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Gekaufte Trauben

Was tun, wenn der Wein nicht reicht? Vor diesem Problem stehen immer mal wieder Winzer in Deutschland, aktuell an Saale-Unstrut. Drei trockene Jahre hintereinander plus Schäden durch Spätfröste bleiben nicht ohne wirtschaftliche Folgen. Zwischen 30 Prozent weniger und lediglich 30 Prozent der durchschnittlichen Erntemenge brachte die Ernte 2020 bei den Saale-Unstrut-Winzern. Angesichts des Klimawandels bleibt das Problem latent. Die Lösung: Trauben kaufen.

Zukauf ist üblich

Es war und ist in vielen Betrieben üblich, Trauben von anderen Winzern – befreundet oder nicht – aus dem Gebiet zu kaufen. In der Regel kein Problem. Wenn Trauben aus anderen Gebieten zugekauft werden, wird die Sache jedoch komplizierter. Für manchen ist das ein Tabubruch, einige wollen darüber am liebsten nicht reden, andere gehen damit ganz offen um. Ein befreundeter Kollege hat zum heiklen Thema im Gebiet recherchiert. 

Deutscher Wein

Beim VdP-Weingut Pawis gibt es in der jahrelang nicht genutzten Rubrik „Weinhaus Pawis“ – offiziell seine Zweitmarke für zugekaufte Trauben – in diesem Jahr gleich sieben Weine. Einen Müller Thurgau des Vorjahres und einen Riesling, beide versehen mit dem Untertitel Qualitätswein, was darauf schließen lässt, dass sie aus zugekauften Trauben von Saale-Unstrut gekeltert sind. Fünf weitere sind Deutsche Weine, deren Trauben von Winzern aus anderen Gebieten erworben werden konnten. Das sind zum Beispiel Chardonnay, Sauvignon Blanc und Pinot Blanc. Es gibt auch einen „Riesler“, laut Bernard Pawis ein Name, der auch für den Rheinriesling gebraucht wird. Hintergrund ist, dass in der Kategorie Deutsche Weine nicht die üblichen deutschen Namen verwendet werden dürfen.

Eisheiligen-Wein

Da scheint der Ansatz von Andreas Clauß vom Thüringer Weingut Bad Sulza konsequenter. Er kauft für seine Cuvées deutschlandweit ein, hat die Linie „Eisheiligen-Wein“ erfunden. Drei soll es geben – stilecht „Bonifatius“,„Pankratius“ und „Sophia“ genannt. Sie werden klar als Deutscher Wein deklariert und heben sich auch optisch eindeutig von den anderen Weinen des Thüringer Weingutes Bad Sulza ab. Matthias Hey, das jüngste VdP-Mitglied des Gebietes, will es mit dem Wein von den wohl aus der Pfalz zugekauften Trauben ähnlich halten. Die Idee hat auch Charme. Ist es nicht spannend zu sehen/schmecken,  was zwei Winzer aus verschiedenen Gebieten aus de gleichen Traubenmaterial machen? Beim Weingut  Zahn bleibt das Geschäft in der Familie – eine Schwester von André Zahn hat in das pfälzische Weingut Stahlheber eingeheiratet. Auch Hendrik Bobbe kauft wieder zu. Von anderen Weingütern ist das nicht bekannt. 

Gemeinschaftsprojekte

In eine ganz andere Kategorie gehören spezielle Projekte.  So gab es im Jahr 2000 einen Riesling als Gemeinschaftsprojekt der VdP-Weingüter Lützkendorf (Saale-Unstrut) mit dem Weingut Gebrüder Becker aus Baden angesichts des zehnten Jahrestages der Wiedervereinigung 2000. Bernard Pawis hat zur 30. Wiederkehr der Einheit 2020 mit dem Weingut Spreitzer die Idee wiederbelebt. 

 

Wein-Gespräch: Verena Wyss

Es sind keine schönen Tage im Corona-Lockdown. Die Begegnungen mit Winzern fehlen, interessante Verkostungen, Reisen. In den trüben Tagen helfen neben einem schönen Wein Erinnerungen. Jetzt gerade zum Beispiel bei einer Flasche Merlot „Chant de la Terre“ von der Domaine Verena Wyss aus dem Herzen des Languedoc. Und damit zugleich Erinnerungen an eine herrliche Tour im Midi und an eine wunderbare Begegnung mit der Winzerin Verena Wyss  auf einem Weinfest in Pézenas.  Die Schweizerin kredenzte zunächst erstklassige Weine ihres Bio-Weinguts in Gabian: Feiner Viognier, Klasse Rosé, ein Wein der exzentrischen Rebsorte Lledoner Pelut (ein Cousin des Grenache) und schließlich der Merlot. Dann sind wir schnell ins Gespräch gekommen. Einige Fragen beantwortete Verena Wyss später noch per Email.

Wie sind Sie als Schweizerin ins Languedoc gekommen?
Mein Mann und ich haben diesen wunderbaren Ort Canteperdrix durch Bekannte im Jahr 1989 entdeckt.

Wie leicht oder schwer war es, sich als „Fremde“ dort zu etablieren?
Voraussetzung ist die Kenntnis der Sprache, das Entgegengehen und der Wille, sich zu integrieren. Viele Südfranzosen sind selbst Einwanderer aus dem spanischen Bürgerkrieg, die Garcias,Fuentes etc.

War es dazu noch etwas Besonderes, als Frau ein Weingut zu führen?
Nein, das ist hier nichts Besonderes. Aber es stimmt, dass viele Domaines aus administrativen Gründen der Frau überschrieben sind und der Mann der Winzer ist.

Woher kommt Ihre Liebe zum Wein?
Der Wein ist seit meiner Kindheit ein kultureller Bestandteil. Meine Großeltern waren Weinbauern im Tessin in der Südschweiz.

Wie würden Sie Ihre Weine selbst charakterisieren?  Sie sind nicht gleich als typisch südfranzösich erkennbar.
Geradlinig, ungekünstelt und trotzdem den Ausdruck der Fruchtigkeit wegen des sonnigen Klimas nicht verleugnend.

Welchen Wein öffnen Sie gerne, wenn Sie nach getaner Arbeit nach Hause kommen?
Ein Glas WYSSwein, im Sommer «gespritzt».

Und was wird zu besonderen Anlässen entkorkt, Weihnachten etwa?
Da wähle ich passende Weine zu den gekochten Köstlichkeiten. Meinen Viognier Tradition zu Sauerkraut und Rebhuhn zum Beispiel.

Welcher Wein, den Sie einmal getrunken haben, hat den bisher größten Eindruck hinterlassen?
Das kann ich leider nicht beantworten.

Ihre Meinung: Kork, Glas oder Schraubverschluss?
Ich verwende Kork- und neuerdings Zuckerrohrzapfen.

Sie arbeiten nach biologischen Prinzipien. Weil das ein Trend ist oder aus Überzeugung?
Bei der Übernahme des Gutes anfangs der 90-er Jahre waren alle alten Reben ausgerissen. So haben wir eine Parzelle nach der anderen nach biologischen Richtlinien angebaut. Die letzte im Jahr 2000. Die Zertifizierung erfolgte erst 2012, weil es erforderlich ist.

Wird der Bio-Weinbau im Languedoc gefördert? Stoßen Sie auf Hindernisse?
Ja, es sind Bestrebungen im Gange, vor allem mit Staatshilfen für junge Winzer. Das geht nicht immer gut. Nein, ich kenne keine Hindernisse.

Manche Winzer lassen Weine mit Musikbegleitung reifen, andere setzen auf die Lese bei Vollmond. Was halten Sie von solchen Ideen, praktizieren Sie selbst etwas Außergewöhnliches?
Falls sich der Mensch dabei wohl fühlt ist es sicher auch für den Wein von positiv. Wenn ich in meinem Keller Tom Waits oder die Fünfte von Gustav Mahler lautstark höre, ist dies meiner Meinung nach dem Wein egal.

Braucht es Ihrer Ansicht nach eher mehr oder weniger Regulierungen?
Spontan sage ich: weniger Regulierungen, die bringen uns in peinliche Situationen wenn es um zuviel administrative Arbeit geht, die vielen Winzern über den Kopf wachsen.

Welche Auswirkungen auf den Weinbau befürchten Sie mit dem Klimawandel?
Es wird zuviel darüber, auch aus politischen Gründen, gesprochen. In meinem Betrieb gab es in den 90-er Jahren und dann auch 2003 bereits Perioden des Wassermangels.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Mit Angela Merkel.

Lassen Sie sich bei der Weinbereitung von einer bestimmten Philosophie leiten?Nein, nicht besonders. Ich bin glücklich und dankbar, Wein aus gesunden und reifen Trauben keltern zu dürfen.

Gibt es den perfekten Wein?
Den gibt es so wenig wie es den perfekten Menschen gibt. Vermutlich gibt es eher das perfekte Marketing für Wein…

P.S. In einer Mail schrieb Verena Wyss noch:  „Vielleicht sind meine Ansichten eher von nüchterner Natur. Ich bin aber nicht dagegen, dem Konsumenten noch etwas von seinen eventuellen mystischen Vorstellungen zu lassen.“

Eiswein-Lese in Sachsen

In Zeiten des Klimawandels wird er mehr und mehr zu einer Rarität – Eiswein. Mitte Januar war es in Ostdeutschland kalt genug, sodass die Winzer für ihr Risiko belohnt wurden, im Herbst Trauben für die Eiswein-Lese stehenzulassen.  In Sachsen freute sich vor allem die Sächsische Winzergenossenschaft Meißen, die zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder Trauben für Eiswein lesen konnte.  

Lese bei 9 Grad minus

Kostbares Lesegut

In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar hat das Team der Sächsischen Winzergenossenschaft Cabernet-Blanc-Trauben gelesen. Aus diesen Trauben soll nun der erste Eiswein seit fast 20 Jahren entstehen. „Wir haben in den letzten Jahren immer Trauben hängen lassen, jedoch hat es mit dem gewünschten Eiswein nie geklappt, da sich die dafür notwendigen frostigen Temperaturen nicht eingestellt haben. Auch in diesem Jahr hatten wir eine Fläche von rund 3000 Quadratmetern für Eiswein vorgesehen“, informiert Lutz Krüger, Geschäftsführer der Sächsischen Winzergenossenschaft Meißen. Die ist mit 1500 Winzern Sachsens größter Weinerzeuger. „Unser letzter Eiswein ist viele Jahre her: Anfang der 2000er hatten wir Eiswein aus Riesling, kurz darauf aus Dornfelder. Das ist schon etwas Besonderes und daher freuen wir uns, dass es nun geklappt hat und wir bei -9 Grad Celsius die Lese durchführen konnten.“

Prominente Helfer

Weinprinzessin Ann-Kathrin Schatzl

Mit dabei waren auch Sachsens Weinhoheiten, die kräftig mit anpackten. „Wir sind hier nicht nur für schöne Fotos vor Ort“, sagt die Sächsische Weinkönigin Katja Böhme, „nein, für uns ist es schon eine Besonderheit, bei so einem seltenen Ereignis live dabei zu sein.“ Die Winzergenossenschaft hatte die Rebstöcke eingenetzt, um diese auch vor Vögeln und Waschbären zu schützen. „So müssen wir nun zuerst die Netze abnehmen, um dann die Trauben ernten zu können. Bei fast zehn Minusgraden muss man da schon aufpassen, dass einem nicht die Finger abfrieren“, erzählt Sachsens Weinprinzessin Ann-Kathrin Schatzl.

350 Liter Most Ertrag 

Lutz Krüger ist sichtlich zufrieden

Ein Team von 20 Winzern traf sich in der Nacht von Sonntag auf Montag im Weinberg am Zscheilaer Berg in Meißen, um die Cabernet-Blanc-Trauben zu ernten. Die Arbeit dauerte bis in den frühen Morgen an. Anschließend ging es für die gefrosteten Trauben direkt in die Presse der Winzergenossenschaft. „Aus den Trauben der Eisweinlese konnten rund 350 Liter Most gewonnen worden. Nun liegt es an Kellermeisterin Natalie Weich, aus dem gewonnenen Most den Eiswein zu keltern. Dafür haben wir mit ihr eine Expertin, die das Können und das richtige Händchen dafür hat“, ist sich Krüger sicher.
Der Eiswein der Winzergenossenschaft ist freilich nicht der erste Eiswein in Sachsen seit 20 Jahren. Bekannt ist Eiswein von Vinzenz Richter von 2017 und Eiswein von Prinz zu Lippe von 2012.

Eiswein-Lese auch in Saale-Unstrut

Am frühen Morgen des 17. Januar 2021 wurden auch im Weingut Herzer an Saale-Unstrut, dem zweiten Anbaugebiet in Ostdeutschland, Weißburgunder-Trauben für Eiswein gelesen. Minus neun Grad herrschten da an der Lage Steinmeister.  Es ist das einzige Weingut an  Saale-Unstrut, das Reben für Eiswein hatte stehen lassen.  150 Liter Most soll die Ausbeute betragen haben. Zuletzt hatten in dem Gebiet im Januar 2019 mehrere Betriebe Trauben für Eiswein lesen können. 

Fotos: meeco Communication Services

Weingut-Test: Lehner

Überraschungen und Entdeckungen sind etwas Wunderbares. Wieder einmal passiert im letzten Sommer mit den Weinen von Sigrid und Erwin Lehner. Sie nennen sich offiziell BioWeingut Lehner. Klar, vor Ort und im Urlaub schmeckt alles, das bringt immer einen Bonus. Über die Feiertage jetzt daheim gab’s Lehner-Weine ohne Urlaubsfeeling. Aber mit dem gleichen Urteil: Feine, ehrliche, genussvolle Weine!   

„Drei Häuser weiter“ 

Die Geschichte: Speisen im „Heimlich“ in Gols am Neusidlersee, ein Klasse-Restaurant mitten im Ort. Es wird betrieben von Peter H. Müller, einem Sommelier aus Deutschland. Natürlich mit schöner Weinkarte. Zum gebratenen Stör mit Soja-Nussbutter, Linsen und  Radieschen empfahl Müller einen Grünen Veltiner vom Weingut Lehner. Veltiner ist ja nun nicht die angesagte Rebe im Burgenland, und Lehner? Noch nie gehört.  War also skeptisch, aber Müller wird schon wissen was er tut. Volles Vertrauen also und – Volltreffer! Ich frage: „Wo liegt denn das Weingut?“ Müller: „Drei Häuser weiter.“ 

„Das richtige Augenmaß“

Logo des Weinguts – der Jahreskreis

Am nächsten Morgen – es ist Abreisetag – Anruf bei Lehners. Erwin meldet sich aus dem Weinberg, er will seiner Frau Bescheid sagen, ich kann kommen. Besuch also am frühen Morgen, Frau Lehner ist schon sowas von fit. Und Weine kennen eh keine Uhrzeit. Der Besuch ist das pure Vergnügen. Viel Philosophie, viele Geschichten (originell die Story vom Export nach Nigeria), und natürlich die Weine.
Der Betrieb ist 20 Jahre jung. Rund 10 Hektar werden bewirtschaftet, streng nach biodynamischen Richtlinien, ein Teil nach Demeter-Standard. Johann Wolfgang von Goethe und Rudolf Steiner sind Leitfiguren. Erwin Lehner ist schon immer dem Wein verbunden, tatsächlich ist er im Weinberg zur Welt gekommen. Sigrid Lehner, ausgebildete Krankenschwester, ist Autodidaktin. Sie gestaltet die Etiketten, begeistert Besucher für ihre Weine und spricht im Weinberg auch schon mal mit den Rebstöcken. Das Logo des Weinguts ist der Jahreskreis.

„Unterschiedlich wie wir“

Sigrid Lehner im eigenen Weingut

Zur Bewirtschaftung nur einige Stichworte: Rebschnitt nicht vor Weihnachten, keine Entlaubung, keine Bewässerung, Abfüllung komplett händisch (soll die Energie des Winzers in die Flasche bringen). Die Philosophie steht auf der Homepage: „Wie das gezähmte Haustier braucht die kultivierte Pflanze artgerechte Betreuung in einem ausgewogenen Umfeld, nicht zu wenig aber auch nicht zu viel. Es gilt, das richtige Augenmaß zu finden.“ Und so beschreibt Sigrid Lehner ihre Weine: „Sie sind so unterschiedlich wie wir, ein bisserl penibel und genau, manchmal regelverhaftet, aber auch endlos entspannt und spürig, erdverbunden und bodenhaftend, oft etwas durcheinander, regellos und kunterbunt, so sind unsere Weine: sie tragen unsere Persönlichkeiten, sie widerspiegeln ganz einfach Lebendigkeit…“

„Ich trau mich das“

Weine im Tasting

Jetzt wird’s konkret – die Weine. Der charaktervolle Veltliner vom Ried Edelgrund (Ganztraubenpresssung, Spontangärung, Reife auf der Hefe im Edelstahltank) war der Wegweiser. Nun Chardonnay, erst Spontangärung im Stahltank, dann Reifung auf der Feinhefe im kleinen Holzfass. Feiner Tropfen mit Persönlichkeit, die Rösatromen sind schön balanciert, das Holz gibt Kraft, ist aber nicht protzig.  Originell, wenn auch nicht meine Rebsorte: der Muskateller. Unfiltriert und ungeschwefelt, schöne Aromatik, weich, erdig. Dann eine Rarität: Neuburger, eigentlich nur in der Thermenregion Zuhause. 40 Jahre sind die Reben alt. 18 Monate Reifezeit – im Holz und  auf der Hefe. Dass die Flasche nicht aus dem Kühlschrank kommt, kein Problem. „Ich trau mich das“ sagt Frau Lehner. Und sie hat Recht. Der Neuburger präsentiert sich aromatisch, von ungewöhnlicher Dichte, in Hochform. Die Nachprobe vor wenigen Tagen war der gleiche Erfolg.  

„Entsorgungswein für Cabernet Sauvignon“

Das Rück-Etikett des „Pseudonym“

Jetzt noch Rote – plus eine Überraschung. ‚Unt Aus‘ (bedeutet, dass der Weinberg unterhalb des Ortes liegt) heißt der 2016er Zweigelt, ausgebaut im großen Holzfass und gebrauchten Barriques. Reif, saftig, die Tannine fein eingebunden. Hat auch jetzt wieder Spaß gemacht. Gilt erst recht für die ‚Assemblage 2015‘,  Blaufränkisch/Zweigelt/Cabernet Sauvignon. „Unser Entsorgungswein für Cabernet Sauvignon“, scherzt Sigrid Lehner. Würden Entsorgungen nur immer so enden… Ein reifer, vollmundiger, selbstbewusster Wein, ein Genuss! Das Finale ist spektakulär. „Pseudonym 2003“ – die Reborte ist geheim und war trotz aller Anstrengungen nicht zu erfahren. Ein Orange-Wein vom Feinsten, gewiss nicht jedermanns Sache, ich war begeistert. So viel Charisma, dazu die tröstliche Botschaft: Alter kann etwas Tolles sein.
Welche Rebsorte ist das nur? Wiederkommen!

 

Trauer um Udo Lützkendorf

Winzer Udo Lützkendorf, Patron des Weingutes Lützkendorf in Bad Kösen, hat den Weinbau in Saale-Unstrut maßgeblich geprägt. Im Dezember 2020 ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. In einem im Burgenland Journal des Naumburger Tageblattes erschienenen Nachruf erinnern Journalisten an Udo Lützkendorf und Begegnungen mit ihm.  

Kein typischer Funktionär 

Udo Lützkendorf, Spross einer Winzerfamilie, die schon 1893 Weinberge bei Karsdorf bewirtschaftet hat, war zu DDR-Zeiten als Kellermeister und späterer Leiter des VEG Weinbau Naumburg kein typischer Funktionär der sozialistischen Schule. Mitstreiter von damals beschreiben ich ihn als pragmatisch, erfolgsorientiert, aber auch sehr sozial. Im Minimalland DDR holte er aus 100 Hektar Rebfläche mehr raus, als Interhotels verbrauchen und Politbüro trinken konnten. In Leipzig und Halle konnte man, wenn man etwas kundig war, Weine aus Bad Kösen finden, und nicht nur die aromatisierten Massenweine (für Kundige: die mit dem Engel auf dem Etikett). 

Reben-Schmuggel aus der Slowakei

Frank Nowak beschreibt ein prägendes Erlebnis mit Udo Lützkendorf. Es geht um einen Film über die Frost-Katastrophe 1987, den der TV-Mann für den MDR gedreht hatte. „Udo hatte eine sehr einprägsame Art zu schildern, wie er damals in die zur CSSR gehörende Slowakei reiste, um neue Reben für die zahlreich erfrorenen Pflanzen an Saale und Unstrut zu besorgen. Der Barkas B1000 war voll mit Maschinen und Ersatzteilen, die befreundete Winzer sehr gern gegen Setzlinge tauschen wollten – Kohle war auf beiden Seiten knapp. An der Grenze dann das große Zittern. Aber es klappte. 75.000 Pfropfreben Blauer Zweigelt, André und vieles mehr kamen in die Region. Das Gesicht von Saale-Unstrut war ab da ein anderes.“ 

Die 90-er noch ganz frisch

Wolf-Dietrich Balzereit hörte beim Stichwort Udo Lützkendorf gar nicht auf zu sprudeln. Er war sehr häufig in Bad Kösen und wurde immer quasi als Clan-Mitglied empfangen. Nicht als alles absegnendes, eher als akzeptierter Anmerker. Er erzählte von einer der letzten jährlichen Verkostungen kurz vor Weihnachten, bei der Udo aus seinem gut bestückten Archiv-Keller Tropfen auffuhr, die das gewaltige Potenzial von Anbaugebiet und eigenem Weingut bezeugten. Bemerkenswerte Weine kamen da in die Gläser. Gutedel und Müller-Thurgau aus den frühen 90-ern  präsentierten sich jugendlich frisch, frei von Firne und Verfallserscheinungen. Es waren mit die ersten Weine, die Udo Lützkendorf wieder im eigenen Familienweingut ausgebaut hatte. 

Erster VdP-Winzer im Osten

1959 hatte sein Vater die Weinberge der Familie in die LPG Burgscheidungen einbringen müssen. Als er sich nach der Wende weigerte, als Chef des nunmaligen Landesweingutes Personal zu entlassen, setzte man ihn vor die Tür. Er bekam Flächen zurück, baute mit Sohn Uwe eines der besten Weingüter des Ostens auf. Folgerichtig war es gemeinsam mit Schloss Proschwitz aus Meißen das erste Ost-Weingut, das in den VDP aufgenommen wurde. Auch eine Verkostung gereifter Jahrgänge auf Schloss Neuenburg blieb im Gedächtnis. Dabei kam auch ein 1976er Riesling des VEG Weinbau Naumburg auf den Verkostungstisch, der sich jugendlich, knackig und traumhaft in der Ausgewogenheit zwischen Frucht und Säure zeigte. Stolz überzog Udo Lützkendorfs Gesicht, als er die Geschichte der Entstehung dieses Tropfens erzählte. Sein unglaublicher Wissensfundus schien jeden Jahrgang präzise abgespeichert zu haben. 1976 sei ein sehr schwieriges Jahr mit hohen Säurewerten gewesen. Aber eben jenes straffe Säuregerüst verlieh jenem Riesling diese Langlebigkeit. 

Wein für Lebensfreude

Udo Lützkendorf gehörte zu den Gründervätern der Weinbruderschaft. Als ihm zuletzt das Niveau der jährlichen Bruderschaftsverkostungen zu sehr absank, zog er sich dort konsequent zurück. Gemeinsam mit Rudolf Knoll hatte er Anfang der 90er-Jahre die Idee einer gemeinsamen Jungweinprobe der beiden ostdeutschen Anbaugebiete ins Leben gerufen. 2020 hätte sie ihre 30. Auflage erlebt. Theo M. Lies erinnerte sich vor allem an Udo Lützkendorfs Rede zum 20. Geburtstag der Weinbruderschaft auf Schloss Burgscheidungen. In seiner unnachahmlichen Art warb dieser für den Weinkonsum als Mittel der Lebensfreude, aber auch der Gesunderhaltung. Er trinke deswegen jeden Früh einen Schluck und dann über den Tag immer wieder einen. Da könnten auch mal zwei Liter zusammenkommen. Andere Quellen sprechen von drei. Wieviel Wahrheit oder Geschichte darin liegt –  wer weiß das schon. 

Trauerfeier im Weinberg 

Immerhin 83 Jahre alt wurde er. Zur Trauerfeier in der Karsdorfer Hohen Gräte empfanden es alle als sehr stimmungsvoll, genau dort an den Verstorbenen zu erinnern. Die Schönburger Musikanten spielten auf, Enkelin Lisa hielt eine bewegende Rede. Es gab Weiß- und Spätburgunder des Hauses in Udos Lieblingsweinberg. Ihm hätte das wohl gefallen.

Udo Lützkendorf (links) mit Sohn Uwe (rechts) und Saale-Unstrut-Weinbotschafter Gunther Emmerlich.
Fotos: Torsten Biel

 

Weine für Weinnachten

Dieser Eintrag ist gegen Jahresende schon Tradition: Was wird an den bevorstehenden Feiertagen entkorkt? Gerne ist  unter Freunden auch von Weinnachten die Rede. Denn zum Fest darf es (muss es?) etwas Besonderes sein. Wieder haben die diesmal für Weinnachten ausgesuchten Weine ihre eigene kleine Geschichte.
Das sind meine Weine für Weinnachten 2020: 

Riesling Kaseler Nies’chen ‚Im Taubenberg‘ 2016, Erben von Beulwitz, Ruwer

Vor einem Jahr machte die Nachricht die Runde, dass die Winzer im Ruwertal ab 2020 auch „Ruwer“ auf ihre Etiketten drucken dürfen. Bisher firmierten die Weine der wenigen Winzer an der Ruwer unter Mosel. Ruwer – wer hat da einen guten Tipp? Ein Leipziger Unternehmer empfahl das Weingut Erben von Beulwitz. Also bestellt, probiert. Schon der Riesling Kabinett hat überzeugt, sehr konzentriert, klassisch Mosel-Style (hätte ich beinahe gesagt). Jetzt eine Etage höher: Kaseler Nies’chen ’Im Taubenberg’ Großes Gewächs 2016. Der Taubenberg ist eine Parzelle in der Lage Kaseler Nies’chen und offenbar etwas Besonderes. Auf der Homeage des Weinguts heißt es: „Schon auf der historischen Weinbaukarte von 1868 spiegelt sich dieses Wissen um die höchsten Ansprüche an die Lage. Die Lage ‚Im Taubenberg‘ wurde seinerzeit bei der Grundsteuer-Regelung mit dem höchsten Satz von 420 Silbergroschen pro Morgen bewertet.“ Verheißungsvolles also von der Ruwer – allerdings steht noch Mosel auf dem Etikett.

Grauburgunder Naumburger Göttersitz 2017, Gussek, Saale-Unstrut

Sofort bei der spannenden Reise durch die Facetten des Grauburgunders im Oktober bei André Gussek war klar: Das ist diesmal der Wein  zum Gänsebraten. Trotz mehrerer Experimente und Empfehlungen für Rotwein zum Weihnachtsessen bleibe ich stur: Ein Weißer ist perfekt. Habe tolle Erfahrungen mit Gewürztraminer gemacht, auch mit einem im Barrique gereiften Chardonnay. Nun also ein Grauburgunder, der ein Jahr im Barrique-Fass (1. bis 3. Belegung) auf der Hefe gereift ist. Viel Power, füllig und dicht, das Toasting harmonisch eingebunden. Für Liebhaber dieses Stils (nicht jeder mag das!) volle Punktzahl. „Zum Gänsebraten eine Traumhochzeit“, hab ich vor zehn Wochen notiert. Bin mir sicher, das wird es.

Chateau Grand-Puy-Lacoste 2000, Bordeaux

Bordeaux ist dieses Jahr etwas kurz gekommen. Höchste Zeit also für einen schönen reifen. Den 2000er Grand-Puy-Lacoste aus Pauillac habe ich über Jahre bei seiner Erwachsen-Werdung verfolgt.  2013 bei einer Verkostung reifer Bordeaux-Weine war dies notiert: „Nase nach Sahne-Toffee, süßlicher Touch, scheint rund und fertig, Beeren, Tabakblätter, klar ein femininer Wein, klassischer Kaminwein.“ Eine gestandene Persönlichkeit also, in der Blüte des Lebens. Jetzt die Frage: Kann da noch mehr kommen? Oder ist er schon dem Sterben geweiht? Der Kamin wird entzündet – bin mehr als gespannt.   

Biiri Blaufränkisch 2012, Hans Igler, Burgenland

2020 war Österreich-Jahr, beste Erinnerungen an eine herrliche und genussreiche Tour durchs Burgenland. Die hat meiner kleine Liebe zum Blaufränkisch neuen Schwung gegeben. Aber auch dem Thema, welches Reifepotenzial Blaufränkisch hat, neue Fragezeichen. Was wäre auf der Suche nach Antworten besser geeignet als ein acht Jahre alter Blaufränkisch von Hans Igler aus Deutschkreuz im Mittelburgenland? Hans Igler (verstorben 1994) gilt als einer der österreichischen Rotwein-Pioniere, seine Tochter und deren Ehemann würdigen sein Andenken im Namen des Weinguts weiter. Der Biiri ist das Flaggschiff und eine Legende des Weinguts, im Barrique gereift, hat mehrere Preise gewonnen. Habe ziemlich hohe Erwartungen. 

Tawny Port, 20 Year, Taylor’s, Portugal

Seit dem Besuch in Porto kein Weihnachten mehr ohne einen feinen Port! Den 20y Tawny von Taylor’s  hab ich zuletzt getrunken im September 2019 im gigantischen Keller bei Taylor’s in Vila Nova de Gaia. War sofort angetan, freilich kein Wunder bei der Umgebung. Notiert damals: Schokolade, Kakao, Zigarre, keine aufdringliche Süße, ewig lange Präsenz. Also große Vorfreude – da kann gar nichts schiefgehen. 

Klosterweingut an der Unstrut  

Von neuen Projekten im Weinbaugebiet Saale-Unstrut war hier schon die Rede. Zuletzt von den Plänen, den Weinbau in Erfurt wiederzubeleben. Die neueste Nachricht:  Ein Klosterweingut soll etabliert werden. Das Naumburger Tageblatt hat darüber berichtet. 

Beste Voraussetzungen  

Diese Idee ist so naheliegend wie die Unstrut: Die Stiftung  Kloster und Kaiserpfalz Memleben will in dem Gebäudekomplex, den sie 2016 von einem privaten Eigentümer erworben hat, direkt neben der Klosteranlage einen weiteren Hotspot für Touristen und Genießer etablieren – ein Klosterweingut. Die Scheune bietet  ideale Voraussetzungen für die Weinproduktion. Nebenan gibt es weitere Räume, die für Verkostungen genutzt werden könnten. Das Wichtigste: Einen eigenen Weinberg in der nur anderthalb Kilometer entfernten Lage Memlebener Steinklöbe – aktuell bepflanzt mit etwa 1800 Stöcken Weißburgunder – besitzt die Stiftung auch bereits.

Winzer gesucht

„Jetzt suchen wir einen interessierten Winzer, der uns als Experte bei diesem Projekt  zur Seite steht.  Hier kann man sich verwirklichen und total austoben“, wirbt Andrea Knopik, Zweiter Vorstand der Stiftung. Ziel sei es, in dem künftigen Klosterweingut mit hohem Qualitätsanspruch die Traubenproduktion, den Ausbau der Weine sowie den Verkauf unter einem Dach zu bündeln. „Wir sehen da großes Potenzial. Das Kloster liegt direkt an der Weinstraße Saale-Unstrut, der Straße der Romanik, dem Blauen Band sowie am Unstrut- und Finne-Radweg“, sagt Andrea Knopik. Gleichzeitig würde man mit dem Projekt zum Ursprung des Weinbaus an Saale und Unstrut zurückkehren. Denn die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 998, als Kaiser Otto III. dem Kloster Memleben sieben Orte mit allem Land und Gut schenkte. Dazu gehörten auch die Weinberge.

Andrea Knopik zeigt auf die Scheune, in der das Klosterweingut entstehen soll.              Fotos: Torsten Biel

Fläche vorhanden

Die Weinberge liegen in Sichtweite des Klosters auf der anderen Seite der Unstrut. Sie können über eine neu errichtete Brücke schnell erreicht werden. „Die Stiftung verfügt über genügend Land, so dass die Anbaufläche dort problemlos von dem derzeit halben bis auf 2,5 Hektar erweitert werden kann. Das wäre eine geeignete Größe, mit der sich ein Winzer oder eine Winzerin auf unserem Gelände selbstständig machen könnte“, berichtet Andrea Knopik, die nebenan das Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben leitet. Knopik ist optimistisch, „dass wir für das Projekt geeignete Fördertöpfe anzapfen können“. Klosterweingut Memleben – in vielerlei Hinsicht hat diese Idee also großes Potenzial.
Derzeit wird der Klosterweinberg in der Steinklöbe von Martin Gurks bewirtschaftet. Gurks ist in der Freyburger Winzervereinigung als Hauptrebschutzwart angestellt. In der Genossenschaft wird der Memlebener Weißburgunder auch ausgebaut. Noch.

Was sagen die Benediktiner?

„Für jeden täglich eine Hemina  ist ausreichend“, heißt es in Bezug auf den Weinkonsum in einer der Ordensregeln für die Benediktiner-Mönche.  Die waren vor mehr als 1000 Jahren in Memleben ansässig und haben auch Weinbau betrieben. Hemina ist als altes römisches Hohlmaß (Becher) mit einem Volumen von 0,274 Liter bekannt. Der heilige Benedikt (480-542), der die Ordensregeln für die Mönche festgelegt hatte, wies damals allerdings auch ausdrücklich darauf hin, dass eine vollkommene Alkoholabstinenz anzustreben sei. Außerdem enthielt der Wein damals nicht so viel Alkohol enthielt wie heute.

Wein aus Armenien

Der Weinbeobachter ist ein Freund autochthoner Rebsorten und „exotisch“ anmutender Weinbauregionen. Habe nun endlich Bekanntschaft mit Weinen aus Armenien gemacht. Und damit auch mit Rebsorten wie Khndoghni, Qrditchakat oder Haghtanak. Wieder Überraschungen und Begeisterung wie beim Nachbarn Georgien? Ja und Nein.

Armenien als Wiege des Weinbaus?

Armenien war  bisher im Gegensatz zu wahrhaft außergewöhnlichen Wein-Ländern wie Nepal oder Vietnam noch ein weißer Fleck auf der privaten Karte der verkosteten Regionen. Eigentlich eine Schande,  vermuten Forscher doch in Armenien den Ursprung des kultivierten Weinbaus. 8000 Jahre soll das her sein. Die Weinkultur in der Kaukasus-Republik erlebte im Mittelalter durch arabische Einfälle und das damit verbundene islamische Alkoholverbot immer wieder Rückschläge. Im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine neue Blüte. Doch zu Zeiten der Sowjetunion wurde staatlich verfügt, dass armenischer Wein zu Cognac verarbeitet wird. Tatsächlich hat(te) armenischer Cognac seine Fans in der Welt der Spirituosen.  

Armeniens Wendepunkt 1991

Nach der wiedererlangten Souveränität 1991 erlebte der Weinbau in Armenien ein Comeback. Die Genossenschaften konnten frei entscheiden, es gab eine kleine Gründerwelle,  Berater aus Frankreich und Italien halfen. Zum Teil übernahmen armenische Rückkehrer aus dem Exil die Geschicke. 1994 kamen die ersten Flaschen armenischen Weines auf den Markt. Mittlerweile hat eine junge, gut geschulte Winzergeneration, die im Ausland Erfahrungen gesammelt hat, das Ruder in die Hand genommen und erzeugt Weine von internationalem Standard. Die heutige Rebfläche nimmt sich mit knapp 25.000 Hektar Fläche freilich bescheiden aus.  Die Weinberge befinden sich vor allem in Höhenlagen zwischen 400 und 1700 Metern Höhe.   

Wie schmeckt Wein aus Armenien?

Wir haben zu viert verkostet und waren angesichts der unbekannten  Rebsorten auf geschmackliche Abenteuer gefasst. Davon gab es wenige. Zu unserer Überraschung waren die probierten Rotweine leicht und gut trinkbar, wirkten stilistisch sehr europäisch. Ist das dem Einfluss der Berater aus Italien und Frankreich beim Wiederaufbau nach 1991 geschuldet? Oder soll es den Export erleichtern? Ist aber definitiv kein Makel! Uns haben die Weine – bis auf eine Ausnahme – gefallen, zwei sogar richtig gut. Doch Alleinstellungsmerkmale hatten die probierten armenischen Weine kaum. 

Verkostete Weißweine

Gevorkian Garoun  2017: Weißwein der Rebsorte Kangun, 13% Alkohol. Strohgelb mit goldenen Reflexen, in der Nase Quitte. Geschmack leicht fruchtig mit Zitrus- und Rhabarber-Aromen. Im Stil altes Osteuropa, trockene Ausführung der Balkan-Weine zu DDR-Zeiten. Die berühmte „Adriasonne“ zum Beispiel. Solo etwas schwierig, kein Zechwein. Zum Essen aber super – zum Beispiel zur armenischen Spezialität Yalanchi Sarma. Das 2006 gegründete Weingut Gevorkian gehört zu den Marktführern der armenischen Weinindustrie.

Voskeni Dry White 2017: Eine Cuvée der Rebsorten Voskehat, Garandmak, Khatun und Qrditchakat. Klasse-Wein! Florale Aromen, Alpenwiese, Heu, Gras, dazu leichte Bittertöne wie Grapefruit. Hier wirklich mal autochthoner Charakter, nicht vergleichbar mit anderen Sorten. Das Etikett zeigt den Gründer der Winery Smbat Mateossian, ein Geschäftsmann aus Boston, der Anfang der 1920er Jahre nach Armenien zog und sein eigenes Weingut gründete. Das wurde während der Zeit der Bolschewiki beschlagnahmt  und von der Familie Mateossian 2008 zurückgekauft.

Verkostete Rotweine

Gevorkian Odzun 2017: 12% Alkohol, eine Cuvée der Rebsorten Haghtanak, Karmrahyut und Kakhet. War der einzige Durchfaller des Tastings, in jeder Hinsicht unangenehm. Hat sich auch nach mehreren Stunden offen und dekantiert keineswegs zum Besseren entwickelt. Eindeutig Kork! 

Voskevaz 2018: Der Standard-Rotwein der bereits im Jahr 1932 gegründeten Voskevaz-Winery im gleichnamigen Dorf. Eine Cuvée der Rebsorten Haghtanak und Kakhet, schmeckt eindeutig mehr als nach den angegebenen 12,5% Alkohol. Wir entdecken klassische Rotwein-Aromen wie Beeren, Pflaumen und Walnuss, balancierte Tannine. Schöne Dichte. Wir fühlen uns ganz ins  südliche Europa versetzt und haben uns auf dieses Urteil geeinigt: Der Primitivo von Armenien.  

Voskevaz Areni 2017: Ein reinsortiger Areni Noir, auch vom Weingut Voskevaz. Hat 13% Alkohol. In der Farbe ein auffallend helles rot. Im Geschmack zuerst leicht nussig, dann markant nach Sahne-Toffee, gebrannten Mandeln, Vanillezucker, Vollmilch-Schokolade (eine Teilnehmerin diagnostizierte korrekt: Nicaragua von Zotter 50%). Dazu weitere leicht süßliche Spuren. Daim in flüssig? Nicht jedermanns Sache, aber auch nicht unbedingt störend. Ein leichter Wein, balanciert, Kategorie easy drinking. Daim-Liebhaber könnten ihre Freude haben.

Karas 2018: Mein persönlicher „Sieger“ bei den Rotweinen. Cuvée der Rebsorten Areni Noir und Khndoghni, die Reben wachsen auf vulkanischem Boden.  Modern gemacht, sehr zugänglich.  Pink-Lila Reflexe. In der Nase Stroh, im Geschmack Aromen von frischen  Walnüssen, Pflaumen, Salzkaramell, salziger Meeresluft. Der Name: Karas ist eine Art Krug, der seit ewigen Zeiten  zur Lagerung von Wein verwendet wird.  Karas ist ein Familienweingut. Die Familie Eurnekian war in der kommunistischen Herrschaft nach Argentinien geflüchtet. Dort gründete sie ein Weingut und kehrte nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Armeniens zurück. Das Gut in Argentinien wird weiter betrieben.

Maran Winery Malahi 2018: Von den Rebsorten Areni Noir, Malbec und Khndoghni, satte 14,0% Alkohol. Irgendwie skurriler Rotwein vom Weingut Maran. Die Reben wachsen bis in 1375 Metern Höhe.  Reift in Fässern aus Karabach-Eiche. Wenig Nase. Sehr trocken, wir entdecken Aromen von Trüffel, Lakritz, Minze und Pflaume, auch Schafstall. Dürfte ein starker Speisebegleiter zu Hammel, Schaf oder Wild sein. Die Keller des Weinguts Maran in Eriwan wurden einst von deutschen Kriegsgefangenen erbaut. Eigentümer der Maran-Winery ist die Familie Harutyunyan. Kürzlich hat Frunz Harutyunyan, ein Absolvent in Geisenheim, das Zepter übernommen.

Winzer-Besuch: Jörn Goziewski  

Der Titel Winzer-Besuch ist im Fall Jörn Goziewski leicht irreführend. Denn in dieser Rubrik wird normalerweise die Kellerei besichtigt, danach werden Weine probiert, wie zuletzt bei Reinhold Krutzler oder Josef Umathum. Bei Goziewski ist das alles nicht möglich – es gibt weder einen Keller noch Weine. Dafür hochfliegende Pläne. Der Winzer will mit Wein aus Erfurt groß rauskommen. Aber nicht irgendwie. „Es soll ein Premium-Weingut werden“, sagt er.  

In aller Munde

Über jenen Jörn Goziewski, 39, war in diesem Jahr viel zu hören bzw. zu lesen. Vinum hat ihn erwähnt als Ostrückkehrer aus der Westwelt. Der MDR hat ihn besucht. Die örtliche Presse orakelte vom „neuen Stern am Saale-Unstrut-Himmel“.  Und Weinjournalisten-Guru Rudolf Knoll hat ihm sogar ein Kapitel in seinem jüngsten Buch gewidmet. Das Interesse hat gute Gründe. Winzer Goziewski will in seiner Heimatstadt Erfurt den Weinbau wiederbeleben. In der thüringischen Landeshauptstadt gab es bisher keine nennenswerten Rebfläche. Nun hat Goziewski 3 Hektar schon angepflanzt, für 5,11 Hektar hat er die Rebrechte, rund 8 Hektar sollen es mal werden. Und auf einer direkt angrenzenden Fläche würde er gerne noch den Keller errichten.  Ist der Mann besonders mutig – oder verrückt? Oder einfach nur clever?

Hinter diesem Zaun liegt die Fläche, wo die Kellerei stehen soll.

Bewegte Vita

Jörn Goziewski hat eine bewegte Vita. Aus einer Winzerfamilie stammt er nicht. Aber Natur und Biologie hätten ihn aber schon immer interessiert, erzählt er. Ein Praktikum nach dem Abitur im Rheingau war die Initialzündung, hier hat er gemerkt, „das dieser Beruf alles hat, was mich interessiert“. Sein Wein-affiner Vater habe ihm geraten: Schau dir Geisenheim an.  Gesagt, getan. Nach dem Studium in Geisenheim („Dort war ich in meinem Jahrgang der einzige Nicht-Winzersohn“) und Reisen durch die Weinwelt landete er im Rheingau als Kellermeister der Ankermühle. Nach einigen Jahren dort machte er sich 2014 mit einem guten Hektar selbstständig. Er produzierte vorrangig Riesling in Rüdesheim, aber auch Pinot Noir und  andere Rebsorten.

Monumente im Rheingau

Das Besondere, was ihn schon im Rheingau von den Kollegen abhob, ist die streng biodynamische Arte, Weine zu produzieren. So kommen eben Monumente, wie sie Fachwelt beschreibt, heraus, die sich von den typischen Rheingauern unterscheiden. Lange Maischegärung auch für Weißweine, Ausbau in verschiedensten Gebinden, Stahl, große Holzfässer, Tonneaus, Beton, Amphoren – Denkgrenzen gibt es keine. So kreiert er mit einem Freund auch Weine aus der Pfalz, vertreibt in seinem Weinshop Weine des Weingutes aus Neuseeland (Elephant Hill), in dem er einst tätig war, oder von Freunden aus dem Baltikum Rhabarber-Sekt.

Flächensuche per Zeitung

Seine Rückkehr nach Thüringen passt dazu. 2017 hat er in einer Lokalzeitung über seine ehrgeizigen Pläne berichtet, den Weinbau in Erfurt auf professionelle Füße zu stellen und für das Projekt Fläche und Partner gesucht. Tatsächlich meldete sich daraufhin  Ralf Schwenken, Präses der Stiftung Vereinigte Kirchen- und Klosterkammer. Und auch ein Weinfreund. Über die Stiftung wurden Land und Geld organisiert. Pfaffenlehne (lehmiger Ton, darunter Muschelkalk) heißt das in Kirchenbesitz befindliche Flurstück mit Nord-Süd-Gefälle – also einer prächtigen Südlage. In der Pfaffenlehne,  in unmittelbarer Nähe des Zentralfriedhofes, wurden im Frühjahr 2020 zunächst drei Hektar bepflanzt. Vor allem Riesling, Chardonnay und Spätburgunder, dazu auch Muskateller und Viognier. Nächstes Jahr sollen weitere zwei Hektar mit Reben bestockt werden.   

Die im Frühjahr aufgerebte Hanglage Pfaffenlehne.

Bio-Weinbau als Ziel

Goziewski betreibt den Weinberg nicht allein. Das Christophoruswerk wird Helfer abstellen und auch Schüler der Edith-Stein-Schule sollen dabei sein. Der Winzer will nach strengen Demeter-Richtlinien arbeiten. Die entsprechende Zertifizierung ist beantragt. Die Hanglage ist sehr gut durchlüftet, was es einfacher macht, auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten und mit biologischen Mitteln wie Begrünung, Kräutermischungen oder sehr viel Handarbeit auszukommen.

Kurioses im Web-Shop  

Wer sich jetzt schon mal in die Welt von Jörn Goziewski vortasten will, kann dies auf seinem Web-Shop unter Jörn-Wein tummeln. Neben verschiedensten Rieslingen, natürlich auch ein Orange-Riesling darunter, wird Kurioses entdecken, wie einen Hopfen-Cidre aber eben auch einen sehr ambitionierten Spätburgunder für stolze 45 Euro. Derlei ist auch Ziel in Erfurt. Irgendwann mal. Vielleicht 2022 könne es den ersten Jahrgang geben, hofft Goziewski. Dann gibt’s den nächsten Winzerbesuch – das volle Programm. 

 

Neue App für deutsche Weine

Es hat eine Weile gedauert, seit dieser Woche gibt es sie: Eine neue App für deutsche Weine, entwickelt vom Deutsche Weininstitut (DWI). Die gibt mit allerlei Fakten einen umfassenden Überblick über den Weinbau Deutschland. Dazu beantwortet die App Verbraucherfragen rund um die heimischen Weine. Auch wird über touristische Highlights und Veranstaltungen in den 13 deutschen Weinregionen informiert. Dazu gibt es Rezepte mit, natürlich, Wein­empfehlungen. 

Eigenes Profil möglich

Habe die App sofort heruntergeladen und gleich mal getestet. Der erste Eindruck ist durchaus positiv. Man braucht zwar ein Weile, um das Ordnungssystem zu verstehen, aber das klappt schon bald. In einigen Rubriken – bei den empfohlenen Vinotheken zum Beispiel oder bei den Rezepten – ist die Auswahl doch noch recht klein, das wird hoffentlich erweitert. Gut ist, dass ein eigenes Profil angelegt werden kann. Das gibt die Möglichkeit, bestimmte Themen, Orte und Veranstaltungsarten zu favorisieren.

Suche nach Events

Ein echter Gewinn scheint die schnelle Suche nach Weinfesten, -seminaren oder weinkulinarische Events. Das kann man sich mit wenigen Klicks nach Anbaugebieten differenziert anzeigen lassen. Aktuell ist der Kalender freilich – Corona-bedingt – noch etwas dünn, was sich hoffentlich bald ändern wird. Dafür werden die in diesen Zeiten immer populärer werdenden Online-Weinproben angezeigt. Auch gut. 

Die App ist kostenfrei unter „Deutsche Weine“ in den Stores von Apple und Google verfügbar.

Die App „Deutsche Weine“.  Fotos: DWI