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Wein aus Armenien

Der Weinbeobachter ist ein Freund autochthoner Rebsorten und „exotisch“ anmutender Weinbauregionen. Habe nun endlich Bekanntschaft mit Weinen aus Armenien gemacht. Und damit auch mit Rebsorten wie Khndoghni, Qrditchakat oder Haghtanak. Wieder Überraschungen und Begeisterung wie beim Nachbarn Georgien? Ja und Nein.

Armenien als Wiege des Weinbaus?

Armenien war  bisher im Gegensatz zu wahrhaft außergewöhnlichen Wein-Ländern wie Nepal oder Vietnam noch ein weißer Fleck auf der privaten Karte der verkosteten Regionen. Eigentlich eine Schande,  vermuten Forscher doch in Armenien den Ursprung des kultivierten Weinbaus. 8000 Jahre soll das her sein. Die Weinkultur in der Kaukasus-Republik erlebte im Mittelalter durch arabische Einfälle und das damit verbundene islamische Alkoholverbot immer wieder Rückschläge. Im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine neue Blüte. Doch zu Zeiten der Sowjetunion wurde staatlich verfügt, dass armenischer Wein zu Cognac verarbeitet wird. Tatsächlich hat(te) armenischer Cognac seine Fans in der Welt der Spirituosen.  

Armeniens Wendepunkt 1991

Nach der wiedererlangten Souveränität 1991 erlebte der Weinbau in Armenien ein Comeback. Die Genossenschaften konnten frei entscheiden, es gab eine kleine Gründerwelle,  Berater aus Frankreich und Italien halfen. Zum Teil übernahmen armenische Rückkehrer aus dem Exil die Geschicke. 1994 kamen die ersten Flaschen armenischen Weines auf den Markt. Mittlerweile hat eine junge, gut geschulte Winzergeneration, die im Ausland Erfahrungen gesammelt hat, das Ruder in die Hand genommen und erzeugt Weine von internationalem Standard. Die heutige Rebfläche nimmt sich mit knapp 25.000 Hektar Fläche freilich bescheiden aus.  Die Weinberge befinden sich vor allem in Höhenlagen zwischen 400 und 1700 Metern Höhe.   

Wie schmeckt Wein aus Armenien?

Wir haben zu viert verkostet und waren angesichts der unbekannten  Rebsorten auf geschmackliche Abenteuer gefasst. Davon gab es wenige. Zu unserer Überraschung waren die probierten Rotweine leicht und gut trinkbar, wirkten stilistisch sehr europäisch. Ist das dem Einfluss der Berater aus Italien und Frankreich beim Wiederaufbau nach 1991 geschuldet? Oder soll es den Export erleichtern? Ist aber definitiv kein Makel! Uns haben die Weine – bis auf eine Ausnahme – gefallen, zwei sogar richtig gut. Doch Alleinstellungsmerkmale hatten die probierten armenischen Weine kaum. 

Verkostete Weißweine

Gevorkian Garoun  2017: Weißwein der Rebsorte Kangun, 13% Alkohol. Strohgelb mit goldenen Reflexen, in der Nase Quitte. Geschmack leicht fruchtig mit Zitrus- und Rhabarber-Aromen. Im Stil altes Osteuropa, trockene Ausführung der Balkan-Weine zu DDR-Zeiten. Die berühmte „Adriasonne“ zum Beispiel. Solo etwas schwierig, kein Zechwein. Zum Essen aber super – zum Beispiel zur armenischen Spezialität Yalanchi Sarma. Das 2006 gegründete Weingut Gevorkian gehört zu den Marktführern der armenischen Weinindustrie.

Voskeni Dry White 2017: Eine Cuvée der Rebsorten Voskehat, Garandmak, Khatun und Qrditchakat. Klasse-Wein! Florale Aromen, Alpenwiese, Heu, Gras, dazu leichte Bittertöne wie Grapefruit. Hier wirklich mal autochthoner Charakter, nicht vergleichbar mit anderen Sorten. Das Etikett zeigt den Gründer der Winery Smbat Mateossian, ein Geschäftsmann aus Boston, der Anfang der 1920er Jahre nach Armenien zog und sein eigenes Weingut gründete. Das wurde während der Zeit der Bolschewiki beschlagnahmt  und von der Familie Mateossian 2008 zurückgekauft.

Verkostete Rotweine

Gevorkian Odzun 2017: 12% Alkohol, eine Cuvée der Rebsorten Haghtanak, Karmrahyut und Kakhet. War der einzige Durchfaller des Tastings, in jeder Hinsicht unangenehm. Hat sich auch nach mehreren Stunden offen und dekantiert keineswegs zum Besseren entwickelt. Eindeutig Kork! 

Voskevaz 2018: Der Standard-Rotwein der bereits im Jahr 1932 gegründeten Voskevaz-Winery im gleichnamigen Dorf. Eine Cuvée der Rebsorten Haghtanak und Kakhet, schmeckt eindeutig mehr als nach den angegebenen 12,5% Alkohol. Wir entdecken klassische Rotwein-Aromen wie Beeren, Pflaumen und Walnuss, balancierte Tannine. Schöne Dichte. Wir fühlen uns ganz ins  südliche Europa versetzt und haben uns auf dieses Urteil geeinigt: Der Primitivo von Armenien.  

Voskevaz Areni 2017: Ein reinsortiger Areni Noir, auch vom Weingut Voskevaz. Hat 13% Alkohol. In der Farbe ein auffallend helles rot. Im Geschmack zuerst leicht nussig, dann markant nach Sahne-Toffee, gebrannten Mandeln, Vanillezucker, Vollmilch-Schokolade (eine Teilnehmerin diagnostizierte korrekt: Nicaragua von Zotter 50%). Dazu weitere leicht süßliche Spuren. Daim in flüssig? Nicht jedermanns Sache, aber auch nicht unbedingt störend. Ein leichter Wein, balanciert, Kategorie easy drinking. Daim-Liebhaber könnten ihre Freude haben.

Karas 2018: Mein persönlicher „Sieger“ bei den Rotweinen. Cuvée der Rebsorten Areni Noir und Khndoghni, die Reben wachsen auf vulkanischem Boden.  Modern gemacht, sehr zugänglich.  Pink-Lila Reflexe. In der Nase Stroh, im Geschmack Aromen von frischen  Walnüssen, Pflaumen, Salzkaramell, salziger Meeresluft. Der Name: Karas ist eine Art Krug, der seit ewigen Zeiten  zur Lagerung von Wein verwendet wird.  Karas ist ein Familienweingut. Die Familie Eurnekian war in der kommunistischen Herrschaft nach Argentinien geflüchtet. Dort gründete sie ein Weingut und kehrte nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Armeniens zurück. Das Gut in Argentinien wird weiter betrieben.

Maran Winery Malahi 2018: Von den Rebsorten Areni Noir, Malbec und Khndoghni, satte 14,0% Alkohol. Irgendwie skurriler Rotwein vom Weingut Maran. Die Reben wachsen bis in 1375 Metern Höhe.  Reift in Fässern aus Karabach-Eiche. Wenig Nase. Sehr trocken, wir entdecken Aromen von Trüffel, Lakritz, Minze und Pflaume, auch Schafstall. Dürfte ein starker Speisebegleiter zu Hammel, Schaf oder Wild sein. Die Keller des Weinguts Maran in Eriwan wurden einst von deutschen Kriegsgefangenen erbaut. Eigentümer der Maran-Winery ist die Familie Harutyunyan. Kürzlich hat Frunz Harutyunyan, ein Absolvent in Geisenheim, das Zepter übernommen.

Winzer-Besuch: Jörn Goziewski  

Der Titel Winzer-Besuch ist im Fall Jörn Goziewski leicht irreführend. Denn in dieser Rubrik wird normalerweise die Kellerei besichtigt, danach werden Weine probiert, wie zuletzt bei Reinhold Krutzler oder Josef Umathum. Bei Goziewski ist das alles nicht möglich – es gibt weder einen Keller noch Weine. Dafür hochfliegende Pläne. Der Winzer will mit Wein aus Erfurt groß rauskommen. Aber nicht irgendwie. „Es soll ein Premium-Weingut werden“, sagt er.  

In aller Munde

Über jenen Jörn Goziewski, 39, war in diesem Jahr viel zu hören bzw. zu lesen. Vinum hat ihn erwähnt als Ostrückkehrer aus der Westwelt. Der MDR hat ihn besucht. Die örtliche Presse orakelte vom „neuen Stern am Saale-Unstrut-Himmel“.  Und Weinjournalisten-Guru Rudolf Knoll hat ihm sogar ein Kapitel in seinem jüngsten Buch gewidmet. Das Interesse hat gute Gründe. Winzer Goziewski will in seiner Heimatstadt Erfurt den Weinbau wiederbeleben. In der thüringischen Landeshauptstadt gab es bisher keine nennenswerten Rebfläche. Nun hat Goziewski 3 Hektar schon angepflanzt, für 5,11 Hektar hat er die Rebrechte, rund 8 Hektar sollen es mal werden. Und auf einer direkt angrenzenden Fläche würde er gerne noch den Keller errichten.  Ist der Mann besonders mutig – oder verrückt? Oder einfach nur clever?

Hinter diesem Zaun liegt die Fläche, wo die Kellerei stehen soll.

Bewegte Vita

Jörn Goziewski hat eine bewegte Vita. Aus einer Winzerfamilie stammt er nicht. Aber Natur und Biologie hätten ihn aber schon immer interessiert, erzählt er. Ein Praktikum nach dem Abitur im Rheingau war die Initialzündung, hier hat er gemerkt, „das dieser Beruf alles hat, was mich interessiert“. Sein Wein-affiner Vater habe ihm geraten: Schau dir Geisenheim an.  Gesagt, getan. Nach dem Studium in Geisenheim („Dort war ich in meinem Jahrgang der einzige Nicht-Winzersohn“) und Reisen durch die Weinwelt landete er im Rheingau als Kellermeister der Ankermühle. Nach einigen Jahren dort machte er sich 2014 mit einem guten Hektar selbstständig. Er produzierte vorrangig Riesling in Rüdesheim, aber auch Pinot Noir und  andere Rebsorten.

Monumente im Rheingau

Das Besondere, was ihn schon im Rheingau von den Kollegen abhob, ist die streng biodynamische Arte, Weine zu produzieren. So kommen eben Monumente, wie sie Fachwelt beschreibt, heraus, die sich von den typischen Rheingauern unterscheiden. Lange Maischegärung auch für Weißweine, Ausbau in verschiedensten Gebinden, Stahl, große Holzfässer, Tonneaus, Beton, Amphoren – Denkgrenzen gibt es keine. So kreiert er mit einem Freund auch Weine aus der Pfalz, vertreibt in seinem Weinshop Weine des Weingutes aus Neuseeland (Elephant Hill), in dem er einst tätig war, oder von Freunden aus dem Baltikum Rhabarber-Sekt.

Flächensuche per Zeitung

Seine Rückkehr nach Thüringen passt dazu. 2017 hat er in einer Lokalzeitung über seine ehrgeizigen Pläne berichtet, den Weinbau in Erfurt auf professionelle Füße zu stellen und für das Projekt Fläche und Partner gesucht. Tatsächlich meldete sich daraufhin  Ralf Schwenken, Präses der Stiftung Vereinigte Kirchen- und Klosterkammer. Und auch ein Weinfreund. Über die Stiftung wurden Land und Geld organisiert. Pfaffenlehne (lehmiger Ton, darunter Muschelkalk) heißt das in Kirchenbesitz befindliche Flurstück mit Nord-Süd-Gefälle – also einer prächtigen Südlage. In der Pfaffenlehne,  in unmittelbarer Nähe des Zentralfriedhofes, wurden im Frühjahr 2020 zunächst drei Hektar bepflanzt. Vor allem Riesling, Chardonnay und Spätburgunder, dazu auch Muskateller und Viognier. Nächstes Jahr sollen weitere zwei Hektar mit Reben bestockt werden.   

Die im Frühjahr aufgerebte Hanglage Pfaffenlehne.

Bio-Weinbau als Ziel

Goziewski betreibt den Weinberg nicht allein. Das Christophoruswerk wird Helfer abstellen und auch Schüler der Edith-Stein-Schule sollen dabei sein. Der Winzer will nach strengen Demeter-Richtlinien arbeiten. Die entsprechende Zertifizierung ist beantragt. Die Hanglage ist sehr gut durchlüftet, was es einfacher macht, auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten und mit biologischen Mitteln wie Begrünung, Kräutermischungen oder sehr viel Handarbeit auszukommen.

Kurioses im Web-Shop  

Wer sich jetzt schon mal in die Welt von Jörn Goziewski vortasten will, kann dies auf seinem Web-Shop unter Jörn-Wein tummeln. Neben verschiedensten Rieslingen, natürlich auch ein Orange-Riesling darunter, wird Kurioses entdecken, wie einen Hopfen-Cidre aber eben auch einen sehr ambitionierten Spätburgunder für stolze 45 Euro. Derlei ist auch Ziel in Erfurt. Irgendwann mal. Vielleicht 2022 könne es den ersten Jahrgang geben, hofft Goziewski. Dann gibt’s den nächsten Winzerbesuch – das volle Programm. 

 

Neue App für deutsche Weine

Es hat eine Weile gedauert, seit dieser Woche gibt es sie: Eine neue App für deutsche Weine, entwickelt vom Deutsche Weininstitut (DWI). Die gibt mit allerlei Fakten einen umfassenden Überblick über den Weinbau Deutschland. Dazu beantwortet die App Verbraucherfragen rund um die heimischen Weine. Auch wird über touristische Highlights und Veranstaltungen in den 13 deutschen Weinregionen informiert. Dazu gibt es Rezepte mit, natürlich, Wein­empfehlungen. 

Eigenes Profil möglich

Habe die App sofort heruntergeladen und gleich mal getestet. Der erste Eindruck ist durchaus positiv. Man braucht zwar ein Weile, um das Ordnungssystem zu verstehen, aber das klappt schon bald. In einigen Rubriken – bei den empfohlenen Vinotheken zum Beispiel oder bei den Rezepten – ist die Auswahl doch noch recht klein, das wird hoffentlich erweitert. Gut ist, dass ein eigenes Profil angelegt werden kann. Das gibt die Möglichkeit, bestimmte Themen, Orte und Veranstaltungsarten zu favorisieren.

Suche nach Events

Ein echter Gewinn scheint die schnelle Suche nach Weinfesten, -seminaren oder weinkulinarische Events. Das kann man sich mit wenigen Klicks nach Anbaugebieten differenziert anzeigen lassen. Aktuell ist der Kalender freilich – Corona-bedingt – noch etwas dünn, was sich hoffentlich bald ändern wird. Dafür werden die in diesen Zeiten immer populärer werdenden Online-Weinproben angezeigt. Auch gut. 

Die App ist kostenfrei unter „Deutsche Weine“ in den Stores von Apple und Google verfügbar.

Die App „Deutsche Weine“.  Fotos: DWI

Eine virtuelle Weintour

Corona macht(e) es dem Weintourismus nicht leicht. Neueste Idee des Deutschen Weininstituts: Eine virtuelle Weintour. Und die geht gleich durch alle 13 deutschen Weinregionen.

Wie geht’s?

Diese Virtuelle Weintour findet vom 6. bis 15. November statt. Weine von 88 Winzer/Winzerinnen können dabei kennengelernt werden. Zuerst müssen Weinpakete bestellt werden, sie kommen direkt nach Hause. Bei Online-Verkostungen können diese Weine dann zusammen mit Weinexperten, darunter die Deutschen Weinkönigin,   live probiert werden.

Die Weinpakete  

22 verschiedene, thematisch zusammengestellte Weinpakete mit originellen Namen wie etwa „Lieber Spät- als Nie-burgunder“ oder „Rebe lieber ungewöhnlich“ stehen zur Auswahl . Die Pakete sollen die Vielfalt der 13 deutschen Weinregionen präsentieren. Sie bestehen aus jeweils vier Weinen. Zusätzlich zu jedem Wein gibt‘s einen Verkostungsschluck in einer 50ml-Flasche.  Erhältlich sind die Weinpakete zusammen im Online-Shop.
Die Weinpakete kosten im WeinTour-Shop regulär 34,90 EUR. Mit dem Code TBWTVT2020 gibt es 13 Euro Rabatt. Die Informationen zur Verkostung kommen dann per E-Mail, das Weinpaket wird vor der Veranstaltung zugestellt.

Die Online-Verkostung

Die Online-Verkostungen (6. bis 15. November) wird von Wein-Prominenz durchgeführt: Etwa von den frisch gekrönten Deutschen Weinhoheiten Eva Lanzerath, Anna-Maria Löffler und Eva Müller, dem Master of Wine Konstantin Baum, dem Präsidenten der Sommelier-Union Deutschland e.V. Peer Holm.  Auf der Website  ist das komplette Programm mit den Zeiten, wann die Online-Verkostungen stattfinden, zu sehen.

Verkostung mit Infotainment

Neben den Online-Verkostungen  bietet die Plattform noch Tipps für Aktivitäten in den Regionen und für Urlaub auf dem Weingut: Informationen etwa zu Wohnmobilstellplätzen, Ferienwohnungen, Restaurants, Rad- und Wanderwegen direkt am Weingut.  Ein Schmankerl ist  das Weinwandern mit Manuel Andrack. In seinen vier Online-Verkostungen präsentiert der TV-Moderator und Wanderfreund die besten Wanderwege und die „Schönsten Weinsichten“ der 13 deutschen Weinregionen. Natürlich gibt es auch hier die passenden Weine dazu.

Gussek: Fünf Gesichter des Grauburgunders

Wieder mal Besuch mit ein paar Freunden beim Winzerhof Gussek in Naumburg, einem der Spitzenerzeuger in Saale-Unstrut. André Gussek war auf dem Blog schon mehrfach Thema. Terroir-geprägte Weißweine sind sein Markenzeichen, seine Rotweine gehören zu den besten des Gebiets, ganz Ostdeutschlands. Weitere Spezialität: Barrique-Weine, da ist Gussek in Saale-Unstrut Pionier und Trendsetter. Neben anderen Winzern der Region gehört er zu den Mitbegründern des Projekts Breitengrad 51.
Charmanter Vorschlag diesmal:  „Lasst uns doch mal sehen, was mit einer Rebsorte so alles möglich ist.“  Die Wahl fällt auf den Grauburgunder, für den laut Wikipedia 227 Synonyme  bekannt sind. Eine Rebsorte, die in den letzten Jahren in Deutschland sehr stark an Popularität zugelegt hat. Gesagt, probiert: Fünf Gesichter des Grauburgunders.

Gesicht 1: Klassisch

Start mit dem 2019er Grauburgunder Gutswein. Der hat nur 0,9 Gramm  Restzucker, das ist ganz nach meinem Geschmack. Alles andere auch. Hat eine prägnante Burgunderfrucht, wirkt auch ohne Restzucker durchaus kräftig. Knackig, ohne Schnörkel und Geheimnisse, ein feiner Einstieg.

Gesicht 2: Mineralisch

Weiter geht’s mit dem Grauburgunder Naumburger Muschelkalk 2019. Komplett durchgegoren, noch weniger Restzucker (0,6 g) als der Gutswein. Manchmal schmecken Weine dann beliebig – dieser ganz und gar nicht. Der Muschelkalk hat Charisma, ist schön balanciert, geradezu elegant. Vor allem hat er eine schöne Mineralität, Feuerstein fällt uns ein, dazu eine rassige Säure. Klasse!  

Gesicht 3: Barock

Der Grauburgunder Naumburger Götteritz 2018 ist „für Erwachsene“, warnt André Gussek scherzhaft vor. Klar, 15,7% Alkohol sind kein Kinderspiel – und auch ein kleines Rätsel. Hatte immer gedacht, bei 15% ist Schluss, weil die Hefen dann besoffen sind. Auch Gussek kann sich den hohen Gehalt nicht recht erklären. Die 116° Oechsle schon. Er erinnert an 2018. „Wir hatten eine Hitzewelle. Wir hatten gerade Müller-Thurgau geerntet, da gingen die anderen durch die Decke.“ Eben auch der Grauburgunder im Göttersitz. Der ist über ein Jahr im Edelstahltank gereift, abgefüllt erst Ende 2019.  Hat von vielem viel. Polarisiert wegen seiner Wucht schon, ein barockes Gemälde im Glas.     

Gesicht 4: Barrique

Der Grauburgunder Naumburger Götteritz  2017 Barrique ist ein Jahr im Barrique-Fass (1. bis 3. Belegung) auf der Hefe gereift. Entsprechende Power hat der Wein, er wirkt füllig und dicht. Wie bei Gusseks Barrique-Weinen mittlerweile Standard, ist das Toasting harmonisch eingebunden, da stört keine Holzfaust in der Nase. Feines Beispiel eines im Barrique-gereiften Weißweins. Mag sicher auch nicht jeder – aber diesen Wein zum Gänsebraten beispielsweise ergibt eine Traumhochzeit.  

Gesicht 5: Orange

Grauburgunder Kaatschener Dachsberg Orange 2018 steht auf dem Etikett, Zusatz: auf der Maische vergoren. „Das ist kein klassischer Orange-Wein“, stellt der Gussek erst mal klar. Und erzählt dann vom so aufwändig wie abenteuerlich anmutenden Verfahren: Die gelesenen Trauben kommen in ein 200-Liter-Fass. Die Beeren bleiben ganz, werden 14 Tage lang mehrfach täglich mit dem auslaufenden Rebsaft immer wieder übergossen, die Schalen werden dadurch immer poröser und durchlässiger. Dann wird gequetscht und der Traubensaft kommt für ein Jahr ins kleine Holzfass. Heraus kommt ein spektakulärer aromatischer Wein, satte 16,5 % Alkohol, mit Aromen, deren Beschreibung eine ganze Buchseite füllt. Schon jetzt ein Genuss, hat aber ein sehr, sehr langes Leben. „Ein Generationenwein“ , sagt  André Gussek. Und wir sind uns einig: In einer Blindverkostung würde den niemand als Grauburgunder erkennen.

Was ist nun das schönste Gesicht des Grauburgunders? Das ist eindeutig Geschmackssache. 

Feuer im Castello di Amorosa 

Nachrichten von Katastrophen in Weingütern gibt es immer wieder. Man nimmt sie betroffen zur Kenntnis, schade halt, aber so ist das Leben. Dann nächstes Thema. Wenn man die betroffenen Gegebenheiten oder Personen kennt, bekommen die Unglücksmeldungen ein anderes Gewicht. Wie bei mir die Nachricht vom Tod Philippine de Rothschilds-Seyeres oder dem Unglücksfall im Chateau de La Rivière. Jüngstes Beispiel: Die verheerenden Feuer im Napa Valley, die schwere Schäden im Weingut Castello di Amorosa angerichtet haben.

Feuer-Inferno

Das sogenannte Glass-Feuer in Kalifornien hat im Napa Valley laut der Zeitung «San Francisco Chronicle» mehr als  80 Gebäude zerstört, darunter das renommierte Weingut Chateau Boswell und Teile des Weinguts Castello di Amorosa. Das riesige Farmhaus sowie ein Nebengebäude mit 120.000 Flaschen Wein brannten völlig aus. Der Gesamtschaden soll 15 bis 20 Millionen Dollar betragen. Glück im Unglück: 90 Prozent der Weine lagern anderswo und das prächtige Hauptschloss mit den Verkostungsräumen sind wohl intakt geblieben. Fotos vom verheerenden Brand gibt’s unter diesem Link.

Beste Erinnerungen

Bei solchen Nachrichten und Bildern blutet mir das Herz. Sofort kommen Erinnerungen an eine fantastische Tour durchs Napa Valley hoch – mit dem Besuch von Castello di Amorosa. Das ist weniger der Weine wegen sondern vor allem aus touristischer Sicht ein Highlight. Vor 30 Jahren haben die Besitzer zwischen St.Helena und Calistoga eine Burg aus der Toskana des 13. Jahrhunderts mit allem drum und dran nachbauen lassen, herrlich gelegen umgeben von Weinbergen. Seit 2008 leitet der Österreicher Georg Salzner das Gut des Winzers Dario Sattui.

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Die Disney-Burg ist ein Touristenmagnet. Schon die Anfahrt ist ein Erlebnis. Weine gibt’s natürlich auch: Kategorie solide, keine Ausreißer nach oben oder unten. Aufgefallen sind beim Tasting damals ein netter Chardonnay und natürlich die klassischen kalifornischen Cabernet Sauvignons. Dazu noch ein Barbera sowie ein trockener Gewürztraminer. Letzterer war eine Überraschung und denen aus dem Elsaß oder Südtirol fast, aber nur fast, ebenbürtig.

Wiederaufbau geplant

Castello di Amorosa soll nun so schnell wie möglich wieder für Besucher geöffnet werden. Natürlich soll auch das abgebrannte Farmhaus wieder aufgebaut werden. Selbstverständlich stilecht.

Wein-Gespräch: Josef Umathum

Josef Umathum, Jahrgang 1960, gehört zu den bekanntesten Winzern Österreichs. Das Weingut wird komplett biodynamisch bewirtschaftet. Beim Besuch in Frauenkirchen war Gelegenheit zu einem interessanten Gespräch mit dem Winzer. 

Wie war Ihre erste Begegnung mit Wein?
Das ist eine sehr lustige Geschichte. Ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und bin mit dem Großvater mitgegangen in den Weingarten. Und damals war die Kinderbetreuung so, dass wir aufs Feld mitgehen mussten. Da haben wir gespielt, und in der Mittagspause hatten wir unter dem Nussbaum, der bei jedem Weingarten war, Rast gemacht. Und mein Großvater hatte da seine zwei Liter Flasche Wein in einem Erdloch stehen, schön gekühlt, und nach der Mittagsjause hat er ein oder zwei Gläschen genommen und hat sich dann kurz hingelegt zum Schlafen. Und irgendwann habe ich mir mal gedacht: Was ist das Besondere, was der da immer trinkt? Und wie er geschlafen hat, habe ich dann daraus gekostet. Und es ist eigentlich ein Wunder, dass ich Winzer geworden bin. Denn das war nicht so toll, war ziemlich sauer. Knochentrockener Wein… Das war mein erstes Erlebnis.

Jetzt haben Sie quasi Ihr Leben lang sich mit Weinen beschäftigt. Was ist das Besondere an dem Getränk?
Also eher die Art, wie man zu diesem Getränk kommt, das reizt mich. Das heißt, wir haben erstens einen gewissen Rhythmus, der vorgegeben wird von der Natur. Das ist der Jahresverlauf, das ist das Wetter. Das wiederholt sich in einer Art und Weise immer, aber es ist trotzdem immer anders. Das zweite ist, dass man aus Nichts oder aus Erde etwas schafft, etwas, was aus der Tiefe kommt und das dann irgendwie ins Geistige steigt. Das ist das Faszinierende, dieses Spannungsfeld, aus dem Dunkeln ins Licht zu kommen.

Philosophisch fast… Sie sind seit 1985 im Geschäft. Wie hat sich die Warenwelt seither verändert?
Man kann fast sagen, es ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Zum Glück macht man immer noch aus Weintrauben Wein. Aber auch da wird schon fest gekratzt daran. Das finde ich irgendwie bedenklich und beschämend. Trotzdem hat nach wie vor gutes fachliches Handwerk seine Berechtigung und seinen Wert für viele Menschen. Sehr verändert hat sich auch die Struktur der Betriebe. Wir hatten damals viele kleine Betriebe, die mit mehr oder weniger Wissen ans Werk gegangen sind. Heute sieht man eine Konzentrierung der Betriebe. Man sieht wissenschaftliche Teilnahme, man sieht Industrialisierung auch sehr stark. Kommerz kommt im ganzen Bereich und im Wesentlichen zusammengefasst. Im Großen und Ganzen hat sich das – das gilt aber nicht für unsere Betriebe – verlagert vom Weingarten in Richtung Marketing. War früher die Erde, der Weingarten das Wichtigste, ist heute bei vielen Betrieben das Marketing das Wichtigste. Das ist kennzeichnend.

Aktuell ist Klimawandel das große Thema. Wie seid ihr betroffen und wie reagiert ihr?
Wir sehen die großen Veränderungen seit den letzten 20, 30 Jahren schon. Jetzt fällt es auch dem Laien auf, dass die Sommer heißer werden und dass es in der Wohnung nicht mehr abkühlt. Ich habe einen Vergleich: 1980 hatten wir mit der Ernte mit Müller-Thurgau am 12. Oktober begonnen Heute ist es eine Sorte, die wir gar nicht mehr anbauen, und wir beginnen in der Regel Ende August/Anfang September mit der Ernte. Das heißt, innerhalb von zehn Jahren hat sich der Lesezeit um etwa eine gute Woche nach vorne verschoben. Alle zehn Jahre, das ist ist kennzeichnend. Wir kriegen sehr reife Trauben, was an sich ja gut ist. Die Trauben haben aber in der Regel etwas mehr Zucker als wie wir uns wünschen. Das heißt, wir kriegen aus mehr Zucker auch mehr Alkohol. Wir haben immer weniger Säure in den Weinen. Das heißt, insgesamt neigen die Weine zu mehr Plumpheit und zu mehr Üppigkeit. Wir haben komplett andere bakteriologische Bedingungen im Keller, weil wir die Trauben warm herein kriegen und mit weniger Säure, das führt sofort zu Schimmelbildung. Man muss wesentlich vorsichtiger sein und schneller sein. Man braucht gute Kühlsysteme. Also alle diese Dinge sind bemerkbar. Und wir versuchen da, Schritt für Schritt Maßnahmen zu ergreifen, um gegenzusteuern.

Welche Trends wird es in den nächsten 10, 20 Jahren noch geben? Glauben Sie, dass die Konzentration der Betriebe zunehmen? Was leuchtet am Horizont?
Die aktuelle Covid-Krise hat natürlich die Würfel neu verteilt. Es gibt neue Spielregeln. Der Internet-Shop wird wichtiger. Das heißt, das Konsumentenverhalten ändert sich und wir sehen, dass die Leute beim Supermarkt mehr einkaufen oder im Internet mehr einkaufen. Das heißt, der klassische Ab Hof-Verkauf wird zwar immer weiter bestehen, wird es aber schwieriger haben, sich durchzusetzen. Jemand, der keinen Webshop hat, wird es auch schwieriger haben. Betriebe, die zu klein sind und zu schlecht organisiert sind und vor allem die auf wirtschaftlich nicht stabilen Beinen stehen, werden unter großen Druck geraten. Ich denke, wir werden weiterhin einen Konzentrationsprozess sehen. Wir werden weiter sehen, dass Marketing noch wichtiger wird. Und der Markt wird sich teilen: In noch mehr in kommerzielle Massenware und in hochwertige, handverlesene Produkte.

Genau das hat Reinhard Löwenstein auch gesagt
Das erleben wir weltweit. Du musst dich als Betriebe entscheiden so oder so. Man kann nicht alle Richtungen machen. Man muss ganz klar sein Profil schärfen. Das ist das Wichtigste.

Sie arbeiten biodynamisch, können Sie in kurzen Stichpunkten erklären, was das konkret ist, welche Maßnahmen dazugehören?
Das umfasst mehr, Biodynamie ist eine Philosophie. Das Wort kommt ursprünglich daher, dass man biologisch arbeitet, also keine systemischen Fungizide einsetzt, keine Herbizide einsetzt, keine Insektizide einsetzt. Und man folgt dem dynamischen Rhythmus der Natur, daher biodynamisch. Diese Art der Landwirtschaft kam von Rudolf Steiner, einem österreichischen Philosophen oder Anthroposophen, der auch die Waldorfschulen so entwickelt hat und Weleda gegründet hat.  Der hat sein Wissen viel von Goethe hergenommen. Und Goethe, das wissen wir, hat viel von den griechischen Philosophen genommen, und das geht weiter zurück nach Mesopotamien… Das heißt, die Biodynamie ist in den Grundsätzen eine Art der historischen Landwirtschaft, die eng mit der Natur und mit dem Rhythmus der Natur verbunden ist. Es geht einerseits darum, dass man sich mit dem Standort, mit der Geschichte und mit der Umgebung, wo man arbeitet, verbindet. Das ist der Boden in dem Fall. Das ist das Wichtigste, dass man dort Wurzeln schlägt und dass man diese Früchte, die dort gedeihen, eben so ausbaut, dass man sich dann vom Materiellen trennt in die Richtung des Geistig-seelischem.

Klingst nach großer Philosophie…
Das ist eigentlich das Spannungsfeld von der Erde zum Kosmos. Da ist wie der Wein eigentlich genau das Sinnbild dafür. Weil wir eine Pflanze haben, die tiefe Wurzeln schlägt wie die Weinrebe. Und wenn man zu viel vom Wein trinkt, dann eben auch in andere Sphären kommt.

Wenn man die richtige Menge trinkt, ist man in der richtigen Sphäre.. Die Mondphasen sind für Sie auch sehr wichtig?
Das spielt da mit rein, wir haben diese Schwingungen, wir haben jeden Monat zunehmenden Mond, das heißt expansive Kräfte; bei abnehmendem Mond  konzentrative Kräfte. Die Natur spielt das jeden Tag: am Morgen ausatmen, am Abend einatmen. Oder wenn wir den Jahresrhythmus sehen, haben wir im Frühling Wachstum und im Herbst Konzentration. Und man folgt diesem Rhythmus, daher das dynamische. Ähnlich wie mit einem Boot, das der Strömung folgt. Man muss halt aufpassen, dass man nicht in einen Strudel gerät. Wenn wir eine Zeit wie jetzt erleben, wo alles in Ungleichgewicht und Chaos gerät… Was ist wichtig? Ruhe bewahren!

Wenn Sie abends fertig sind und nach Hause kommen, was öffnen Sie da?
Das kommt auf die Temperatur, auf die Stimmung und auf das Abendessen an. Ich habe das Glück einer große Auswahl, habe einige tausend Flaschen in meinem privaten Keller. Ich probiere einerseits die eigenen Weine immer wieder, aber jetzt nicht flaschenweise, sondern Schluck für Schluck. Ich beobachte diese geöffnete Flasche über Tage, immer um zu schauen, wie sich der Wein entwickelt, wie er hält. Ich probiere gerne Weine von Kollegen entlang der Donau oder aus der Steiermark. International bin ich eher im Burgund zu Hause und im Rhone-Tal. Ich möchte im Sommer immer eher trockene Weine, frisch und lebendig. Und im Herbst/Winter komme ich eher zu Rotweinen. Und ich trinke sehr gerne gereifte Weine, die Weine können durchaus auch 20, 30 Jahre oder älter sein.

Und wenn es mal ein ganz besonderer Anlass ist?
Da geht es mir so wie vielen anderen, die große Keller haben. Da ist die Auswahl so groß, dass die Auswahl schwerfällt, und man greift dann halt irgendwo hin, wo man sich denkt, ja, das ist es.  Für die kommenden Feiertage habe ich dann schon einige Weine im Sinn.

Eher Österreich, eigene Weine, oder ein spezieller Burgunder?
Ja, genau. Wir machen dann immer 4, 5 Flaschen auf, trinken die nicht aus, aber so geht es da quer durch.

Sie setzen voll auf Glasverschluss. Warum nicht Kork, warum nicht Schraub?
Wir liefern in mehr als 20 Länder. Ab 2003 sind die Glasverschlüsse auf den Markt gekommen. Zu dieser Zeit war es so, dass Schraubverschluss keine hohe Akzeptanz hatte. Vielleicht muss man dort beginnen: Es gab immer wieder Probleme mit Kork. Von zehn Flaschen Wein, die ich geöffnet habe, waren zwei bis drei vielleicht nicht so, wie ich sie mir gewünscht hätte, wenn man den Wein kennt. Wir waren wirklich unglücklich damit und mit dem Schraubverschluss, das war für mich keine Alternative, weil eben die Akzeptanz und die Wertigkeit nicht gegeben war. Technisch ist es ein guter Verschluss, keine Frage, aber eben keine hohe Akzeptanz. Und der Glasverschluss hat mir von Beginn an gefallen, weil er beides verbindet. Wir haben einerseits ein technisch super Produkt, der Wein ist wie versiegelt. Jede Flasche gleicht der anderen. Und trotzdem hat man in der Hand etwas Hochwertiges. Glas und Wein lässt sich gut verbinden und darum haben wir sehr stark auf das gesetzt. Wir waren der erste Betrieb weltweit, der Rotwein mit Glas verschlossen hat. Heute hat sich der Verschluss zwar nicht in der Breite durchgesetzt, aber er hat eine gewisse Exklusivität, man kann auch damit punkten.  

Mit wem würden Sie gern mal ein Glas Wein trinken
Das ist eine schwierige Frage, das habe ich mir noch nie überlegt. Am liebsten eigentlich mit meiner Frau!

Die letzte Frage stelle ich jedem Winzer: Gibt es den perfekten Wein?
Es gibt nicht den perfekten Wein, weil es nicht den perfekten Verkoster gibt. Das hängt zusammen. Und wir sind als Menschen Individuen mit allen Vor- und Nachteilen und wir können eben das Perfekte nur am nicht-Perfekten erkennen. Man strebt immer danach und ich denke, es gibt viele Schritte, um zu einem perfekten Wein zu kommen. Man hat diese Vorstellung, aber wir werden es nie erreichen. Vielleicht noch ein Satz dazu, um einen Vergleich zu bringen: Also, mir gefällt die Bäuerin am Misthaufen als Schönheitskönigin besser als das Model am Laufsteg.

Foto: Weingut Umathum

Winzerbesuch: Josef Umathum

Tour im Burgenland: Nach Reinhold Krutzler stand mit Josef Umathum in Frauenkirchen der Besuch eines weiteren von mir hoch geschätzten Winzers an. Zur Einnordung: Die Weine von Umathum werden bei Staatsbanketten in Österreich serviert, Arnold Schwarzenegger und Wolfgang Puck sind gute Kunden. Das Etikett Star-Winzer ist bei Josef Umathum mal nicht übertrieben.
Star-Allüren sind Josef Umathum, Jahrgang 1960, jedoch völlig fremd. Freundlicher Empfang, entspannte Atmosphäre, hochinteressante Betriebsführung, fast drei Stunden nimmt sich Winzer Zeit. Im Notizblock findet sich am Ende Material für ein Buch, so viele Infos, so viele Geschichten. Und der Kofferraum ist voller Kisten.

Das Weingut

Das Weingut war einst klassischer gemischter Landwirtschaftsbetrieb, 1958 von den Eltern Elisabeth und Johann Umathum gegründet. Schwerpunkt damals waren Zuckerrüben- und Getreide-Anbau. 1959 wurde der erste Weingarten ausgepflanzt, die Rebfläche wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert. 1985 übernahm Josef Umathum die Leitung. 1987 erfolgte die Spezialisierung komplett auf den Weinbau. Schon mit seinem famosen 1987er Jahrgang stieg er in die Spitze der österreichischen Rotweinerzeuger auf.  Aktuell bewirtschaftet das Weingut Umathum 50 Hektar Rebfläche. 20 Mitarbeiter sind beschäftigt.

Die Rieden

Die Hälfte der Rebfläche befindet sich auf der Ostseite des Neusiedler Sees.  Der Boden (Humus auf Kiesel und Lehm) verfügt über gute Drainage ist also vor allem trocken.  Die Top-Lagen dorrt sind die Rieden Hallebühl, Vom Stein und vor allem Haideboden, perfekt für Zweifelt und St. Laurent. Wichtig: Die Vegetationsperiode ist hier kürzer als auf der Westseite. Die anderen Weine wachsen auf der Westseite des Sees, am Leithagebirge, auf Sand und Lehm über Kalkstein und auch auf Schieferböden. Ideal für  Blaufränkisch! Dort gibt es die berühmten Lagen Unter den Terrassen und Kirschgarten.  Der Kirschgarten (2001 wieder aufgebaut) ist die einzige Terrassenlage des Burgenlandes.

Die Terrassen am Westufer des Sees.  Foto: Weingut Umathum

Die Idee

Josef Umathum stellte seinen Betrieb ab 2006 auf ökologischen Weinbau um. Mittlerweile wird das Weingut wird komplett biodynamisch bewirtschaftet, folgt der Philosophie des Anthropologen Rudolf Steiner. In der Produktion orientiert sich Umathum an den Richtlinien von Demeter. Das wird jedoch nicht auf den Etiketten erwähnt.  Alle Arbeiten folgen dem Rhythmus der Natur. Die Mondphasen spielen auch eine Rolle, freilich nur, wenn es auch ökonomisch Sinn macht.  

Die Reben

Im Weingarten erfolgt die Lese komplett per Hand, maximal nur die Hälfte der erlaubten Menge wird geerntet.  Viel Aufmerksamkeit verwendet der Winzer auf der genetischen Selektion der Reben. Josef Umathum spricht von „positiver Selektion“. Ziel sind der Natur und dem Klima angepasste Reben. „Die Pflanze merkt sich einen kalten Winter, einen warmen Sommer und wie sie behandelt wird“, erklärt Josef Umathum. Ziel ist die intelligente Pflanze, die selbst entscheidet: Was braucht sie, warum und wieviel. 

Der Keller

Die Kathedrale beeindruckt, weil der größte Keller des Weinguts tatsächlich an eine Kathedrale erinnert, mit Hauptschiff und Seitenschiff etc.. Hier herrschen konstant 14 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit. 400 Holzfässer liegen in der Kathedrale — bewacht von zwei Engeln. Ein alter Beichtstuhl steht auch hier. Dann gibt es noch den Fasskeller mit 40 Fässern a 2500 Litern. Das Holz für die Fässer kommt aus Waidhofen an der Ybbs von Fassbinder Paul Schneckenleitner. 
Die Weißweine reifen in Stahltanks. Der letzter Schrei ist die optische Sortiermaschine. Ein Computer ist darauf programmiert, die „ideale“ Traube zu erkennen. Per Hochgeschwindigkeits-Zeilen-Kamera und Laser überwacht der Rechner in Millisekunden, ob es sich um unreife oder überreife Beeren, kaputte und zerquetschte Trauben, Stiele, Tiere, Blätter oder sonstige Fremdkörper handelt. In kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit wird das unerwünschte Material mithilfe von Düsen, die einen stark konzentrierten Luftstrahl aussenden, aus dem Lesegut herausgeblasen.

Die Wein-Kathedrale

Die Weine

Top-Lagen, intelligente Reben, verantwortungsvolle Bewirtschaftung und moderne Kellertechnik – da kann eigentlich gar nichts schief gehen. Geht es auch nicht. Die Weine sind durch die Bank ein Genuss bzw. versprechen für die Zukunft sehr viel davon. Die Highlights eines tollen Tastings:

Drei Weiße

Auftakt mit drei Weißweinen. Der Muskateller 2019 ist duftig, trocken, klassisch nach Pfirsich und Muskat, hat eine schöne Säure und einen schönen Nachklang. Der Pinot Gris Reserve 2018 lag 12 Monate im Holz, hat da schon mehr Muskeln, ist kräftig, intensiv. Die Reben sind aus den 1960er Jahren! Schließlich der Traminer 2018, ein Mischanbau gelber und roter Traminer. Klassisch Rosenblüten, fast zart und sehr elegant. Der Traminer war in der Gegend des Neusiedler Sees ehemals weit verbreitet – heute gilt er als Rarität.

Der Königliche

Königlicher Wein (2017) – das macht jetzt neugierig. Tatsächlich ist es ein Lindenblättriger, nur darf das nicht auf dem Etikett stehen. Das Weingesetz verbietet Sorte und Jahrgang zu nennen. 2010 führte Umathum seinen Lindenblättrigen (ungarisch Hárslevelû) neu ins Sortiment ein. „Die Rebsorte war früher hier verbreitet, dann ist sie nicht mehr reif geworden. Dank des Klimawandels wird sie jetzt wieder reif“, erklärt er. Da müssen wir mal den Klimawandel loben, so komisch das auch klingt. Denn dieser Lindenblättrige hat viel zu bieten. Er ist im Fass vergoren, lag ein Jahr auf der Hefe, ist süffig. Riecht wirklich nach Lindenblüten! Wir entdecken gelben Apfel, Honig, schöne Würze. Hat nur 2,9 Gramm Restzucker, dazu eine schönen Säure (6,7g).   

Der Rosa

Rosa 19 – „ein ganz außergewöhnlichen Rosé Saignée, der Weingeschichte geschrieben hat“, war auf einem Portal zu lesen. Saignée muss erklärt werden. Der Begriff kommt  aus dem Französischen und bedeutet wörtlich „Aderlass“. Das bezeichnet eine Methode zur Bereitung von Roséwein. In der Tat lässt man bei diesem Verfahren den Gärbehälter mit der Rotwein-Maische nach einigen Stunden oder Tagen „zur Ader“, es wird ohne Pressung 10–20 Prozent des Mostes abgezogen. Dieser hat dann eine rötliche Farbe und wird zu Roséwein weiter vergoren. Umathum Rosa erinnert mit seiner blassrosa Farbe an einen Tavel. Es ist ein Zweigelt, ein Jahr im großen Holzfass gereift. Klassisch, pikant,  pfeffrig, würzig, schöne Kirsch- und Himbeeraromen. Herrlich: Nur 0,7 Gramm Restzucker. 2004 kam er erstmals auf den Markt, damals nur 1000 Flaschen. Jetzt ist der Wein ein Verkaufsrenner.   

Top-Rote

Die Rotweine sind Umathums Paradeweine, mit ihnen ist er berühmt geworden. Zum Start wird gleich hoch ins Regal gegriffen: Haideboden (Cuvée Zweigelt, Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon) , tolle Balance und Harmonie, Johannisbeeren, reife Kirschen. Ein Klassiker, wurde schon 1991 gekeltert.
Dann der Pinot Noir Unter den Terrassen 2016, für mich als Burgund-Freund ein Highlight. Kommt von der Westseite des Sees, dort sei der Boden optimal für Pinot Noir, erzählt der Winzer. Er ist in kleinen alten Fässern gereift; würzig in der Nase, im Geschmack rote Beeren und eine Spur Kaffee,  schlank, elegant, großartig.  Der Kirschgarten 2016 hat herrlichste Erinnerungen geweckt. Der 2006er war erst unlängst eine wunderbare Erfahrung. Der 2016er ist  jetzt famos: dunkle Kirschen in der Nase, saftig, kirschig, pfeffrig, eine Spur Graphit, ewig lange Präsenz. Im Finale dann schöne Frische und Minze. Was hat der für eine Zukunft!
Der St. Laurent vom Stein 2015 war eine Art Bekehrung. Konnte mit der Rebsorte bisher nicht viel anfangen. Jetzt schon. Brombeeren und reife Himbeeren im Geschmack, daneben dunklen Kirschen,  weich und und elegant. „Perfekt zu Wild“, sagt Josef Umathum, da läuft einem glatt das Wasser im  Mund zusammen.

 

Der perfekte Wein?

Im Anschluss gibt’s noch ein Interview mit dem Winzer (demnächst auf dem Blog), eine Frage vorab: Gibt es den perfekten Wein? Josef Umathum: „Es gibt nicht den perfekten Wein, weil es nicht den perfekten Verkoster gibt. Das hängt zusammen. Und wir sind als Menschen Individuen mit allen Vor- und Nachteilen und wir können eben das Perfekte nur am nicht-Perfekten erkennen. Man strebt immer danach und ich denke, es gibt viele Schritte, um zu einem perfekten Wein zu kommen. Man hat diese Vorstellung, aber wir werden es nie erreichen.“

In der Vinothek Gols 

Am  29. März 2003 eröffnete die Vinothek Gols ihre Pforten. 2007 war ich das erste Mal dort und seither immer wieder, wenn ich im schönen Burgenland am Neusiedler See unterwegs bin. Gols ist nicht irgendein Ort – mit knapp 100 Winzern bei nicht mal 3000 Einwohnern ist es die größte Weingemeinde Österreichs. Rund die Hälfte der Gemeindefläche ist mit Weingärten bedeckt. Auf einer informativen Website kann man sehen, welche Winzer an welchen Tagen ihre Keller geöffnet haben. Winzerbesuche machen Spaß. Das gesamte Paket Gols gibt’s in der Vinothek – fast alle Betreibe sind dort vertreten, jeder Winzer mit vier Weinen, es gelten Ab-Hof-Preise. 

Vinothek ist ein Kulturhaus!

Die Vinothek heißt offizielle Weinkulturhaus Gols. Ist absolut korrekt, weil Wein ja nicht nur Rebsaft mit Alkohol, sondern vor allem Kulturgut ist. Die Vinothek ist das älteste erhaltene Haus der Gemeinde. Das baufällige Gebäude stand jahrzehntelang leer, wurde schließlich von visionären Golsern liebevoll restauriert. Absolut gelungen ist die Verbindung von Alt und Neu in den historischen Kellern.  Ich musste dieses Juwel von Vinothek schon einmal würdigen. 2016 wurde das Weinland Österreich beim Travvy Award zur besten Weinreise-Destination Europas gewählt. Das durfte der stylische Keller im Weinkulturhaus Gols natürlich nicht fehlen. 

 

120 offene Weine 

War also kürzlich wieder einmal in Vinothek Gols. 120 Weine stehen zur glasweisen Verkostung bereit. Man kann oben am Tresen probieren und nebenbei mit dem Personal fachsimpeln. Oder unten im Keller, da ist es natürlich stilvoller, man muss halt für jede neue Probe die Treppen hoch.
Ein Glas zur Probe kostet einen Euro, ab 30 Euro Einkauf  sind 3 Proben frei, ab 90 Euro 9 Proben und ab 150 Euro 15 Proben. Was darüber hinausgeht ist Konditions- und Verhandlungssache. Finde es vollkommen richtig, auch für Proben zu bezahlen. Es gibt hinterher keinerlei Verpflichtungen, mit der Bezahlung ist man quitt. Dass der Kost-Preis bei einem Kauf angerechnet wird, sollte freilich selbstverständlich sein.

 

Jede Menge Entdeckungen

So wie in Gols. 120 offene Weine haben den Vorteil, dass man Entdeckungen jenseits der berühmten Golser Winzer wie Paul Achs, Gernot und Elke Heinrich, Judith Beck oder Anita und Hans Nittnaus machen kann. Eine feine Idee ist, dass an den Wochenenden immer ein „Winzer des Tages“ vor Ort ist. Der kann seine Weine und einiges mehr erklären. Habe so Markus Fleischhacker und Elisabeth Wendelin kennengelernt.
Diese Entdeckungen sind um Teil kleine Betriebe, auch Winzer im Nebenerwerb, deren Weine es nicht  außerhalb des Gebietes, geschweige denn nach Deutschland schaffen. Generell ist es eine spannende Reise zwischen weltweit renommierten Weinen und vielversprechende Neuentdeckungen. Klar auch, nicht alle Weine waren Volltreffer.   

Meine Favoriten an 3 Verkostungstagen

Rosé vom Zweigelt 2019, Vinum Pannonia – Allacher
Rosé (Cabernet Sauvignon + Merlot) 2019 – Gerald Allacher 

Welschriesling 2019 – Andreas Gsellmann
Chardonnay Hochäder 2019 – Gebr. Stiegelmar
Grüner Veltliner Edelgrund 2018 – Sigrid Lehner
Chardonnay Selection 2019 – Gebr. Nittnaus
Chardonnay 2018 – Elisabeth und Helmut Wendelin
Weißes Cuvée (NB+MT) 2019 – Astrid und Erwin Beck
Chardonnay 2019 Vinum Pannonia – Allacher
Chardonnay Heideboden 2019 – Helmut Bruckner

Pinot Noir Barrique 2018 – Heinrich Lunzer
Heideboden 2017 – Elisabeth und Helmut Wendelin
Zweigelt Goldberg 2018 – Werner Achs
Zweigelt Goldberg 2017 – Markus Fleischhacker
Spielerei rot (Merlot, Syrah, St. Laurent) 2016 – Manfred Limbeck
Blaufränkisch Edelgrund 2009 – Eva Pöckl   

Orange Neuburger Freiheit 2017 – Gernot Heinrich
Orange Perfect Day 2019 – Gerhard und Brigitte Pittnauer
Pet Nat Bambule M – Judith Beck 

 

Winzerbesuch: Reinhold Krutzler

Unterwegs im Südburgenland, am Eisenberg: Besuch bei Reinhold Krutzler, einer der Top-Winzer dort. Der gemeinsam mit seinem Vater Hermann und seinem Bruder Erich in den 1990er-Jahren kreierte Blaufränkisch „Perwolff“ macht(e) Furore und gilt als Wegbereiter für den weltweiten Erfolg österreichischer Rotweine.
Habe Reinhold Krutzler vor drei Jahren kennengelernt und interviewt. Höchste Zeit, das 12 Hektar Weingut persönlich  in Augenschein zu nehmen. 6 Hektar Rebfläche liegen in  Deutsch Schützen. 6 weitere Hektar liegen am Eisenberg, wie der Name schon ahnen lässt, mit sehr eisenhaltigen Böden. 

Das Weingut Krutzler erstreckt sich in den Hügel

Der Winzer

Reinhold Krutzler

„Immer wieder werde ich gefragt, was denn meine Philosophie als Winzer ist. Dazu kann ich nur sagen: Das Wichtigste beim Weinmachen ist, sich selbst nicht am wichtigsten zu nehmen.“ Sagt Reinhold Krutzler. Understatement gehört offenbar zur Philosophie des Hauses. Denn vor Ort: Keine topmoderne, stylische Vinothek erwartet den Besucher, sondern ein kleiner, einfacher Kostraum direkt am Keller. Der gräbt sich tief in den Hang, doch das sieht man zunächst gar nicht. Reinhold Krutzler, der den Familienbetrieb in nunmehr fünfter Generation führt, erzählt erst einmal Familiengeschichte. Die Krutzlers hatten einst einen gemischten Landwirtschaftsbetrieb. In den 1980-er Jahren erfolgte die Umstellung komplett auf Weinbau. 1992 kam der erste Perwolff auf dem Markt – und der Aufstieg zu einem der Top-Weingüter Österreichs begann. Seither wurde der Betrieb immer wieder erweitert, der Keller in den Berg hinein“gegraben“. Also ab in den Keller. 

Im Keller

Der Keller

Im Keller liegen 2500- , 1500- , 500-Liter-Fässer, dazu etliche Barriques.  Ganz vorne stehen Stahltanks, doch nur der Welschriesling wird ausschließlich im Stahltank ausgebaut. Der Blaufränkisch bleibt einige Zeit im Stahltank und wird dann ins große Holzfass abgezogen. Je nach Ausbaustufe geht es dann weiter: Die Eisenberg DAC Reserve reift 16 Monate lang in kleinen gebrauchten Eichenfässern. Der Merlot wird 17 Monate in kleinen Holzfässern ausgebaut. Und der Perwolff reift 18 Monate in kleinen Holzfässern. Generell ist Zeit ein wichtiger Faktor für Krutzlers Rotweine, die sollen eine „eigenständige Persönlichkeit“ bekommen. 

Reinhold Krutzler – der bei Willi Bründlmayer im Kamptal gelernt und in Frankreich, Italien und Südafrika Erfahrungen gesammelt hat – erzählt auch von Moden und Trends der letzten Jahre, auch von Irrungen. „Früher zum Beispiel waren extreme Röstarmen gefragt, das ist jetzt nicht mehr so. Das Holz soll den Wein möglichst wenig beeinflussen. Es ist wichtiger, die Sorte zu erkennen und das Terroir, als das Holz.“ Bestes Beispiel der Entwicklung: Sein Paradewein Perwolff reift jetzt im 500-Liter-Fass und ist 100 Prozent Blaufränkisch. Früher wurde der Wein im Barrique ausgebaut und hatte 10 Prozent Anteil Cabernet Sauvignon. 

Die Weine

Verkostung

Nach der Kellerführung geht es ans Verkosten. Start mit dem Eisenberg DAC 2018 – eine Mischung von den Lagen in Deutsch Schützen und am Eisenberg. Schön würzig, Kirschen!, hat  Gerbstoffe satt, braucht noch Zeit. Beim Eisenberg DAC 2016 schmeck man, wohin die Reise geht. Würze und Frucht sind präsent, der Wein ist weich und zugleich intensiv. Die Eisenberg DAC Reserve 2018 lag 18 Monate im 500-Liter Fass und in gebrauchten Barriques. Schön saftig, weil er wenig Säure hat, ist er schon jetzt leichter trinkbar als der „einfache“ DAC. Er hat natürlich auch mehr Power, deshalb noch ein langes Leben. Dann Alter Weingarten 2018 von der Ried Weinberg, die direkt vor der Haustür liegt. Eine Cuvée  90% Blaufränkisch und 10 Prozent Zweigelt. 45 Jahre alte Reben! Gärung in Bottichen mit verschiedenen Gärzeitpunkte und Presszeiten. Fast ein Kunstwerk. Toller Wein, charismatisch, wir entdecken Rote Beeren und Zwetschgen. Schließlich der Merlot 2018, hat 17 Monate in neuen Barriques gelegen. Sehr dunkel, mit noch reichlich Gerbstoffen, trotzdem gewisse Eleganz. Großes Potenzial!  

Zu loben sind noch zwei an anderer Stelle getrunkene Krutzler-Weine. Der Welschriesling 2019 zeigt sich erfrischend und für die Rebsorte außergewöhnlich fruchtig. Säure-Frucht-Würze sind klasse balanciert. Und dann war da noch der Merlot Rosé 2016 – famos!
Und der berühmte Perwolff? Bin zu zeitig da – noch nicht abgefüllt.    

Blick in die Zukunft

Reinhold Krutzler kann sich glücklich schätzen, dass sich sein Sohn Clemens für die Winzerei interessiert. Es gibt ein erstes Projekt „2 Generationen am Eisenberg – 100% Blaufränkisch“ entwickelt von Clemens und Reinhold Krutzler gemeinsam. Letzterer erklärt: „Gemacht aus 10 verschiedenen Chargen, von beiden herausgekostet, vom Eisenberg DAC bis hin zu Perwolff-Extrakten, ohne Merlot. Deshalb auch der Name 100% Blaufränkisch. 24 Monate ausgebaut im großen, traditionellen 600—Liter-Fass.“ Reift noch – wird 2022 auf den Markt kommen.  

Schlusswort Reinhold Krutzler, der doch eine Philosophie hat: „Den perfekten Mittelweg zwischen Puristik und Kellertechnik finden, der Natur im Weingarten ihr Freiheiten lassen, aber dann im richtigen Moment zu Stelle sein.“  

Die Ried Weinberg – direkt vor der Haustür