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Gutedel mit Überraschungen

Zum Gutedel gibt es einen Kalauer: Der Name sei eine einzige Lüge – Gutedel sei ja weder gut noch edel. Fakt ist: Die Weine sind bekömmlich, leicht und säurearm. Gutedel sollte jung getrunken werden, sagt die Lehre. Aber gehobenere Qualitäten haben schon Alterungspotenzial – wegen der niedrige Säure ist das freilich begrenzt. Wenn sich ein Winzer mit dem Gutedel Mühe gibt, kann das ein richtig schöner Wein werden. Weil die Rebe einen eher geschmacksneutralen Charakter hat, kommen das jeweilige Terroir, Boden, Kleinklima und Lage der Rebfläche in jedem Wein zum Ausdruck. Freilich nur, wenn sich der Winzer Mühe gibt und nicht nur auf das beachtliche Ertragspontenzial (bis zu bis 150 hl/ha sind möglich) schaut.

Wenig populäre Sorte

Roter Gutedel

Die Sorte ist nicht sehr populär. Gutedel wird in Deutschland nur in den Gebieten Markgräflerland (Baden, 1117 ha), Saale Unstrut (23 ha), Sachsen (3 ha), Pfalz (1 ha) und Rheinhessen (1 ha) angebaut. In der Schweiz sieht das ganz anders aus, mit fast 4000 Hektar ist das Land das wichtigste Anbaugebiet dieser Rebsorte. Dort heißt er jedoch Chasselas oder Fendant, Moster, Junker und Schönedel sind weitere Synonyme. Gekeltert wird die Sorte auch in Rumänien, Tschechien und Ungarn.

Zwölf Gutedel im Test

In einer Gruppe haben wir zwölf Gutedel verkostet – acht aus Saale-Unstrut, zwei aus Baden, zwei aus der Schweiz. Das Tasting war hochinteressant, weil die angeblich so langweiligen Rebsorte eine kaum vermutete Vielfalt zeigte. Ja, es gab Vertreter, wo „dünn und beliebig“ notiert ist. Oder auf Frucht getrimmte Weine, klar gemacht für den Massengeschmack. Was gar nicht schlimm ist – auch Gutedel will verkauft werden. Die beiden Schweizer sind aufgefallen – der von Les Murettes mit einer laktischen Note, nicht wirklich einladend. Dem üppigen Fendant vom Cave St. wurde viel Charakter attestiert, doch er spaltete das Gremium. Die klare holzige Note war nicht jedermanns Sache.

Überraschender Sieger

Mons Omnium Sanctorum

Wir haben nicht gepunktet, aber am Ende abgestimmt. Es gab keinen einstimmigen „Sieger“, jeder hatte seinen Favoriten. Meine Nummer eins hat mich selbst überrascht: Der 2018er Rote Gutedel Mons Omnium Sanctorum von Saale-Unstrut hatte im privaten Ranking die Höchstpunktzahl. Notiert: blassrosa, sehr hell, schöne rauchige Aromen, Mandel, Walnuss. Ein subtiler, spannender Wein. Roter Gutedel? Das ist eine Mutation des Weißen. Außer der roten Hautfarbe der Beeren und der nicht ganz so hohen Erträge sind die Eigenschaften und Merkmale identisch mit denen des Weißen Gutedel. Der Vergleich ist also erlaubt.

Überraschende Siegerin

Petra Wiegel

Ein überraschender Sieger für mich also. Genauso eine Überraschung war, wer sich hinter Mons Omnium Sanctorum (Allerheiligen-Berg) verbirgt: Eine Hobby-Winzerin! Petra Wiegel bewirtschaftet seit 2014 in ihrer Freizeit 950 Rebstöcke (Weißer und Roter Gutedel). Die Lage heißt Mons Omnium Sanctorum, eine der ältesten Weinlagen an Saale-Unstrut. Ausgebaut werden die Weine im Weingut Johannes Beyer – über den hier auch schon berichtet werden konnte. Der Rote Gutedel war Spitze, der Weiße konnte da nicht ganz mithalten

Die probierten Gutedel (persönliches Ranking)

Mons Omnium Sanctorum (Saale-Unstrut)
Roter Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Klaus Böhme (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Winzerkeller Auggener Schäf (Baden)
Weisser Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Cave St. George (Schweiz)
Fendant 2016 (12,0% Alc.)
Thüringer Weingut Bad Sulza (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Weingut Hey (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Peter Landmann (Baden)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Mons Omnium Sanctorum (Saale-Unstrut)
Weisser Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Grober Feetz (Saale-Unstrut)
Gutedel Muschelkalk 2017 (11,5% Alc.)
Les Murettes (Schweiz)
Fendant 2016 (12,7% Alc.)
Weingut Köhler-Wölbling(Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Zahn (Saale-Unstrut)
Gutedel 2017 (12,0% Alc.)  

Große Gewächse 2018

Alle Jahre wieder – Anfang September stellen VdP-Güter ihre Großen Gewächse des aktuellen Jahrgangs vor. Pflichttermin! 118 VdP-Winzer präsentieren ihre Stars in Berlin, fast 600 Weine. Was soll man zu den Großen Gewächsen (GG) von 2018 (Rot 2017) sagen? Viele schöne Weine, die meisten jedenfalls. Schlechte Jahrgänge gibt es ohnehin nicht mehr. Manches GG war schon unheimlich präsent, bei wieder anderen war schnell klar: Die brauchen noch Zeit. Einige Winzer hatten auch gereiftere Weine dabei. Das war gut, denn da war zu schmecken, wohin die Reise bei den Jungspunden gehen kann.
Natürlich ist es nicht möglich, alles zu probieren. Strategie diesmal: Die erste Runde Rotweine, Große Gewächse, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind. Der zweite Flight mit bekannten und bewährten Weingütern. Finale schließlich mit Auslesen.

Die Roten

Start im Badischen, einer Hochburg des Spätburgunder/Pinot Noir. Viele nette Tropfen, die aber Zeit brauchen. Aufgefallen der 2015er Spätburgunder Winklerberg „Pagode“ vom Weingut Stigler in Ihringen. Rund, erwachsen, kräftig und doch harmonisch – stimmig. Pagode deshalb, weil der Großvater der heutigen Besitzer 1900 auf dem Weinberg ein Weinberghaus im Stil eine Pagode errichten ließ – war damals Mode.
Schön auch die Spätburgunder Doktorgarten des Staatsweinguts Freiburg. Der gerade abgefüllte 2017er ist von schöner Intensität, hat eine angenehme Säure und einen charmanten Bitterton. Viel Potenzial! Was möglich ist, verrät der 2012er Doktorgarten – topfit, reif, rund, große Präsenz.
Sichere Bank Fritz Keller. Schön die 2017er Spätburgunder Schlossberg (feine Frische, schon sehr erwachsen) und vom Eichberg (eher muskulös). Für mich kann der 2017er vom Enselberg da nicht ganz mithalten. Dennoch: Hochspannend zu schmecken, wie unterschiedlich sich die drei Spätburgunder vom gleichen Jahrgang präsentieren.

Unterschiede

Bei Bernhard Huber ist das komplette Portfolio zu würdigen: Ob Spätburgunder vom Bienenberg, Sommerhalde, Schlossberg Hecklingen oder Wildenstein (das Filetstück vom Bienenberg) – alles sehr, sehr schön. Die Lagen befinden sich in einem Kreis von nur 5 Kilometern, die Weine lagen 18 Monate im Barrique (1/3 neu, 2/3 gebraucht) und wurden erst vor drei Wochen abgefüllt. Und doch präsentierten sie sich komplett verschieden. Böden, Höhe, Steillage machen die Unterschiede.
In Württemberg führt kein Weg an Rainer Schnaittmann vorbei. Auch hier sehr feiner Spätburgunder vom Fellbacher Lämmler, erst vor zwei Wochen abgefüllt, gereift in 300-Liter-Fässern, davon ein Drittel neu. Schöne Frische im Glas, Kirschen und einiges mehr an roten Früchten zu schmecken. Dickes Plus. Gilt auch für den Lemberger aus der gleichen Lage, toll ausbalanciert, aromatisch mit viel Kraft. Mehr davon!
Schließlich Meyer-Näkel von der Ahr, einer deutschen Spätburgunder-Koryphäe. Keine Enttäuschung. Ob  2017-er vom Sonnenberg (fruchtig und leicht zugänglich), Silberberg (Kirschen!!), Pfarrwingert (mineralische Note) oder vom Kräuterberg (würzig, mineralisch) – keine Ausfälle. Auch hier – die Lagen im nur 8-Kilometer-Umkreis und doch so verschiedene Weine. Mein Favorit war der vom Pfarrwingert.

Heimspiele

Genug der Roten, jetzt Besuch bei vertrauten Winzern. Zuerst aus der Heimatregion. Winzer im  Osten sind schon lange kein Geheimtipp mehr, und spielen auch im Konzert der Großen Gewächse zuverlässig mit. Meine Highlights der vier ostdeutschen VdP-Betriebe:
Vom Weingut Lützkendorf (Saale-Unstrut) der 2018-er Rote Traminer Hohe Gräte, eine echte Rarität, nicht parfümiert, ganz fein. Vom Weingut Pawis (Saale-Unstrut) ein umwerfender 2018-er Grauburgunder vom Edelacker, Bronzefarben, tolle Aromatik. Der 2018 Grauburgunder von Schloss Proschwitz – Prinz zur Lippe (Sachsen) verdient auch Bestnoten, fast ein Orange-Wein, herrlich aromatisch. Schließlich ein absolutes Highlight: Der Riesling feinherb vom Königlichen Weinberg von Klaus Zimmerling, Sachsen. Feinherb klingt komisch -den Begriff bitte ausblenden. Denn der Wein ist extrem vielschichtig, charismatisch, große Präsenz.

Sichere Tipps

Im Silvaner-Land Franken darf ein Besuch bei Rudolf May nicht fehlen. Der 18er Silvaner vom Himmelpfad besticht durch Klarheit, Strahlkraft und feiner Mineralitiät. Im Beton gereift. Der 2018-er vom Rothlauf hat mehr Körper, wirkt geschmeidiger, reifer. Ich würde den Himmelpfad vorziehen.
Bei Heymann-Löwenstein, Mosel, hatte ich kürzlich das große Vergnügen, im Weingut die 2017-er zu verkosten. Da müssen die gerade abgefüllten 2018-er natürlich unbedingt probiert werden. Obwohl ganz anders als die 17-er und noch etwas aufgeregt: durchweg starkes Niveau! Der Riesling vom Kirchberg schon famos, meine Favoriten warn den der Röttgen und der Blaufüsser Lay. Habe in meinen Notizen geblättert –  war bei 2017 auch schon so!
Joh. Jos. Prüm ist sowas von Pflicht. Die Spätlesen vom Graacher Himmelreich und der Wehlener Sonnenuhr sind weltberühmt und haben – natürlich – das erwartbar hohe Niveau. Großartig die Vertikale der Spätlesen von 2017 bis 2015 vom Himmelreich. Was da kommen kann, verrät die Auslese von der Wehlener Sonnenuhr 2003 – topfit, tolle Süße-Säure-Balance, ein Highlight. 2003 war ein ähnliches Hitzejahr wie 2018 – wir können uns freuen. 

Süße Versuchungen

Mit zunehmenden Alter werde ich immer mehr Freund von rest- und edelsüßen Weinen, Auslesen, Beerenauslesen und mehr. Aber mit zunehmenden Alter werde ich diesbezüglich auch immer kritischer (oder nörgliger, wie Freunde mir attestieren). Nur süß reicht nicht, das ist langweilig. Noch schlimmer ist klebrig. Eine spürbare Säure gehört unbedingt dazu, und da wird es nicht so einfach. Langweilige Süße von den Großen Gewächsen waren in Berlin auch dabei, auch klebrige. Doch es gab bei den 30 probierten auch richtig schöne süße Versuchungen.

Meine Favoriten:
2015 Pfülben Riesling Auslese, Schmitts Kinder
(Franken), lebendig, macht Spaß
2015 Nussbrunnen Riesling Auslese, Balthasar Ress (Rheingau) , schön frisch, schöne Säure
2018 Schloss Johannisberger Riesling Beerenauslese, Schloss Johannisberg (Rheingau) 275 Gramm Restzucker sind eine Wucht, dazu 9 Gramm Säure, braucht vielleicht noch etwas
2017 Bastei Riesling Auslese, Dr. Crusius (Nahe), verspielt, fast schlank
2017 Juffer Riesling Auslese Goldkapsel, Fritz Haag (Mosel), 50% Botrytis, 135 Restzucker, großartig
2018 Apotheke Riesling Auslese, Grans-Fassian (Mosel), klare Linie, 90 Gramm Restzucker, schön balanciert
2018 Herrenberg Riesling Auslese, Maximin Grünhaus (Ruwer), feiner Tropfen, ohne Botrytis, 110 Gramm Restzucker
2018 Karthäuserhofberg Riesling Auslese No. 53,Karthäuserhof (Ruwer), No. 53 bedeutet in einem extra Fass ausgebaut und extra abgefüllt, macht Spaß
2018 Karthäuserhofberg Riesling Auslese Karthäuserhof (Ruwer), topfit, wirkt schon sehr reif
2018 Altenberg Kanzem Riesling Auslese, Von Othegraven (Saar), ziemlich fett, aber die 150 Gramm Reszucker sind fein  abgepuffert
2018 Rausch Riesling Auslese, Forstmeister Geltz-Zilliken (Saar), viel von allem, hohe Dichte, fast Barock

 

 

Wein-Entdecker werden

Die Wein-Entdecker-Wochen sind eine nette Aktion des Deutschen Weininstituts (DWI). Vom 6. bis 22. September 2019 finden sie nun schon zum achten Mal statt.  

Viele Ideen 

An drei Wochenenden in dieser Zeit bieten Vinotheken und Weinbars die Chance, deutsche Weine zu probieren und vielleicht auch neu zu entdecken. Also einfach mal Wein-Entdecker werden. Sicher gibt es  auch Weine des aktuellen 2018er Jahrgangs zum probieren. Das lohnt sich unbedingt, der Jahrgang wird schon jetzt ziemlich gehypt. Hier und da dürften auch ältere Jahrgänge eine Rolle spielen, oder mehrere Sorten im Vergleich, oder Wein aus verschiedenen Gläsern – Ideen gibt es viele. Denn an fast 200 Stationen  – das kann eine Vinothek, der Weinladen um die Ecke oder ein Restaurant sein – sind Weinfreunde zu Tastings eingeladen. 

Tasting in zehn Städten 

In diesem Jahr findet der Tag des offenen Weins in zehn Großstädten statt: Hamburg, Leipzig, Dortmund, München, Berlin, Düsseldorf, Nürnberg, Frankfurt, Köln und Münster. Die vinophile  Entdeckungsreise geht jeweils von 14 bis 18 Uhr. In dieser Zeit kann man pro Station drei heimische Weine für 5 Euro probieren. Alle Stationen zu schaffen dürfte freilich etwas schwierig werden, selbst in einer Stadt…

Termine, Städte und Stationen im Überblick:
7. September: Hamburg, Leipzig, Dortmund & München
14. September: Berlin, Düsseldorf & Nürnberg
21. September: Frankfurt, Köln &  Münster 

Wein-Gespräch: Reinhard Löwenstein

Reinhard Löwenstein führt mit seiner Frau Cornelia das VdP-Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Mosel. Der Besuch auf dem Weingut war hochinteressant, das Gespräch mit Reinhard Löwenstein nicht weniger.

Moselwein ist zu einem Markenbegriff geworden. Wie definieren Sie Moselwein?
Wein, der an der Mosel gewachsen ist. Mehr gibt es nicht an Definition.

Bei Moselwein denken viele an Rieslinge mit einer gewissen Restsüße, die klassische Kabinette. Diesen Ruf haben die Moselweine seit über hundert Jahren.
Vor hundert Jahren war fast alles, was an der Mosel gewachsen ist, auf Schiefer gewachsen. Das ist heute nicht mehr so. Heute hat die Mosel 5000 Hektar Flachlagen und 3500 Hektar Schieferlagen. Richtig steil. Wenn man jetzt rechnet, dass die Erträge auf den Flachlagen wesentlich höher sind als auf den steilen Hängen, kann man sagen, dass 70 bis 80 Prozent des Moselweins nicht aus den traditionellen Weinbergen kommt, die man vor 100 Jahren hatte. Das ist also schon von der Basis her etwas ganz anderes.

Was hat sich noch geändert?
Wir haben zum Glück ein etwas wärmeres Wetter. Die Reben werden im Durchschnitt viel reifer als vor hundert Jahren. Wir haben also nicht mehr die schlimmen Ausfälle, dass alles erfroren war oder dass es keine besonders gut trinkbaren Wein gab. Und wir haben eine Fülle an moderner Kellertechnik, die es vor hundert Jahren auch nicht gegeben hat. Die Möglichkeit, Weine so steril abzufüllen, dass die Weine im Kabinett- und Spätlesebereich als sehr leichte restsüße Weine funktionieren – das gab es vor hundert Jahren nicht.

Und die Winzer?
Die kulturelle Ausrichtung der Winzer ist sehr heterogen. Die Bildung ist sehr heterogen. Das Wollen und das Können und die Idee, was Wein letztlich ist, ist sehr unterschiedlich. Es gibt an der Mosel viele Kollegen, die schreiben groß und breit Riesling drauf. Weil sie meinen, sie sollten einen Riesling produzieren. Wir sagen, Riesling ist nur ein Mittel zum Zweck. Riesling ist eine Rebsorte die toll ist, weil sie in der Lage ist, den Bodengeschmack ins Glas zu bringen. Riesling wurde vor hundert Jahren auch nicht aufs Etikett geschrieben.

Sondern?
Da stand was drauf, was bei uns jetzt auch auf dem Etikett steht: Winninger Uhlen oder Röttgen. Das Wort Riesling ist in meiner Familie zum ersten Mal 1976 benutzt worden. Es gab überhaupt keinen Grund. Warum soll man es Riesling nennen, wenn es doch klar ist, dass es Riesling ist.

Profitiert die Mosel vom Klimawandel?
Ja, klar. Klimawandel ist für die Mosel positiv. Punkt. Es gibt keine schlechten Jahre mehr, dass die Trauben nicht reif werden.

Weiter gedacht: Wäre es denkbar, dass hier künftig eine andere Rebsorte den Riesling als bestimmende Sorte ablöst?
Ja. Wenn das so weitergeht mit dem Klimawandel, also dass wir in 40, 50 Jahren wirklich eine um zwei Grad höhere Durchschnittstemperatur haben, dann fängt das vielleicht an, dass es zu warm wird für Riesling.

Und dann?
Dann würden wir uns wahrscheinlich nach Syrah umschauen.

Klimawandel ist ein großer Trend. Gibt es noch weitere Trends, die uns in den nächsten 10, 20 Jahre beschäftigen werden?
Uns wird die Frage der Marktspaltung zwischen Industriewein und Kulturwein beschäftigen. Die Marktspaltung macht sich daran fest: Gibt es Terroir, gibt es einen Wein der nach Weinberg schmeckt? Wo liegt dieser Weinberg? Wie sieht die Vinifikation aus? Und auf der anderen Seite: Wie kriege ich für möglichst wenig Geld viel Geschmack ins Glas. Das ist die industrielle Haltung in der Weinproduktion. Aus meiner Sicht wird sich das noch weiter zuspitzen. Die eine Sorte Wein wird immer billiger werden, weil sie in immer größeren Einheiten produziert wird. Und der andere Wein wird immer teurer. Muss immer teurer werden. Weil es immer individueller und bei steigenden Arbeitskosten sehr viel teurer wird.

Steile These, Wein muss teurer werden …
Ja, wir müssen jetzt schon viel teurer werden, um langfristig nachhaltig produzieren zu können. Auch wenn wir reinrechnen, dass die Subventionen irgendwann nicht mehr stattfinden, die wir momentan noch einstreichen. Es gibt immer weniger Winzer, man muss immer weniger Rücksicht auf Wählerstimmen nehmen. Das heißt, es wird weniger Subventionen geben. Wenn wir dann auf den Terrassen hier rumturnen mit über 2000 Stunden pro Hektar um 5000 Liter pro Hektar zu ernten, dann kann man sich leicht ausrechnen, was der Wein kosten müsste. Hinzu kommt, dass es weltweit  immer mehr Weintrinker gibt. Und je mehr Weintrinker es gibt, umso mehr gibt es auch Leute die upgraten wollen, vom einfachen Wein zu einem guten Wein. Zu einem Wein der eine kulturelle Dimension hat. Der eine Herkunft hat.

Auf den Etiketten steht Fair and Green. Erklären Sie.
Fair heißt sozial engagiert. Und Green ist ein Nachhaltigkeitslabel, das wir vor einigen Jahren entwickelt haben. Als Weiterentwicklung der Ökobewegung. Wo es nicht nur um die Toxizität und Weinbauliches geht, sondern auch um Kellerwirtschaft, ökonomische Fragestellungen, soziale Fragen. Fair and Green als Nachhaltigkeitslabel versucht, das gesamte System eines Weinguts sinnvoll abzubilden. Mit Kriterien, wo man an den Stellschrauben ökologischer, sozialer, auch nachhaltig rentabler wirtschaften kann.

Warum schreiben Sie nicht Bio aufs Etikett?
Bio schreibe ich nicht aufs Etikett, weil wir nicht Bio zertifiziert sind. Wir sind nachhaltig zertifiziert. Für mich ist es eine Stufe weiter, es hat einen anderen Fokus. Öko ist europaweit definiert. Da gibt es Standards, die man einhalten muss. Fair and Green ist noch nicht europaweit definiert. Wir arbeiten daran, dass das möglichst bald kommt. Damit es hier Standards gibt, die auf einem seriösen Niveau liegen und damit mit diesen Begriffen kein Schindluder getrieben wird.

Ihre Weine reifen mit Musikbegleitung. Wie läuft das ab?
Wir haben eine Panflöte und durch den Wind, der im Vorgarten über die Röhren streift, wird im Keller ein Ton generiert, eine Tonfolge generiert.  Die soll den Wein mit dieser Energie beseelen. Weil mal mehr, mal weniger Wind weht, ist Musik ist immer im Spiel.

Haben Sie mal getestet, ob es einen Einfluss auf den Wein gibt?
Nein. Aber wir haben beide ja Landwirtschaft studiert. Und da haben wir gelernt, dass Kühe bei Mozart-Musik mehr Milch und bei Rockmusik weniger Milch geben. Völlig klar, dass die Bakterien, Mikroben und Hefen auch auf Musik reagieren. Wir lassen diese Töne laufen, weil wir der Meinung sind, dass das gut für die Entwicklung unseres Weines ist. Beweisen kann ich das nicht. Aber ich habe auch gar keine Notwendigkeit, das zu beweisen. Denn ich habe keinen Chef, dem ich was beweisen muss. Wir haben immer das gemacht, wo wir meinen, dass es gut und sinnvoll ist. Dabei bleiben wir auch.

Wie leben Sie mit dem Etikett ,Rebell im Weinberg’?
Wer mir das Etikett anhängen will, der soll das gerne tun. Ich habe keine Probleme mit Etiketten, die man mir umhängt. Ich habe gelernt, dass jeder etwas anderes in mir sieht und jeder irgend etwas anderes mir umhängt. Damit kann ich gut leben. Es ist ja bei allem irgend was Wahres und Richtiges dran.

Hatten Sie überhaupt eine andere Chance als Winzer zu werden?
Sicher hatte ich eine andere Chance. Ich hatte mein Landwirtschaftsstudium beendet und hing in einer Doktorarbeit, die ich dann gekündigt habe. Wenn ich die Doktorarbeit zu Ende geschrieben hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht Winzer geworden. Ich war allerdings beim Verfassungsschutz kein unbeschriebenes Blatt. Da wäre ich in den Schuldienst nicht reingekommen und in der Uni hätte ich auch keinen Job gekriegt. In Brüssel wahrscheinlich auch nicht. Ich hätte mich schwer getan, in meinem gelernten Beruf einen Job zu finden. Damals gab es Berufsverbote.

Welchen Wein öffnen Sie gern, wenn Sie nach Hause kommen?
Gestern habe ich einen 2010-er Saint-Aubin geöffnet aus dem Burgund, weil ich auf einen weißen Burgunder Lust hatte. Es gibt ein paar Lieblingswinzer, die wir gerne trinken, aber eigentlich trinken wir die ganze Welt rauf und runter.

Und was wird zu besonderen Anlässen entkorkt, Weihnachten etwa?
Auch ganz viel verschiedenes.

Ihr persönlicher Lieblingswein?
Es gibt nicht den einen Lieblingswein. Ich trinke gerne Chambolle-Musigny, weil die diese unglaubliche Leichtigkeit haben. Ich trinke gerne guten Barolo, der auf den Punkt die Finesse und Zartheit hat. Also die Lieblingsweine sind alle atmosphärisch, differenziert, komplex. Ordinäre, plumpe, alkoholische, süße, fette, holzbetonte Weine mag ich überhaupt nicht. Aber beim Thema Finesse und Subtilität findet man überall auf der Welt grandiose Vertreter dieses Genres.

Ihre Meinung: Kork, Glas oder Schraubverschluss?
Schraubverschluss.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Pablo Neruda ist leider schon tot. Aber der Gregor Gysi macht sich dünn. Der sagt immer, er würde mal vorbeikommen.  

Gibt es den idealen Wein?
Ja, es gibt den idealen Wein. Den gibt es schon. Das Ideale ist Finesse und Komplexität, das ist Rorschach-Test, Livekonzert. Idealen Wein gibt es, aber es gibt nur keinen perfekten Wein. Aber es gibt einen Idealtyp von Wein. Manchmal habe ich einen Wein im Mund und sage: So, wenn es jetzt zu Ende wäre, dann wäre es gut. Weil schöner kann es nicht werden.

Foto: A. Durst

Weingut-Besuch: Heymann-Löwenstein 

Revoluzzer-Image, Bilderbuch-Steillagen, grandiose Rieslinge und eine Auslese, nach deren Genuss eine Kollegin vor dem Winzer einen Kniefall gemacht hat: Gründe genug für einen Besuch bei Reinhard Löwenstein im Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen  an der Mosel. Einem Winzer, dem viele Etikette anhängen. Eine Zeitschrift schrieb ‚Rebell im Weinberg’, eine andere ,Magier von der Mosel‘. Noch mehr Gründe für eine Visite vor Ort, zumal mich die Rieslinge von Heymann-Löwenstein schon bei mehreren Gelegenheiten beeindruckt haben. 

Kubus mit der „Ode an den Wein“

Das Weingut selbst ist ein Hingucker. Neben der 1888 erbauten und von Reinhard Löwenstein und seiner Frau Cornelia Anfang der 1980-er Jahre erworbenen Villa in der Winninger Bahnhofstraße sticht der 2012 fertiggestellte Anbau ins Auge: Ein 9×9 Meter breiter und 8,10 Meter hoher Kubus, „umarmt“ von einer aus Edelstahl gefertigten Kalligraphie. Es ist die 1954 von Pablo Neruda verfasste Ode an den Wein. Der chilenische Nobelpreisträger ist Reinhard Löwensteins Lieblingsdichter. Der Kubus ist ein Teil des Anbaus. In dem neuen Trakt befinden sich die Presse, Flaschenlager und ein Sortierband. Neu ist auch die Vinothek mit lässigen Sitzgruppen und einem Degustationsraum.

Weingut Heymann-Löwenstein: Der Kubus mit Nerudas Ode an den Wein, daneben die Villa. Foto: T. Vollmer

Durch den Keller fließt die Mosel

Dann der Keller, der gehört zum alten Teil des Komplexes. Tolles Gewölbe, fensterlose Giebel, gemauerter Rundbogen. Es gibt einen Wasserlauf! Tatsächlich fließt die Mosel (kleiner Abzweig natürlich) durch Löwensteins Keller. Schließlich ragt eine  überdimensionierte Panflöte aus dem Gewölbe in den Garten und wird vom Wind bespielt. „Durch den Wind, der im Garten über die Röhren streift, wird im Keller ein Ton generiert, eine Tonfolge, die den Wein mit dieser Energie beseelen soll“, erklärt Reinhard Löwenstein.
Gärbehälter aus Edelstahl stehen auch da, doch Holzfässer dominieren.  Das Holz der Fässer stammt aus der Region, konkret aus Wäldern der nahegelegenen Burg Eltz. „Wichtig ist, dass das Fass von gleicher Erde wie der Wein ist“, sagt der Winzer.
Ein durchaus beeindruckendes Archiv gibt es auch. Dort liegen Flaschen, die sehen aus, als lägen sie schon 100 Jahre und länger dort. Liegen sie aber nicht. „Die sehen nach 5 Jahren aus wie nach 100 Jahren.“ Das Klima im Keller ist ein besonderes. 

Im Keller. Foto: M. Köster

Nur wilde Hefen

Alles andere als Standard ist auch die Vinifikation. In Stichworten: Lange Mazeration der Maische, schonendes Pressen, kein Zusatz von Reinzuchthefen, die Vergärung nur mit wilden Hefen, Verzicht auf jegliche Schönungen. Dann lange Holzfassreife auf der Hefe bis spät in den Sommer – bei manchen Weinen sogar bis Ostern des Folgejahres. Credo Reinhard Löwensteins: „Jeder Wein soll seinen eigenen Charakter bilden und das Terroir im Geschmack des Weins reflektiert werden.“  

Steil, steiler, am steilsten

Heymann-Löwenstein (14,5 Hektar Rebfläche) bewirtschaftet mehrere Steillagen, die meisten sind als „VdP.Grosse Lage“ klassifiziert. In Hatzenport wird der Kirchberg und der Stolzenberg bewirtschaftet. Flußaufwärts liegt der Winninger Uhlen, untergliedert in den drei Subappellationen Blaufüßer Lay, Laubach und Roth Lay. Schließlich erstrecken sich gegenüber dem Dorf Lay die steilen Terrassen der Lage Röttgen. 98 Prozent  des Anbaus ist Riesling. Im Weinberg  verzichten die Löwensteins komplett auf Mineraldünger, es verkompostierte Trester kommen zum Einsatz. Handlese der Trauben versteht sich von selbst bei den Steillagen.   

Die Steillage Uhlen Laubach. Foto: Heymann-Löwenstein

Rebell, Magier, oder?

Stimmen zu Reinhard Löwenstein.  „Deutschlands womöglich bester Winzer“ (Manager Magazin).  „Rebell unter Deutschlands Ausnahmewinzern“ (Impulse). „Vorreiter der Bewegung gegen die Massenproduktion“ (Galore). „Mit Abstand führender Erzeuger trockener Rieslinge an der Mosel“ (Fischer Weinlexikon). „Unumstrittene Nummer eins an der Terrassenmosel“ (Feinschmecker).  Was denn nun?
Für mich ist Reinhard Löwenstein ein großartiger Winzer, der mit Leidenschaft, Mut und aller Konsequenz versucht, Terroir ins Glas zu bringen.

Reinhard Löwenstein in bester Stimmung. Foto: M. Köster

Kulturelle Irrungen

Im Gespräch mit Reinhard Löwenstein wird freilich  klar, dass eine Schublade nicht reicht.
Warum keine Analysen? „Die kosten viel Geld und liefern komplett unterschiedliche Resultate.“
Trockenheit? „Bewässerung ist Manipulation, die ich nicht akzeptiere.“
Was ist mit den den restsüßen Kabinetten, die den Ruf der Moselweine begründeten? „Kulturelle Irrung der Nachkriegszeit, einer Tradition der 60er, 70-er Jahre. Vor 100 Jahren waren alle Weine trocken.“ Nachsatz: „Aber es ist egal ob süß oder trocken, wichtig ist guter Wein.“
Industriewein  ist für ihn „Plastic World“ und Kork hat ausgedient. „Du öffnest zehn Flaschen und hat zehn verschiedene Weine.“ Ach ja, der Klimawandel? „Klimawandel ist für die Mosel positiv.“
Den klassischen Bioanbau nennt er „Schnee von gestern“. Auf seinen Etiketten steht „Fair and Green“, für Löwenstein eine Weiterentwicklung der Ökobewegung. „Fair and Green als Nachhaltigkeitslabel versucht, das gesamte System eines Weinguts sinnvoll abzubilden. Mit Kriterien, wo man an den Stellschrauben ökologischer, sozialer, auch nachhaltig rentabler wirtschaften kann“, erklärt er.

Nun die Weine

Wir verkosteten schwerpunktmäßig den Jahrgang 2017, dann eine Vertikale den Uhlen Laubach.
Eine Art „Einsteiger“ ist der Schieferterrassen 2017.  Mit der schönen Balance zwischen Mineralität und Frucht  ist er schon mal ein großer Genuss und ein grandioser Start.
Doch zu richtiger Größe läuft das Lagenprogramm auf. Auf dem Tisch liegen Gesteinsproben – alles Schiefer natürlich – von den unterschiedlichen Lagen. Tatsächlich sind die Unterschiede im Glas spürbar, schwenkbar, einfach markant. Generell zeigen die Weine eine herausragende Klarheit und Brillanz.

Die Weine. Foto: M. Köster

Notizen

2017 Stolzenberg kommt extrem mineralisch, wirkt knochentrocken. Obwohl gleiche Vinifikation, wirkt der Schieferterrassen leichter zugänglich.
2017 Winninger Röttgen ist topp balanciert. Smarte Minerale, dahinter gelbfruchtige Töne sowie Noten von Zitrus und grünem Apfel. Die Säure ist präsent, gleichzeitig zarter Schmelz. Großartig!
2017 Uhlen Blaufüsser Lay  hat in punkto Mineralität noch mehr zu bieten, ist voluminös, große Klasse! Zitrus- und Apfelnoten sind notiert,  Mirabelle? Der Schmelz überaus verführerisch. Olala!
2017 Uhlen Laubach geht als Terroir-Botschafter durch. Der dazugehörigen Schiefer-Gestein enthält Fossilien. Man meint, diese erdigen, steinigen Töne im Mund zu haben – Psychologie? Fakt ist: Ein sauberer, klarer, eleganter, feiner, schöner Wein mit ganz feinen Säure. Schönes Aromen-entdeck-Spiel: Äpfel, Mirabelle, Pfirsich, Aprikose und so weiter.
2016 Uhlen Laubach ist ein Jahr älter. 2016 war ein warmes Jahr , was der Säure nicht geholfen hat. Auch ein schöner Wein, aber weniger charismatisch als der 2017er.
2015 Uhlen Laubach hat schon eine richtig schöne Reife, auch einen phenolischen Ton. Was ein Jahr ausmacht! Gigantischer Unterschied zu 2016, Frucht und Mineralität in toller Harmonie. Großer Wein.
2014 Uhlen Laubach wirkt im ersten Eindruck überraschend streng. Auffällig die Mineralität, ansonsten einige Fragezeichen. Fällt in der Vertikale ab.
2013 Uhlen Laubach ist da von ganz anderem Kaliber. Ein grandioser Wein, reif, dicht, intensiv, erwachsen. Buttrig. „Fräst eine Spur ins Aromengedächtnis“ hat jemand dazu gesagt. Grandios. 

Ein Zwischenruf

Zwischenruf Reinhard Löwenstein: „Für mich schmecken die Weine nicht nach Riesling, sondern nach Laubach.“
Weiter geht’s.  2011 Uhlen Laubach hat es gegenüber dem großartigen 2013-er schwer, macht zunächst wenig Eindruck.  Der Wein weist keine Alterung auf. Die Säure ist jedoch kaum spürbar, Aromen eher hintergründig.
2009 Auslese Uhlen L. Restsüße Variante (rund 150 g Restzucker, 9 g Säure). Eigentlich unbeschreiblich, überirdisch. Einfach nur genießen. Mehr geht nicht.
Finale schließlich mit einem 2016-er Pinot Noir Schieferterrassen, ein Projekt von Löwensteins Tochter Sara.  Im französischen Stil, es gibt nur 1000 Flaschen Rotwein. Sicher ambitioniert, passabel – aber nach der Himmelfahrt mit dem 2009er Uhlen Laubach ist kein faires Urteil mehr möglich. 

Die Winzerfamilie: Cornelia, Sara und Reinhard Löwenstein. Foto: A. Durst

Das größte Weinfest der Welt

Michael Heinrich

Was kommt raus, wenn ein Olympia-erfahrener Regisseur am Stammsitz von Nestlé ein Winzerfest choreografiert? Antwort: die Fête des Vignerons. Für den Weinbeobachter war Michael Heinrich, selbst Hobby-Winzer, beim größten Weinfest der Welt im Schweizer Vevey dabei. Ein Gastbeitrag.

Wie eine riesige Freilichtbühne

Vevey gleicht an diesen Tagen einer riesigen Freilichtbühne. Zwischen den historischen Häusern des kleinen Ortes am Genfer See wandeln schon seit den Morgenstunden viele kostümierten Darsteller. Sie stehen sogar am Bahnhof für die Besucher Spalier. 40.000 Menschen, das haben die Organisatoren erhoben, kommen im Schnitt täglich zur Fête. An den 25 Festtagen wird damit die Million voll. Vevey hat übrigens 19.500 Einwohner.

500.000 Flaschen werden getrunken

Um die Dimension dieses Festes zu begreifen: Die Schweizer Bundesbahn setzt 1000 Sonderzüge ein. Auf dem Markt ist eine temporäre Arena für 20.000 Menschen aufgebaut, die den kleinen, zum See offenen Platz fast zu sprengen scheint. Die Tribünen und die Lichtmasten sind höher als die umliegenden Häuser. Ringsherum gruppieren sich Terrassen, Pavillons und Essensstände, wo vor allem natürlich Wein ausgeschenkt wird. 500.000 Flaschen könnten es am Ende sein. Alle Kantone der Schweiz und sogar die päpstliche Schweizer Garde sind bei dem Winzerfest zu Gast. 

Das nächste Fest 2039

Im Kern geht es auch bei der Fête des Vignerons darum, den Wein und seine Erzeuger zu ehren. 1770 setzte sich die hiesige Vereinigung Confrérie des Vignerons das Ziel, die Qualität des Rebbaus zu verbessern und gute Arbeit zu belohnen. 1797 fand die erste Ehrung noch mit einem Umzug statt, wie man es von den meisten Winzerfesten kennt. Bei der 2. Ausgabe 1819 wurde bereits eine Tribüne errichtet. 200 Jahre später, 2019, ist es erst die 12. Ausgabe der Fête des Vigneron. Einmal pro Generation findet das Fest statt, so sagt man hier. Wer es verpasst, muss mindestens 20 Jahre warten. Das nächste soll 2039 über die Bühne gehen. Dieses geht noch bis zum 18. August.

Noten für den Weinberg

Die Confrérie wählt noch immer die Preisträger aus. Bei drei jährlichen Visiten gibt es Noten für den Zustand des Weinbergs. Alle Noten der letzten fünf Jahre fließen in die Bewertung ein. Sechs Goldmedaillen wurden diesmal vergeben. Erstmals ist eine Frau unter den Preisträgern. Winzerkönig wurde Jean-Daniel Berthet aus Epesses. „Zur Wahl stehen nur Vignerons, die auf einem fremden Weinberg für den Besitzer arbeiten“, erklärt Sabine Carruzzo, Generalsekretärin der Confrérie. Für die Eigentümer ist es zugleich eine Kontrolle des Dienstleisters, den sie beschäftigen.
In ihrem Amtsgebäude zeigt sie mir die früheren Arenen im Modell. Auch die Statistik wird hier geführt. Bislang eilte die Fête von Rekord zu Rekord, aber der Platz ist begrenzt. 18.000 Quadratmeter stehen für das Festgelände zur Verfügung. „Die Organisation fühlte sich manchmal an wie Tetris spielen“, bemerkt Frédéric Hohl, Geschäftsführer der Fête des Vignerons mit Blick auf Mülltrennung, Geschirrrecycling und Garderoben für die 5600 Darsteller. 

Alle Shows ausverkauft

Die 20 Vorstellungen am Abend sind selbstverständlich alle ausverkauft; 400.000 Tickets im Preis von 70 bis 299 Schweizer Franken. Der im Tessin geborene Regisseur Daniele Finzi Pasca entwarf bereits gewaltige Veranstaltungen, wie die Abschlusszeremonien der Olympischen Spiele von Turin (2006) und von Sotschi (2014). Sein Schauspiel entführt in die Welt der Winzer. Es erzählt aus der Sicht und mit der Fantasie der kleinen Julie, die mit ihrem Großvater durch die Weinberge streift, die ewige Geschichte vom Wachsen und Werden, vom Reifen der Trauben und den Arbeiten im Laufe der Jahreszeiten. 

Budget: 100 Millionen Franken

In zeitlosen, farbigen Szenen entstehen auf fünf Bühnen zugleich Sinnbilder im Universellen. 850 Sänger treten auf. Dazu gibt es atemberaubende audiovisuelle Effekte und Bühnentechnik in dieser temporären Arena, die viele feste Veranstaltungsorte in den Schatten stellen. Aber was kann man nicht alles machen, wenn der Weltkonzern Nestlé einer von zehn großen Sponsoren ist?! Das Budget der Fête liegt übrigens bei 100 Millionen Schweizer Franken.

Am Calmont – steilste Lage Europas

Einfach faszinierend! Man muss es selbst gesehen, besser noch, erlebt haben. Der Calmont zwischen Bremm und Ediger-Eller an der Mosel gilt mit Hangneigungen bis zu 68 Grad als die steilste Lage Europas. Die Rebfläche umfasst offiziell 33 Hektar, aktuell sind  davon 18,2 Hektar bewirtschaftet.  Das war früher mehr. Doch die extrem aufwändige Bewirtschaftung sorgte in den letzten Jahrzehnten für einen Rückgang der Rebfläche. Der Rückgang scheint mittlerweile aufgehalten. 

Sehr mühsam, sehr gefährlich

Wegweiser zur „Todesangst“

In Steilst- und Terrassenlagen wie am Calmont ist die Pflege und Lese der Reben nur per Hand möglich. Also mühsam, zeitaufwändig, teuer. Und auch nicht ungefährlich. Der steilste Bereich im Calmont wird „Todesangst“ genannt. Die Winzer benötigen fast bergsteigerische Fähigkeiten und müssen schwindelfrei sein. Die Bewirtschaftung wird durch Einschienen-Zahnradbahnen (Monorackbahnen) unterstützt bzw. überhaupt erst möglich gemacht. Ohne die Bahnen gäbe es vermutlich kaum noch Weine von Steillagen. Diese Bahnen dienen als Transportmittel für Pfähle, Düngemittel und die Trauben – oder einfach nur als Aufstiegshilfe für die Winzer.

Alles Riesling

Ausschließlich Riesling-Reben

Natürlich wird am Calmont ausschließlich Riesling kultiviert – DIE Rebsorte der Mosel. Wahrscheinlich über 20 Winzer bewirtschaften Reben im Calmont. Neben Betrieben aus Bremm und Ediger-Eller haben auch Weingüter aus Neef, Alf, Klotten und Briedel dort Parzellen. Dazu noch einige Hobby- bzw. Nebenerwerbswinzer. Größter Besitzer ist das Weingut Reinhold Franzen (Kilian und Angelina Franzen). Die Anforderungen sind hoch. Die Ertragsmenge darf 60 Hektoliter pro Hektar nicht überschreiten (wird in der Regel unterschritten). Dazu muss der Wein mindestens 85° Öchsle aufweisen.

Und wie sind die Weine so?

Habe Rieslinge vom Calmont probiert – bei einer fantastischen Tour im Calmont,  beim Event „Jung und Steil“, beim Winzerbesuch. Erste Adresse ist das Weingut Reinhold Franzen in Bremm. Geführt wird es von Kilian Franzen, der den Betrieb 2010 während seines Studiums wegen des frühen Todes seines Vaters übernehmen musste. Überragend der 2016er Bremmer Calmont Fachkaul. Ein Großes Gewächs im wahrsten Sinne, kraftvoll und mineralisch zugleich, voller Eleganz und Harmonie. Fachkaul ist eine knappe 2 Hektar große Parzelle im Calmont. Doch auch andere Calmont-Rieslinge aus dem Hause Franzen verdienen ein Sternchen. Zum Beispiel der blitzsaubere, fein ausbalancierte 2018er Kabinett.
Namensvetter Michael Franzen bewirtschaftet sein Gut im Nebenerwerb.  Auch dort schöne Weine. Vorneweg der 2018er Primus Bremmer Calmont, ein trockener und ausdruckstarker Riesling mit feiner Mineralität. Klasse auch die edelsüße Auslese 2018 vom Bremmer Calmont, 85 Gramm Restsüße werden mit über 7 Gramm Säure gepuffert. Ein Genuss.
Die Calmont-Rieslinge von den Bremmer Weingütern Günter Leitzgen und Herbert A. Schmitz konnten nicht fair beurteilt werden. Die wurden mit Freunden auf dem Calmont-Gipfel getrunken – die Weine waren dabei schlechtweg zu warm. Dann gibt es noch Nebenerwerbswinzer am Calmont, wie zum Beispiel Stefan Schmitz. Solide, ehrliche Rieslinge, überaus preisgünstig zudem. 

Im Calmont unterwegs

Unterwegs auf dem Klettersteig

Wer einmal da und halbwegs fit ist – der Calmont-Klettersteig ist ein heißer Tipp. Der  2001 errichtete schmale Fußpfad mit etwa drei Kilometer Länge wurde mit Leitern, Sicherungsseilen, Trittbügeln und Trittstiften abgesichert und begehbar gemacht. Trotzdem ist stets höchste Vorsicht geboten. Eine gewisse Anstrengung wird mit grandiosen Aussichten belohnt – immer wieder auf die Moselschleife. Mit etwas Glück trifft man unterwegs Winzer, die aus erster Hand erzählen, wie es so ist, auf der steilsten Lage Europas zu arbeiten. Ziel ist der der 378,4 Meter hohe Calmont-Gipfel knapp 290 Meter über der Mosel. Natürlich mit Eins-A-Panorama.

Bleibt noch zu klären, was Calmont eigentlich bedeutet. Die Forschung ist sich nicht sicher. Der Name geht entweder auf das lateinische „calvus mons“ (kahler Berg, Felsen) oder „calidus mons“ (heißer Berg), oder auf das keltische „kal“ (hart = Felsenberg) zurück. Der Riesling kam erst später…

Belohnung: Großartige Panoramen

Aus Württemberg: Lotte Lenya Wein

Karoline Köster

Wieder mal ein Gastbeitrag  – diesmal von Karoline Köster.

Lotte Lenya wird verkostet. Da horche ich natürlich auf. Als Kulturliebhaberin und Kennerin der Dreigroschenoper ist mir Lotte Lenya (mit vollem Namen Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer übrigens meine Namensvetterin) natürlich mehr als nur ein Begriff. So erklärte ich mich also bereit, den Weinbeobachter wieder einmal bei einer Verkostung in Berlin zu vertreten. Ob ich wirklich eine würdige Vertretung bin, mag ich hier gar nicht überlegen, aber gelohnt hat es sich für mich wieder einmal. 

Warum Lotte Lenya?

René Arnold

Das Württemberger Weinhaus in Berlin hat eine neue Weinlinie mit vier Weinen entwickelt, eher entwickeln lassen: von den Württembergischen Weingärtnergenossenschaften. Schöner Zungenbrecher. Im Württembergischen Weinhaus Berlin wurde also die neue Weinlinie „Lotte Lenya“ präsentiert. Lotte Lenya, weil das Weinhaus im Lotte Lenya Bogen steht, eine für mich etwas enttäuschende Story zur Namensgebung. Aber René Arnold, der Geschäftsführer des Weinhauses, ist eine echte Marke, man kann ihm unglaublich gut zuhören und man hat auch sehr viel zum Zuhören. Für die Weinpräsentation und -vermarktung ist er genau der Richtige.
Die Lotte Lenya-Weinlinie besteht aus 4 Weinen: einem Riesling Sekt, einer Cuvée aus Weißburgunder und Grauburgunder, einer Rotwein-Cuvée und einem Spätburgunder.
Ich nehme schon mal das Ergebnis vorweg: das Beste kommt zum Schluss.

 

Herrliche Begleitung

Aber der Reihe nach. Dazu muss ich noch den kleinen Bonus des Abends erwähnen, der sich für mich zu einem Highlight der Verkostung entwickelt hat. Die Weine wurden mit Käse von Fritz Blomeyer (Händler bester deutsche Käsesorten) zusammen verkostet und ich kann nicht leugnen, dass Käse und Wein sich ganz klischeehaft als hervorragendes Gespann erwiesen haben. 

Erfrischend, aber auch anstrengend

Lotte Lenya Sekt: Edition Riesling Sekt Brut 2017. Winzer vom Weinberger Tal  
Ich bin kein großer Fan von Sekt, es sei denn, es ist ein heißer Sommer, man ist auf einer Hochzeit  oder sonst einer bedeutsamen Veranstaltung und hat nur die Wahl zwischen Softdrinks, Wasser und Sekt. Dann würde ich wohl Sekt wählen. Aber Sekt ist nicht das, was ich an einem gemütlichen Abend im Lotte Lenya  Bogen unter den regelmäßigen S-Bahn-Geräuschen trinken würde. Ich schmecke auch selten Unterschiede beim Sekt, ist mir meistens zu spritzig und zu ungemütlich, erfrischend, aber auf eine anstrengende Weise. So war es auch bei diesem. 

Schöne Trinkigkeit

Lotte Lenya Weiß: Edition Weiß- und Grauburgunder 2017. Weingärtner Cleebronn-Güglingen
Zuerst hat die Spitzigkeit vom Sekt irgendwie nachgewirkt, sodass ich wieder dieses ungemütliche Gefühl beim Trinken hatte, aber ein bisschen Geduld hat mir den Wein sehr schmackhaft gemacht. Dazu gab es „Antons Liebe“, der Lieblingskäse des Winzers aus dem Allgäu, ein cremig-sahniger Weichkäse. In dem Fall haben Wein und Käse sich wirklich nett ergänzt, beides für mich persönlich nichts, was mich im Einzelnen umhaut, aber durch den Käse (wesentlich kräftiger als seine Beschreibung) bekam der Wein eine dezente Lieblichkeit, die mir gut geschmeckt hat. Kräftig, fruchtig, leicht zu trinken. Hier hat René Arnold einen Begriff geprägt, den ich bislang nicht kannte – Trinkigkeit. Ja, dieses Gespann hatte eine gute Trinkigkeit.

Kreative Cuvée

Lotte Lenya Rot: Edition Rotwein Cuvée 2016. Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft
„Wenn ich Wein trinken will, will ich Wein trinken.“ Über die Weisheit des Spruchs kann man meditieren. Es geht aber noch weiter: „Ich möchte die Bewegung Hand-Glas sehen.“ Also auch die haptische Erfahrung mit ins Trinkerlebnis nehmen. Mit einer Cuvée ist es immer etwas Besonderes, ich mag Cuvées oft sehr gerne. Bei wohl kaum anderen Weinen ist es dem Winzer so sehr möglich, kreativ zu sein, Wein zu machen, zu kreieren.  Bei diesem sind es fünf Sorten, darunter Zweigelt, Merlot und Portugieser. Man soll Kirsch schmecken, Kakaobohnen, nach Holz darf er aber nicht schmecken, das Holz darf nur unterstützen. Ich tue mir etwas schwer damit, Geschmacksnoten über das „schmeckt gut“ und „schmeckt nicht gut“ hinaus zuzuordnen, aber hier schmecke ich tatsächlich die warme Kakaonote, die diesen Wein richtig schön macht. Der strenge, etwas bissige Geruch hat nichts mit dem Geschmack zu tun. René Arnold meint, die Cuvée sei richtig gut gelungen – recht hat er! Der dazugereichte Käse ist dieses Mal ein Camembert von Lammmilch, also logischerweise Lammbert. Was soll ich sagen? Köstlich, aber hier war der Wein alleine auch schon in der Lage, mich zu überzeugen. 

Ultimative Hochzeit

Lotte Lenya Rot: Edition Spätburgunder 2013. Collegium Wirtemberg
Dieser Spätburgunder wurde uns als ein „richtiger Burgunder-Klon aus Burgund“ vorgestellt. 2013 war ein kühler Jahrgang, aber ein richtiger Durchstarter: Nachdem der Wein 4 Jahre im Holzfass lag und im November 2017 im Württembergischen Weinhaus ankam, war er bereits nach einem guten Jahr (im Jan. 2019) ausverkauft.
Ich habe ja schon angekündigt, dass das Beste zum Schluss kommt und deswegen kann ich dem Erfolg nur recht geben – absolut Spitze! Auch hier brauchte ich wieder die Unterstützung des Käses; dieses Mal ein Weinbauernkäse Classico, der mit aus den Fässern gekratzten Weinresten gewaschen wird und dann mehr als 12 Monate reift. Animalisch würzig und pur ein bisschen zu viel des Guten. Die ultimative Hochzeit von Wein und Käse kann man dann so erleben: Den weichen Käse auf die Zunge legen und dann den Wein darüber laufen lassen. So wird der Wein sanft wie ein Lämmchen, nachdem er mir auf den ersten Geschmeckt ein wenig säuerlich-süß daherkam, geht aber zum Glück überhaupt nicht unter. Im Gegenteil, der Käse hebt die leichte Süße hervor und man hat wirklich ein Geschmackserlebnis im Mund. Nun, ich bin leicht zu begeistern und wenn ich etwas gut finde, dann finde ich es gleich richtig gut, aber ich würde an diese Wein-Käse-Kombi noch ein richtig einfügen: richtig richtig gut! 

Georgien boomt

Weine aus Georgien sind mir vor einigen Jahren schon mal positiv aufgefallen. Trotzdem sind sie zuletzt etwas aus dem Fokus geraten. Inzwischen hat sich wohl viel getan. Denn zuletzt war verstärkt vom Boom georgischer Weine zu hören und zu lesen.  Gründe genug, sich Weinen aus Georgien wieder mal intensiver zu widmen. Habe also einiges im Internet bestellt, dazu ein vom Berliner Weinhändler Edel & Faul veranstaltetes Tasting besucht. Kurzes Fazit: Es geht nicht um besser oder schlechter, die Weine sind vor allem anders. Einige Weine fand ich grandios.
Meine Top Ten (aus 27 verkosteten) und auch in dieser Reihenfolge

1) Tsitska 2018 – Baia’s Wine

Zwei Schwestern, 24 und 25 Jahre alt, führen den Betrieb. Tstitska ist eine weiße Rebsorte, rot vinifiziert, unfiltriert. Der Wein lag 6 Wochen auf der Schale, danach ein Vierteljahr in Amphoren und schließlich im Stahltank. Orange auch die Farbe, so erinnert er eher an einen Orange-Wein als an Weißwein. Egal, einfach großartig das Ergebnis! Toller Körper, viel Charisma, reife Birnen, zarter Honigtouch, frische Orangenzesten und viel mehr. Habe mich in diesen Wein verliebt – es gibt leider nur 500 Flaschen davon.

2) Chkhaveri No Skin 2017 – Iberieli

Iberieli ist ein von Zurab Topuridze geführtes Familienweingut mit 15 Hektar Rebflächen. Der Name Iberieli – der von Zurabs Kindern gewählt wurde – bezieht sich auf die alten Menschen im Kaukasus, die vor mehreren tausend Jahren Wein herstellten. Der Chkhaveri ist eine rote Rebsorte und wurde als Weißwein vinifiziert, wie es der Zusatz No Skin auf dem Etikett verrät. Ein Blanc de Noir also. Auch der Wein unfiltriert, auch der fast orange und auch 5 Monate in der Amphore gereift. Schön nussig, erdig, viel Terroir im Glas. Fand den Tsitska von Baia einen Hauch besser. Leider auch nur 800 Flaschen.

3) Saperavi 2017 – Papari Valley

Papari Valley wird von Nukri Kurdadze geführt. 9 Hektar Reben bewirtschaftet die Familie, damit gehört sie in der Naturwinzer-Szene bereits zu den größten. Saperavi ist die meistangebaute Rotweinsorte Georgiens. Saperavi heißt auch schwarzer Wein, tatsächlich schrieb/schreibt man in Georgien mit Saperavi. Der von Papari Valley ist wirklich extrem dunkel, schwarz-lila, und hat ein interessante Jugend hinter sich: Einen Monat lag er auf der Schale, dann wurde in 3 Etappen der Wein von der Schale getrennt: Erst Reifung in der Amphore mit Schale, dann Amphore ohne Schale und schließlich ein jahr Reife in einer weiteren Amphore. Viel Gerbstoff, viel Säure, große Dichte, unheimliche Wucht. Nichts für Anfänger – muss man mögen.

4) Saperavi 2015 – Koncho & Co.

Koncho & Co. ist die Premium-Marke des georgischen Weinherstellers J.S.C. „Corporation Kindzmarauli“. Mit rund 150 Hektar Rebfläche ein Big Player. Auch wenn gleichfalls sehr dunkel doch ein etwas anderer Saperavi: Wir entdecken einen leicht süßlichen Nachklang, Trauben-Nuss-Schokolade, Vanille in der Nase, Toffee, Kuchen. In jedem Fall leichter zugänglich als der von Papari, möglicherweise für die Kundschaft in Westeuropa und Nordamerika gemacht. Dort feiert der Wein große Erfolge.

5) Mtsvane 2015 – Tsikhelishvili Wines

Aleksi Tsikhelishvili ist mit seinen fast 60 Jahren wahrscheinlich der erfahrenste Naturwinzer in Georgien, bewirtschaftet 2,5 Hektar Reben. Die Farbe ist ein tiefes Orange, fast Amber, die Nase auch erstmal gewöhnungsbdürftig (Nagellackentferner?). Das verliert sich schnell. 6 Monate lag der Wein auf der Schale, dann ist er zweieinhalb Jahre in der Amphore gereift. Der Mtsvane hat Ecken und Kanten, wirkt nicht ganz rund, was ja auch spannend sein kann. Schwarzer Tee und Mirabelle sind noch notiert. Es ist nicht ganz leicht, Freundschaft mit dem Mtsvane zu schließen. Aber es ist möglich.

6) Rkatsiteli Superieur 2016 – Chateau Mukhrani

Château Mukhrani ist mit rund 100 Hektar Rebfläche auch eines der großen Güter. Der Chefönologe, Patrick Honnef, lernte sein Handwerk in Bordeaux. Rkatsiteli ist die verbreitetste Rebsorte Georgiens, nimmt rund die Hälfte der gesamten Rebfläche ein. Ein spannender Weißwein, habe sofort an Retsina gedacht. Wenig Frucht, wenig Nase (laut Weinbeschreibung weiße Maulbeeren!), wenig Säure und am Ende ein leichter Bitterton. Hört sich erst mal nicht so toll an, aber zum Essen (kräftig, würzig) lief er zur Hochform auf, entwickelte sich im Glas überhaupt prächtig. Viel Charakter! Wer mal was anderes als die frischen, fruchtigen Sommerweine will – Rkatsiteli! Sicher gewöhnungsbedürftig, aber ich fand ihn gut.

7) Saperavi 2014 – Tamada (Georgian Wines and Spirits Company)

Auch von einem großen Erzeuger und zunächst ein kleiner Schock. Denn erster Eindruck: Lösungsmittel, Putzmittel, Lakritze, Terpentin. Die Nase muss tapfer sein, aber der Gaumen hat‘s besser. Denn dieser Saperavi schmeckt besser als er riecht. Und das mit dem Geruch erledigt sich auch schnell, der Wein verbessert sich im Glas rasant. Schnell kommt der typische Saperavi hervor: Präsente Tannine, Lack und Leder, schwarzer Johannisbeeren, Maulbeeren, reichlich Gerbstoffe. Macht später noch richtig Spaß, gefragt ist also vor allem ein bisschen Geduld.

8) Budeshuri 2017 – Niklas Marani

Über den Winzer war  nicht viel zu erfahren.  Budeshuri jedoch ist eine weitere autochthone Rebsorte Georgiens, ein Verwandter des Saperavi. Kurios die Entstehungsgeschichte dieses Weines: Der sollte ein Rosé werden, ist es aber irgendwie nicht geworden. Nicht ganz zumindest, denn Budeshuri kann sowohl kalt als auch warm getrunken werden. Irgendwie nett, aber auch ein bisschen langweilig. Die Power fehlt etwas.

9) Tavkveri Pet Nat 2018 – Lapati Wines

Ein Schaumwein! Lapati Wines wurde von den französischen Auswanderern Vincent Jullien und Guillaume Gouerou gegründet, um Naturwein und Pet Nat (Pétillant Naturel, französisch für natürlich hergestellte Schaumweine) zu erzeugen. Etwa die Hälfte der angebauten Trauben stammt von Lapatis eigenen Weinbergen, der Rest von lokalen Weinbauern. Vincent und Guillaume kaufen genau so viel hinzu, dass sie ihre vier Ein-Tonnen-Amphoren vollständig füllen können. Die Trauben werden von Hand geerntet und mit Füßen zerquetscht.
Schaumwein aus Georgien ist mal was ganz Neues. Der Tavkveri schafft den Spagat trocken und doch zugleich fruchtig zu sein. Er lag eine Woche in der Amphore, die weitere Gärung erfolgte in der Flasche. Er hat interessante rauchige, wildkräutrige Aromen. Doch Georgien kann ich beim besten Willen in dem Schaumwein nicht erkennen, der ist ganz europäischer Stil. Und da ist die prickelnde Konkurrenz groß.

10) Rosé Saperavi 2017 – Gotsa Wines 

Gotsas Weingut  liegt nur 25 Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt Tiflis entfern, es liegt auf 1300 m Höhe. Die Weine der Familie  Gotsadze werden ausschließlich in Amphoren hergestellt und nach den Demeter-Richtlinien “biodynamischer Standard“ hergestellt. Eine hohe Messlatte also. Nun, nach den vielen schwergewichtigen roten Saperavis hat es der Rosé nicht leicht. Tatsächlich zeigt die Farbe eher  einen Rotwein als einen Rosé an, mancher deutsche Spätburgunder ist heller. Der sehr rote Rosé schmeckt extrem fruchtig, nach Sauerkirschen. Nett, gewiss, aber fehlt die typische georgische Note. 

Weinbau in Georgien

Noch einige Sätze zum Weinland Georgien. Das Land gilt als eines der Ursprungsländer des Weinbaus. Die Tradition reicht fast 8000 Jahre zurück. Die geologischen und klimatischen Voraussetzungen sind günstig. Die Rebfläche wird auf rund 50.000 Hektar (Deutschland 102.000) geschätzt. Neben einer großen Vielfalt traditioneller einheimischer Rebsorten (identifiziert sind 525 autochthone Sorten/38 sind für den kommerziellen Weinbau zugelassen) werden mittlerweile auch einige internationale Standardsorten angebaut.

Wein ist der zweitwichtigste Exportartikel des Landes (nach dem Export von Alteisen).  Aufgrund seines Renommees ist der georgische Wein ein beliebtes Objekt der Weinpanscher und wird vor allem außerhalb des Landes im großen Stil gefälscht. Allein in Russland werden jährlich die doppelte Menge georgischer Weine verkauft als dort überhaupt produziert werden. Georgiens Weinexporte steigen rasant. Traditionell größter Abnehmer war bisher Russland. Diese Position ist allerdings durch die aktuelle russische Politik stark gefährdet.

Mit dem wachsenden Interesse an »Natural Wines« begannen sich weltweit immer mehr Winzer vor allem zur Herstellung ihrer »Orange Wines« für Amphoren (=Kvevris, zwischen 50 und 2000 Liter) zu interessieren. So wurden georgische Weine auch in Westeuropa immer populärer, wenn auch noch auf niedrigem Niveau.

Der traditionelle Weinausbau in Amphoren (Kvevris oder Quevri) wurde 2013 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

 

Ein Hoch auf Genossenschaften 

Genossenschaften sind das Rückgrat der Weinwirtschaft. Der größte Teil der Weltweinproduktion kommt von Genossenschaften. Es gibt sie in fast jedem Land und in allen Spielarten. Große und kleine, solche mit tollen Qualitäten, andere mit Massenware.
Habe in letzter Zeit einige Weine von Genossenschaften getrunken – alle von ganz und gar unterschiedlichem Charakter. Aber jede mit ganz eigenem.

Badischer Winzerkeller

„Wir bringen Sonne ins Glas“, lautet das Versprechen der Badener seit mehr als 60 Jahren. Der Badische Winzerkeller  gehört mit rund 1708 Hektar aus neun Anbaugebieten Badens zu einer der großen Erzeugergemeinschaften Deutschlands. Rund 4000 Winzer produzieren pro Jahr über 500 Weine.

Nun, mit der Sonne im Glas ist das so eine Sache – Werbesprech halt. Die gekosteten Weine der Linie „Echt Baden“ erfüllen den Standard Terrassenwein – unkompliziert, frisch, nett nachmittags an heißen Sommertagen. Gilt vor allem für die „Baden trocken“-Weine. Der Grauburgunder hat eine schöne, markante Würze, einfach, aber sauber gemacht. Der Spätburgunder kommt sehr gefällig daher, fruchtig, kirschig, in jedem Fall unkompliziert. Bei „Baden fruchtig“, der Name lässt es ahnen, ist Süße im Spiel. Der Rotling macht Hitze erträglich! Hat seine Fans.  

Winzervereinigung Freyburg 

Mit rund 400 Mitgliedern, die etwa 400 Hektar bewirtschaften, ist die Winzervereinigung Freyburg der Platzhirsch an Saale-Unstrut. Jüngster Coup war der Kauf der vom sächsischen VdP-Gut Prinz zur Lippe bei Weimar angelegten Rebflächen. Die Weine waren schon unter dem Label „Weinhaus Weimar“ bemerkenswert. Die Freiburger Genossen knüpfen daran an und erklären die unter „Werkstück Weimar“ vermarkteten Weine zum Premiumbereich der Gesossenschaft. Auf 46 Hektar – sie gehören der Agrargenossenschaft Gleina – werden über 20 Rebsorten angebaut, 90.000 Flaschen im Jahr produziert. Es soll noch aufgerebt werden, Piwi-Sorten wie Sauvignon Gris, Muscaris, Cabernet Blanc sind „in Überlegung“.

Die Weine stehen qualitativ tatsächlich eine Stufe über den Standardweinen der Freyburger Winzervereinigung.  Muss den Müller-Thurgau loben, knackig, frisch, mit fruchtiger Nase und schöner Säure. Ein kleines Highlight ist der Sauvignon Blanc, unterm Prinzen schon angepflanzt und aufgefallen. Jetzt in bester Verfassung, mit exotischen Aromen, Ananas, einer nicht zu leugnenden Restsüße, die die Säure aber wieder wettmacht. Meine Nummer 1 vom Werkstück. Der Grauburgunder ist solide, wenn auch für meinen Geschmack zu üppig.  Erwähnt werden muss unbedingt noch der immer populärer werdende Frühburgunder, der mit seiner Fruchtigkeit (Pflaumensaft, Kirschkompott) und Leichtigkeit viele Anhänger hat. 

Cantina Terlan

In Sachen Qualität noch eine Stufe höher steht die Kellerei Terlan. Die wurde 1893 als eine der ersten Kellereigenossenschaften Südtirols gegründet. Damals setzten sich 24 Weinbauern das Ziel der gemeinsamen Produktion und Vermarktung. Heute gehört die Kellerei Terlan mit 160 Mitgliedern, einer Anbaufläche von 180 Hektar sowie einer Gesamtproduktion von 1,4 Millionen Flaschen zu den bedeutendsten Betrieben des Landes. Mancher hält sie für die beste Genossenschaft Südtirols.

Zwei Weine haben mir besonders gefallen. Der Weißburgunder ist einer wie aus dem Lehrbuch, mit dem Duft nach reifen Äpfeln und Birnen, ganz klassisch Weißburgunder. Einfach schön und eine sichere Wahl. Ungewöhnlich ist die lange Präsenz im Gaumen.
Schließlich der Lagrein von der Welt-Lage Gries bei Bozen. Bin als großer Fan dieser Rebsorte ins Schwärmen gekommen: intensive Aromen von Bitterschokolade und Veilchen  sind da, Pflaumen, überhaupt dunkle Früchte, dazu eine Spur Pfeffer. Facetten ohne Ende. Ein so schöner  wie charismatischer Wein. Ein Muss im Keller – für Lagrein-Freunde.