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Prosecco ohne Pflanzenschutzmittel

Diese Nachricht verdient Aufmerksamkeit: Die Mitgliederversammlung des Konsortiums Prosecco DOC hat beschlossen, ab der Lese 2018 die Pflanzenschutzmittel Glyphosat, Folpet und Mancozeb zu verbieten. Die Pflanzenschutzmittel werden bereits ab diesem Jahr aus den offiziellen Anbau-Statuten gestrichen.

Umstrittenes Mittel

Glyphosat ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter und hoch umstritten. Denn das Mittel steht im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen.  Im März 2015 war die Diskussion über die Gefahren von Glyphosat entbrannt, als die Weltgesundheitsorganisation den Stoff als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifizierte. Mehrere Initiativen forderten von der EU-Kommission daraufhin einen Verbot des Pflanzenschutzmittels. Dazu kam es nicht.

Zulassung verlängert

Die EU-Kommission verlängerte die Zulassung von Glyphosat vor knapp einem Jahr um bis zu 18 Monate. Bis zum Ablauf dieser Zeit sollte eine neue Studie der europäischen Chemikalienagentur klären, ob Glyphosat krebserregend wirken kann. Die Studie wurde kürzlich veröffentlicht, die europäische Chemikalienagentur stufte im März 2017 Glyphosat nicht als krebserregend ein. Die Diskussion dürfte weitergehen.
Habe während meines Studiums (ist über 30 Jahre her) selbst mit Glyphosate Versuchsreihen im Weinbau durchgeführt. Einige Dutzend Rebstöcke haben das nicht überlebt, was mir noch heute leid tut. Der Verzicht des Prosecco-Konsortiums auf die genannten Pflanzenschutzmittel und vor allem Glyphosat ist daher eine gute Nachricht.

Die Mitteilung des Prosecco-Konsortiums

Hier nun Auszüge aus der Mitteilung des Prosecco-Konsortiums:
Als erstes Weinanbaugebiet der Welt geht Prosecco DOC neue Wege in Sachen Nachhaltigkeit. Konsortiumspräsident Stefano Zanette hatte bereits im Februar erste konkrete Schritte in Richtung der Systemzertifizierung angekündigt, die viele Diskussionen auslösten. Am 5. April wurden nun in der Mitgliederversammlung des Konsortiums offiziell die Weichen für einen nachhaltigen Anbau von Prosecco DOC gestellt.  „Wir haben den Stein ins Rollen gebracht, von hier aus gibt es kein Zurück. Aber das Ziel ist ambitioniert und der Weg zur allumfassenden Nachhaltigkeit ist lang – wir müssen Schritt für Schritt vorgehen“, so Zanette direkt nach der Hauptversammlung, in der die komplette Beseitigung von Glyphosat, Mancozeb und Folpet ab dem Weinjahr 2018 beschlossen wurde. Diese in der Weinwelt bahnbrechende Maßnahme wird für alle Produzenten obligatorisch, die die kontrollierte Ursprungsbezeichnung Prosecco DOC führen wollen.

„Wie ich unseren Mitgliedern erklären konnte, handelt es sich um eine soziale Verantwortung, die über wissenschaftliche Bewertungen hinausgeht. Die Wissenschaft hat uns bestätigt: Auch ohne Pflanzenschutzmittel ist ein qualitativ hochwertiger Weinbau möglich. Ich bin überzeugt davon, dass wir trotz der Bedenken einiger Mitglieder, einmal mehr die Fortschrittlichkeit und Dynamik unserer Ursprungsbezeichnung unter Beweis stellen. Wir möchten so zeigen, dass Profit nicht das einzige Ziel ist, sondern auch verantwortungsvoll mit den Erwartungen der Verbraucher und Bewohner unseres Anbaugebiets umgegangen wird“, erklärt Zanette.  Das Konsortium bietet seinen Produzenten jegliche notwendige Unterstützung, um diesen schwierigen, irreversiblen Übergang zu erleichtern.

Fazit: Guter Schritt, bleibt nur noch die Frage der Kontrolle..

Pfalz: 1000 Weine am Dom

„Wein am Dom“, zum fünften Mal: Diesmal 1000 Weine von 170 Weingütern, 3700 Besucher, Rekorde, Rekorde. Das Konzept, die Wein-Show in Speyer auf sechs stilvolle Verkostungsorte zu verteilen, erweist sich als Volltreffer. Dazu das Flair der alten Domstadt Speyer, die tadellose Organisation und auch noch Frühlingssonne – besser hätte der Rahmen nicht sein können. Was aber steht im „Schaufenster des Pfälzer Weins“, wie Pfalzwein e.V. seine Messe „Wein am Dom“ beschreibt?

Die Strategie

… war dringend notwendig.

Denn natürlich ist es überaus schwierig, 1000 Weine zu probieren und fair zu bewerten. Habe mich diesmal auf Weißburgunder konzentriert. Den hatte Pfalzwein zur „Rebsorte des Jahres“ erkoren. Konnte einigen „Seitensprüngen“ aber nicht widerstehen, dazu gleich mehr. Machte in der Summe mehr als 200 probierte Weine plus einige Sekte. Große Enttäuschungen waren nicht dabei. Ja, mancher war Durchschnitt, aber es gab viele Persönlichkeiten im Glas und einige richtig schöne Entdeckungen.  Und nicht nur beim Weißburgunder.

Typisch Weißburgunder?

… Weißburgunder also.

Lese bei Beschreibungen von Weißburgundern immer wieder von „typischen Apfelaromen“, „typischer Säure“ und sonst was typischem. Doch was ist typisch Weißburgunder? Bei den 150 probierten allein aus dem hierzulande zwar großen, global gesehen aber doch überschaubaren Gebiet Pfalz waren Bandbreite und Vielfalt derart groß,  dass als gemeinsame Nenner allenfalls „schmeckt“ taugen konnte.  Das mitunter gehörte Urteil „Der ist aber nicht als Weißburgunder erkennbar“ enthält den Denkfehler, dass es eben keine Definition gibt, wie ein Weißburgunder nun ganz genau zu schmecken hat.

Enorme Vielfalt

… ist das große Plus der Rebsorte.

In der Pfalz wird diese Vielfalt exzessiv gepflegt. Edelstahl, großes oder kleines Holzfass, Spätlese, Süßwein, viel Restzucker, kaum Restzucker, Orange – alles dabei und noch viel mehr. Jahrgangsunterschiede gibt es. Für mich hätten manche 2016er etwas mehr Säure vertragen können. Es gab eine Menge an Weißburgundern der Kategorie „frisch, fruchtig, lebendig“, oft angepriesen mit der Aussicht „schön auf der Terrasse im Sommer“. Dort kann man sich auch wohlfühlen.

Die Sieger

… von einer Sommelier-Jury aus 100 angestellten Weißburgundern als „Entdeckung des Jahres“ gekürt.

Beim Wein gewann der 2015er Weißburgunder vom Arzheimer Klingenwingert des Weinguts Kranz in Ilbesheim. Beim Sekt gab es gleich zwei „Entdeckungen“: Einen 2013er Weißburgunder-Sekt brut von Dr. Wehrheim in Birkweiler und den Weißburgunder-Sekt baut von Ludwig Wagner & Sohn aus Maikammer. Habe die Sieger probiert – feine Tropfen, keine Einwände. Beim Wein sei es knapp zugegangen, erzählt Jury-Chef Peer Holm. Dicht, fein, geradezu filigran präsentierte sich der Siegerwein. Der Zweitplatzierte (Weißburgunder vom Weingut Sauer in Böchingen) komplett anders, geradezu opulent, voller Power. 4:3 endete die Spontanabstimmung am Tisch. Zeigt nur, dass beide Facetten Fans haben.

Die „Seitensprünge“

… waren Weine, denen einfach nicht zu widerstehen war.

– Riesling muss sein. Der 2015er von der Deidesheimer Leinhöhle vom Weingut Georg Sieben Erben aus Deidesheim hat Eindruck gemacht. Wäre danach fast komplett zu Rieslingen umgeschwenkt …
– Umwerfender 2007er Riesling vom Forster Kirchenstück aus der Magnum-Flasche von Heinrich Spindler, Forst a.d.W.;  golden, erwachsen, reif, 1000 Eindrücke, fantastisch.
– Toller 2011er Riesling Petershöhle aus der Magnum-Flasche vom Weingut Weisbrodt, Niederkirchen; viel Schmelz, Reife, beeindruckend.
– 2015 Muscaris Auslese trocken, Weingut Galler, Kirchheim; die  Piwi-Sorte wird ihre Anhänger finden, verspricht eine Hochzeit mit der Ente auf dem Teller
– Cabernet Blanc 2016 Ruppertsberger Nußbien, Stefan Reinhardt Niederkirchen; die Neuzüchtung musste probiert werden, erinnert an Sauvignon Blanc, exotisch, grün, Paprika,
– 2014 Lagrein, Egon Schmitt, Bad Dürkheim; Als großer Freund der Südtiroler Rebsorte war der Wein ein Muss – und keine Enttäuschung, Würze, Pfeffer, Intensität, alles da!

Süße Versuchungen

… müssen auch mal sein.

Riesling Auslese Weisenheimer Sonneberg von 2015, Handwald-Schwerdt, Bad Dürkheim; 104 Gramm Restzucker, 10 Gramm Säure, Klasse-Wein!
– Die 2015er Riesling Beerenauslese der Vier Jahreszeiten Winzer. Süß und nicht klebrig, unschlagbares Preis-Leitungsverhältnis (8 Euro)
– Eine großartige 2015er Riesling Auslese Forster Ungeheuer von Heinrich Spindler, Forst a.d.W.; 149 Gramm Restzucker, 10 Gramm Säure, Olala
Weegmüller aus Neustadt an der Weinstraße hatte eine 2015er Rieslaner Auslese Von 14 Zeilen dabei. Top!

Ein Rätsel

… gab es auch.

Nicole Graeber aus Edenkoben ist vor einem Jahr mit einer bemerkenswerten Scheurebe Trockenbeerenauslese aufgefallen, seinerzeit die  „Entdeckung des Jahres“. Diesmal hatte die Jungwinzerin (neben einem sauberen 2016er Weißburgunder) einen Wein „1929“ dabei. Den wollte jeder probieren. Frau Graeber ließ raten, niemand erkannte, was im Glas ist: Ein halbtrockener Kerner, süffig. „1929 ist das Jahr, in dem Trollinger und Riesling gekreuzt wurden, das Geburtsjahr des Kerners“, klärt die Winzerin das Etikettenrätsel auf. „Ich will nur zeigen, welche Schätze wir haben, schöne alte Schätze.“  Klar, den aus der Mode gekommenen Kerner, dann auch noch halbtrocken, hätte niemand probiert. Bei 1929 griff jeder zu. Clevere Strategie, Frau Graeber!

Orange grandios

… d i e  Entdeckung bei „Wein am Dom“ 2017.

Orange-Weine sind ein Trend, nicht alles ist trinkbar. Die beiden, die Volker Benzinger aus Kirchheim a.d.Weinstraße mitgebracht hatte, waren jedoch schlichtweg großartig: Orange Pinot Blanc und Orange de Picardou Blanc, beide von 2015. Tolle Charaktere, tolle, andere Weine, blitzsauber gemacht. Für manchen Orange-Jünger vielleicht zu sauber? „Typisch deutsch“, sollen Kollegen aus Frankreich den Benzingers zu deren Naturweinen gesagt haben, begeistert waren sie aber auch.  Typisch deutsch ist auch, dass auf dem Etikett „Landwein“ stehen muss.  Auch das Staatsweingut mit Johannitergut aus Neustadt an der Weinstraße stellte einen Orange-Weißburgunder 2015 vor, auch gelungen.

 Aufgefallen

… die Weißburgunder, die ein Plus im Kostheft bekommen haben. Die Reihenfolge ist kein (!) Ranking:

2016 Weisser Burgunder Kirchheim, Benzinger, Kirchheim a.d.W.; schöner frischer, feiner Wein, wird jedoch von den Orange-Weinen (siehe unten) um den Ruhm gebracht
2015 Weißer Burgunder „S“, Geheimer Rat von Bassermann-Jordan, Deidesheim; wie gewohnt edel, fett, gehaltvoll, intensiv
2015 Weißburgunder St. Lamprecht und 2015 Weißburgunder St. Lamprecht Reserve, Bergdolt, Neustadt an der Weinstraße; der Gutswein ist intensiv, rauchig, in der Reserve ist das Holz noch sehr präsent, für Liebhaber
2015 Weißburgunder Böchinger Rosenkranz im unteren Kreuz VDP Grosse Lage, Weingut Menges, Flemlingen; exzentrischer Tropfen, unfiltriert, viel Charisma, nichts zum nebenher trinken
2015 Siebeldinger Weisser Burgunder vom Muschelkalk, Ökonomierat Rebholz, Siebeldingen; lebendig, filigran, von schöner Leichtigkeit
2015 Pinot Times, Aloisiushof, Sankt Martin; Weißburgunder, der 10 Monate im Holz lag und das auch nicht versteckt, voller Schärfe, Paprika im Glas; Gegenprogramm ist der 2015er Weisser Burgunder Stein & Erde trocken aus dem gleichen Haus; beschwingt, leicht trinkbar
2015 Weißer Burgunder Réserve, Weingut Meyer, Heuchelheim-Klingen; ein Jahr im Barrique gelegen, das ist natürlich spürbar, nur 1,5 Gramm  Restzucker, alles, nur kein Allerweltswein
2015 Weißburgunder Freinsheimer Musikantenbuckel, Weingut Krebs, Freinsheim; ein Jahr im 600-Liter-Fass gereift, das gibt die nötige Power
2016 Weißer Burgunder Spätlese trocken Klingener Herrenpfad, Weingut Hof, Heuchelheim-Klingen;  nur 0,9 Gramm Restzucker und dennoch aromatisch, fruchtig, die Reben bringens!
2016 Weißer Burgunder Schlossberg, Weingut Brendel, Pleisweiler-Oberhofen; schöne Mineralität, wieder eine ganz andere Wb-Spielart
2015 Weißburgunder Auslese St. Martiner Baron; Winfried Seeber, Sankt Martin; Wb geht nicht nur trocken, Trockenfrüchte, Nüsse, sehr erwachsen
2015 Weißburgunder Réserve Walsheimer Silberberg, Weingut Koch, Hanfeld; gutes Bespiel für intelligenten Umgang mit Holz, 30 Prozent sind im großen Fass gereift, das Holz hilft dem Wein, beherrscht  ihn aber nicht
2015er Weißburgunder Sonnenberg, Weingut Jülg, Schweigen-Rechenbach; auch hier maßvoller Umgang mit Holz, ein Drittel im Barrique gereift, ergibt einen Wein mit viel Kraft, Würze und Aroma, aber keinen Holzsaft
2015 Weißer Burgunder Dirmsteiner Mandelpfad, Jesuitenhof, Dirmstein; gereift im 600-Liter-Holzfass, sehr intensiv, kaum Frucht, aber viel Würze, viel Power
2015 Weißburgunder, Hanewald-Schwerdt, Bad Dürkheim; schön rund und doch kräftig, ein Jahr im großen Holzfass – Zweitbelegung – gereift, auch hier das richtige (Holz-)Maß
2016 Pinot Blanc  “Happy“, Emil Bauer und Söhne, Nußdorf; logisch, dass das Weingut mit den schrägen Etiketten hier auch den französische Namen verwendet, aber ja, der Wein kann happy machen, denke vor allem Frauen
2015 Weissburgunder Tradition, Weingut Gabel, Herzheim a. Berg; spontan im kleinen Holzfass vergoren, biologischer Säureabbau, alles gelungen, 0,7 Gramm Restzucker, mehr braucht der Wein auch nicht
2016 Weissburgunder, Weingut Dengler-Seyler, Maikammer; mit Traubenbeeren vergoren, schöne Struktur, wieder eine anderes Gesicht des Wb
2015 Weißburgunder Spätlese trocken, Wilhelmshof, Siebeldingen, voller Kraft und Power, die Reben sind 45 Jahre alt, ausgebaut im 600-Liter-Holzfass
2016 Weißer Burgunder Platin Frackweiler Kalkgrube, Weingut Lidy, Frankweiler;  viel Frucht und Charisma, kraftvoll, ein Teil im Holz ausgebaut
2016 Weißburgunder, Weingut Zimmermann, Wachenheim a.d.W.; erst kürzlich abgefüllt, schon sehr rund, ausgewogen, fein
2015 Weißburgunder LIMIT Haardter Herzog, Weingut Schäfer, Neustadt an der Weinstraße; voller Wucht und Persönlichkeit, es gibt nur 2000 Flaschen, deshalb Limit
2015 Cocovino Assemblage, Weingut Galler, Kirchheim; Cuvée aus Weißburgunder, Chardonnay, Auxerrois, spontan vergoren, vielschichtig, etwas für Entdecker. Vom gleichen Betrieb auch spontan vergorener Weißburgunder

Vielleicht etwas viel des Guten, aber keine wirkliche Überraschung. Auch die letzten Exkursionen in die Pfalz – Wein am Dom 2016, der Besuch neuer Vinotheken oder die Begegnung mit Jungwinzern  haben Eindruck gemacht.
Der Termin für „Wein am Dom 2018“ – 7./8. April 2018 –  ist notiert.

 

Überraschung Vermentino

Unlängst einen italienischen Weißwein getrunken – richtig Klasse. Kein  Südtiroler, kein Vernacchia di San Gimignano, auch keine weißen Sizilianer – bei denen erlebt man in der Regel kaum Enttäuschungen. Im Glas war ein Vermentino di Gallura aus Sardinien. Vermentino? Die Rebsorte ist  mir bisher als beliebiger Allerweltswein in Erinnerung. Einer, der wenig Eindruck macht. Kategorie geht so. Der Vermentino di Gallura war von anderem Kaliber, eine Überraschung.  Was hat es mit dem Sarden auf sich? Richtig gut Bescheid weiß da ein guter Freund und Italien-Spezi, Tobias Strunz vom italienischen Weindepot.
In einem Gastbeitrag erklärt Tobias Strunz die Appellation.

Vermentino di Gallura

Die Weißwein Appellation Vermentino di Gallura ist die erste DOCG der Insel Sardinien und umfasst die Weine aus einem großen Bereich am nördlichen Ende der Insel. Im Jahr 1975 erhielten die Weine den DOC Status, gefolgt vom DOCG Status im September 1996. Das Anbaugebiet umfasst die gesamte Nord-östliche Ecke der Insel Sardinien und ist damit für eine DOCG überraschend groß (deutlich größer als das Gebiet von Alghero, Vernaccia di Oristano oder Malvasia di Bosa zusammen). Der Grenze verläuft mehr oder weniger exakt an der Olbia-Tempio Provinz entlang, eine Gegend welche allgemeinhin als die Gallura angesehen wird (Der Dialket Gallurese wird dort heute noch gesprochen). Im Westen stößt die südliche Grenze des Anbaugebietes an den Fluß Coghinas, macht eine leichte Biegung um die Hügel von „Monti di Ala“ um die Ostküste in der Nähe von Posada zu erreichen.

95 Prozent sind Pflicht

Wie der Titel offensichtlich darlegt, werden die Vermentino di Gallura Weine zur Hauptsache aus der Vermentino Rebe gekeltert, welche zu mindestens 95% enthalten sein muss. Die restlichen 5% können mit „altri vitigni“ als anderen geeigneten und zugelassenen Rebsorten der Region ergänzt werden. Manchmal findet man auch den Zusatz, dass Ergänzungstrauben der Provinz Sassari ebenfalls erlaubt sind. Ein Hinweis darauf, dass Sardinien einst nur aus vier administrativen Bereichen Bestand: Oristano, Cagliari, Nuro und Sassari. Die eingetragene Provinz Olbia-Tempio existiert erst 2005 und unterschied sich bis dato nur durch ihren Gallura Dialekt.

Komplexe Geschichte

Vermentino gewinnt verstärkt an Bedeutung auf Sardinien. Manche der angestrebten ampelographischen Untersuchungen ergaben, dass die Geschichte dieser Rebsorte weitaus komplexer ist, als bisher angenommen. Die meisten Studien gehen davon aus, dass die Rebsorte italienischen Ursprungs ist, mit möglichem Ursprung im Nordwesten des Landes – in Ligurien. Weitere Untersuchungen ergaben, dass die Rebsorte auch in den südlichen französischen Provinzen verbreitet ist wie zum Beispiel in der Provence und im Languedoc-Roussillon. Unbedingt erwähnt werden muss auch die Verbreitung der Rebsorte auf der Insel Korsika.

Herkunft unklar

Korsika liegt direkt nördlich von Sardinien, die beiden Inseln werden durch die Seestraße von Bonifacio geteilt – welche lediglich wenige Kilometer umfasst. Vor unserem geologischen Zeitalter waren Korsika und Sardinien eine Insel. Selbst deren Flaggen tragen dasselbe Wappen, das einen Kopftuch tragenden Mooren zeigt. Die Herkunft von Vermentino könnte nun also genausogut auf Sardinien, in Italiens Norden oder im südlichen Frankreich zu finden sein. Es gibt auch verstärkt Hinweise darauf, dass Vermentino spanischen Ursprungs sein könnte, obwohl die Varietät dort nahezu unbekannt ist. Wenn diese Theorie stimmt, so hätte die Rebsorte ihren Siegeszug bereits vor Jahrhunderten von Spanien aus nach Sardinien angetreten.

Ein Shooting-Star

Wie auch immer Herkunft und Ursprung des Vermentino sein mögen, die Rebsorte avanciert binnen kürzester Zeit zur wichtigsten Weißweinsorte der Insel und könnte der zukunftsweisende Wein Sardiniens werden. Der klassische Vermentino di Gallura DOCG ist ein Wein von frischer, strohgelbar Farbe mit dezent grünlichen Reflexen. Im Duft sind die Weine delikat und erinnern an weiße Blüten. Am Gaumen erfrischend, gut ausbalanciert und von dezenter Säure mit einem Hauch Mineralität. Wuchtigere Vermentino Beispiele sind exzellente Essenbegleiter, zum Beispiel zu Huhn oder Fischgerichten, während die leichteren Varianten von höher gelegenen Weinbergen ideal zu Meeresfrüchten passen.

Best of Rioja

Was für ein Versprechen: 12 große Riojas. Die besten von 100 Rioja-Weinen, die wiederum aus 600 ausgewählt wurden. Nicht weniger als ein „Best of Rioja“.  Probiert beim „Tasting Rioja“ auf dem Rheingau Gourmet & Weinfestival. Berühmte und weniger bekannte Erzeuger, kleine und große, traditioneller und moderner Stil – alles dabei. Geht es besser? Schon gar nicht, wenn David Schwarzwälder die Weine vorstellt. Der Iberien- und Rioja-Experte kennt quasi die DNA jedes Tropfens und die Geschichten der Winzerfamilien auch noch.
Weine mit Geschichte(n) – sowieso eines meiner Lieblingsthemen.

„Nur“ Rotwein oder ein Rioja?

Erkenntnis beim Besuch in der Rioja vor einigen Jahren: Die Bandbreite ist groß, Engagement und Innovationsbereitschaft auch. Unsicherheit ist aber auch da. Die Fragen: Tradition oder Moderne? Unverwechselbarer Stil oder Weltweingeschmack oder ganz neue Interpretationen? Am Ende geht es wohl darum: Kommt ins Glas „nur“ ein Rotwein oder wirklich ein Rioja.

Beim „Tasting Rioja“ erst mal keine Überraschung: Tolle Weine, viel Charisma, unterschiedliche Stilistik, kein Ausfall. Trotzdem am Tisch lebhafte Diskussionen, denn Geschmäcker und Vorlieben unterscheiden sich. Zum Glück.

Rioja-Tasting

Meine „Best of“ der „Best of“

(heiße Tipps!)

Bhilar Plots Blanco 2014 / Bodegas Bhilar. Auch wenn sich Rioja über Rotwein definiert – dieser Weiße ist ein Knaller. Ganz klar etwas für Individualisten, weil gemacht von einem Individualisten. Bio-Winzer David Sampedro  bewirtschaftet nur die Weinberge, hat keine eigene Kellerei, kultiviert aber eigene Hefen. 6 Monate reift der Wein im 500-Liter-Fass, Produktion nur 25000 Flaschen. Zum Wein: Schön knackig, extrem kräuterig im Geschmack, Heu, buttrige Noten, gut eingebundene Barriquenote, nur 1,8 Gram Restzucker. Bhilar gibt’s erst seit 1999, firmiert unter Boutique-Winery. Die gute Nachricht: Kostet bei diversen Versendern um die 10 Euro.

Valenciso Reserva 2009 / Campania Bodeguerade Valenciso.  Der Name Valenciso generiert sich aus den Nachnamen des Paares Luis Valentin und Carmen Enciso. Sie machen nur diesen einen Wein. 100 Prozent Tempranillo.  Gärung in Betontanks (weil erschütterungsfrei, im Keller keine Edelstahltanks), dann 17 Monate Reife in französischen Barriques und weitere 19 Monate auf der Flasche. Ein Bilderbuch-Rioja, stimmig und charismatisch. Es heißt, Valenciso sei ein Geheimtipp. Fragt sich, wie lange noch. Obwohl diverse Weinpäpste wild gepunktet haben (Parker 93, Decanter 96) ist dieser Rioja bei diversen Online-Händlern für geschmeidige 20 und 25 Euro zu haben. Mein Testsieger, kommt in den Keller.

Torre Muga 2011 / Bodegas Muga. Ein guter Bekannter,  einer der größten Weine Spaniens. „Moderne Interpretation der Klassik“ sagte David Schwarzwälder, „ein Koloss“, schrieb ein Kollege. Natürlich großartig. Zitiere aus diversen euphorischen Beschreibungen. Erkannt werden da „Aromen von roten Früchten, schwarzen Wildfrüchten, Bitumen, Torf, Unterholz, warmer Waldboden, Cassis, Schokolade, Zigarrenkiste, Süßholz, feinem Leder, Rauchfleisch, Graphit, Weihrauch, Pflaumen,  Chinatusche, Trüffel, Kaffee, schwarzer Tee, nasse Erde, Süßholz, Kaminfeuer …“ Stimmt alles irgendwie.  Cuvée aus 75% Tempranillo, 15% Mazuelo und 10% Graciano.  Ein Kultwein, den es nur in besten Jahrgängen gibt. 2012 und 2013 soll es keinen geben. Kleiner Haken, kostet um die 60 Euro.

Sierra Cantabria Gran Reserva 2007 / Sierra Canaria. Wunderbarer Wein. Ganz klassischer Rioja. Cuvée aus 95% Tempranillo und 5% Graciano, 24 bis 30 Monate in Barriques aus amerikanischer Eiche ausgebaut, danach weitere  Jahre der Flaschenlagerung. Das Lesegut kommt aus drei Dörfern, die Rebstöcke sind bis zu 110 Jahre alt. Auch der Wein dürfte  ein langes Leben haben.  Winzerfamilie Eguren gilt als „Wunderfamilie“  (Schwarzwälder), Önologe Marcos Eugen ist  in Spanien ein Star. Feines Preis-Leistungs-Verhältnis: 20 bis 25 Euro.

200 Mondes Gran Reserva 2011 / Bodegas Minicola Real. Noch so ein Individualist vom Individualisten. „Projekt eines durchgeknallten Freaks“, wusste  jemand. Eine Cuveè  aus Tempranillo (85%), Graciano (10%) und Mazuelo (5%) , Weinbergen, deren Durchschnittsalter 45 Jahre übersteigt.  30 Monate in Holzfässern aus französischer und amerikanischer Eiche gereift, dann weitere 40 Monate in der Flasche. Mag vielleicht etwas altmodisch, staubig, wirken. Aber das darf (manche sagen muss) ein Rioja! Man mag sofort grillen. Toller, charismatischer Wein, um die 40 Euro.

„Best of“ für andere

Mirto By Ramón Bilbao 2011 / Bodegas Ramón Bilbao. War nicht mein Favorit. Erwähne ihn trotzdem, weil er am Tisch bei einigen die Nummer 1 war. 100 Prozent Tempranillo, 24 Monate in französischen Barriques.  Flaggschiff des Starwinzers. Im Glas ein Kraftpaket mit den üblichen Aromen, Cassis, Waldbeeren, Tabak, Schokolade. Weil Mirto Myrte heißt, bildet man sich den Geschmack von Myrte ein. Starwinzer, Power, Myrte – klingt alles nicht schlecht. Ja,  einguter Wein, für mich zu viel Holz, zu viele Tannine, zu viel Säure.

Außer Konkurrenz

Montecillo Selección Special Gran Reserva 1994 / Bodegas Montecillo. Schwer vergleichbar mit den anderen, weil über 20 Jahre alt, richtig reif, daher quasi außer Konkurrenz.  Immer noch nicht fertig? Reinrassiger Tempranillo. Toller Wein und tolle Geschichte: Bodegas Montecillo ist das erste Gut in der Rioja, das von einer Frau – Maria – geleitet wurde. Bodegas Montecillo ist das erste Gut in der Rioja, das kein amerikanisches Holz, laut Maria „der Teufel“, verwendet hat. Aber eindeutig nicht nur ein Wein für Feministen und Amerika-Hasser. Leider schwer zu bekommen.

Bleibt nur eins, Hinfahren!

Überfälliger Test: Rheingau, August Eser

Warum August Eser? Wenn ein Weingut unter dem Motto „Der Schlüssel zum Rheingauer Wein“ firmiert, die Besitzer bei den „Rheingauer Jungwinzern“ mitmachen und den Betrieb in nun 10. Generation bewirtschaften – ist das nicht die richtige Adresse für ein Date mit Rheingau-Rieslingen? Die, so mittlerweile vielfach moniert, auf diesem Blog doch etwas unterbelichtet sind? Ab sofort waren.

Tradition und Moderne

Weingut August Eser also. Ja, ja, Tradition, Tradition. Zehn Generationen in Familienbesitz schaffen nicht viele, immer dieser Spagat zwischen „das hat sich bewährt“ und „wir müssen mit der Zeit gehen“. Seit 1971 Mitglied im VdP, dann der Klassiker: Betriebsübergabe, eine neue Generation muss ran. Im konkreten Fall Desirée Eser, seit der Heirat 2014 mit Dodo Freiherr zu Knyphausen offiziell Desirée Eser Freifrau zu Knyphausen. Die erste Frau, die das Traditionsgut führt. Der Name hat natürlich einen tollen Sound, bedeutet aber noch nix für die Weine. Zu denen gleich, zuvor noch einige Fakten.

17 Lagen, noch mehr Charaktere

11 Hektar werden bewirtschaftet, 90% mit Riesling, 10% mit Spätburgunder, Rebflächen (Hanglagen und Steillagen) in acht Gemeinden und 17 Lagen. Das Stammhaus und Hauptquartier steht in Oestrich. Dass mit der Übernahme einige Veränderungen einhergingen (Neugestaltung der Etiketten, verstärkte Online-Präsenz, Aktivität in den sozialen Medien), versteht sich von selbst. Nicht verändert hat sich der Anspruch: Klassische Rheingau-Rieslinge zu erzeugen. Dass es den Klassiker gar nicht gibt, ist schnell klar. Denn 17 Lagen bedeuten eine Vielfalt unterschiedlicher Böden (Schiefer, Lehm, Löß, alles dabei), also auch verschiedene Charaktere. Rheingau soll freilich immer im Spiel sein.

August Eser – die Weine

2015 Riesling „My Way Desirée Eser“. Quasi der Einsteiger. Wenn die Chefin selbst mit ihrem Namen dafür steht, kann das kein “Leichtmatrose“ sein. Ist es auch nicht. „May Way“ hat eine schöne Frucht (vor allem in der Nase), dezente Säure, Pfirsichnoten, Ananastöne sind notiert, zu vielen Gelegenheiten vorstellbar.  Geht gut los.

2015 Riesling Winkel, VdP Ortswein. Auch klassisch fruchtig, aber mehr Schmelz als der „My Way“, gefühlt auch mehr Säure  (analytisch 0,1 Gramm weniger). Liegt länger auf der Zunge. Macht Spaß. Einer besteht auf der Formulierung „lebendiger Wein“ – das wollen wir aber hoffen.

2015 Riesling Hattenheimer Nussbrunnen. Jetzt wird’s spannend, der Nussbrunnen ist eine berühmte Lage. Merkt man, der so abstrakte (und von vielen unverstandene) Begriff Komplexität passt hier mal. Frucht und Säure harmonieren wie ein Liebespaar, das glücklich ist, aber noch was vorhat. Denn da ist noch Potenzial, der Wein ist noch jugendlich.

2015 Riesling Hattenheimer Engelmannsberg, VdP Erste Lage. Wieder ein ganz anderer Charakter der Eserschen Riesling-Familie. Frucht, ja auch, aber dezent, die ersten Assoziationen sind andere: Minze, Heu, Wald und Wiese, Grüner Tee mit einer Spur Kandiszucker. Erst jetzt meldet sich der übliche „Gelbe Frucht“-Entdecker. Bekommt keine Mehrheit. Der in der Runde meist diskutierte Wein! Auch hier nochmal der unbedingte Hinweis auf die Jugend (des Weines natürlich).

2015 Riesling GG Oestrich Doosberg,  VdP Große Lage. Die Spitze der Pyramide! Die Wortmeldungen: „Akazienhonig“, „Pfirsich“, „Nein, eher würzig“, „Mineralität“, „ Maracuja“, „Tröpfchen Nektar“ und so weiter. Unbestritten: Der Riesling vom Doosberg ist noch komplexer als die anderen, noch balancierter. Geht das eigentlich? „Würdevoll“ hebt jemand an. Oh ja! Ein Bilderbuch-Rheingau-Riesling. Kaum zu glauben, aber auch er Jahrgang 2015.

2012 Riesling GG Oestrich Lenchen, VdP Große Lage. Andachtsvolles Schweigen, bei dieser Aromenvielfalt fehlen manchem die rechten Worte. Ein zögerliches „Honig?“, ein schüchternes „exotische Früchte?“, ein leises „richtig elegant“. Dann: „Lasst uns den jetzt einfach mal genießen“. Hervorragende Idee!

Fazit

Wir haben zu sechst verkostet, wie üblich gingen die Meinungen zum Favoriten auseinander. Will nicht kneifen, bei mir war es der Hattenheimer Engelmannsberg, der 2012er lief außer Konkurrenz (Reife-Vorteil). Vollkommene Einigkeit aber in einem Punkt: Rheingau-Riesling,  in all seinen Facetten, verdient seinen legendären Ruf. Und die 10. Generation im Hause August Eser ist ein würdiger Repräsentant.

Große Lagen, große Weine

„Große Lage-Tour“ der VdP-Güter aus Baden und von der Mosel in Berlin – versprach großartige Weine. Das Versprechen wurde eingelöst. Fazit: Große Lagen können große Weine hervorbringen. Auffällig das hohe Niveau bei Weinen mit Restsüße.

Baden in Form

Warm up mit Weißen aus dem Badischen. Die Grauburgunder in ihren vielfältigen Interpretationen,  schöne Weißburgunder und spannende Chardonnay aus dem südlichen Teil Deutschlands – die Winzerelite präsentierte Weine in guter Form. Dass nicht jeder Tropfen bei jedem Tester für Euphorie sorgte, ist klar. Logisch auch, dass die meisten vom 2015er Jahrgang noch Zeit brauchen. Dass da was Gutes kommen würde, war in den meisten Fällen zu schmecken.

Diese Weine bekamen im Kostbuch ein Ausrufezeichen: Bei den Grauburgundern der schön würzige 2014er Doktorgarten vom Staatsweingut Freiburg, der im Barrique gereifte 2015er Oberklamm vom Weingut Seeger und der frische, leicht zugängliche 2014er Spiegelberg von Heitlinger. Bei den Chardonnays der 2014er Doktorgarten vom Staatsweingut Freiburg mit einer feinen Frische, der charismatische 2015er Frauenberg von Lämmlin-Schindler und der charismatische 2014er Chardonnay Bienenberg von Bernhard Huber. 

Große Rieslinge

Dann die Rieslinge von der Mosel, Fixsterne des deutschen Weinbaus. Kein Wunder bei Weinen aus Großen Lagen: Hohes Niveau in allen Spielarten, es gab auch gehobenes Mittelmaß, aber viel mehr großartige Weine und einige Versprechungen (2015 eben).  In vorderster Front: Clemens Busch (Marienburger Rothenpfad und Falkenlay), Forstmeister Zilliken (Rausch, Saarburg, in allen Spielarten), Fritz Haag (Juffer Sonnenuhr), Heymann-Löwenstein (Uhlen Laubach und Uhlen Blaufüsser Lay), von Othegraven (Altenberg in Kanzem), Joh. Jos. Prüm (Graacher Himmelreich, durchaus wörtlich zu nehmen), S.A. Prüm (Graacher Domprobst und Wehlener Sonnenuhr), Wwe. Dr. H. Thanisch, Erben Thanisch (Graben, Badstube, Lay und Doctor in Bernkastel) – wo anfangen, wo aufhören?  Großes Kino bei den Trockenen, vor allem aber bei Weinen mit Restsüße.

Süßes im Kommen

Für Letztere war die Mosel schon immer berühmt. Doch restsüße Weine schienen im Trocken-Hype der letzten Jahre etwas aus der Mode gekommen. Nun erleben diese Weine eine Renaissance. Das hat auch Sofia Thanisch vom traditionsreichen Gut Wwe. Dr. H. Thanisch, Erben Thanisch registriert. Einem Weingut, das als Spezialist für restsüße Weine gilt. Das Interesse an restsüßen Weinen steige, sagte Sofia Thanisch, für die das eine gute Nachricht ist. Günther Jauch vom Weingut von Othegraven hat dazu Zahlen aus seinem Betrieb parat: „2010 waren 80 Prozent der verkauften Weine trocken, 20 Prozent restsüß. Im Jahr 2016 ist das Verhältnis 70 zu 30.“ Jauch vermutet, dass der Trend anhält.

Wobei Süße ein weit gefasster Begriff ist. Bei Schätzungen der Restsüße der jeweiligen Weine lagen auch Experten oft weit daneben, fast immer deutlich zu niedrig. Weil eine präsente Säure die Weine stabil, erst recht groß und alles andere als klassisch süß macht. Gewöhnungsbedürftig für Nicht-Mosel-Spezis ist das Prädikat Kabinett für einen restsüßen Wein – in vielen anderen Regionen heißt das in der Regel trocken. Also genau hinschauen, noch besser: probieren.

Zum Finale der bemerkenswerten „Große Lage-Tour“ waren die Spätburgunder geplant. Gewiss, auch großartige und große Tropfen (Bernhard Huber!, Lämmlin-Schindler!, Salwey!). Muss aber gestehen: Ein faires Urteil war nach den süßen Versuchungen nicht mehr möglich.

Begegnung mit Crozes-Hermitage

Habe unlängst von Weinen aus Crozes-Hermitage erzählt. Standard-Antwort: „Crozes was?“  Womit das größte Problem des  Gebietes  im nördlichen Rhônetal glasklar zu sehen ist: Es ist einfach zu wenig bekannt, selbst bei ambitionierteren Weintrinkern. Das haben die Winzer der  Appellation Crozes-Hermitage offenbar selbst mitbekommen. Sie starteten eine kleine Tour durch europäische Hauptstädte, um ihre Weine den Weinfreunden außerhalb Frankreichs näherzubringen. Tolle Gelegenheit also, die wenigen Erinnerungen an die Crozes aufzufrischen. Und mehr noch, einiges zu entdecken. Für manchen, der bei der Präsentation in Berlin dabei war, war es die erste Begegnung mit Crozes-Hermitage. Nach dem Test von knapp 50 Weinen muss man wohl sagen: Gewiss nicht die letzte.
Sehr gut gemacht ist das Magazin Crozes-Hermitage in Berlin.

Das Gebiet

Vor den Weinen noch einige Basics zu Crozes-Hermitage. Das Gebiet umfasst knapp 1500 Hektar Anbaufläche in elf Gemeinden auf dem rechten Rhône-Ufer.  92 Prozent der Fläche ist Rotwein, als einzige Rebsorte ist Syrah (Shiraz) zugelassen. Weißwein der Rebsorten Marsanne und Roussanne macht 8 Prozent der Produktion aus. Es gibt rund 40 unabhängige Winzer sowie zwei Genossenschaften, die Cave de Tain und die Cave des Clairmonts. Die großen Handelshäuser des Rhônetals spielen natürlich auch eine Rolle.

(Fast) alles Syrah

Glaubt man Expertenmeinungen, haben die Winzer des Crozes-Hermitage in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Qualität der Crozes-Weine zu verbessern. Kann da nicht mitreden, bisherige Erfahrungen sind überschaubar, von „ausgezeichnet“ bis „nichtssagend“ war alles dabei. Wegen der unterschiedlichen Böden (Unterschicht Granit, darüber Kies, Lehm, Löß und mehr) ist das Anbaugebiet ohnehin alles andere als homogen.

„Immer Außenseiter“

19 Weingüter stellten in Berlin 45 Weine vor. Beteiligte Winzer erzählten, eine Präsentation ihres Gebietes dieser Breite habe es noch nie gegeben. Klar gab es Unterschiede, aber die Wage neigt sich eindeutig Richtung gut bis ausgezeichnet. Natürlich standen die Roten im  Mittelpunkt: Wenige durchschnittliche, viele sehr gute und einige ganz hervorragende Syrah. „Wir haben filigrane Syrah, die sind sicher nicht so opulent wie andere von der nördlichen Rhône. Ich würde die nördliche Rhône mit Südtirol vergleichen:  Schöne Weine, keine Ausfälle, aber wir sind immer Außenseiter“, sagte Francois Ballue, der die Cave du Tain in Berlin vertrat. Schön gesagt, auch schön der Werbespruch der  Appellation: „Crozes-Hermitage steht für Weine, die man gerne teilt.“  Und ja, auch gerne trinkt. Bei den Roten – klar, man muss Syrah mögen – ohne Diskussion. Die Weißen waren weniger der Rede wert, aber auch da gibt es Ausnahmen.

Die Favoriten

Im Folgenden die persönlichen Highlights. Namen und Weine, die sich meiner Meinung nach zu merken lohnen, wer  Crozes-Hermitage kennenlernen will. Oder Außenseiter mag. Oder einfach „nur“ einen charakterstarken Syrah trinken will, der  das Budget nicht sprengt. Denn Crozes-Hermitage ist noch immer die preisgünstigste Appellation der nördlichen Rhone.

Domaine Betton: Sehr guter Caprice rouge 2014, viel Tabak, viel Power, viele Muskeln. Noch besser der Caprice  rouge 2012, weil reifer, schön balanciert, aber immer noch mit viel Charisma.

Domaine les Bruyères: Der Georges rouge  2014 war okay. Richtig Klasse der Le Croix rouge von 2010, einer für Syrah-Fans mit viel Power, Bitterschokolade, Tabak, sicher einer des besten des Tages.

Cave de Tain: Der Grand Classique rouge  2014 der Genossenschaft besticht mit viel Power, notiert sind Schwarzkirsche und allerlei Gewürze. Rätselhaft der Haut du Fies von 2013. Der hat noch reichlich Tannine, was kommt da noch?

M. Chapoutier: Das große Handelshaus hatte keine Kracher dabei. Der Les Meysonniers rouge 2014 und der Alléno & Chapoutier Guer Van 2014 verdienen das Prädikat solide. Der  Meysonniers blanc 2015 gehörte zu den besseren Weißweinen.

Domaine du Colombier: Feines Portfolio: Sowohl  Gaby 2014 als auch der Gaby 2011 sind  tolle Weine. Der 14er mit einem schönen Körper und Temperament, in Nase und Gaumen vor allem Gewürze, Pfeffer, Nelken  etc. Der 11er gleicher Stil, aber, wen wundert’s?  alles runder, harmonischer. Vielleicht der beste Weine des Tages.

Domaine Combier: Auch hier Daumen hoch: Clos des Grives von 2014 und 2012 präsentieren sich stark, Persönlichkeiten geradezu, Tabak, roter Pfeffer sind notiert, dazu  zwei Ausrufezeichen.  Mit dem Domaine Combier blanc 2015 einer der besten Weißweine.

Domaine Emmanuel Darnaud: Mit dem Mise en bouche 2015 nur ein Wein am Start, aber der hat es in sich: Gewürze, Tabak, Power, schöner Syrah halt.

Ferraton Père er Fils: Der Calendes 2014 geht als Interpretation der Schwarzkirsche durch. Netter, sauberer Syrah.

Domaine Pierre Gaillard: Schöner Domaine 2013, intensiv, filigran, schön ausbalanciert, vielleicht  ein Hang zu viel in Richtung Gefälligkeit.

Paul Jaboulet Aîné: Der Klassiker enttäuscht nicht. Domaine de Thalabert rouge 2014 ist sehr gut gelungen, fruchtig, würzig, kräftig, aber keine Ecken und Kanten.  „Der gemeinsame Nenner, Jaboulet halt“, sagte ein Winzer-Kollege. Erwähnenswert ist der korrekte Weißwein Domaine Mule Blanche blanc 2015.

Schach-Weine

Magnus Carlsen ist gerade Schach-Weltmeister geworden und schon sind „Schach-Weine“ auf dem Markt. Zufall. Angesichts Millionen (Milliarden?) Schach spielender Menschen wundert es, dass noch niemand früher auf die Idee gekommen ist. Und nein, der Wein kommt nicht wie Weltmeister Carlsen aus Norwegen.

Weißer Turm und weißes Pferd

Sondern aus Italien. Der italienische Önologe Franco Bernabei und sein deutscher Partner, Weinhändler und Italien-Importeur Rolf Freund sind es und haben in einem gemeinsamen Projekt zwei „Schach-Weine“ mit dem Label Castello Toscano kreiert: Den 2014er Toscana Rosso – eine Cuvée aus Sangiovese und Merlot – ziert auf dem Etikett ein weißer Turm des Schachspiels. Und den 2014er Chianti –  hundert Prozent Sangiovese – ein weißes Pferd. Geschenketauglich sind die Weine in einer Box mit Schachspiel plus Schokolade erhältlich.

„Ein erfahrener Weinmacher erkennt die Größe und das Potenzial in einem Wein, betrachtet geduldig aber sehr wachsam dessen Veränderungen, er sieht Entwicklungen voraus und setzt im richtigen Moment kleine Schritte, die Großes bewirken. Weinmachen und Schachspielen weisen viele Parallen auf“, heißt es etwas blumig in der Eigenwerbung.

Rosso und Chianti

Dennoch, nette Idee, das mit den Schach-Weinen, auch optisch gut gemacht. Was aber taugen die Schach-Weine?

Der Rosso, mit dem weißen Turm auf dem Etikett: Die „Macht“ des Sangiovese (85 Prozent) gegenüber dem Merlot (15 Prozent) merkt man. Sechs Monate lag er in Barrique-Fässern, das wiederum merkt man kaum. Der Rosso präsentiert sich feinwürzig, geschmeidig und weich (Merlot!), im Geschmack klassisch nach roten Beeren. Stiehlt so manchem Chianti die Schau, macht Spaß.

Der Chianti, mit dem weißen Pferd auf dem Etikett: Ganz klassisch Sangiovese, in der Nase und im Geschmack. Schöner Körper, beerig, saftig, gekonnt ausbalanciert. Wer vorführen will, wie ein Chianti ohne Schnickschnack, Schnörkel und Extras zu schmecken hat, nehme diesen.

Zwei Flaschen in der Box der Schach-Weine machen übrigens Sinn. Den noch vor dem Ende der Schach-Partie ist die erste Flasche ausgetrunken.

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Weine mit Geschichte(n)

Nach dem Gespräch – die Weine. Spaniens Winzer-Star Miguel Torres bei seinem Besuch in Leipzig: Nicht nur hochinteressante Gespräche, sondern auch Gelegenheit, tolle Weine kennenzulernen. Dass die meisten eine Geschichte haben und eine Geschichte erzählen, macht sie nur noch spannender. Die Highlights:

Fransola 2015

Finca Fransola

Finca Fransola

Ein Sauvignon Blanc. 50 Prozent werden in neuen Eichenholz-Fässern vergoren und acht Monate auf Feinhefen ausgebaut, die anderen 50 Prozent im Edelstahltal vinifiziert. Die namensgebende Einzellage „Fransola“ liegt 500 Meter hoch, es ist eine der höchsten Lagen des Penedès. Bedeutet kalte Nächte und milde Tagestemperaturen – wie gemacht für Sauvignon Blanc-Reben. Im Glas präsentiert er sich dann auch wie aus dem Bilderbuch: Knackig, frisch, Aromen nach exotischen Früchten, die Stichworte Mango und Maracuja fallen, aber auch Vanille. Bleibt lange präsent. Bleibt lange präsent. Macht großen Spaß, gibt es eine besseren Sauvignon Blanc in Spanien?

Jean Leon 2009

Label Jean Leon

Label Jean Leon

Eine Cuvee mit 85 Prozent Cabernet Sauvignon + 15 Prozent Cabernet Franc, aus Penedes, dem Stammquartier der Torres. Bio-Wein mit spannender Aura: Säureabbau im Eichenfass, 18 Monate im Holzfass gereift, französische und amerikanische Eiche, dann zwei Jahre Reife in der Flasche. Wir erkennen Röstaromen, dunkle Früchte, Gewürze, Kaffee, überhaupt hat der Wein ganz viel Charisma.
Kein Wunder, bei dieser Geschichte: Jean Leon – bürgerlicher Name Ceferino Carrión – stammte aus Santander und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Über Barcelona, Paris, New York verschlug es ihn in der 1950-er Jahren schließlich nach Hollywood, wo er seinen „American Dream“ verwirklichte. Mit James Dean eröffnete er das Restaurant La Scala in Beverly Hills, dort gingen Marlon Brando, Paul Newman oder Marily Monroe ein und aus. Und tranken bad spanischen Wein. Doch Jean Leon hatte den Traum von seinem eigenen Weingut, um einen Wein nach seinem Geschmack anzubieten. So kaufte er 1963 nach einer Reise in seine Heimat 150 Hektar Rebfläche in Torrelavit (Penedès), um selbst einen Wein für sein Restaurant herzustellen. 1995 verkaufte Jean Leon seine kleine, aber sehr feine Boutique Winery an einen engen, persönlichen Freund: Miguel A. Torres. Heute zeichnet Miguels Tochter Mireia Torres für die Geschäfte von Jean Leon verantwortlich.

Grans Muralles 2010

Einer der Paradeweine aus dem Hause Torres. Gewachsen in der Region Conca de Barberà nahe dem Priorat auf Schieferböden, dann 18 Monate in neuen französischen Barriques gereift. Grans Muralles ist der Name einer Einzellage, die heißt schon seit dem Mittelalter so. Es ist ein Blend der klassischen katalanischen Rebsorten Monastrell, Cariñena, Garnacha Tinta, Garró und Querol.
Garró und Querol? Das sind bereits ausgestorben geglaubte Rebsorten, die von Torres mit Hilfe von modernen Weinbaumethoden rekultiviert wurden und der Cuvée den richtigen „Kick“ geben. Ein großer, geradezu opulenter Wein, der ein langes Leben hat. Und der die Fantasie beflügelt: Bei der Diskussion fallen Schlagworte wie „gebrannte Mandeln“, „karamellisierter Zucker“, „angebrannte Zuckerwatte“, „Lakritz“, „geröstetes Brot“ und ganz klassisch „Brombeeren“, „Pflaumen“ und natürlich auch „Schokolade“. Traumhafte Länge.

Grans Muralles 2004

Finca Grans Muralles

Finca Grans Muralles

Sechs Jahre älter, und das merkt man auch. An mehr Reife, noch mehr Harmonie, irgendwie strahlt er auch (noch) mehr Würde aus, was freilich als Geschmacksbild schwer zu definieren ist. Sein Rebsortenspiegel setzt sich noch zusammen aus Monastrell, Garnacha Tina, Garró, Samsó und Cariñena. Wenn der 2010er Grans Muralles ein Señor im besten Alter und bester Fitness ist, gibt der 2004er einen Gentlemen mit viel Lebensweisheit bei ebenso bester Fitness. Es wurden nur 1000 Kisten hergestellt, irgendwann ist er ausgetrunken. Jammerschade

Reserva Real 2011

Real heißt er nicht umsonst, weil die Reserva Real schon das (Wein-)Reich Torres

Santa Margarita d'Agulladolç

Santa Margarita d’Agulladolç

krönt. Tatsächlich eine tolle Cuvée aus den Bordeaux-Klassikern Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc, die mit vielen, auch berühmten, Bordeaux auf Augenhöhe ist. Die Reben stehen auf der nur vier Hektar großen Einzellage „Les Arnes“ in Agulladolç (Penedès), 365 m hoch. Die Trauben werden von Hand gelesen und streng selektiert, versteht sich, dann reift er 18 Monate lang in neuen Barriques. Klar, Aromen von Schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren, Schokolade, aber der Wein hat mehr Tiefe und viel mehr zu bieten. Auch der Reserva Real hat eine Geschichte: Der Wein entstand nach dem Besuch des spanischen Königs Juan Carlos im Jahr 1995, natürlich zu Ehren des Königs.

Wein-Gespräch: Miguel A. Torres

Miguel A. Torres ist eine Legende im spanischen Weinbau. Der Katalane führte das 1870 in Barcelona gegründete Weingut Torres in den letzten 40 Jahren zu einem der führendsten und bekanntesten Weingüter weltweit. Produziert wird in 20 Anbaugebieten in drei Ländern (10 in Spanien, eins in den USA, 9 in Chile). Kürzlich war Miguel A. Torres, 75, in Leipzig zu Gast – eine spannende Begegnung.

Woher kommt Ihre Liebe zum Wein?
Diese kam, trotz unserer Familientradition, nicht automatisch. Ich habe Chemie in Barcelona studiert – für ein Weinbau-Studium gab es in Spanien in der Franco-Zeit keine Möglichkeit. Als ich dann in Dijon zum Weinbau-Studium war, habe ich viele tolle Weine probiert, diese großen Keller gesehen, die Kellermeister gehört – plötzlich habe ich gespürt: Ich liebe Wein. Aber nicht jeder in unserer Familie lebt vom Weinbau. Meine älteste Tochter ist sehr erfolgreich im Bereich der plastischen Chirurgie. Mein Sohn, der seit 2012 General Manager ist, hat Marketing und später Weinbau studiert, das kommt unserem Unternehmen sehr zugute. Und meine andere Tochter Mireia, hat Weinbau und später Betriebswirtschaft studiert. Jeden Dienstag probieren wir unsere Weine im Familienkreis.

Ist die Familientradition mitunter eine Last oder immer eine Ehre?
Ich bin froh, dass die junge Generation die Werte der Familie versteht und lebt. 1300 Personen arbeiten für uns in der Welt, einmal im Monat laden wir 12 unserer Mitarbeiter zum Essen ein; das ist uns wichtig, jeder soll sich als Teil des Ganzen sehen. Die Tradition lebt fort, das macht mich glücklich.

Was unterscheidet Weine aus dem Hause Torres von anderen?
Wir arbeiten sehr viel mit traditionellen einheimischen (autochthonen) Rebsorten. Wir re-investieren jedes Jahr 95 Prozent des Gewinns ins Unternehmen, ein Teil davon geht natürlich auch in die Forschung. Für Trauben, die nicht von uns selbst angebaut werden, sondern von Winzern, die nach unseren Qualitätsvorgaben arbeiten, zahlen wir gute und faire Preise. Denn nur wenn sie zufrieden sind, gibt es keine Qualitätsprobleme. Darüber hinaus spenden wir rund 5 Prozent unseres Gewinns für soziale Projekte, unter anderem für Waisenkinder und benachteiligte Frauen auf der ganzen Welt. Wir zahlen unsere Steuern in Spanien. Und wir denken stets 15 Jahre im Voraus. Es ist toll: Wenn Weinliebhaber in der Welt an Spanien denken, dann denken sie neben Rioja zuerst an Torres.

Ihr Engagement für den Klimaschutz?
Die Welt wird große Probleme bekommen mit der Klimaveränderung, das betrifft auch den Weinbau. In Spanien haben wir in den letzten 50 Jahren ein Grad plus verzeichnet, in Nordeuropa sind es sogar drei. Unsere Firma hat mehr als zehn Millionen Euro für unser Torres&Earth Programm zur Verfügung gestellt, ein Projekt im Bereich Klima- und Umweltschutz. Mit diesem Programm wollen wir einen kleinen Teil zum Klimaschutz beitragen, eventuell können wir so auch ein Vorbild für andere Winzer sein.

Macht es Sie stolz, dass die Präsidenten Barack Obama und Raul Castro bei ihrem historischen Treffen in Havanna Ihren Chardonnay  Milmanda getrunken haben?
Das ist sehr schön und macht uns natürlich stolz. Auch beim Bankett für den Nobelpreis, bei Empfängen von Queen Elisabeth und anderen Anlässen wird Torres-Wein ausgeschenkt. König Juan Carlos I hat viel Werbung für uns gemacht, er besuchte unser Weingut anlässlich unseres 125. Geburtstages. Ihm zu Ehren haben wir einen besonderen Wein kreiert, unseren Reserva Real. Ein Wein gekeltert im Bordeauxstil, der erst jüngst wieder den 1. Platz bei den Decanter World Wine Awards 2016 belegt hat. Mit Juan Carlos I habe ich mich oft getroffen.

Es gibt verrückte Dinge rund um den Wein, Reife mit Musikbegleitung zum Beispiel. Was halten Sie davon?
Wir lesen unseren Celeste Crianza unter dem Sternenhimmel im Anbaugebiet Ribera del Duero. Eine Idee meines Sohnes, der durch die saubere Nachtluft inspiriert wurde. Auch die Idee für die Gestaltung des Etiketts ist ihm da gekommen, das den Sternenhimmel in einer klaren Nacht zeigt. Musikbegleitung und Vibration haben wir auch ausprobiert, vor fünf Jahren. Aber ich muss ehrlich sagen, der Effekt war nicht sehr groß, das haben wir untersucht.

Sie sprechen dank Ihrer aus Deutschland stammenden Frau Waltraud sehr gut Deutsch. Fiel das schwer?
Ich liebe Sprachen, meine Mutter konnte auch deutsch. Ich habe meine Frau in Spanien in einer Flamenco Show kennengelernt, sie hat vor 25 Jahren den deutschen Markt für uns aufgebaut. Meine Tochter Mireia, die erfolgreich unsere Weingüter im Priorat und das Weingut Jean Leon führt, spricht ebenfalls deutsch.

Sie wirken top in Form, wie halten Sie sich fit?
Sport gehört zum täglichen Programm: Schwimmen, etwas Joggen, Skilaufen im Winter, am Wochenende fahren wir Rad. Dieses Jahr waren wir im Urlaub auf Usedom, sind mit dem Rad nach Polen gefahren, haben dort viele nette Leute getroffen. Und ich mache jeden Tag eine halbe Stunde Siesta.

Welchen Wein öffnen Sie besonders gern, wenn Sie nach Hause kommen?
Dann trinke ich gern einen Riesling Waltraud mit meiner Frau. In Sitges haben wir eine Wohnung am Strand, dort schmeckt der Wein besonders gut.

Was wird zu besonderen Anlässen entkorkt, Weihnachten etwa?
Weihnachten kommt die ganze Familie zusammen, dann gibt es einen alten Jahrgang von uns – und immer auch einen kalifornischen Wein  von meiner Schwester Marimar.

Haben Sie eine Lieblings-Rebsorte?
Ich liebe Cabernet Sauvignon ganz besonders. Anfang der 1960er Jahre habe ich diese Rebsorte bei uns im Penedés angepflanzt und daraus wird heute einer unserer Klassiker und das Flaggschiff des Hauses gekeltert, Mas La Plana. Aber auch die traditionellen katalanischen Sorten liegen mir sehr am Herzen. Seit vielen Jahren arbeiten wir daran, eine einzigartige Sammlung alter, katalanischer Rebsorten zusammenzustellen. Autochthone Sorten, die fast niemand mehr so richtig zu deuten und einzuordnen vermochte, werden von uns gesammelt, neu eingepflanzt, identifiziert und ausgebaut.

Sie arbeiten mit Naturkork. Was halten Sie von Glas- oder Schraubverschluss?
Für die großen Weine liebe ich Naturkorken. Wir haben bei Torres kaum noch Probleme mit korkigen Weinen, aber auch hier muss die Qualität stimmen, das Produkt einwandfrei sein. Insgesamt kann man sagen, dass sich die Qualität der Korken enorm verbessert hat.

Mit wem würden Sie gern einen Wein trinken?
Mit Karl Marx. Das geht natürlich nicht mehr, aber er ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich habe das Kapital und sein Manifest gelesen. Er hat die Grundlage gelegt für einen besseren Kapitalismus mit weniger Ausbeutung, heute bräuchten wir wieder einen Marx. Auch mit Voltaire hätte ich gern ein Glas getrunken.

Trinken Sie auch Bier?
Ich mag Wein und Orangensaft – und trinke vor jeder Mahlzeit einen halben Liter Wasser. Bier habe ich früher ab und an getrunken, aber ich denke, es ist nicht so gut für meinen Körper und Geist. Obwohl es auch hier tolle Produkte gibt.

Gibt es den perfekten Wein?
Fragen Sie mich in zehn Jahren noch einmal. Fakt ist: Wir wollen jedes Jahr noch ein wenig besser werden als das Jahr davor.