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Saale-Unstrut reif

Zuletzt wurde auf dem Blog über die 2018er Jungweine von Saale-Unstrut berichtet, die Wein-Babys. In einer überaus spannenden Verkostung waren nun die Senioren dran: Reife Weine von Saale-Unstrut aus den Jahrgängen 2003 bis 2007.

Zu reif?

Über dem Sechser-Gremium schwebten viele Fragen: Sind die Weine überhaupt noch trinkbar? Sind sie zu reif? Zu blass? Oder ganz hinüber, was bei einem über 15 Jahre alten Müller-Thurgau absolut kein Wunder wäre. Die Antworten haben uns doch überrascht.

Überraschungen

Überraschung 1: Kein Wein war verdorben und nicht mehr trinkbar. War so nicht erwartet worden. Dass nicht alle Weine noch größten Genuss boten, war freilich klar.
Überraschung 2: Einige Tropfen waren großartig – wir haben offenbar den ideale Zeitpunkt erwischt. Zum Beispiel: Der 2007er Riesling feinherb von Gussek. Die 2005er Traminer Spätlese von Pawis. Die 2007er Traminer Spätlese von Böhme. Eine Kerner Auslese 2006 von Gussek.  Bestform nach über 10 Jahren? Hätte auch keiner gedacht. Wer sowas noch im Keller hat: JETZT trinken, perfekt.
Überraschung 3: Dem einzigen Rotwein im Feld, T&M 2004 von Böhme und Töchter, wurde viel zugetraut, weil im Barrique gereift. Der Wein hat mir vor 10 Jahren richtig gut gefallen und auch beim letzten Test vor 7 Jahren noch Potenzial verraten. Doch jetzt war der Wein eine Enttäuschung. Bester Zeitpunkt verpasst. 

Die probierten Weine

Müller Thurgau QbA 2003, Weingut Pawis – Durchaus noch trinkbar, aber mit wenig Genuss. Nicht mehr als Müller Thurgau erkennbar.
Riesling QbA feinherb 2007, Winzerhof Gussek – Dunkelgelb, riecht nicht mehr wirklich gut, schmeckt aber umso besser. Schöner Firn, schöne Restsüße, Honig; groß.
Riesling Kabinett Großjenaer Blütengrund 2003, Weingut Pawis – Goldfarben, Zitrus pur, keine Frucht mehr, viel Firn. Etwas für Liebhbaber firniger Weine.
Riesling Spätlese 2004, Weingut Pawis – Dunkles orange, Nase okay, bricht aber ganz schnell weg. Aprikose, Akazie und ein paar weniger appetitliche Assoziationen.
Weißer Burgunder Kabinett 2005, Weingut Pawis – Hellbraun, rostfarben, ist sichtbar oxidiert. Nase aber besser. Trocken, nach Bratapfel, gekochten Früchten, interessanter Bitterton. Aber irgendwas fehlt.
Weißburgunder Spätlese Kaatschener Dachsberg 2007, Winzerhof Gussek – Farbe tolles Gold, schöne Süße, leichter, schmeichelhafter Firn.  Schöner Wein beim Schwelgen von guten alten Zeiten.
Weißburgunder Spätlese Dorndorfer Rappental 2003, Weingut Böhme – Dunkles Gelb, Böckser? Sind uns uneinig. Eher schwierig, nicht mehr der große Genuss.
Traminer Spätlese Freyburger Edelacker 2005, Weingut Pawis – Bernstein-, Whisky-Farbe, fast wie ein Tokajer. Viel Würde, reif, schöner Firn. Fertig, voll da, großes Trinkvergnügen.
Traminer Spätlese Dorndorfer Rappental 2007, Weingut Böhme Wirkt gar nicht alt, hat im Gegenteil eine erstaunliche Frische. Und auch schöne Süße. Eigentlich rund, allerdings für manche ein bisschen langweilig.
Kerner Auslese 90-60-90 2006, Winzerhof Gussek – Topfit! Barock im Glas, feine Frische, tolles Tröpfchen, großartig. Besser als beim letzten Test vor 5 Jahren.
T & M 2004, Böhme und Töchter Einer der ersten Cabernet Dorsa/Cabernet Dorio-Cuvée aus dem Hause Böhme/Gleina. Gereift im Barrique. Jetzt eine Enttäuschung. Nicht mehr ganz rund, nicht mehr schön, nicht lebendig, aber auch noch nicht tot.

Die ersten 2018er im Test

Wolf-Dietrich Balzereit

Wie sind sie denn gelungen, die Weine des mit viel Vorschusslorbeer bedachten Jahrgangs 2018?  Im Dezember 2018 war Gelegenheit, die ersten 2018er im Test kennenzulernen.  Eine Jungweinprobe im wahrsten Sinn. Immerhin 64 Weine aus Saale-Unstrut, Deutschlands nördlichstem Weinanbaugebiet, standen auf den Tischen bei der Jungwein-Verkostung. Für den Weinbeobachter getestet hat Wolf-Dietrich Balzereit, ein ausgewiesener Saale-Unstrut-Experte. Sein Urteil: „Ein gutes Feld mit zarten Spitzen“ heißt es im Naumburger Tageblatt, in dem der Report zuerst erschienen ist.  

Üppige Öchsle-Werte 

Sieben Mal stand Gutedel auf der Flasche, und der überzeugte bei allen beteiligten Gütern. Dennoch lag das Thüringer Weingut Bad Sulza (TWG) vorn, dicht gefolgt von Klaus Böhme und Seeliger sowie dem Weingut Köhler-Wölbling. Auch beim Müller-Thurgau – mit neun Abfüllungen Platz eins auf der Sortenliste – war das TWG vorn dabei. Pawis und Johannes Beyer sind ebenfalls positiv in einem sehr guten Feld aufgefallen. Gastgeber Herzer war gleich mit zwei Weinen dabei, einem „normalen“ und typischen Müller sowie einer überzeugenden Spätlese, die als Tankprobe auf den Tisch kam. 

Jahrgangsdiskussion 

Die beiden Silvaner setzten dann eine Jahrgangsdiskussion in Gang. Denn Pawis schickt seinen mit immerhin 14 Prozent Alkohol auf die Reise. Der heiße Sommer bescherte den Beeren üppige Zuckerwerte, die ja die Lese gleich vier bis sechs Wochen früher einforderten. Der Silvaner von Herzer ist mit 12,5 Prozent ausgewiesen. Öchsle-Werte um 100 Grad für Silvaner schrauben die Alkoholwerte eben nach oben und fordern den Kellermeister.
Die fünf Weißburgunder entpuppten sich als zurückhaltend. Die Runde entschied sich mehrheitlich für den von Klaus Böhme als Favoriten, aber auch Pawis und Dr. Hage gefielen. Beim Grauburgunder (drei) stach Herzer hervor. Dieser Rebsorte bekommen höhere Alkoholwerte (13, 14 Prozent) offenbar besser. Eines der Highlights des Abends war der Auxerrois von Wolfram Proppes Golmsdorfer Gleisburg, der fast einhellig als „genial“ klas- sifiziert wurde. 

Sauvignon angekommen

In den letzten Jahren hat sich mit dem Sauvignon Blanc (zwei) eine der internationalen Rebsorten auch an Saale-Unstrut breit gemacht. Offenbar geht das Konzept auch jung abgefüllt auf. Borns durchgegorene Tankprobe gefiel dabei einen Frucht-Hauch besser als der halbtrockene von Thürkind. Beim Cabernet Blanc (Tankprobe) sorgte nur der Gastgeber für ein 2018er Exemplar. Dieses überzeugte im Geschmacksbild irgendwo zwischen den im Gebiet in den Vorjahren präsentierten meist trockenen und denen mit deutlicher Restsüße ausgestatteten Exemplaren. 

Einige brauchen noch Zeit

Sehr gelungen das Bacchus-Feld (sieben): Klaus Böhme, Pawis, Herzer, Zahn und Schulze voran. Kerner und Kernling (drei) brauchen noch Zeit. Schulzes Johanniter Spätlese ist dagegen schon sehr präsent. Beyers Scheurebe war handwerklich top. Bei den Traminern stach, mal wieder, Schulze hervor. Schon jetzt ein absolutes und rares Vergnügen bereitet der Muscat Ottonel vom TWG. Beim Ortega stellte Dr. Hage eine schon sehr komplexe Spätlese vor. Herzer machte mit der Fassprobe einer Trockenbeerenauslese Lust auf das ausgereifte Produkt. 

Starker Auftritt der Rosés 

Wie schon in den Vorjahren stellten die hellen Tropfen aus dunklen Trauben ein sehr großes Feld. Sie sind offenbar von sommer-warmen Terrassen nicht mehr wegzudenken, sondern gehören zunehmend auch in Herbst und Winter. Insgesamt 14 nach verschiedenen Methoden erzeugte Weine, meist in Rosa, standen diesmal auf der Liste. Dabei zwei Blanc de Noir. Der sehr runde von der Winzervereinigung und ein würziger vom Blauen Zweigelt aus dem Hause Zahn lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Bei den Rosés landete Thürkinds Portugieser weit vorn, aber auch Born, Heft, Klaus Böhme, Werkstück Weimar, Zahns „Passion Z“ sowie deren Zweigelt Weißherbst und Herzers Spezialität, der André – da ist sehr viel Erfreuliches auf dem Markt. 

Erstaunlich auch die drei Rotlinge. Gelungen – wie stets – Pawis „Rosalie“. Diesmal allerdings übertrumpft von Johannes Beyer, der diese Methode seit Jahren kultiviert. 

Weine für die Feiertage

An den bevorstehende Feiertagen müssen besondere Weine ins Glas. Erst recht bei einem aus dem Weihnachtsland Erzgebirge stammenden Weihnachts-Fan. Im Marketing-Sprech der Branche ist von „Weinnacht“ die Rede. Trifft es. Habe vor einem Jahr Weine für die Feiertage 2017 vorgestellt, fast 2500 Leute fanden das interessant. Und schon kamen die ersten Anfragen: Was gibt es 2018?
Meine Strategie hat sich nicht geändert. Es werden an den bevorstehenden Feiertagen wieder die Weine getrunken, die mit einer besonderen Geschichte verbunden sind oder die einfach neugierig gemacht haben. Dass diese Weine auch qualitativ weit oben stehen (sollten), versteht sich von selbst.
Das sind die Weine für die Feiertage 2018:

Sherry Tio Pepe Fino En Rama, Gonzáles Byass, Spanien

Dieser Tio Pepe Fino ist mir bei einem Sherry-Tasting  aufgefallen und danach ist gleich eine Batterie in den Keller gewandert. Dieses  Mandel-Aroma, Haselnuss, die leichte Salzigkeit, überhaupt vielerlei Aromen, dazu die Frische: Ja, der hat was. Wird der Aperitif vor dem Weihnachtsessen – seit mehr als  50 Jahren ganz klassisch Gänsebraten. Der amerikanische Dramatiker Thomas S. Elliot bringt es auf den Punkt: „Alles, was ein zivilisierter Mensch braucht, sind ein oder zwei Glas Sherry vor dem Essen.“ Machen wir.

Traminer vom Julius-Echter-Berg, Johann Ruck, Franken

Aus Franken kommen Weltklasse-Silvaner. Johann Ruck in Iphofen ist eine sichere Bank. Doch auf der berühmten Lage Julius-Echter-Berg wächst nicht nur Silvaner, sondern auch Traminer. Und der ist würzig, kernig, richtig schön. Steht übrigens auch bei Sterne-Köchen auf der Karte. Einen Traminer von Johann Ruck gibt’s zum weihnachtlichen Gänsebraten. Nach vielen, vielen Experimenten hat sich ganz persönlich der Traminer/Gewürztraminer als perfekte Begleitung  herausgestellt. Auch Sterne-Köche liegen manchmal richtig. 

Sausenheimer Honigsack St. Laurent, Weingut Gaul, Pfalz

War die Entdeckung bei Wein am Dom 2018 in Speyer. Nochmal in Ruhe: St.Laurent! Eigentlich österreichisches Herrschaftsgebiet. Aber die Ösis werden blass, dieser Pfälzer ist ganz groß.  Zitiere aus den Notizen vom April: Perfekt balanciert, Gewürze, Zedernholz, immer neue Aromen, jeder Schluck eine Entdeckungsreise. Kommt an einem der Weihnachtstage auf den Tisch. Das Weingut Gaul in Grünstadt-Sausenheim, 19 Hektar, ist ein reiner Frauenbetrieb: Karolin Gaul führt ihn zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Dorothee. Habe Gaul 2015 entdeckt, nehme mir seither jedes Jahr vor, mal hinzufahren. Vielleicht klappt es 2019. 

Shiraz Reserve, Kitron Winery, Israel

Noch immer allerbeste Erinnerungen vom Besuch im Mai in der Kitron Winery. Das Weingut in Hosha’Aya mit Blick auf das historische Zippori ist noch ganz jung (erst 2017 fertiggestellt), hochmodern, stylisch, mit spannenden Weinen. Beim Shiraz 2010 sind die Trauben auf 800 Metern Höhe in Hochgaliläa gewachsen, dann 30 Monate in Eichenholzfässern gereift. Zu früh? Vielleicht, aber auf jeden Fall ein Fest für Shiraz-Fans wie Madame einer ist – Happy Wife, Happy Life. Mir schmeckt er auch. Leider nur eine Flasche im Keller (wegen teuer + Flugzeug). 

Belle Naturelle, Weingut Sonnhof Jurtschitsch, Kamptal

Habe mich lange schwer getan mit Orange-Weinen. Ändert sich seit einiger Zeit komplett, werde mehr und mehr Fan. Der Belle Naturelle vom Veltliner verspricht auf dem Etikett „ungeschminkt, ungeschönt, unfiltriert“, klingt schon mal spannend. Sogar von „Adam und Eva Kostüm“ ist die Rede, oh, là, là. Habe den Wein noch nicht probiert, das wird spannend. Ein Reinfall droht kaum.  Jurtschitsch ist eine gute Adresse in Österreich, konnte mich davon persönlich überzeugen. Den Belle Naturelle gibt’s Silvester. 

Sherry Sherry Lady 

Karoline Köster

Nachdem vor allem Österreich mich zu meinem letzten Termin als Vertretung des Weinbeobachters gezogen hat, ist es dieses Mal tatsächlich der Wein, der meine Neugier weckte. Ein ganz besonderer Wein, nämlich Sherry, den ich sowieso schon lieber trinke als die meisten klassischen Weißweine.
Wie harmoniert Sherry zu, ganz profan – Essen? Ein hervorragendes Dinner rund um die Kreuzberger Ente mit sorgfältig ausgewählten Sherry Weinen gab Antwort.
Dass „Kreuzberger Ente“ tatsächlich ein Begriff ist, wusste ich bis dato nicht, habe mir aber erschlossen, dass es wie bei einer Peking-Ente darum geht, alle Teile oder in der Berliner Variante möglichst viele Teile der Ente für die verschiedenen Teile des Menüs zu verwenden. Die Küche des Orania.Berlin rühmt sich in Sachen Kreuzberger Ente besonders damit, für ein Gericht nur drei Zutaten zu verwenden und trotzdem ganz besondere und extravagante Kreationen zu servieren. Aber es soll hier weniger um das Essen gehen, mehr um den Wein, den Sherry. 

Funktioniert bestens 

Ich nehme gleich die Haupterkenntnis des Abends vorweg: Sherry ist eine hervorragende Wahl bei sehr würzigen und fettig-salzigen Speisen. Gerade jetzt in der Winter-, Advents- und Weihnachtszeit, wenn der Weinfreund sich fragt, welchen Wein er zum Gänsebraten oder zur Ente am Besten serviert, dann kann er sich von den üblichen Verdächtigen getrost mal abwenden und zum Sherry-Vorrat greifen. Den man unbedingt haben sollte.
Zum Gegessenen und Getrunkenen des Abends lässt sich sehr viel sagen, ich beschränke mich auf drei von fünf Gängen, die mir drei sehr unterschiedliche Sherrlebnisse (genauso nennt man es) gebracht haben.  

Entendashi & Dim Sum mit Amontillado 

… vom Consejo Regulador Jerez-Xérès-Sherry

César Saldaña

Gleich das Highlight des Abends. Nein, nicht nur der Sherry selbst, sondern César Saldaña, der Generaldirektor des Sherry-Kontrollrates (so verstehe ich Consejo Regulador), der Sherry prüft und natürlich auch produziert. César Saldaña ist ein Spanier aus der Genussmittelbranche, wie man ihn sich vorstellt. Gutaussehend, galant, charmant, mit feinem Humor und immer einem verschmitzten Lächeln in den Augen. Und natürlich leidenschaftlicher Botschafter für Sherry Weine. Man hört ihm gern zu, wenn er mit herrlichem spanischen Akzent über die Weine philosophiert. Und man lässt sich von ihm gern in den Sherry-Genuss hineinführen. 

Das habe ich auch getan und gleich bei diesem Gang (meinem ersten) kam die Offenbarung. Wie unheimlich köstlich schmeckt sowieso schon dieses Entendashi, ich vermute, es handelte sich um Innereien und Knochen ausgekocht zu einem sehr salzigem, sehr würzigem, sehr asiatisch anmutendem Sud. Wie perfekt ist der Genuss in Kombination mit diesem Amontillado. Ein kleiner Ausflug in die Sherry-Kunde: Amontillado ist der intensivste, würzigste der trockenen Sherry-Typen. Im Alleingang wäre er mir zu trocken und zu stark gewesen, solo sind mir halbtrockene oder auch die trockensten von den Süßen am liebsten. Aber mit dem würzigen Entengericht ein echter Volltreffer. Innerlich vorgemerkt als Begleiter für die Weihnachtsgans. 

Krosse Haut, Gurke & Pfannkuchen mit Palo Cortado

… vom Consejo Regulador Jerez-Xérès-Sherry

Palo Cortado ist der würzigste von den süßen Sherrys. César Saldaña sagt, dieser Sherry sei mysteriös. Ich stimme ihm zu, eigentlich ist er schon süß. Aber dann irgendwie auch nicht, ein bisschen bitter im Nachgang und sonst stark im Geschmack und damit ist eben nicht die Süße gemeint. Solo eigentlich interessant, aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch das Gericht war natürlich sehr lecker, aber ein wenig zu viel von Allem. So viele Aromen (Ingwer, Gewürzgurke, Soja, Pflaume…) und dann so ein komplizierter Sherry – das war ein wenig zu wild. 

César Saldaña spricht derweil von den Eigenheiten des deutschen Marktes. Die Deutschen würden eher günstig statt hochwertig kaufen wollen, wobei der Trend der Sherry-Erzeuger – natürlich – eher in Richtung Qualität statt Menge gehe. Aber Sherry sei sowieso schwer zu verkaufen. Zudem gäbe es viele Fälschungen, besonders in den USA (drittgrößter Absatzmarkt für Sherry nach Großbritannien und den Niederlanden).

Brust, Pfeffer & Pak Choi mit Oloroso 

… von Rey Fernando de Castilla und von Gutiérres Colosia

Zum Fleisch bekommen wir zwei verschiedenen Oloroso serviert, wieder eine trockene Art. Ich schmecke nur sehr geringe Unterschiede zwischen den beiden Sherrys. Der Oloroso ist etwas beißend und leicht säuerlich. Solo nicht mein Geschmack, aber hier hat wieder das Essen geholfen. Die Entenbrust war etwas süßlich und das Pak Choi sauer angemacht. Der Sherry wurde dadurch leichter und angenehmer. Fand ich ganz gut. Hier auch passend der Tipp für Sherry-Newcomer vom Generaldirektor: Trinkt Sherry mit dem Essen zusammen. Für den Beginn Manzanilla mit Oliven, daran entscheidet sich, ob man zum Sherry-Freund wird oder nicht. Dann kann man mit Sherry zu Schmorgerichten weitermachen und letztendlich natürlich mit Desserts kombinieren. 

Auch asiatisch und orientalisch passt

Ich kann das nur bekräftigen und erweitern: Sherry mit asiatisch gewürztem Essen! Der geht einfach nicht unter, sondern kann sich gegen die starke Gewürzpalette behaupten. Wir haben es letztens ausprobiert: mit orientalischen Gewürzen kann der eine oder andere Sherry auch mithalten.
Zu guter Letzt noch eine Weisheit des galanten Sherry-Botschafters: Trinkt Sherry bloß nicht aus Sherry Gläsern! Warum? Antwort ist nicht notiert und nicht wichtig, macht es einfach so! Ich vertraue da ganz auf César Saldaña.

Im Portwein-Himmel 

Portwein-Messe in Leverkusen: Höchste Zeit, mich weiterzubilden. Denn meine Erfahrungen in Sachen Portwein waren bisher eher schmal, aber ein Tasting in Berlin hat Lust gemacht. Die von den beiden Portwein-Gurus Axel Probst und Christopher Pfaff veranstaltete Messe war dann aber noch in anderes Kaliber: 49 Erzeuger stellten 118 Portweine vor. Im Mittelpunkt standen die Vintages von 2016, es gab natürlich viel mehr. Muss nach 55 getesteten Ports plus ein paar Seitensprüngen sagen: Die über 1000 Kilometer Fahrt haben sich mehr als gelohnt – es war ein Ausflug in den Portwein-Himmel. 

Mini-Kurs Portwein

Wer im Begriffsdschungel der Portweine nicht ganz fit ist, hier ein Mini-Kurs.
Ruby heißen die Ports, die nach mindestens zweijähriger Fassreife direkt in die Flaschen gefüllt werden. In guten Jahren gibt es Vintage-Port, also Jahrgangs-Port. Die können im Alter zu ganz großer Form auflaufen.
Tawnys werden nach zwei Jahren in kleinere Fässer umgefüllt und reifen dort weiter, manche  50, 60 Jahre lang. Aber: Ein „Tawny 20 years old“ muss nicht 20 Jahre gereift sein, das ist der Durchschnitt, kann also der Mix eines 10 mit einem 30 Jahre gereiften sein. Taucht der Begriff Colheita auf, handelt es sich um einen Jahrgangs-Tawny.
Es gibt auch weiße und Rosé-Ports. Und, man kann es nicht oft genug sagen: Die besten Trinktemperaturen sind beim White 8 Grad, bei einem Tawny 12-14 Grad und bei einem Ruby 16-18 Grad. Wer es ganz genau wissen will – die sehr informative Website von Axel Probst beantwortet alle Fragen. 

Grandioser Auftakt

Los ging’s in Leverkusen mit einer Vintage-Querverkostung der Jahrgänge 1994, 2003, 2011, 2013, 2013 und 2016 plus zweier Colheitas von 1995 und 2000 von Quinta do Noval. Ein ganz großer Name im Gebiet – da war die Luft gleich mal ganz dünn. Höchstes Niveau, vor allem was den Nacional (Vintage 2016) betrifft, von dem nur 1000 Flaschen abgefüllt sind. Der gehört zu den begehrtesten und teuersten Ports überhaupt, ist natürlich ein Ereignis im Glas. Kraftvoll, voller Power, schon rund, mit vielfältigen Aromen, hat ein ewiges Leben. Ansonsten: Bei den Vintages gab es Unterschiede, mich hat neben dem Nacional der 2015er beeindruckt. Interessant der 1994er: Am Anfang fast unangenehm, schwer zugänglich, leicht muffig. Doch dann hat er sich quasi minütlich entwickelt, sich entfaltet, mit Würze und floralen Aromen geschmeichelt. Am Ende fast die Nummer 1. 

 

„Must drink“ und mehr

Dann der Spaziergang im Portwein-Himmel, gemeinsam mit meinem Kollegen und Portwein-Fan Robert Nößler. Alles zu probieren war unmöglich. Danke an Christopher Pfaff, der einige „must drink“ im Begleitheft angekreuzt hat. Die Tipps waren ein guter Navigator, daneben gab es freilich noch viele andere Entdeckungen. Zum Beispiel – ohne  Rang- und Reihenfolge:
Ein so kraftvoller wie zugänglicher Colheita (2005) von Andresen. Wir waren uns einig: Das ist die perfekte Einstiegsdroge in die Welt der Colheitas.
Wir müssen Dow’s loben für den 2016er Vintage. Der hat eine schöne Frucht, auch Ecken und  Kanten. Genau das macht ihn spannend.

Grandiose Tawnys

Graham’s hatte einen 1983er Vintage dabei, das konnten wir uns nicht entgehen lassen. Der Duft nach Zigarrenkiste war schon sehr speziell, ansonsten hat er uns ziemlich ratlos gemacht. Andere waren begeistert. Mir hat der 2005er Vintage besser gefallen, irgendwie pfiffiger, mehr Charisma.
Bei Quinta de la Rosa konnten wir dem 30y Tawny nicht widerstehen, schön, schön.
Aber bei den Tawnys bleibt für mich Quinta do Mourão das Maß aller Dinge. Ob der 10y, 20y oder der grandiose 40y Tawny – alle top. Der 40-Jährige ist ein Ereignis, ein Mix aus einem 60 Jahre mit einem 20 Jahre gereiften. Der ist rund, fertig, Honig, Trockenfrüchte schmeckt man, der Alkohol ist perfekt eingebunden. Besser geht’s nicht. Im Schatten der Tawnys segelte der 2016er Vintage, auch gut, schön balanciert. Aber Migel Braga hat halt die grandiosen Tawnys. Die sind übrigens schon vor einem Jahr in Berlin aufgefallen. 

Ein Wirkungstreffer 

Weiter zu Niepoort, eine sichere Bank am Douro. Der Bioma Vintage 2016 ist Klasse, weich, würzig, mit ewig langer Präsenz im Gaumen. War nur als Fassprobe zu kosten – abgefüllt wird erst 2019. Bioma ist der Name einer Lage, Niepoorts bester natürlich.
Eine kleine Überraschung war  Quinta do Portal, was wir eigentlich nicht auf dem Zettel hatten. Aber sowohl der elegante Portal Vintage 2016 als auch der charaktervolle Muros (die Lage) Vintage 2016 und der so komplexe 2013er LBV haben ein dickes Plus bekommen. Echter Tipp!
Ein Tipp ist auch der 2016er Vintage von Quevedo. Auch der nicht 08/15, mit Kanten, Kraft, Kaffee im Abgang und vor allem großen Potenzial.
Mein 2016er Vintage-Gewinner kommt von Warre’s, ein eher kleineres Haus. Viel Charisma, schöne Balance zwischen Würze und Süße, große Tiefe. Wir haben den Port „Wirkungstreffer“ getauft. 

Seitensprünge

Dass im Portwein-Himmel auch einige Weine vom Douro zu probieren waren, hat die Mission nicht leichter gemacht. Auch hier strenge Selektion.  Aber auch hier unwiderstehliche Tropfen. Die weiße Überraschung gelang der „Pasadouro White Reserva“ von der Quinta do Passadouro, ganz eigener Charakter, schöne Frische. Bei den Roten ist der Vale Meao 2016 von der Quinta do Meão aufgefallen, schon jetzt erwachsen, mit schöner Tiefe. Der Hammer war aber der Vale D. Maria 2016 von der Quinta Vale d. Maria, eine Cuvée aus rund 40 (!) Rebsorten, so genau weiß es wohl niemand. Fantastisch, kostet leider 50 Euro. 

Rioja in Berlin

Irene Kleißl

Das Stichwort Rioja lässt schon mal die Herzen höher schlagen. Habe allerbeste Erinnerungen. Vom Besuch vor Ort und vom klassischen Tasting einiger Top-Riojas. Konnte zur „Night of Wine – Rioja Edition“ in Berlin aus Termingründen leider nicht persönlich kommen. Beobachtet wurde trotzdem. Weine aus der Rioja in Berlin verkostet hat meine großartige Weinfreundin und Spanien-Liebhaberin Irene Kleißl. Sie wurde nicht enttäuscht. Doch erst einmal hat sie sich gewundert. 

Keine Verlierer

Was ist los mit den Berliner Weinfachleuten? Gerade mal 50 bis 60 Personen besuchten die Top-Veranstaltung. Immerhin gab es 100 der besten Rioja-Weine in cooler Loft-Atmosphäre der Heeresbäckerei zu verkosten. Schade für die Winzer. Aber gut für die, die da waren. Denn an keinem der Thementische gab es Gedränge. Genug Zeit und Platz also, sich den Weinen zu widmen. Fünf Themeninseln gab es. Schon nach dem Besuch der ersten (Blanco + Rosado ) war klar: Hier gibt es keine Verlierer. 

Persönliche Gewinner

Bei den Weißen, die zu unrecht so ganz und gar im Schatten der Roten stehen,  waren im Geschmack sehr wohl große Unterschiede spürbar – nicht aber in der Qualität.  Mein Favorit: Alma Tobía 2016
Nächste Insel: Crianza. Auch hier viele schöne Tropfen dabei, gleichmäßiges Level. Favorit: Castroviejo 2015
Beim Reserva wurde es spannender, weil die Weine doch ziemlich verschieden waren. Mein Tipp bei vielen guten: Zinio 2011.
Gran Reserva: Die Entscheidung für den Favoriten wurde  immer schwerer…. Will aber nicht kneifen:  Imperial 2011
Zum Finale Genérico – die spannendste Insel im Rioja-Meer! Das sind Weine, bei denen man sich nicht an die Regeln der DO halten muss. Nach wunderbaren Entdeckungen komme ich zum Fazit: Regeln NICHT einzuhalten kann auch nützlich sein. Hier fiel die Favoritenwahl schon sehr schwer. Jetzt muss ich doch kneifen – kann mich nicht für einen Sieger entscheiden.

 

Verkostungsnotizen 

Blanco: 
Hazienda El Ternero 2016 – Mandel, salzig, guter Abgang, schöne Säure.
Alma Tobía 2016 – Toast!, wie ein Chardonnay. War selbst bei nicht mehr idealer Temperatur noch gut.
Rosado:
Campo Viejo 2017 – knackig, schöner kräftiger Rosé. Leider der einzige am Start.
Crianza:
El Pacto 2015 – fleischig, viel Kirsche.
Castroviejo 2015 – fleischig, Tabak und ganz viel Kokos.
Dominio de Berzal 2015 – Fell, animalisch, etwas medizinisch. Auch Maggi, muss man mögen)
Miguel Merino Viñas Jóvenes 2014 – viel Vanille, unanstrengend. Schön trinkbar.
Reserva:
Murua 2009 – im Bukett anfangs alternder Rumtopf. Geschmack nach Lakritze, Wildkirsche bzw.  Kornelkirsche.
Fos 2013 – in der Nase Salzkaramell. Wunderbar ausgeglichen und harmonisch.
Magister Bibendi 2011 – Stall, pfeffrig, im Abgang deutlich Lorbeer. Schon ein Magister!
Zinio 2011 – Schafsmilch, sehr gut ausbalanciert. Lakritz, Pflaumenmus, Rumtopf.
Gran Reserva:
Imperial 2011 – duftig, Schokoladenladen!, Mild, sehr lecker, einfach stimmig und fertig.
Marqués de Riscal 2010 – fast süß, Milchschokolade. Nase fleischig, blutig, saure Milch.
Manzanos 2007 – schöne schwarze Johannisbeere, holzig, aber angenehm. Auch was für Frauen.
Viña Olabarri 2010 – sehr komplex. Erinnert an den Reserva Zinio, Pflaume, Lakritz.

Spannende Genérico

La Loma 2015 – sehr sehr lecker. Super Geschmack. Mit allem was der Weihnachtsmarkt hergibt, von Zimt über gebrannte Mandeln, Zuckerwatte etc.
Alma Tobía 2015 – schon beim Weißwein aufgefallene Bodega. Kinderschokolade, dicht, angenehme Säure, Tanninstruktur. Ein Wein für alle vier Jahreszeiten.
Collection Vivanco 2015 – den sollte ein Jäger im Keller haben! In der Nase eher verschlossen, Wacholdergestrüpp. Ein einsamer sensibler Jägersmann, Winterwein. Süßer Kakao, vermutlich DER Wein zu Wildgerichten.
Mazuelo de la Quinta Cruz 2014 – Mokka-Schokobohnen. Blutig, fruchtig, unanstrengend, aber sehr edel.

Reife Franzosen

Reife Franzosen? Initiator dieses Tastings war ein Freund aus Frankreich. Der zweifelte stark, dass Weine aus Bordeaux, Burgund und dem Südwesten nach 15, 20 Jahren immer noch mit Genuss trinkbar sind, so es keine Top-Gewächse sind. Also probieren, im Keller liegt da noch was… Unter anderem: Ein 13 Jahre alter St. Emilion Grand Cru, drei Bordeaux der Jahrgänge 2000, 1996 und 1994, ein Burgunder von 2000, ein 22 Jahre alter Madiran sowie ein restsüßer Jurancon von 2002.
Was war das für eine spannende Geschichte! Die sechs Tester aus drei Ländern kamen aus dem Stauen nicht mehr heraus. 

Erkenntnisse 

Keiner der Weine war umgekippt, alle noch genießbar. Manche so gar sehr.
Einige Weine wurden vor fünf Jahren schon einmal getestet. Höchst erstaunlich die zum Teil sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen und Urteile damals und jetzt. Die Weine haben sich entwickelt!  Wir haben uns in fünf Jahren wieder verabredet.
Beim „Sieger“ gab es – wie so oft – mehrere Meinungen. Dreimal (auch bei mir) hatte der Chasse-Spleen von 1995 die Nase vorn, zweimal der süße Jurancon und einmal der Madiran von 1996. Alt schlägt jung!  

Verkostungsnotizen  

Chateau de Lascours 2005 St. Emilion Grand Cru, Bordeaux. Gebrannte Mandeln? Butter-Toffee, weich, sanft. Süßkirsche, Kakao, keine Tannine mehr, absolut fertig, rund. Aber wo ist der Kerl im Wein? 

Chateau Grand Puy Lacoste 2000, Bordeaux. Jagd, Wald, Pilze, Chlor, Beckenrand, Herbstlaub. Kleine Restspur Tannine, angenehm. Tabak, kalter Aschenbecher. Femininer Wein? Doch ein Kaminwein. Kalter Kaffee?!

Gevrey-Chambertin Labouré-Roi 2000, Burgund. Aschenbecher, Zigaretten, Geschmack Fleischsaft, Kunstleder, nasses Fell. Fleischig, blutig. Marderfell. Das ewige Unterholz im Burgund? Zu soft! 

Chateau Boucasse Madiran 1996, Südwesten.  In der Nase animalisch, Landleben, Stallgeruch. Geschmack ganz anders. Zum Cassoulet wieder ganz anders, nicht mehr animalisch. Dafür mehr Frucht, Himbeeren, Himbeerblätter, Vanille, Trockenpflaumen. Zwetschgenwassersud, das leicht gärt. Eine Herausforderung!

Chateau Chasse-Spleen 1995, Bordeaux. Komische Nase, schmeckt aber besser als er riecht. Absolut fertiger Wein, rund, harmonisch. Apfel, Apfelschale, Butterstreusel, Apfelkuchen mit Butterstreusel. Sehr gut, sehr erstaunlich! Der Greis ist heiß! 

Chateau Talbot 1994, Bordeaux. Farbe schönes rot, Nase nach Zitronenzesten und Meer, Brackwasser. Kräutrig, Thymian, staubig, heißer Sommer, getrocknete Kräuter, aber verstaubt. Wirklich Senf? Hat noch Biss, Ecken und Kanten. Der lebt noch!

Chateau Jolis, Jurancon 2002, Südwesten. Goldene Farbe. Ein Fruchtkorb, Mango, Ananas, Mirabellen, Aprikosen, kandierte Früchte. Macht viel Spaß, ein würdiges Finale. Die zuerst ausgetrunkene Flasche!

Nach der Verkostung

Wein aus Vietnam

Meine Erfahrungen mit Weinen aus Ost- und Südost-Asien waren bisher wenig erbaulich. Wein aus China, Indien oder Japan – Enttäuschungen bis Katastrophen.  Umso größer die Überraschung bei Wein aus Vietnam. Habe bei einer Tour durch Vietnam mehrere Weine probiert. Die meisten waren trinkbar, einige passabel, Reinfälle gab es auch. Alles auf jeden Fall spannend.

Đà Lạt in Südvietnam: Keine Rebflächen, aber Kellereien soll es geben.

Erst Franzosen, jetzt Australier 

Weinanbau in Vietnam wird im Süden um die 1600 Meter hoch gelegene Stadt Đà Lạt (Dalat) betrieben. Đà Lạt – wegen des milden Klimas auch „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt – wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Franzosen gegründet.  Die pflanzten natürlich sofort Reben. Nach dem Indochina-Krieg 1954 kam der Weinbau völlig zum erliegen. Mit Unterstützung australischer Experten gab es in den 1990-er Jahren einen Neustart. Die Weine werden vor allem aus der  Rebsorte Cardinal produziert, zunehmend werden aber auch internationale Rebsorten angebaut.  Aktuell beträgt die Rebfläche in Vietnam rund 2000 Hektar, bis 2020 allen es 2500 sein. 

Infos schwierig 

War drei Tage in und um Đà Lạt unterwegs und habe keine einzige Rebe gesehen. Die Rebflächen seien weit außerhalb, 50 bis 70 Kilometer südöstlich Richtung Meer, war zu erfahren. In Đà Lạt würde(n) sich nur die Kellerei(en?) befinden. Die zu besuchen sei nicht möglich, sagten sowohl ein lokaler Guide als auch die netten Damen vom lokalen Tourismusbüro. Die wollten (oder konnten) nicht mal mitteilen, wo sich die Winery(s) befindet(n). Und wie viele s wohl gibt.

Wein gibt’s (fast) überall 

Vietnam-Weine im Laden.

Die „Ladora Winery“ (Lebensmittelkonzern Ladofoods) ist der Platzhirsch. Habe wohl auch Weine anderer Hersteller getrunken, allerdings ist das Studium der Etiketten kompliziert.  Auch wenn die Produktionsmengen offenbar nicht groß sind – vietnamesischen Wein zu bekommen ist kaum ein Problem. Im Norden ist es etwas schwieriger. Im Süden aber gibt’s den Wein in Supermärkten und bei vielen Straßenhändlern, in Đà Lạt und Umgebung überall. Die Preise schwanken – zwischen 50000 Dong (knapp 2 Euro) für einfache Qualitäten bis 730000 Dong (27 Euro) für Spitzentropfen. Auch in einigen Restaurants steht der Wein auf der Karte (zum Ladenpreis!). In besseren Lokalen hat man jedoch wenig Vertrauen zu Wein aus Vietnam – da dominiert Chile, Australien, Südafrika und Frankreich. 

Vorsicht, Kleingedrucktes! 

Habe mich mangels Weingüter also auf den Märkten mit Wein eingedeckt. „Vang Dalat“ (in weiß und rot) heißt die Standard-Marke, alle im 3-Euro-Bereich. Der Weiße macht wenig, eigentlich keine Freude. Der Rote kommt so lala daher, brav, aber irgendwas ist komisch.  Im Kleintext auf der Rückseite (mit der Lupe erspäht) steht da: „Blended from Cardinal grapes and  Dalat’s Mulberry fruits.“ Also: Eine Cuvée der Rebsorte Cardinal und dem Saft von Maulbeeren. Scheint bei Wein aus Vietnam populär.  

Die Besseren

Aber es gibt auch reinsortige Weine, und die haben mir besser geschmeckt. Die „Premium“-Cuvée Syrah-Cardinal (6,80 €, DalatBeco) zum Beispiel. Doch auch hier macht das Kleingedruckte stutzig: Da steht zwar kein Jahrgang, dafür die Angabe des Konservierungsmittels E200. Ohne Konservierungsmittel und mit Jahrgang (2015) der reinsortige Cabernet Sauvignon von Chateau Dalat (8,50 €), durchaus solide.  Gilt auch für die Cabernet-Merlot-Cuvée „Extra“ von Chateau Dalat (14 €), passabler Standard.

Es geht auch weiß

Ein als „Excellence“ verkaufter Chardonnay (6,50 €) rettet die Ehre der Weißweine, auch wenn das Urteil exzellent sicher übertrieben ist. Okay trifft es eher. Immerhin war die Rebsorte erkennbar, die leichte Note von tropischen Früchten im Aroma hab ich als „regional  Footprint“ interpretiert, was ja jetzt sehr gefragt ist. Auf Beimischungen von Obstwein deutete nichts hin.
Zu den Preisen: Für uns klingen die normal, für einen Normalverdiener in Vietnam (Durchschnittseinkommen pro Monat 160 Euro/Stand 2016) sind die Weine extrem teuer. 

Ein Reinfall

Wollte zum Abschluss nochmal ganz lokal trinken und wähle einen mit nicht-englischsprachigem Etikett: „Dabeco – Vang ngot“. Als einzige englische Bezeichnung steht noch „High Quality Wine“ auf dem Label. Ein Reinfall, der Wein war süßlich, charakterlos, zum verkippen. Bin wieder in die Kleingedrucktes-Falle getappt. Habe die Rückseite übersetzen lassen    Wein von Maulbeeren.
Muss als Fazit zum Thema Wein aus Vietnam einem Blogger-Kollegen zustimmen: Es geht nicht um uns Europäer. Es geht um die Geschmäcker der Vietnamesen. Und für die Touristen und vielleicht die obere Mittelschicht im Land wird ein bisschen Cabernet, Merlot oder Chardonnay angebaut. Das funktioniert. 

In WM-Form: Sauvignon Blanc aus dem Friaul  

 

Frank Schober

Großes Friaul Tasting? Das verspricht schönen Sauvignon Blanc. Genau der richtige Termin für meinen Kollegen Frank Schober, einem bekennenden Sauvignon Blanc-Fan. Und auch Teilnehmer schöner Sauvignon Blanc-Verkostungen sowie eines spannenden Blind-Tastings. Das Friaul hat ihn nicht enttäuscht – die Weine sind in WM-Form. Was es damit auf sich hat? Sein Bericht:

Wenn die Winzer aus dem Friaul vom März 2019 erzählen, bekommen sie aus lauter Vorfreude glänzende Augen. Man spürt deutlich: Die Wein-Macher aus der Region im Nordosten Italiens sind sehr stolz darauf, dass im kommenden Jahr ein nicht unerheblicher Teil der Welt des Weines zu ihnen blickt. Denn nach den letzten Treffen der Weltelite in Bordeaux (2017) und Graz (2018) findet diesmal in Udine die Weltmeisterschaft der Sauvignons statt.

Im Reich exotischer Früchte

Die Gastgeber rechnen sich gute Chancen aus, findet doch der Sauvignon Blanc dank der Kalksandstein-Böden und des Klimas im Friaul beste Bedingungen vor. Und fast jeder Betrieb in der Region steckt viel Liebe und Kraft in diese beliebte Rebsorte. Auch die 17 Winzer, die beim „Großen Friaul Tasting“ im Grand Westin an der Berliner Friedrichstraße vertreten waren, hatten fast alle einen Sauvignon Blanc mitgebracht. Schon die Nase erinnert vielfach an die Weltklasse-Tropfen der neuseeländischen Sauvignon Blancs, denen seit Jahrzehnten eine führende Position zugesprochen wird. Auch geschmacklich glaubt man sich meist im Reich exotischer Früchte wiederzufinden. 

Aus der „Höhle des Wolfes“

“Unser Sauvignon soll nicht aufdringlich sein – trotzdem ist er ausdrucksstark“, so das Motto im Weingut Perusini. Elegant und rund, aber nicht als Explosion im Glas – so kommt auch der Tropfen aus dem Hause „La Buse dal Lof“ (auf Deutsch: „In der Höhle des Wolfes“) daher. Im Weingut „Grillo Iole“ wird die Sauvignon-Traube verschieden ausgebaut und zu unterschiedlichen Zeiten abgefüllt – das Ergebnis sind zwei eigene Charaktere, die beide Spaß bereiten. 

WM-Gold in Sicht?

Bei „Dri – Il Roncat“ zeigt sich, dass es beim Sauvignon Blanc keinen einheitlichen Friaul-Geschmack gibt. Die Frucht dieses Tropfens kommt sehr dezent rüber. Kein Wunder: Das Weingut liegt im kühleren Norden, die Reben finden andere Bedingungen vor, die Lese beginnt Mitte Oktober, also vier bis sechs Wochen später. Auf die WM 2019 freut sich das Weingut „Pizzulin Denis“ ganz besonders – dieser Betrieb hat eine der zuletzt 176 vergebenen Silbermedaillen zu verteidigen. Oder will in den Kreis der Gold-Weine aufsteigen.

Spannung in Udine

Im März 2019 wird es spannend in Udine, das beim zehnjährigen Jubiläum des Wettbewerbes zum zweiten Mal der Gastgeber sein wird. Rund 1000 Weine aus der ganzen Welt werden den speziellen Charakter, aber auch die Vielfalt der Rebsorte unter Beweis stellen. Im März 2018 gingen zwei der sechs Hauptpreise an die Gastgeber aus der Steiermark. Das Berliner Tasting lässt vermuten: In wenigen Monaten kann sicher auch das Friaul bei der Vergabe der Trophäen mitmischen.

Weingut-Besuch: Wackerbarth

Besuch im Weingut Schloss Wackerbarth. Das Panorama ist einfach sensationell. Das Barockschloss Wackerbarth in Radebeul, dahinter der Weinberg (6 ha), Steillage, mittendrin ein Belvedere. Alles in perfekter Harmonie, die pure Idylle. Hier ist Sachsen am schönsten.
Auf dem Gelände die 2002 eröffnete moderne Vinothek direkt neben der Kellerei mit Gastronomie, Shopping- und Verkostungsraum etc. Europas erstes Erlebnis-Weingut, behaupten die Erben des Reichsgrafen August Christoph Graf von Wackerbarth, Minister unter August dem Starken, selbstbewusst. Der Gegenbeweis steht aus. Fakt ist, Wackerbarth war als einziges deutsches Weingut auf der MOMA San Francisco für die Show „How wine became modern“ eingeladen. 190000 Gäste besuchen Wackerbarth pro Jahr. Es ist ein Ort voller Geschichte und Geschichten.

Geschichte …

1728 wird das barocke Herrenhaus „Wackerbarth Ruh“ durch Hofarchitekt Johann Christoph Knöffel erbaut. Was hat dieses Kleinod in Radebeuler seither nicht alles erlebt: Wackerbarth war Schloss, Schule, Heilanstalt, Ruhesitz, Wohnsitz, Staatsbesitz, Reservelazarett, Kommandantur, Poststelle und was nicht noch alles. Das neuzeitliche Weingut geht auf das 1928 gegründete Staatsweingut zurück. Nach dem Krieg heißt es „Staatsweingut Lößnitz“, später firmiert es unter „VEG Weinbau Lößnitz“ und wird 1950 zum „Volksweingut Radebeul“. Der friedlichen Revolution in Ostdeutschland folgen bewegte Zeiten für Wackerbarth. Im Juli 1990 wird das volkseigene Gut zur „Weinbau Radebeul GmbH“ umfirmiert. Die kommt 1992 in den Besitz des Freistaates Sachsen, womit es wieder zum „Sächsischen Staatsweingut Wackerbarth“ wird. Es gibt Bestrebungen zur Privatisierung, doch dazu kommt es nicht. 1998 entscheidet die sächsische Landesregierung das Staatsweingut weiterzuführen. Am 1. September 1999 wird die „Sächsische Staatsweingut GmbH Schloss Wackerbarth“ als Tochter der Sächsischen Aufbau Bank gegründet. Danach beginnen Sanierungsarbeiten und der Bau der Vinothek.

…. und Geschichten

Bei so viel Geschichte gibt es viele Geschichten. Da ist die Sektgeschichte, bis heute eng verbunden mit dem Namen Wackerbarth. Die Sektbereitung in Sachsen beginnt 1836 mit der Gründung der ersten sächsischen Manufaktur für moussierende Weine – der Sektkellerei „Bussard“. Von der ersten sächsischen und einer der ältesten Sektkellereien Europas gibt es herrliche Geschichten. Erster Kellermeister ist Joseph Mouzon aus – natürlich der Champagne, Reims. Der bringt die „Méthode champenoise“, die klassische Flaschengärung, nach Radebeul. Im Zuge der in der DDR angeordneten Verstaatlichung aller Betriebe 1972 zieht „Bussard“ nach Wackerbarth um. Bis heute werden die Sekte nach der klassischen Flaschengärung hergestellt. Dann gibt es noch die Geschichte des Rauhgrafen von Wackerbarth. Der gilt als Erfinder des Glühweins. Ein Rezept von 1834 wurde gefunden – es dient als Grundlage für Wackerbarths  Weiß & Heiß“.

Spritzig geht’s los

„Unsere Weine sind Balletttänzer“, sagt Wackerbarths Kommunikationsleiter Martin Junge. Mag sein. Aber wie schmecken sie denn nun, die Balletttänzer?

Start mit Sekt, wie es sich auf Wackerbarth gehört. Nicht unbedingt meine Welt. Aber den Hommage 1836 (in Erinnerung an die Gründung der ersten Sekt-Manufaktur in Sachsen) lass ich dann doch nicht stehen. Der 1836 wirkt im ersten Moment schön barockig, strahlt irgendwie Geborgenheit aus. Liegt das etwa am Etikett? Gegen den Sekt Pinot Brut 2014 (Cuvée aus Weißburgunder, Spätburgunder und Grauburgunder) gibt es auch nicht viel einzuwenden. Erst recht nicht gegen den Brut Nature von 2010. Der hat wirklich Champagner-Qualität, kostet aber nur die Hälfte eines halbwegs passablen Champagners. Überraschung – auf Wackerbarth kann man zum Sekt-Liebhaber mutieren.

Weiße Ideen

Nun die Weißweine. Da führt kein Weg am Goldriesling vorbei. Das ist eine nur in Sachsen angebaute Rebsorte, auf die die Sachsen auch verdammt stolz sind. Der von Wackerbarth fällt zuerst wegen des originellen Etiketts auf. Im Gegensatz zu manch anderen wenig charismatischen Goldrieslingen aus der Region hat der 2017er von Wackerbarth Geschmack, eine schöne Muskat-Note, ein bisschen Melisse, ein bisschen Pfirsich. Klar einer der besseren seiner Art. Das gleiche Etikett hat der Bacchus. Auch Bacchus steht bei mir nicht obenan. Aber siehe da, auch der macht Spaß, hat eine schöne Trinkigkeit, weiße Johannisbeeren und Stachelbeeren werden im Gaumen entdeckt. Das geht schon mal gut los.

Und interessant weiter. Die Cuvée Elbterrassen gibt es in trocken (6,5 g Zucker, 6,8 g Säue) und halbtrocken (12,0/7,6). Die Idee: Das Weinland Sachsen in einer Flasche. Die Formel: Riesling + Solaris + Müller-Thrugau + Bacchus + Scheurebe = Elbterrassen. Ziel ist die Weinlinie „cool climate“ und mit dem Markennamen Elbterrassen ein wiedererkennbarer Geschmack, ein gleiches Profil. Was besser schmeckt, trocken oder halbtrocken? Geschmackssache!

Aus dem Paradies

Jetzt Eintritt ins Paradies. Zunächst in die Edition Paradies. Wieder originelle Etiketten, da war ein Künstler am Werk. Im konkreten Fall der in Thüringen geborene Grafiker Gregor-Torsten Kozik. Edition Paradies ist die neuerdings (nicht nur in Sachsen) sehr angesagte Cuvée Riesling plus Traminer. Der Traminer macht in der Nase das Rennen (Rose!). Im Geschmack ist die Sache nicht ganz so eindeutig, da spielt der Riesling schön mit. Das Ergebnis ist eine schön konzentrierte Cuvée mit reifer Frucht und trotzdem viel Frische. Der nächste Paradies – eine 2016-er Riesling Spätlese vom Radebeuler Paradies (eine der Premiumlagen im Elbtal) – macht seinem Namen alle Ehre. 50 Gramm Restzucker und 7,4 Gramm Säure harmonieren bestens, die Nase ist verführerisch. Florale Aromen, Blumen, Rosen, und noch viel mehr kommen aus dem Glas. Ein feines Tröpfchen.

Und es kommt noch besser. Die Traminer Spätlese von der legendären Lage Goldener Wagen ist ein Highlight für Freunde der restsüßen Weine. Ein toll balancierter Wein, verflüssigte Rosen, Anklänge an Litschi und einer Spur Honig. Zu danken sei dieser Schmeichler einem besonderen Traminer-Klon, ist zu erfahren. Beim Blick auf die Idylle mit Schloss, den steilen Weinterrassen und dem Belvedere – und das auch noch im Sonnenschein –  will man eigentlich gar nicht mehr weg.