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Winzerbesuch: Hendrik Bobbe

Eine spektakuläre Verkostung mit 40 Weinen war unlängst auf diesem Blog Thema. Ein Winzer, der da gehörig Eindruck gemacht hat, fehlte im Bericht: Hendrik Bobbe. Denn der passte nicht ganz ins Profil. Bobbe ist kein richtiger Hobby-Winzer, dann aber wiederum doch. Deshalb schon damals der Beschluss: Bei Hendrik Bobbe ist ein Winzerbesuch fällig.  

Pét Nat zur Begrüßung

Gedacht, getan. Hendrik Bobbe empfängt im idyllischen Garten des Pfarrhauses in Reinsdorf bei Nebra in Saale-Unstrut. Er reicht ein Glas 2020er Grauburgunder, edelsüß, leicht spritzig. Vor allem aber ziemlich gut. „Der ist durchgekommen, aber eigentlich war es ein Kellerunfall“, erzählt er. Und weiter: „Gelesen bei 115 Oechsle! Trocken auf der Maische vergoren, Methode Pétillant Naturel.“ Ein Pét Nat also, im Segment der Naturweine aktuell schwer in Mode. Im Unterschied zu Perl- oder Schaumweinen durchläuft der Pét Nat keine zweite Gärung, die Kohlensäure entsteht auf natürliche Weise. Solche Weine sind mit einem gewissen Risiko behaftet, schnell kann da was schiefgehen.  „Ich mag Kellerunfälle“, sagt er verschmitzt.  

Spaß an Experimenten

Hendrik Bobbe hat Spaß an Experimenten. Wer traut sich schon, eine Solaris Auslese halbtrocken mit 14,5% Alkohol auf den Markt zu bringen? Funktioniert!  Seine Weine reifen im ungetoasteten Holzfass, auch die Weißen. „Die behalten so Säure und Spritzigkeit, die Aromen kommen zur Geltung.“ Er ist in vielerlei Hinsicht ein Freigeist. Bobbe erzählt bereitwillig, dass er Trauben von einem befreundeten Winzer aus der Nähe von Worms zukauft. Die Weine werden dann als „Deutscher Wein“ vermarktet. Kein Makel. „Im Keller kann man ja zaubern“, sagt er.  

Lesen gelernt

Zaubern musste Hendrik Bobbe schon einige Male. Der jetzt 47-Jährige hat Literatur- und Kommunikationswissenschaft studiert, einige Jahre bei einer Produktionsgesellschaft für den MDR gearbeitet. Die Gesellschaft gab es irgendwann nicht mehr, und Bobbe stand vor der Frage: „Was machst du mit einem Literaturabschluss in Reinsdorf?“ Schöner Satz von ihm: „Ich habe Lesen gelernt und bin beim Wein-Lesen hängengeblieben.“ Denn,  „Kultur und Genuss und freie Natur unter einen Hut bringen, da bleibt nur Wein“. Also absolvierte er eine Lehre im Weingut Pawis, gab danach ein Intermezzo in der Winzervereinigung und arbeitete bei Böhme & Töchter, die damals noch Böhme Gleina hießen. Im heimischen Reinsdorf, im elterlichen Pfarrhaus, machte er dann Ernst. Er organisierte sich Rebflächen, kaufte aber auch Trauben zu. Mit 1,5 Hektar führte er bald ein eigenes Weingut.

Jetzt wieder Nebenerwerb 

Mittlerweile bewirtschaftet Hendrik Bobbe nur noch 0,2 Hektar. Nach der Trennung von seiner Frau war das Weingut nicht mehr zu halten. Die schlechten Ernten der letzten Jahre taten ihr übriges. Es fehlte schlichtweg an Wein, um den Betrieb wirtschaftlich zu führen. Als Nebenerwerbswinzer, der er jetzt wieder ist, verdient er seinen Lebensunterhalt als Museumspädagoge im Kloster Memleben. Dem Wein bleibt er treu, Spaß an Experimenten hat er weiterhin. Fast abenteuerlich der jüngste Plan. Ein Freund hat ein Grundstück in der Toskana gekauft, dazu gehören Rebflächen. Hendrik Bobbe will die Trauben nach Reinsdorf holen und hier ausbauen. „Morellino di Scansano aus Reinsdorf!“ Was auf dem Etikett steht, ist noch nicht klar. „Wein aus Europa vielleicht?“

Top-Bobbe-Weine

Weine von Hendrik Bobbe haben eine treue Klientel. Kein Wunder, sie sind keine Stangenware, sondern sehr individuell und oft experimentell. Die Grauburgunder Auslese von 2020 ist so ein Meisterwerk. Der Wein strahlt fast orange,  wir entdecken Grapefruit und Mon Cheri. Originell die Story des Weines. „Die Presse war voll und 120 Liter waren übrig. Die hab ich von Oktober bis Dezember komplett auf der Maische vergoren, 115 Oechsle, komplett durchgegoren.“ Einen anderen Teil des 2020-er Grauburgunders hat er auf Holz vergoren. Das Ergebnis ist ein höchst aromatischer, 14,0 Alkoholprozent kräftiger Wein, der noch ein langes Leben hat. 2020er Rieslinge von zugekauften Trauben gibt’s in trockener und feinherber Machart. Beide sind im Holzfass ausgebaut, aber mit unterschiedlichen Hefen. Beide gut, ich favorisiere den trockenen. Was von Bobbe  kommen kann, zeigt die 2012er Müller-Thurgau Spätlese von der Spitzenlage Hohe Gräte. Die  Trauben sind 80 Jahre alt! Ein umwerfender Wein mit schönem Extrakt, schmeckt nach Pilzen, Trüffel. Die Sorte ist freilich nicht erkennbar. Aber wer traut sich schon, einen 80 Jahre alten Müller-Thurgau in die Flasche zu bringen? Hendrik Bobbe schon. 

Überraschungen aus Übersee

Reife Weine aus Übersee – ist das möglich? Ja, und genau das sorgte bei einer spektakulären Verkostung mit 40 Weinen von Hobbywinzern bis zum 100-Parker-Punkte-Wein für echte Überraschungen. Es standen in der Kategorie „Exoten“ an: Ein Merlot aus Brasilien von 2015. Ein Petite Sirah aus Mexiko von 2004. Und schließlich ein Cabernet Franc von 2001(!) aus Kanada. Drei Mal staunen. Drei Mal charismatische und spannende Tropfen. Drei Überraschungen aus Übersee. Allerdings gab es auch eine Enttäuschung – die kam nicht aus Übersee.

Der Brasilianer

Merlot Salton Desejo 2015 Campanha, Rio Grande do Sul, Brasilien.  Sechs Jahre sind für einen Merlot natürlich nicht alt, aber bei Großerzeugern aus Südamerika herrscht bei mit erst einmal eine gewisse Grundskepsis was die Potenziale angeht. Zu unrecht, wie sich zeigt. Dieser Merlot hat Struktur, präsentiert sich mild und fruchtig, hat eine gewisse Samtigkeit und Power zugleich. Wir entdecken Lakritz und eine Spur Leder, auch schwarze Früchte. Die 13,5% Alkohol sind maßvoll. Bei rund 13 Euro feines Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein feiner Wein! Nicht der erste Brasilianer, der gut abgeschnitten hat! Das Weingut Salton blick übrigens auf eine 110-jährige Geschichte zurück und wird aktuell in der vierten Generation geführt.

Der Mexikaner

Okay, der Merlot aus Brasilien verdient noch nicht unbedingt das Prädikat Reife. Das sieht beim L.A. Cetto Petite Sirah 2004  aus Mexiko schon anders aus. Sorgte beim Tasting für die größte  Überraschung. Diese Klasse hatte dem 17 Jahre alten Tropfen niemand zugetraut. Tabak, Rauch, viel Charisma und Charakter. L.A. Cetto steht für  Don Angelo Cetto, der das Weingut vor fast 100 Jahren im Guadalupe-Tal in Baja California gegründet hat.  Petite Sirah ist eine Kreuzung aus Syrah und Peloursin und damit identisch mit der Sorte Durif, die 1880 vom Landarzt François Durif  gezüchtet wurde. Selten zu finden, verdient mehr Beachtung!

Der Kanadier

20 Jahre Reife hat der Cabernet Franc 2001 von Pillitteri, Niagara Peninsula, aus Kanada hinter sich. Viel Skepsis beim öffnen der Flasche, dann Überraschung, Verblüffung, Begeisterung. Der Wein ist trotz des Alters und der vergleichsweise geringen Alkoholbasis (12,8%) noch topfit und in Bestform. Die Nase verspricht viel, im Gaumen wird das Versprechen eingelöst. Unter allerlei Aromen entdecken wir auch grünen Paprika. Ein toller Wein mit viel Charakter. Familie Pillitteri betrieb bereits in Sizilien Weinbau.  1948 wanderten sie nach Ontario aus, das Weingut Pillitteri Estates wurde jedoch erst 1993 eröffnet. Es gehört zu den führenden Winerys in Ontario. Wieder ein starker Roter aus Kanada!

Ein Durchfaller

Will der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt lassen, dass es auch einen „Durchfallen“ gab. Der Wein kommt nicht aus Übersee, gehört aber (noch) in die „Exoten“-Kategorie: Bornholm Rødvin 2016 vom Vingarden Lille Gadegård, Aakirkeby. Der Wein von der dänischen Insel Bornholm hat null Eindruck gemacht, lebt eindeutig vom Exotenstatus. Eine Überraschung war das nicht unbedingt. Habe bislang vier Weine aus Dänemark probiert. Die waren alle nicht unbedingt preiswert (25 Euro aufwärts), überzeugt hat mich noch keiner.

Wein-Test: Klaus Lentsch 

Das ist doch typisch: „Den Wein haben wir im Urlaub entdeckt. Klasse, musst du probieren!“ Erst kürzlich wieder passiert, als ein Freund aus Südtirol zurückkehrte und einen 2019er Gewürztraminer von Klaus Lentsch mitbrachte. Der war tatsächlich richtig gut. Kannte trotz einiger Südtirol-Erfahrung Klaus Lentsch aber noch nicht. Der Gewürztraminer hat Appetit auf mehr gemacht. Also ein bisschen im Netz gestöbert und schließlich auf dem Portal Senti Vini fündig geworden. Weine geordert, ein paar Freund eingeladen – los geht’s mit dem Weingut-Test. 

Zuerst die Klassiker

Start mit dem 2019er Sauvignon Amperg. Geht gut los, ein typischer Sauvignon. Die Stichworte grüner Apfel, Holunder, Ananas fallen. Angenehm die leichte Bitternote im Finale, erinnert an Grapefruit-Schale. Schön knackig, mit markanter Säure. Ein würdiger Vertreter.
Beim folgenden 2019er Weißburgunder Amperg herrscht gewisse Ratlosigkeit. Schwierig im ersten Moment, mild, schwer zu fassen. Falsche Reihenfolge? Wenig Frucht, vielleicht Apfel. Spontan fällt Kamille als Stichwort, trifft es gar so nicht schlecht.
Als letzter der drei weißen Südtirol-Klassiker schließlich der 2019er Gewürztraminer Amperg, der uns ja auf die Klaus-Lentsch-Spur gebracht hat. Auch die zweite Flasche erfüllt alle (hohen) Erwartungen. Notiert sind: „Würzig, fast geschmeidig, keine aufdringliche Süße. Litschi! Angenehme Frische. Frische Aprikose, Tannenhonig.“ Fein!

Dann die Überraschung

Geordert ist auch ein Goldmuskateller, weil schon eine Rarität. Der Goldmuskateller ist eine autochthone Sorte, wird in Italien auf nur rund 300 Hektar angebaut.  Der 2019er Goldmuskateller Amperg ist so charmant wie charaktervoll. Schöne gelbe Farbe, wir entdecken natürlich Muskat und vor allem Aprikose, Rosenblätter in Nase und Geschmack. Auf keinen Fall süß, trocken der eleganten Art. Alle sind begeistert.

Lagrein-Finale

Keine Südtirol-Verkostung ohne Lagrein. Bin ein großer Fan dieser klassischen autochthonen Südtiroler Sorte. Die Latte liegt nach vielen tollen Erfahrungen (Andreas Berger, Franz Haas, Kellerei Terlan, Rottensteiner, Niedermayr und natürlich Muri Gries) hoch. Die 2017er Lagrein Riserva Amperg enttäuscht nicht: Schöne kirschrote Farbe, feine Nase nach Leder und Kakao. Im Geschmack viel Würze, Frucht und  Power, auch die typische Pfeffernote fehlt nicht. Klasse-Lagrein!

Das Weingut Klaus Lentsch

Schnell noch eine Recherche zum Weingut. Auf der Homepage springt dieser Satz ins Auge: „Beginne den Tag mit einem Lächeln und beende Ihn mit einem Glas Wein von Klaus Lentsch.“ Gute Idee. Weiter ist zu erfahren, dass Klaus Lentsch Spross einer alteingesessenen Südtiroler Winzerfamilie ist. 2008 hat er das Weingut in Atzwang  gegründet. Es begann mit drei Weinen im Sortiment, nach und nach wurden Rebflächen hinzugekauft und das Sortiment erweitert. 2013 hat Klaus Lentsch in den Weingärten von St. Pauls sein dauerhaftes Domizil gefunden.
Es wird Zeit für einen Besuch!  

 

Wein-Gespräch: Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich, neben Betriebswirt und Winzer auch Hobby-DJ („nur Vinyl; House & Techno“), führt das Weingut Ilmbacher Hof seit 2012.  Beim kürzlichen Besuch in Iphofen erzählte Thomas Fröhlich unter anderem von seinem durchaus ungewöhnlichen Weg zum passionierten Winzer. 

Wie sind Sie zum Wein gekommen?
Das war ein langer Weg. Ich habe alles gemacht, um nicht Winzer zu werden. Wenn die anderen ins Freibad gegangen sind mit 15, 16 und ich im Wengert war, bei körperlicher Arbeit und Hitze, da habe ich gesagt: niemals. Also habe ich Bankkaufmann gelernt, danach noch Betriebswirtschaft studiert.. Ich war dann in Hamburg tätig, zum Schluss bei der größten deutsche Autovermietung. Irgendwann kam dann mit 30 doch die Anfrage: Wie schaut’s aus, Herr Fröhlich, hast du Lust hiereinzusteigen? Meine Frau war gottseidank auf meiner Seite, die hat gesagt: Lass uns das machen. Du bist hier aufgewachsen. Da bin ich 2010 wieder zurückgekommen und habe mit 30 noch eine Ausbildung zum Winzer absolviert. Also das Ruder um 180 Grad rumgedreht, verheiratet, Kind, Azubi – volles Programm.

Haben Sie es schon mal bereut?
Nein. Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich gesagt habe: Heute habe ich überhaupt keinen Bock. An meinem Job liebe ich das abwechslungsreiche. Nicht nur ist jeder Tag ein anderer, auch jeder Weinjahrgang ist ein neues Buch, das aufgeschlagen wird. 

Wann war die erste Begegnung mit Wein?
Die Weinfeste sind mir in Erinnerung. Mit 14, 15, 16, da hast du dich über den Bacchus langsam an Wein herangearbeitet. Ich war jetzt aber nicht der Mega-Weinliebhaber. Das kam erst, als ich mich mit der Materie beschäftigt habe.

Franken ist Silvaner-Land, aber Ihre Leidenschaft gilt dem Müller-Thurgau. Warum?
Ich bin 2010 eingestiegen, habe mich zunächst mit dem Wein vom Vater beschäftigt. Ich habe probiert, geschaut, was schmeckt dir, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich der Müller herauskristallisiert, wir hatten da einiges an Fläche. Den gab es in der Literflasche, wie tausend Mal in Franken. Leider ein bisschen langweilig. 2012 habe ich meinen ersten Jahrgang verantwortet, im August bin ich von der Ausbildung gekommen. Und ich hatte echt Glück, denn 2012 war ein Bilderbuch-Jahrgang. Nicht die Natur hat vorgegeben, wann du erntest. Du konntest selbst entscheiden. Das war zum Reinkommen perfekt. 2013 hatten wir ein großes Jubiläum: 100 Jahre Müller-Thurgau in Franken. Da habe ich zum Vater gesagt, lass mich mal was ausprobieren, die Rebsorte liegt mir.  Lass uns einen Wein kühl vergären, bei 14, 15 Grad. Wir haben es ausprobiert.

Und es war gut…
Zu jenem Geburtstag haben wir die Edition 100 gemacht. Ich wusste nicht, wie das ankommt. Wir haben dann gesagt: Wenn das ankommt, lass uns das ausweiten, neue Flächen suchen und mit Müller bepflanzen. 

Neue Flächen sind nicht einfach zu finden…
Ja, aber wir haben eine Lage gefunden. Die hat eine Dame aus Augsburg bewirtschaftet, die mittlerweile schon über 70 war. Es gibt den Spruch ,Der Weinberg will den Winzer jeden Tag sehen’. So hat der Weinberg auch ausgeschaut… Es waren alte Reben, ein Drittel Hektar nur, Müller-Thurgau, 1976 gepflanzt. Da hatte ich Bock drauf. Bewirtschaftet haben wir das Stück erstmals 2013, wir haben damals 750 Liter geerntet. Die habe ich trotzdem vergärt. Direkt nach der Vergärung hat er gezeigt, was in ihm steckt. Boah! Der Wein hat zu strahlen angefangen, und ich auch. Mir war gleich klar, den kann ich nicht verschneiden, den muss ich solitär bringen. Das habe ich auch gemacht. So haben wir Alte Reben von Müller-Thurgau gestartet. Für mich ist das ein großes Gewächs von Müller-Thurgau, auch wenn es das offizielle nicht gibt. Und bei der Edition sind wir jetzt schon bei Edition 108 – Müller 108 Jahre alt.

Aber den Silvaner mögen Sie trotzdem, oder?
Das ist die Rebsorte bei uns, den musst du machen. Wir haben 50 Prozent der Rebfläche mit Silvaner bestockt. Wir machen alles, von Literflache über Schlegel und Bocksbeutel bis zu den abgefahrenen Geschichten wie mit der Keuper-Connection den Stollenwein oder Amphorenwein.

Sie setzen auf Müller-Thurgau und Silvaner. Ist das eine gute Idee angesichts des Klimawandels? Oder werden Sie bald Shiraz anpflanzen?
Schau in die Glaskugel, sage mir, wie wird es? Wir sind jetzt am Start, ich habe noch nie einen neuen Weinberg angepflanzt, nur letztes Jahr nachgepflanzt. Insgesamt 1100 Stöcke, und zwar Müller und Silvaner. Ich sage mir: Mach das, was du kannst. Ich habe keinen Sauvignon gepflanzt, keinen Chardonnay, keinen Shiraz. Die Scheurebe ist die bessere, die fränkische Antwort auf den Sauvignon. Ich stehe auf alte Reben. Weil die den Klimawandel besser verkraften, wegen der tieferen Wurzeln. Ich denke, man kann aus jeder Rebsorte was machen.

Was wird am Abend nach getaner Arbeit entkorkt?
Ich schaue, dass ich viel fremdes Material probiere. Egal woher, es muss gut sein. Es sollte ein Wein sein, einer, der mit mir spricht.  

Und was wird zu einem besonderen Anlass getrunken?
Da gehe ich meine Schatzkammer und schaue, was mir in die Hände fällt.

Kork, Glas oder Schraubverschluss?
Schraubverschluss, aus absoluter Überzeugung.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Mit Carl Cox , das ist mein Lieblings-DJ. Der wird auch schon auf die 60 zugehen, und das inspiriert mich.

Gibt es den perfekten Wein ?
Nein.

Weingut-Besuch: Ilmbacher Hof

Das war schon lange fällig: Besuch im Ilmbacher Hof im fränkischen Iphofen. Die Weine von Thomas Fröhlich sind mir vor drei Jahren eher zufällig aufgefallen und haben auch den „Charaktertest“ daheim, heißt ohne Urlaubsfeeling, bravourös bestanden. Schließlich will ich endlich wissen, wieso sich ein Winzer mitten im Kernland des Silvaners auch einer anderen, vermeintlich unspektakulären Rebsorte mit Hingabe widmet: Müller-Thurgau. 

Große Geschichte

Thomas Fröhlich empfängt bestens gelaunt im Ilmbacher Hof. Das Weinguts liegt direkt an der historischen Stadtmauer des idyllischen Städtchens Iphofen. Kurz nach Aufhebung der ärgsten Pandemie-Beschränkungen kann die Besenwirtschaft im Hof wieder öffnen, Weinkauf vor Ort ist möglich, Veranstaltungen auch. Im Hof ist viel los, und das gefällt Thomas Fröhlich. Zunächst gibt’s eine kleine Geschichts-Lektion. Wieso Ilmbacher Hof? „Mönche des Kartäuser Klosters Ilmbach haben den Hof 1742 als Weinbetrieb gegründet. 1803, im Zuge der Säkularisation, hat mein Ur-Ur-Ur-Großvater das Anwesen für 12.000 Goldmark gekauft. Unsere Familie bewirtschaftet das Gut nun also in sechster Generation“, erzählt Fröhlich stolz.  

Winzer auf Umwegen

Solche Tradition hat nicht jedes Weingut vorzuweisen – eine Biografie wie Thomas Fröhlich auch nicht jeder Winzer. Der wollte mit Wein eigentlich nichts zu tun haben. Kein Gedanke an die Übernahme des elterlichen Betriebes. „Ich habe alles gemacht, um nicht Winzer zu werden“, sagt er. Die Kurzfassung: Bankkaufmann-Lehre,  Job bei der Sparkasse, BWL-Studium, Job in Führungsposition bei einem Autoverleiher in Hamburg. Dann, mit 30, doch noch Winzerausbildung. Seit 2012 führt er den Ilmbacher Hof, klassischer Familienbetrieb. Bewirtschaftet werden 5,7 Hektar Rebfläche, 50 Prozent Silvaner. Alle Lagen im direkten Umfeld. „Ich bin in fünf Minuten in allen meiner Wengert.“  
Dass ein Umweg zur Winzerei nicht schadet, ist keine neue Erkenntnis. Bei Thomas Fröhlich trägt das BWL-Studium sichtbar Früchte. Nach der Betriebsübernahme eröffnete er 2015 im Hof die Besenwirtschaft. Im Mai 2019 war die Kartäuser Scheune fertig saniert. Dort wurde gar eine  Fußbodenheizung eingebaut, damit Veranstaltungen das ganze Jahr über möglich sind. Ambitioniert auch die Wein-Projekte: Mit zwei befreundeten Winzern kreierte er Stollenwein und Amphorenwein, dazu gleich mehr. Thomas Fröhlich sprudelt vor Ideen. Da kommt noch mehr, ganz sicher. 

Passion Müller-Thurgau 

Wie aber ist es zur Liebe zum Müller-Thurgau gekommen? Thomas Fröhlich erzählt. „Ich bin eingestiegen und war zunächst mit dem Wein vom Vater beschäftigt. Ich habe probiert, geschaut, was schmeckt, welche Möglichkeiten gibt es. Da hat sich der Müller herauskristallisiert, da hatten wir einiges an Fläche. Den gab’s in der Literlasche, wie tausend Mal in Franken, ein bisschen langweilig. Die Sorte hat leider noch immer ein angestaubtes Image.  2012 habe ich meinen ersten Jahrgang verantwortet und Glück gehabt, 12 war ja ein Bilderbuch-Jahrgang. 2013 hatten wir ein großes Jubiläum im fränkischen Weinbau: 100 Jahre Müller-Thurgau in Franken. Ich habe zum Vater gesagt, lass mich mal was ausprobieren, die Rebsorte liegt mir. Lass uns einen Wein kühl vergären, bei 14 bis 15 Grad. Und weil Geburtstag war, haben wir den Müller-Thurgau Edition 100 genannt. Ich wusste nicht, wie das ankommt.“ Die moderne Interpretation des Klassikers kam an. Seine „Müller“ wurden seither  mehrfach mit dem Müller-Thurgau-Preis belobigt. Zuletzt drei mal in Folge war Fröhlich „Müller-Thurgau-Winzer des Jahres“.

Großes Gewächs?

Aktuell ist Müller-Thurgau Edition 108 (kleine Rechenhilfe: achtes Jahr nach dem Jubiläum) abgefüllt. Ein feiner, frischer Wein, schöne Frucht-Säure-Balance, auch das Terroir (Gipskeuper) kommt zur Geltung. Schöner Tropfen. Dann gibt’s noch den 2020er Müller-Thurgau Alte Reben, was etwas abenteuerlich klingt.  „Es handelt sich um ein Drittel Hektar Rebfläche, 1976 gepflanzt. Gehörte einer Dame aus Augsburg, die konnte es nicht mehr bewirtschaften.“ Fröhlich stand vor der Frage: Rausreißen oder? Er entschied sich fürs oder, und so gibt es mit 45 Jahre alten Müller-Reben eine echte Rarität. Klar schmeckt der Wein, er ist intensiv, hat Substanz, Geschmack, Reife, ein Füllhorn an Aromen. Fröhlich: „Für mich ist das ein großes Gewächs von Müller-Thurgau, auch wenn es das offiziell nicht gibt.“ Eine Blindprobe wäre spannend – wer tippt auf Müller-Thurgau? 

 

Klassiker Silvaner

Natürlich pflegt auch Fröhlich auch den Silvaner, die fränkische Leitrebe. Der 2019er Echter Silvaner vom Julius Echter Berg erfüllt alle Erwartungen. Viel Würze, feine Struktur, ein Weinführer schreibt von einem „Extraktionsmonster“. Aber da gibt es noch den Silvaner Stollenwein 2018, ein Produkt der 2017 gegründeten „Keuper-Connection“. Fröhlich und zwei befreundete Winzer lassen den Silvaner in 500 Liter-Tonneaus im Gipsstollen des lokalen Giganten Knauf (200 km Wegenetz,  das größte Bergwerk Bayerns) 60 Meter unter der Erde reifen.  Dort herrschen  konstant 14 Grad und 80% Luftfeuchte. Ein klasse Wein, markante Mineralität, eine Spur  Salzigkeit, viel Charisma. Es braucht wenig Fantasie, um im Geschmack tatsächlich Kalk-Aromen auszumachen. Hochspannende Geschichte. Fröhlich verrät: „Der erste Stollenwein war 240 Tage unter der Erde, der zweite 329 und aktuell läuft das Projekt 1000 Tage.“  Ablauf ist am 6. September 2021, es geht also um den 2018er Jahrgang. Bin schon gespannt. Wie lange soll noch Wein im Stollen reifen? „So lange wir dürfen.“

Projekt Amphorenwein

Der Stollenwein ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nächste Stufe: Amphorenwein. Wir reden weiter über den 2018er Silvaner. Die Amphore kommt aus Georgien, korrekt heißt sie Qvervi, fasst 900 Liter. In der im Boden vergrabenen Qvervi sind die Trauben spontan vergoren und 10 Monate gereift. „Unfiltriert, umgeschwefelt, aus der Amphore direkt auf die Flasche gezogen. Ein Ur-Wein, irgendwie archaisch“, findet Thomas Fröhlich. Das trifft es wohl. Ja, ich bin ein Freund von (gelungenen!!) Orange- oder eben Amphoren-Weinen und dieser gefällt mir. Schon die goldene Farbe ist der Hammer. Geranien kommen beim Riechen und Schmecken in den Sinn, gebratene Ananas oder Geräuchertes. Silvaner? Vielleicht im zehnten Eindruck. Ein Schatz, nicht nur vom Fachmagazin Vinum zu einem der besten Orange-Weine Deutschlands gekürt. Kann in einer Amphore nicht auch viel schiefgehen? Schöner Satz von Thomas Fröhlich: „Am Abgrund ist die Aussicht am schönsten.“  

Und dann noch Scheurebe…

Gönne mir in der Besenwirtschaft zum Abschluss noch eine trockene Scheurebe vom Kronsberg. Theoretisch hatte die nach dem Amphoren-Silvaner keine Chance. Sie war trotzdem ein Genuss. Scheurebe – ewige Skepsis. Aber das ist schon die dritte in kurzer Zeit, die mir gefällt. Verdient intensivere Beobachtung!

Update: Hilfe für Ahr-Winzer

Die Katastrophe an der Ahr (ich kann die Bilder noch immer nicht ertragen, deshalb oben ein Foto aus guten Tagen) und Hilfe für die Ahr-Winzer, ein kurzes Update: Es sieht schlimm aus, zugleich gibt es aber auch eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft für die Ahr-Winzer. Die erfreulich schnell gestartete Spendenaktion des Verbandes der Prädikatsweingüter (VdP) ist schon jetzt ein Erfolg. Übrigens ging VDP-Verbandschef Steffen Christmann (Weingut A. Christmann, Gimmeldingen) mit gutem Beispiel voran und spendierte 150 Flaschen seines Riesling Idig GG für ein Fluthilfe-Paket. Das enthielt jeweils drei Flaschen aus unterschiedlichen Jahrgängen zum Preis von 300 Euro. Die 50 Pakete waren nach wenigen Stunden ausverkauft. Die erlösten 15.000 Euro gehen direkt an die von der Katastrophe betroffenen Ahr-Winzer.
Es gibt viele weitere Initiativen, um den von der  Katastrophe betroffenen Winzern zu helfen. 

Erste Bilanz 

Winzer berichten, dass es im Ahrtal auch am Dienstag noch keinen Strom gab, auch Gas- und  Wasserversorgung sind zusammengebrochen. Viele Winzer haben Haus und Hof verloren. Auch sind Keller vernichtet, Geräte, Maschinen unbrauchbar. Die Ernte von zwei Jahren und mehr ist hinüber. Auf Facebook beschreibt die  ehemalige deutsche Weinkönigin Julia Bertram aus Dernau  die Situation des Familienbetriebs so: „Schwer verletzt“ sei aus der Familie niemand. Aber „sowohl das Flaschenlager als auch der Weinkeller sind komplett zerstört und alles ist weg oder kaputt. Auch die Häuser sind unbewohnbar und zum Teil nicht zu erreichen, da es die Brücken nicht gepackt haben“. Ersten Schätzungen zufolge haben die Ahr-Winzer Rotwein im Wert von 50 Millionen Euro verloren.

Helfer gesucht

So schlimm es für die Ahr-Winzer aussieht, so vielfältig ist die Hilfe aus allen Teilen Deutschlands. Viele Freiwillige, vor allem Jugendliche, haben sich zur Unterstützung gemeldet. Sie kommen aus allen Teilen des Landes. Weiter werden Weinbergshelfer und Helferinnen an der Ahr dringend gesucht. Nicht nur kurz­fris­tig, son­dern bis zur Lese im Herbst. Jede hel­fen­de Hand ist will­kom­men, heißt es in einem Aufruf. Wohn­con­tai­ner zur Unter­brin­gung seien auf dem Weg.
Wer mit­hel­fen kann, und sei es nur für ein paar Tage, kann sich per eMail bei Katha­ri­na Huber vom VDP melden, die die Koor­di­na­ti­on der Ein­sät­ze über­nom­men hat.
In der Mail bitte kon­kret mit angeben:
– den  Namen
– Anzahl der Per­so­nen
– Zeit­raum, an dem Hilfe möglich ist
– die Handy-Nummer zur Kon­takt­auf­nah­me

Von Winzern für Winzer

Vor allem helfen auch Winzer-Kollegen, die eine Hilfs­ak­ti­on gestar­tet haben: Kreiert wurde ein „SOLIDA(H)RITÄT Paket”. In dem Paket sind sechs Fla­schen, gespendet von Winzerinnen und Winzern aus allen mög­li­chen Anbau­ge­bie­ten, sogar aus Süd­ti­rol und Öster­reich. Das Überraschungspaket kann für 65 Euro online gekauft werden  Der Erlös des Über­ra­schungs­pa­ketes kommt den betrof­fe­nen Ahr-Winzern zugu­te. Bis Dienstagabend wurden bereits  5300 SolidAHRitätspakete mit insgesamt 31.200 Flaschen versendet, macht eine Spendensumme von rund 345.000 Euro. Stark! 

Fair’n Green  e.V.,

Der Fair’n Green e.V., wo auch meh­re­re Weinbaubetriebe an der Ahr Mitglieder sind, hat eine eigene Spendenaktion gestartet. „Teil­wei­se wur­den die Wein­gü­ter sehr stark beschä­digt und Wein­gü­ter, die über Genera­tio­nen hin­weg auf­ge­baut wur­den, ste­hen nun vor einem umfas­sen­den Wie­der­auf­bau. … Wir haben ein Spen­den­kon­to ein­ge­rich­tet und rufen alle Per­so­nen und Unter­neh­men in unse­rem Netz­werk dazu auf, sich mit einer Spen­de am Wie­der­auf­bau nach dem Hoch­was­ser zu betei­li­gen. Die gesam­mel­ten Gel­der wer­den für die betrof­fe­nen Wein­bau­be­trie­be an der Ahr ein­ge­setzt“, heißt es in einer Erklärung.
Das Spen­den­kon­to Fair and Green e.V.
IBAN: DE67 4306 0967 4076 8938 01
Stich­wort: Hil­fe für Flut­op­fer
BIC: GENODEM1GLS, GLS Bank, Bochum

Weitere Spenden-Konten

Der VDP.Adler hilft e.V
Rheingauer Volksbank
IBAN DE 21 5109 1500 0000 2045 28
BIC: GENODE51RGG
Betreff: Solidarität Ahr Weinbau

Der Verein „ Ahr – A wineregion needs H elp for R ebuilding e.V.“  
Empfänger: Ahr – A wineregion needs H elp for R ebuilding e.V.
IBAN: DE94 5775 1310 0000 3395 07
BIC: MALADE51AHR

@Foto: VDP by Peter Bender

Hilfe für Ahr-Winzer 

Das sind wahrhaft schockierende Nachrichten, die uns aktuell aus dem Ahrtal erreichen. Ich kann die Bilder gar nicht ertragen. Furchtbare Überschwemmungen, unvorstellbare Naturgewalten, eine Katastrophe! Betroffen sind auch die Ahr-Winzer. Von der Ahr-Winzern sind mir vor allem hervorragende Rotweine in Erinnerung. Auch denke ich noch gerne an die Begegnung mit Dörte Näkel vom Weingut Meyer-Näkel vor einigen Jahren.
Angesichts der aktuellen Katastrophe wird um Hilfe für die Ahr-Winzer gebeten. Und nicht alltäglich: Wer hilft, bekommt eine Belohnung (Foto!). Im Folgenden eine Mail des Verbandes der Prädikatsweingüter (VdP) unter der Überschrift „Für die Zukunft des Ahr-Weinbaus – ein Spendenaufruf“.

Bilder können fassungslos machen

Bilder können fassungslos machen. Besonders wenn es solche sind, wie wir sie in den Nachrichten sehen. Wir möchten unser tiefes Mitgefühl ausdrücken und sind in Gedanken bei allen Betroffenen des Unwetters in NRW und RLP, besonders im Ahrtal.
Das Hochwasser hat viele Weingüter an der Ahr hart getroffen und macht die gesamte Weinwelt betroffen. Nachdem erste Hilfsaktionen anlaufen, die von unglaublicher und beeindruckender Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland geprägt sind, lässt sich langsam auch ein langfristiges Maß der Auswirkungen auf den Weinbau an der Ahr abschätzen. Fässer wurden weggeschwemmt, Hallen und Häuser sind eingefallen, mehr als ein ganzer Jahrgang ist verloren – der kommende Jahrgang muss geschützt, Weinberge bearbeitet werden, oft ohne die nun fehlenden Geräte.

Wie können wir helfen?

Um die Verarbeitung des Geschehenen und den mit Investitionen verbundenen Wiederaufbau etwas sorgloser zu gestalten, haben wir uns entschieden diesen Spendenaufruf zu starten. Gemeinsam mit Ihnen möchten wir ein finanzielles Hilfspaket für den Weinbau an der Ahr schaffen, das allen Winzerinnen und Winzern in dieser schwierigen Zeit Hoffnung und Zuversicht verleiht. 
Der Spendenbeitrag ist frei wählbar und kann direkt an den Verein „Der Adler hilft e.V.“ überwiesen werden. Alle Spenden kommen dem Wiederaufbau der Weinbauregion Ahr zugute.

Spendenkonto: Der VDP.Adler hilft e.V.
Rheingauer Volksbank
IBAN: DE 21 5109 1500 0000 2045 28
BIC: GENODE51RGG
Betreff: Solidarität Ahr Weinbau

Bilder als Dankeschön

Bilder können aber gleichzeitig auch Erinnerungen schaffen und Hoffnung für die Zukunft sein. Deshalb verschicken wir die Weinlandschaft der Ahr als Dankeschön an Sie!
Man kann von Glück oder Schicksal sprechen – Vor knapp drei Wochen waren wir über zwei Tage lang in der Weinbauregion an der Ahr, um die einzigartige Region fotografisch einzufangen und die ansässigen Weingüter des VDP zu porträtieren. In dieser Zeit haben wir uns abgesehen von den herausragenden Rotweinen einmal mehr auch in die eindrucksvolle Naturlandschaft mit ihren Steilhängen und die herzlichen Persönlichkeiten des Ahrtals verliebt.
Sehr gerne möchten wir uns bei Ihnen mit der Zusendung eines hochwertigen Prints für Ihre Hilfe und Unterstützung bedanken.
Hier gibt es weitere Informationen zur Hilfsaktion. 

@Foto: VDP by Peter Bender

Hobby-Winzer ganz groß

War unlängst Gast bei einer so irren wie spektakulären Weinverkostung: 40 Weine aus aller Welt, von berühmten sowie gänzlich unbekannten Winzern standen an. Eine fantastische Entdeckungsreise.

100-Parker-Punkte-Wein

Ein 100-Parker-Punkte-Wein war auch dabei. Die Riesling Auslese Zeltinger Sonnenuhr 2017 von Markus Molitor war natürlich ein Höhepunkt, ein wirklich großartiger Wein. Doch das eigentliche Highlight bzw. die große Überraschung des Tastings waren Weine von Nebenerwerbs- oder Hobby-Winzern. Das waren wahrhafte Entdeckungen, denn diese Weine gibt’s in keinem Shop und werden – wegen der geringen Menge oder weil dank Stammkundschaft für den freien Verkauf nichts übrig ist – auch nie in einem landen. Sieben Weine, die mich besonders beeindruckt haben. Und jeder hat seine eigene Geschichte.

Die Weine von Hartmut Schreiter

Hartmut Schreiter aus Höhnstedt ist seit 2008 Hobby-Winzer mit 0,4 Rebfläche. Auf den Etiketten firmieren seine Weine unter der Abfüllung „WeinWerk“. Der 2020er Alter Albert ist eine nicht alltägliche Cuvée von Müller-Thurgau (80%) und Elbling (20%).  Ein weicher Wein, süffig und doch mit Ausdruck. Der Name? „Albert hieß der Großvater meiner Frau, der hatte Elbling-Stöcke“, erzählt der Winzer. Für einen reinen Elbling reicht die Menge nicht, die Vermählung mit dem Müller-Thurgau ist eine charmante Idee und einfach fein umgesetzt.

Ein dickes Ausrufezeichen verdient die 2020er Scheurebe . Auch hier nicht nach 08/15-Rezept, sondern mit einer Idee gemacht:  Ein Drittel (exakt 38%) wurde im frischem Holzfass ausgebaut. „Scheurebe ist unser Sauvignon“, sagt Schreiter. „Vorbild war Sauvignon Sanct Valentin von der Kellerei St. Michael-Eppan in Südtirol.“ Tatsächlich hat die Schreitersche Scheurebe eine überraschende Eleganz, eine wunderbare Cremigkeit, dazu einen Hauch Salzigkeit. Ein toller Wein, leider gibt’s nur 900 Liter davon.

Auf dem Level geht es weiter. Der Traminer 2020 ist eine Wucht, wir entdecken getrocknete gelbe Früchte, vornehmlich Aprikosen. Ein Klasse-Traminer, von dem gibt’s auch nur 200 Liter.  Finale mit der Silvanessenz von 2018, wo der Name schon alles verrät. Silvaner, 30 Gramm Restzucker, 14 Prozent Alkohol, das ist im Glas ein Darling mit Power. Für Hartmut Schreiter „ein Spaßwein“. Richtig, der macht Spaß.

Weinhaus Polomski

Neu im Gebiet – und auch wieder nicht. Sandra Polomski war 1998/99 Weinkönigin in Saale-Unstrut und ein Jahr später deutsche Weinprinzessin, hat jahrelang engagiert die Öffentlichkeitsarbeit des Weinbauverbandes geleitet und ist nach Heirat und Familie nun auch der Winzerei verfallen. Mit etwas mehr als einem halben Hektar Rebfläche in der Steillage Edelacker bewirtschaftet sie ein Filetstück. Und das überaus ambitioniert. Die Debüt-Weine sind tolle Charaktere. Wie der Weissherbst vom Blauen Zweigelt  („zweites Standjahr, nur zwei Trauben pro Stock, 106 Oechsle“) mit satten 13,% Alkohol, es gibt nur 390 Flaschen davon. Noch mehr Eindruck hat der 2020 Chardonnay Jungfernwein Auslese gemacht. Eine trockene Auslese („an jeder zweiten Rebe eine Traube“), ausgebaut im 50-Liter-Glasballon! Auch wenn die Rebsorte kaum erkennbar ist – ein famoser Wein, der in hippen Weinbars in Großstädten Karriere machen würde. Es gibt halt nur 50 Liter…

Siegmund & Klingbeil

Aus Naumburg kommt eine Missgunst. Der Name verwirrt schon, ist aber auch eine Botschaft: „Missgunst“ heißt der Wein vom Weinhaus Siegmund & Klingbeil. Die Erklärung steht zum Glück gleich mit auf dem Etikett: „Nicht zum Teilen geeignet“. Nicht teilen soll man das Produkt der beiden gebürtigen Berliner Sören Siegmund und Sebastian Klingbeil, die mit dem Anspruch „Experimentierfreude“ werben. Diesen Anspruch erfüllt die 2019er „Missgunst“ auf jeden Fall. Das ist eine Auslese-Cuvée aus Muscaris (80%) und Riesling (20%), ausgebaut in einer Ton-Amphore, nur etwas mehr als 1 Gramm Restzucker, 14 % Alkohol. Spannender Tropfen, eine Vielfalt an Aromen, Würze, Frucht, Schärfe, alles da. Ganz klar ein Wein für Freaks.

Wein-Gespräch: Sandro Bottega

Hatte unlängst das Vergnügen, in einer Zoom-Schalte Sandro Bottega kennenzulernen, dessen Prosecco in goldener Flasche viel Eindruck hinterlassen hat. Beste Gelegenheit für ein Interview mit dem Prosecco-Giganten, zu dessen Imperium auch vier Weingüter, eine Glasfabrik und ein Logistik-Center gehören. Sandro Bottega hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben, unter anderem unterstützt er die Slow-Food-Bewegung. 

Herr Bottega, Sie sind Prosecco-Spezialist: Wie sollte ein guter Prosecco schmecken?
Prosecco ist das Symbol des einfachen und eleganten Trinkens, das mit dem italienischen Lebensstil zusammenhängt. Das Wichtigste an einem guten Prosecco ist das Aussehen. Die Farbe muss strohgelb mit grünlichen Reflexen sein, brillant, mit einem satten, cremigen und stabilen Schaum und einer feinen Perlage. Dann das typische Bouquet, fruchtig (erinnert an goldene Äpfel, Birne, Pfirsich und Zitrusfrüchte) und blumig (Akazien, Maiglöckchen). Es erinnert auch an Wiesenblumen, Natur, weite Hügel;  Zucker, Säure, Mineralität, Perlage und Cremigkeit kombiniert zu einem ausgewogenen und harmonischen Geschmack; der Körper ist leicht und die Säure lebendig und dennoch ausgewogen. Am Gaumen ist er cremig und fein.

Leider gibt es auch viel Mittelmaß, vor allem bei Discountern. Wie erkennt man einen guten Prosecco im Regal?
Einige wichtige Regeln: Zu niedrige Preise sind gleichbedeutend mit schlechter Qualität. Verlassen Sie sich auf Doc und Docg (Dop). Wir wissen, woher die Trauben kommen, und die Produktion muss die vom Konsortium festgelegten Regeln einhalten. Und denken Sie auch daran, dass eine bekannte Marke ein Synonym für Qualität ist. Weil das bedeutet, dass der Wein das Ergebnis einer Lieferkette von einem einzigen Unternehmen ausgehend ist.

Sie sind in einer Weindynastie aufgewachsen. Hatten Sie eine andere Chance, als im Weinbau zu arbeiten?
Ich hatte schon immer die Leidenschaft für den Weinbau und seit meiner Jugend habe ich meinem Vater geholfen. Aber ja, als Junge hatte ich auch viele andere Träume und Möglichkeiten: Ich habe begonnen zu studieren, und mich hat die Idee gereizt, Pilot oder Musiker zu werden. Als mein Vater starb, änderte sich alles. Ich beschloss sofort, die Zügel dessen zu übernehmen, was er geschaffen hatte.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Wein?
Das war mit einem Prosecco Superiore, den mein Vater mit nach Hause nahm, ohne Etikett und sozusagen handgemacht. Aber meine Mutter fühlte sie sich damit wie eine Königin. Es war der beste Wein für sie und auch für mich. Ich war wahrscheinlich so 10 Jahre alt, und ein paar Tropfen Prosecco mit Wasser gemischt – da habe ich mich wie ein Erwachsener gefühlt.

Sie sind seit 1983 im Geschäft. Wie hat sich die Weinwelt seitdem verändert?
Das Unternehmen wurde 1977 von meinem Vater Aldo Bottega gegründet und ich war ab 1983, im Alter von 19 Jahren, nach seinem Tod vollständig im Geschäft involviert. Bis 1995 war unser Kerngeschäft Grappa, später ist der Wein zum Haupttreiber des Unternehmens geworden. Seitdem hat sich in der Welt des Weins viel verändert. Das Wachstum von Ländern mit einer neuen Weinkultur wie den USA, Australien, Chile, Argentinien, Neuseeland und Südafrika war mit offensichtlichen Auswirkungen auf den Markt, insbesondere in den angelsächsischen Ländern, von Bedeutung. In den letzten 15 Jahren ist die Nachfrage nach Schaumweinen sukzessive gestiegen. Der große Erfolg von Prosecco, der für seine Frische und Vielseitigkeit geschätzt wird, ist Teil dieses Trends.

Einige Winzer altern Weine mit musikalischer Begleitung, andere pflücken Trauben nach den Mondphasen. Ihr Markenzeichen sind farbenfrohe Flaschen, vor allem die goldene. Gibt es weitere Ideen?
Wir haben vor kurzem Bottega Stella auf den Markt gebracht, einen Brut-Sekt mit starker Persönlichkeit, der aus einer speziellen Cuveé stammt, aus Pinot Noir-, Chardonnay- und Glera-Trauben. Die große und eindrucksvolle Flasche stellt eine Konstellation auf ihrer Oberfläche dar. Der blaue Hintergrund hebt die Sterne hervor, die dank der LED-Glühbirne am Flaschenboden hell leuchten und die durch einen kleinen Schalters angeschaltet wird. Die Bottega Stella ist eine faszinierende Idee für exklusive Partys, informelle Veranstaltungen oder Abende mit Freunden.

Der Klimawandel ist derzeit ein großes Thema. Wie sind Ihre Betriebe betroffen und wie reagieren Sie?
Der Klimawandel bedroht alle Produzenten, auch im Prosecco-Gebiet. Es ist ein großes Problem. Denn wenn es heiß ist, ist es zu heiß, während es, wenn es regnet, zu viel regnet. Prosecco zeichnet sich durch niedrigen Alkohol- und hohen Säuregehalt aus. Aber hohe Temperaturen und frühere Reife erzeugen den gegenteiligen Effekt. In unseren Bottega Weinbergen kompensieren wir das innerhalb der festgelegten Regeln, um Säure und Aromen zu erhalten. Für den Hagel testen wir die Einführung von Anti-Hagel-Netzen. Wir kümmern uns auch um das Blattwerk, sodass es gleichzeitig Licht bekommt, aber vor übermäßiger Hitze geschützt ist. Schließlich forschen wir über Wurzelstöcke für unsere Reben, um sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit zu machen.

Welche Trends wird es in den nächsten 10, 20 Jahren geben?
Der globale Weinmarkt wird in den nächsten 10 Jahren voraussichtlich wachsen. Die zunehmende Vorliebe für Weine bei allen Altersgruppen auf der ganzen Welt anstelle von harten Spirituosen dürfte ein wichtiger Faktor sein, der zum Wachstum beiträgt. Laut Prognose werden vermehrt niedrig alkoholische Getränken nachgefragt. Der Wein hat eine breite Akzeptanz auf der ganzen Welt erreicht und das wird weiter zunehmen. Seine erschwingliche Preisgestaltung zusammen mit dem feinen Geschmack hat zu einer gewissen Popularität geführt. Der Online-Verkauf von Wein wird auch weiter entwickeln, sodass Wein für die Verbraucher unabhängig von ihrem Standort leicht zugänglich ist.

Derzeit hat die Corona-Pandemie eine Menge Schaden angerichtet. Wie hat Ihr Unternehmen die Krise erlebt?
 Der Online-Verkauf war eines der Hauptthemen während der Pandemie. Die Lieferung nach Hause war für viele Bars und Restaurants eine Rettung während des Lockdowns. Natürlich war und ist der Export von der Pandemie stärker betroffen. Covid-19 hat die Konsummöglichkeiten eingeschränkt und folglich zu einem deutlichen Umsatzrückgang in den wichtigsten Märkten geführt, außer da, wo wir im Off-Trade stärker sind. Wir haben vorgeschlagen und einigen Kunden, hauptsächlich Restaurants, geholfen, während des Lockdowns einen Lieferservice zu starten. Während der ersten Notlage haben wir als Botschaft der Hoffnung eine limitierte Auflage unserer Prosecco Gold Magnum Flasche mit Regenbogendekoration kreiert. Es wurde als Anerkennung an italienische Influencer aus der Welt des Weines und italienische VIPs geschickt. Einige von ihnen haben sich mit einer Instagram-Story bedankt. Ende 2020 haben wir das von mir geschriebene Buch „Die 100 Prosecco-Rezepte“ auf den Markt gebracht. Die Sammlung von Rezepten, vom Aperitif bis zum Dessert, wird von vielen faszinierenden Geschichten und Kuriositäten begleitet.

Wenn Sie abends nach Hause kommen, was öffnen Sie? Immer Prosecco?
Ich trinke nicht jeden Abend. Aber ja, wegen seiner Vielseitigkeit und Leichtigkeit ist Prosecco eine meiner ersten Wahlen, um das Abendessen zu begleiten. Dann liebe ich es aber auch, den richtigen Wein zum Essen zu finden, und da gibt es viele Möglichkeiten. Wenn wir von Rotweinen sprechen, muss ich sagen, dass ich persönlich gerne einen guten Chianti trinke, den ich wegen seiner Komplexität und seines reichen Aromas schätze.

Und was trinken Sie zu einem besonderen Anlass, Hochzeitstag oder Geburtstag zum Beispiel?
Eine gute Wahl ist sicherlich Bottega Gold, unser Prosecco DOC in goldener Lackierung. Der ist perfekt zum Feiern, weil er von innen genauso charmant ist wie von außen. Eine andere Möglichkeit ist Bottega Stardust, auch immer ein Prosecco DOC: Ein Produkt von unmittelbarer visueller Wirkung, da das dunkle Glas der traditionellen Flasche vollständig von einer Galaxie von Kristallen bedeckt ist. Der Effekt „Stardust“ lässt den Moment des Anstoßens besonders strahlen und macht den Moment so unvergesslich.

Haben Sie einen persönlichen Lieblingswein?
Jeder Wein könnte für ein bestimmtes Merkmal geliebt werden. Aber wenn ich einen wählen muss, würde ich sagen: Il Vino dei Poeti Ancestral Spumante. Ich liebe ihn, weil er diejenige ist, der am besten die Verbindung mit den alten Weinbautraditionen darstellt, die weit zurückreichen und über Generationen bis heute weitergegeben wurden. Ein Schaumwein, der mit dieser einzigartigen Technik hergestellt wird, die damals entwickelt wurde, als die Jahreszeiten die Produktentwicklung bestimmten, lange vor dem Beginn der modernen Technologie. Ein Wein, der sich durch fast keinen Restzucker und einen starken und authentischen Geschmack dank seiner bescheidenen Wurzel auszeichnet. Ein echtes Vermächtnis der ältesten Zeiten, das man an keinem anderen Ort der Welt finden kann.

Mit wem möchten Sie ein Glas Wein trinken?
Ich möchte ein Glas Wein mit Francis Ford Coppola trinken, um zunächst einmal den Erfolg des limitierten Weins zu würdigen, den wir in Partnerschaft mit den Oscars kreiert haben. Und dann mit ihm bei einem guten Glas Wein plaudern, über zukünftige Projekte, aber nicht nur: auch über Wein und Kino quatschen, ohne eine feste Zeit, zu der man aufhören muss.

Die letzte Frage stelle ich jedem Winzer: Gibt es einen perfekten Wein?
Nein, der perfekte Wein ist immer der Wein, der mit den Trauben der nächsten Ernte produziert wird. Aber ohne Spaß, ich möchte dazu sagen, dass Prosecco nicht der perfekte Wein sein mag, aber er stellt die beste Balance zwischen Geschmack, Frische, Vielseitigkeit, Qualität und Preis zumindest in der Welt des Schaumweins dar.

Sandro Bottega (r.) mit Francis Ford Coppola

@Fotos: Bottega SpA

Winzer und Corona

Wie sind die Winzer in der Region durch die Corona-Krise gekommen? Klar, die Pandemie hat auch den Weinbaubetrieben in Sachsen und an Saale-Unstrut zugesetzt, manchen mehr, manchen weniger.  Ein Stimmungsbild unter Winzern in Ostdeutschland. Ein Beitrag, der zuerst in der Wirtschaftsbeilage der Leipziger Volkszeitung erschienen ist.

Homeoffice kein Thema

Eines scheint erst mal klar: Einen direkten Einfluss auf die Arbeiten in den Betrieben hatte die Pandemie nicht, Kurzarbeit oder Homeoffice waren keine Themen. „Wir können ja nicht einfach die Bewirtschaftung der Weinberge einstellen. Da sind die Arbeiten mehr oder weniger normal weitergegangen“, sagt Klaus Böhme, Winzer in Kirchscheidungen an der Unstrut.  „Was sich verändert hat war natürlich die Vermarktung. Unsere Kunden in der Gastronomie mussten von heute auf morgen ihre Betriebe schließen, da hatten wir plötzlich keine Abnahme mehr. Das haben wir schon gemerkt.“

„Frost und Hagel waren schlimmer“

Auch André Gussek, der in Naumburg ein 9-Hektar-Weingut führt, hat das gemerkt. Winzer Gussek sieht sich „zwischen den Fronten“. Denn: „Die Einbußen in der Gastronomie haben uns schon getroffen, das ist ein wichtiger Vertriebsweg. Gleichzeit ist die Direktvermarktung aber angestiegen, das bedeutet bessere Margen. Und der Online-Handel hat deutlich zugenommen. Kurz gesagt, wir haben weniger Wein verkauft, aber das zu einem höheren Preis.“ Das Plus aus Direktvermarktung hätten die Einbußen aus dem Verlust des Gastronomie-Geschäfts in etwa ausgeglichen. Dann sagt André Gussek noch einen Satz, der von vielen Winzern zu hören ist: „Frost und Hagel waren schlimmer als Corona.“

„Alles ist einfach weggebrochen“

Das bestätigt auch Georg Prinz zur Lippe (Foto). Dennoch ist der Boss von Sachsens Aushängeschild Schloss Proschwitz in einer schwierigeren Lage als Gussek. Nicht nur, weil es mit Lippes 70 Hektar im Elbtal um andere Mengen an Wein geht. „40 Prozent unserer Weine gehen in die Gastronomie, weltweit, auf Kreuzfahrtschiffe und auf Flughäfen. Das alles ist einfach weggebrochen“, sagt Georg Prinz zur Lippe. Auch bei ihm hat der Umsatz im Direktverkauf zugelegt. „Aber von den 40 Prozent Verlust bleiben halt immer noch 25 Prozent, und das ist ein Millionenbetrag.“

Weihnachtsmärkte vermisst

Die Corona-Geschichte hat viele Facetten, es geht nicht nur um Gastronomie und Direktvermarktung. Das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth ist ein Hotspot für Veranstaltungen. 500, Hochzeiten, Tagungen, Firmen- und Familienfeiern, mussten wegen der Pandemie abgesagt werden. „Wir waren immer auf 23 Weihnachtsmärkten“, sagt Sonja Schilg. 2020 fand kein einziger statt. Die Geschäftsführerin der GmbH erzählt aber auch von der anderen Seite der Medaille. „Im Sommer ist der deutsche Binnentourismus stark angestiegen. So hatten wir vor dem zweiten Lockdown sogar ein Besucher- und Ertragswachstum!“  Bilanz des Corona-Jahres 2020: Minimaler Verlust, aber 190.000 Besucher, wie jedes Jahr.

Schloß Wackerbarth: In normalen Zeiten viel Betrieb, während der Pandemie oft Leere.

Überall dasselbe Lied: Abgesagte Veranstaltungen, keine Weinfeste, keine Weihnachtsmärkte, Verkostungen nur noch online.

 

„Plötzlich kam niemand mehr“

Oft sind auf dem ersten Blick Folgen von Corona-Verordnungen gar nicht absehbar. Andreas Clauß vom Thüringer Weingut Bad Sulza, wo knapp 50  Hektar Rebflächen bewirtschaftet werden, erzählt: „Wir hatten immer viel Laufkundschaft aus der nahen Toskana-Therme in Bad Sulza. Die musste während der Pandemie schließen. Plötzlich kam niemand mehr zu uns. Dann hatten wir einen neuen Trend: Es sind zwar weniger Kunden gekommen, aber die gekommen sind, haben viel mehr Wein eingekauft.“ Auch Andreas Clauß sagt: „Der Spätfrost hat mehr weh getan als die Pandemie.“

Online-Geschäft hilft

Wolfram Proppe ist in seiner Bewertung der Corona-Krise zwiegespalten. „Die Ausfälle in der Gastronomie haben auch wir gespürt, aber viele unserer Kunden haben uns online die Treue gehalten“, sagt der Winzer aus dem Löberschütz in Thüringen. Die Ausfälle im Veranstaltungsbereich haben ihn nicht getroffen – an Veranstaltungen wie Hoffeste oder Weihnachtsmärkte ist der junge Winzer gar nicht beteiligt. Kein Wunder das Proppe sagt: „Andere Betriebe hat es mit Corona schlimmer getroffen. Für mich waren die Spätfröste während der Eisheiligen 2020 ein viel größeres Problem.“
Klingt unterm Strich so, als sei den Winzern, was Corona betrifft, das Schlimmste erspart geblieben. Klaus Böhme: „So sieht es aus.“

@Fotos: Nora Börding