein. 

Ist ein perfekter Portwein möglich?
Ich glaube, Perfektion kann man nie erreichen. Man denkt immer, man könnte noch etwas verbessern, einen besseren Blend machen als den letzten. Dann macht man manchmal Fehler und man erreicht nichts und der letzte war doch besser. Wenn man glaubt, perfekte Weine zu haben, tut man nichts mehr. Was soll man dann noch machen?

In Port Knox

Die Portweine von Quinta do Mourão sind bereits zweimal mit Nachdruck aufgefallen – bei einer Douro-Präsentation in Berlin und bei der Portweinmesse in Leverkusen. Höchste Zeit also für einen Besuch bei Miguel Braga, dem charismatischen Besitzer von Quinta do Mourão im idyllischen Douro-Tal in Portugal.

1986 ändert sich alles

Eingang zur Quinta

Ankunft in der Kellerei in Cambres bei Lamego. Quinta do Mourão hat keine Destination in Vila Nova de Gaia, wo die großen Portweinkellereien zu Hause sind. Miguel Bragas Vater Mario (stammte aus Vila Nova de Gaia, die Liebe hat ihn an den Douro verschlagen) hat das Anwesen bei Lamego 1972 gekauft. Vermarktet werden durfte der eigene Port dort aber erst ab 1986 – dem Jahr des EU-Beitritts Portugals. Zuvor gab es strenge Regelungen des Portwein-Kartells, Portwein durfte nur in Vila Nova de Gaia erzeugt und auch nur von dort aus gehandelt werden. 1986 änderte sich alles. Braga – Quinta do Mourão – begann ab da mit der eigenen Portwein-Vermarktung. 

2002 neue Kellerei 

Die Kellerei

Im Jahr 2002 wurde die neue Kellerei mitten in den Weinbergen gebaut, in direkter Nachbarschaft zum Luxushotel „Six Senses“. Aktuell umfasst die Rebfläche 42 Hektar, 250000 Liter Weine – Port und Stillwein – werden jährlich produziert. Exportiert wird in alle Welt. Die Kellerei mit 5 Edelstahltanks und 3 Gärtanks ist modern.  Quinta do Mourão beschäftigt 14 Mitarbeiter. 

Port Knox

In Port Knox

Dann geht es quer durch die Rebfläche und etliche Höhenmeter bergauf in ein altes Haus aus Natursteinen: Casa do Coito. Miguel Braga nennt es „Port Knox“ und sagt: „Hier liegt der größte Schatz unserer Familie.“ Nun, die Sicherheitsvorkehrungen mögen etwas lascher sein als beim Namensgeber Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky, wo die Goldreserven der Vereinigten Staaten lagern. Was in Port Knox liegt, ist nicht weniger wertvoll. In 11 Fässern zwischen 10000 und 12000 Litern (total 120 000 Liter) und dutzenden von „Pipas“ (kleine Fässer) altern tausende Liter Wein, einige davon seit über 100 Jahren.

Das Tasting

Tawnys

In Port Knox wird probiert – Port, Tawnys und Weiße. Die Portweine tragen den Namen S. Leonardo. Das ist ein Aussichtspunkt und der hat eine eigene Geschichte. Doch nun die Weine. Das Tasting wird zu einem Gang auf der Himmelsleiter, schon lange vor der letzte Sprosse wähnt man sich im Paradies.

Mit dem White 10 Anos (Jahre) geht es sehr gut los. Der ist schon überraschend üppig, hat Aromen von frischen Früchten, Nüssen und Gewürzen. Die Rebsorten Codega, Cerceal und Viosinho sind im Spiel, bei allen weißen Ports übrigens. Beim Tawny 10 Anos sind es die klassischen portugiesischen Sorten Touriga Nacional, Touriga Franca, Tinta Roriz, Tinta Baroca und Tinto Cão. Erstaunlich körperreich mit langem und schönem Finale.

Bei den 20 Jahre alten ist der Weiße (White 20 Anos) ein Hammer. Hier ist so viel im Spiel: Trockenfrüchte, Nüsse, Gewürze und was nicht noch alles. Der 20 Anos Tawny erinnert in der Aromatik an den 10-Jährigen, ist aber irgendwie feiner, subtiler.

Himmlisch

White Ports

Nun die 30-Jährigen, es wird immer aufregender. Der White 30 Anos hat neben den Frucht- und Gewürz-Aromen einen Hauch von weißem Pfeffer, dazu ein endloses Finale. Dann der 30 Anos Tawny – der Mutterwein aus dem Jahr 1976! Vollmundig und kraftvoll, weich und harmonisch zugleich.

Jetzt wird’s himmlisch. Beim White 40 Anos kommen Minze und Karamell ins Spiel, getrocknete  Früchte sowieso, dazu eine kaum für möglich gehaltene Frische. Der Mutterwein des 40 Anos Tawny stammt aus dem Jahr 1948! Intensive Aromen von Nüssen und Honig, perfekte Balance zwischen Süße und Säure. 

Weißes Paradies 

Bei den nächsten weißen Ports gehen die Vokabeln aus. Will eigentlich nichts mehr notieren, nur noch genießen. Der White 50 Anos ist überragend, natürlich. Er hat eine Geschichte. Im Spiel sind Weine der Jahre1962 und 1967, zwei Jahre verheerender Überschwemmungen in Portugal. Zwei extrem feuchte Jahre also, die dem Wein mit der prägnanten Säure einen ganz speziellen Charakter geben. Auf der Homepage heißt es: „Dieser Wein ist ein Symbol der Renaissance nach dem Drama.“

Im White 60 Anos  überraschen wieder neue Aromen, Kokosnuss oder Vanille etwa.  Ein so kompletter wie komplexer Wein. Beim White 90 Anos ist eine Andacht fällig. Der Wein ist ölig, optisch wirklich alt. Aber nur optisch – im Gaumen ein Wunder. Miguel Braga hat ihm seinen Vater gewidmet. 1927 wurde Mario Braga, der Gründer von Quinta do Mourão, geboren. Aus dem Jahr 1927 stammt der Wein, nach 90 Jahren wurde er in Flaschen abgefüllt. 

Der 100-Jährige

Miguel Braga mit dem 100-Jährigen

Zum Finale eine 100 Jahre alter Port. Er stammt aus Jahrgängen von 1895 bis 1927, hat also drei Jahrhunderte überspannt. Ausnahmenweise mal Analysewerte: 9,15 g Restsäure, 283 g Zucker je Liter. Tja, was ist nun zu diesem S. Leonardo 100 Anos Tawny zu sagen?  Schokolade, Säure, Balsamico sind notiert, eigentlich wäre ein kleiner Roman fällig – so viele Eindrücke.
Man wähnt sich im Paradies. Ob es diesen Port da wirklich gibt?

Schlusswort Miguel Braga: „Port ist ein emotionaler Zustand der Magie.“

Zum 20. Mal: BW Classics in Berlin 

Noch nichts vor am Wochenende? Ein Ausflug nach Berlin wäre eine gute Idee. Dort werden am 26. und 27. Oktober Weine aus Baden und Württemberg präsentiert. BW Classics heißt die Messe, mehr als 1000 Weine von 65 Weinbaubetrieben und 13 Jungwinzern können dort verkostet werden. Das Ticket beinhaltet die Verkostung aller Weine und die Teilnahme an den Weinseminaren. 

Baden und Württemberg gelten als prädestiniert für Rotweine. Neben bekannten Sorten wie Spätburgunder, Lemberger oder Trollinger haben im Südwesten Deutschlands aber auch Weißweine wie Riesling, Grauer und Weißer Burgunder, Sauvignon, Silvaner und Gutedel einen guten Ruf. Wer Alternativen zum Champagner sucht, wird unter Sekten aus BW auch fündig. 

Seminare mit den Weinköniginnen

Ein Highlight der BW Classics sind die kostenlosen Weinseminare mit der Badener Weinkönigin Sina Erdrich sowie ihrer württembergischen Kollegin und kürzlich gekürten deutschen Weinprinzessin Julia Böcken.  Im Rahmen einer geführten Verkostung geben die Expertinnen Weinwissen zu den Themen „Cuvées aus Württemberg“, „Festtagsweine“ und „Top10 Weine aus Baden“ weiter. Ergänzt wird das Angebot durch regionale Spezialitäten. Küchenchef Wilhelm Biermann bereitet etwa Schwäbische Maultaschen oder Badisches Schäufele frisch zu.

Facts der BW Classics Berlin 

Wann? Samstag 26. Oktober bis Sonntag, 27. Oktober 2019, jeweils 11-18 Uhr
Wo?  STATION Berlin, Luckenwalder Str. 4–6, 10963 Berlin
Kosten? Tagesticket 15 Euro inkl. Weinverkostungen und Weinseminare

Die Weinseminare am Samstag und Sonntag:
13 Uhr
„Cuvée“ – Württemberger Kompetenz und Leidenschaft
14:30 Uhr „Unsere Weinbegleitung für Ihre Festtage“
16 Uhr „TOP10 Weine“ – Die Spitze Badens