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Wein-Gespräch: Miguel Braga

Miguel Braga, Jahrgang 1962, ist Besitzer von Quinta do Mourão im idyllischen Douro-Tal in Portugal. Seine Portweine haben Weltklasse-Format – konnte mich unlängst persönlich überzeugen. 

Herr Braga, was ist für Sie ein guter Port?
Der nächste, den ich trinke… (lacht) Nein, dazu kann ich folgendes sagen: Für mich ist ein guter Port ein alter Tawny, der muss wie eine Ménage à trois im Mund sein: Alkohol, Süße und Säure. Für mich ist die Säure das Airbag eines Tawny, die bleibt im Mund. 

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Portwein?
Ja, ich glaube da war ich fünf Jahre alt. Bei einer Hochzeit habe ich die ganzen Reste aus den Flaschen getrunken. Ich erinnere mich daran, weil es danach wie ein Alptraum war.

Port ist hat eine sehr lange und große Tradition. Wie modern ist Portwein heute?
Er ist schon traditionell, aber auch junge Leute können das trinken. Tradition macht schließlich nicht krank.

Trinken Sie auch anderen Wein?
Ja, ich mache ja auch andere Weine, Stillweine. Und normalerweise mache ich die genauso wie den Port. Und ich mag sie alt. 

Trinken Sie auch Weine aus anderen Ländern und Regionen?
Ja natürlich, wenn ich zu Messen gehen gehe, biete ich meine Weine zum Austausch mit Weinen aus anderen Regionen an. Ich denke, das ist auch die einzige Möglichkeit, bei der ich Weine aus anderen Regionen koste, das ist die beste Gelegenheit, sich auszutauschen. 

Aber Port ist die Nummer Eins?
Port ist Port. Port ist die Lokomotive, der Rest ist das Gepäck. 

Was trinken Sie am liebsten am Abend, wenn Sie nach Hause kommen?
Vor dem Essen trinke ich ein Bier, um meine Kehle durchzuspülen. Danach fange ich mit einem Aperitif an, da am liebsten einen jungen Tawny. Zum Essen trinke ich normalerweise Rotwein, ich bin nicht so ein Weißwein-Fan. Zum Dessert dann ein 20, 30 Jahre alter Port – ein Weißer oder ein Tawny, das kommt auf die Süße und die Früchte beim Dessert an. Nach dem Kaffee dann ein – ich würde sagen selbstsüchtiger, introspektiver Wein wie zum Beispiel ein 40-Jähriger. 

Und zu einem besonderen Anlass dann ein 100-Jähriger?
Ich glaube, den hebt man besser für eine größere Gesellschaft mit erfahrenen Leuten auf, mit denen man darüber reden kann.

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glass Portwein trinken?
Mit meiner Frau – sie mag das. Und mit meinen Kindern – auch sie lieben den Wein. Dann mit meiner Mutter, sie trinkt nichts anderes außer Portwein. Ausschließlich Port. Und mit allen meinen Freunden auch, würde ich sagen. Es muss nicht unbedingt jemand Berühmtes sein. 

Ist ein perfekter Portwein möglich?
Ich glaube, Perfektion kann man nie erreichen. Man denkt immer, man könnte noch etwas verbessern, einen besseren Blend machen als den letzten. Dann macht man manchmal Fehler und man erreicht nichts und der letzte war doch besser. Wenn man glaubt, perfekte Weine zu haben, tut man nichts mehr. Was soll man dann noch machen?

In Port Knox

Die Portweine von Quinta do Mourão sind bereits zweimal mit Nachdruck aufgefallen – bei einer Douro-Präsentation in Berlin und bei der Portweinmesse in Leverkusen. Höchste Zeit also für einen Besuch bei Miguel Braga, dem charismatischen Besitzer von Quinta do Mourão im idyllischen Douro-Tal in Portugal.

1986 ändert sich alles

Eingang zur Quinta

Ankunft in der Kellerei in Cambres bei Lamego. Quinta do Mourão hat keine Destination in Vila Nova de Gaia, wo die großen Portweinkellereien zu Hause sind. Miguel Bragas Vater Mario (stammte aus Vila Nova de Gaia, die Liebe hat ihn an den Douro verschlagen) hat das Anwesen bei Lamego 1972 gekauft. Vermarktet werden durfte der eigene Port dort aber erst ab 1986 – dem Jahr des EU-Beitritts Portugals. Zuvor gab es strenge Regelungen des Portwein-Kartells, Portwein durfte nur in Vila Nova de Gaia erzeugt und auch nur von dort aus gehandelt werden. 1986 änderte sich alles. Braga – Quinta do Mourão – begann ab da mit der eigenen Portwein-Vermarktung. 

2002 neue Kellerei 

Die Kellerei

Im Jahr 2002 wurde die neue Kellerei mitten in den Weinbergen gebaut, in direkter Nachbarschaft zum Luxushotel „Six Senses“. Aktuell umfasst die Rebfläche 42 Hektar, 250000 Liter Weine – Port und Stillwein – werden jährlich produziert. Exportiert wird in alle Welt. Die Kellerei mit 5 Edelstahltanks und 3 Gärtanks ist modern.  Quinta do Mourão beschäftigt 14 Mitarbeiter. 

Port Knox

In Port Knox

Dann geht es quer durch die Rebfläche und etliche Höhenmeter bergauf in ein altes Haus aus Natursteinen: Casa do Coito. Miguel Braga nennt es „Port Knox“ und sagt: „Hier liegt der größte Schatz unserer Familie.“ Nun, die Sicherheitsvorkehrungen mögen etwas lascher sein als beim Namensgeber Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky, wo die Goldreserven der Vereinigten Staaten lagern. Was in Port Knox liegt, ist nicht weniger wertvoll. In 11 Fässern zwischen 10000 und 12000 Litern (total 120 000 Liter) und dutzenden von „Pipas“ (kleine Fässer) altern tausende Liter Wein, einige davon seit über 100 Jahren.

Das Tasting

Tawnys

In Port Knox wird probiert – Port, Tawnys und Weiße. Die Portweine tragen den Namen S. Leonardo. Das ist ein Aussichtspunkt und der hat eine eigene Geschichte. Doch nun die Weine. Das Tasting wird zu einem Gang auf der Himmelsleiter, schon lange vor der letzte Sprosse wähnt man sich im Paradies.

Mit dem White 10 Anos (Jahre) geht es sehr gut los. Der ist schon überraschend üppig, hat Aromen von frischen Früchten, Nüssen und Gewürzen. Die Rebsorten Codega, Cerceal und Viosinho sind im Spiel, bei allen weißen Ports übrigens. Beim Tawny 10 Anos sind es die klassischen portugiesischen Sorten Touriga Nacional, Touriga Franca, Tinta Roriz, Tinta Baroca und Tinto Cão. Erstaunlich körperreich mit langem und schönem Finale.

Bei den 20 Jahre alten ist der Weiße (White 20 Anos) ein Hammer. Hier ist so viel im Spiel: Trockenfrüchte, Nüsse, Gewürze und was nicht noch alles. Der 20 Anos Tawny erinnert in der Aromatik an den 10-Jährigen, ist aber irgendwie feiner, subtiler.

Himmlisch

White Ports

Nun die 30-Jährigen, es wird immer aufregender. Der White 30 Anos hat neben den Frucht- und Gewürz-Aromen einen Hauch von weißem Pfeffer, dazu ein endloses Finale. Dann der 30 Anos Tawny – der Mutterwein aus dem Jahr 1976! Vollmundig und kraftvoll, weich und harmonisch zugleich.

Jetzt wird’s himmlisch. Beim White 40 Anos kommen Minze und Karamell ins Spiel, getrocknete  Früchte sowieso, dazu eine kaum für möglich gehaltene Frische. Der Mutterwein des 40 Anos Tawny stammt aus dem Jahr 1948! Intensive Aromen von Nüssen und Honig, perfekte Balance zwischen Süße und Säure. 

Weißes Paradies 

Bei den nächsten weißen Ports gehen die Vokabeln aus. Will eigentlich nichts mehr notieren, nur noch genießen. Der White 50 Anos ist überragend, natürlich. Er hat eine Geschichte. Im Spiel sind Weine der Jahre1962 und 1967, zwei Jahre verheerender Überschwemmungen in Portugal. Zwei extrem feuchte Jahre also, die dem Wein mit der prägnanten Säure einen ganz speziellen Charakter geben. Auf der Homepage heißt es: „Dieser Wein ist ein Symbol der Renaissance nach dem Drama.“

Im White 60 Anos  überraschen wieder neue Aromen, Kokosnuss oder Vanille etwa.  Ein so kompletter wie komplexer Wein. Beim White 90 Anos ist eine Andacht fällig. Der Wein ist ölig, optisch wirklich alt. Aber nur optisch – im Gaumen ein Wunder. Miguel Braga hat ihm seinen Vater gewidmet. 1927 wurde Mario Braga, der Gründer von Quinta do Mourão, geboren. Aus dem Jahr 1927 stammt der Wein, nach 90 Jahren wurde er in Flaschen abgefüllt. 

Der 100-Jährige

Miguel Braga mit dem 100-Jährigen

Zum Finale eine 100 Jahre alter Port. Er stammt aus Jahrgängen von 1895 bis 1927, hat also drei Jahrhunderte überspannt. Ausnahmenweise mal Analysewerte: 9,15 g Restsäure, 283 g Zucker je Liter. Tja, was ist nun zu diesem S. Leonardo 100 Anos Tawny zu sagen?  Schokolade, Säure, Balsamico sind notiert, eigentlich wäre ein kleiner Roman fällig – so viele Eindrücke.
Man wähnt sich im Paradies. Ob es diesen Port da wirklich gibt?

Schlusswort Miguel Braga: „Port ist ein emotionaler Zustand der Magie.“

Zum 20. Mal: BW Classics in Berlin 

Noch nichts vor am Wochenende? Ein Ausflug nach Berlin wäre eine gute Idee. Dort werden am 26. und 27. Oktober Weine aus Baden und Württemberg präsentiert. BW Classics heißt die Messe, mehr als 1000 Weine von 65 Weinbaubetrieben und 13 Jungwinzern können dort verkostet werden. Das Ticket beinhaltet die Verkostung aller Weine und die Teilnahme an den Weinseminaren. 

Baden und Württemberg gelten als prädestiniert für Rotweine. Neben bekannten Sorten wie Spätburgunder, Lemberger oder Trollinger haben im Südwesten Deutschlands aber auch Weißweine wie Riesling, Grauer und Weißer Burgunder, Sauvignon, Silvaner und Gutedel einen guten Ruf. Wer Alternativen zum Champagner sucht, wird unter Sekten aus BW auch fündig. 

Seminare mit den Weinköniginnen

Ein Highlight der BW Classics sind die kostenlosen Weinseminare mit der Badener Weinkönigin Sina Erdrich sowie ihrer württembergischen Kollegin und kürzlich gekürten deutschen Weinprinzessin Julia Böcken.  Im Rahmen einer geführten Verkostung geben die Expertinnen Weinwissen zu den Themen „Cuvées aus Württemberg“, „Festtagsweine“ und „Top10 Weine aus Baden“ weiter. Ergänzt wird das Angebot durch regionale Spezialitäten. Küchenchef Wilhelm Biermann bereitet etwa Schwäbische Maultaschen oder Badisches Schäufele frisch zu.

Facts der BW Classics Berlin 

Wann? Samstag 26. Oktober bis Sonntag, 27. Oktober 2019, jeweils 11-18 Uhr
Wo?  STATION Berlin, Luckenwalder Str. 4–6, 10963 Berlin
Kosten? Tagesticket 15 Euro inkl. Weinverkostungen und Weinseminare

Die Weinseminare am Samstag und Sonntag:
13 Uhr
„Cuvée“ – Württemberger Kompetenz und Leidenschaft
14:30 Uhr „Unsere Weinbegleitung für Ihre Festtage“
16 Uhr „TOP10 Weine“ – Die Spitze Badens  

 

Winzerbesuch: J.F., J. et G. Potterat  

Gastautor Michael Heinrich hat Familie Potterat in Cully in der Schweiz besucht. Die vielen Abkürzungen in der Domaine-Bezeichnung stehen für die drei Geschäftsführer der Familie Jean-François, Jacques und Guillaume.  Die Domaine Potterat kann ihre Wurzeln bis zur Reformation zurückführen. Bin 11 Uhr da; man sitzt schon bei einem Glas Chasselas zusammen. Da stimme ich gern ein!

Chasselas aus Epesses

Es geht los mit einem Chasselas aus Epesses. Er begrüßt mich mit einer frischen, blumigen Note in der Nase. Am Gaumen spürt man seine vordergründige Mineralität. Natürlich ist er trocken ausgebaut, leicht und klar ohne Schnörkel. Angenehm unkompliziert, aber nicht plump. Die Waadtländer sagen auch, vom Chasselas kann man immer ein Glas mehr trinken. Stimmt, Santé!
Inzwischen erklärt mir Monsieur Potterat seine Philosophie im Weinberg: kein Dünger, keine Pestizide, in der Reifephase der Trauben wird Molke statt chemische Mittel gegen Oidium gespritzt, viel Aufwand auf 3,5 Hektar Fläche für durchschnittlich 35.000 Flaschen Jahresproduktion. Sieben Weine hat Potterat im Sortiment, fast ausschließlich Chasselas. Konzentration auf das Wesentliche eben. 

Chasselas Côtes de Courseboux

Der Chasselas aus Epesses war schon nicht schlecht, aber da geht mehr. Die Flasche ist jetzt auch alle. Weitere Gäste haben sich dazugesellt. Jetzt kommt ein Chasselas Côtes de Courseboux ins Glas. Selbe Rebsorte, gleicher Ausbau, aber dennoch deutlicher Unterschied: extrem fruchtiger Geruch und Geschmack, weich und schmeichelnd am Gaumen, lang nachklingend nach reifen Birnen.
Hier kommt eine Charakteristik der Rebsorte zum Tragen: Chasselas wird viel stärker vom Terroir und den Jahresbedingungen geprägt als beispielsweise ein Chardonnay. Die Trauben für diesen Wein bekommen mehr Zeit für die Reife. Der Wein wird auch erst im September des folgenden Jahres auf die Flasche gezogen.

Überraschung Plant Robert

Monsieur Potterat hat zudem noch zwei Trümpfe im Keller: eine mechanische, hölzerne Presse von anno 1881, mit der nach wie vor die Trauben gepresst werden. Für die Menge von Potterat reicht die Leistung von 5t/Tag gerade aus. Die Ausbeute kommt bei ihm nicht in Stahltanks sondern in ewig alte, riesige Holzfässer. Durch den Weinstein, der innen längst zentimeterdick die Wände bedeckt, kommt den Wein nicht mit dem Holz in Berührung. 

Für das Besondere stehen sechs Eichenholzfässer in einer Ecke des Kellers. Und tatsächlich: jetzt kommt ein Roter ins Glas; Plant Robert, eine autochthone Sorte. Nase übers Glas, allein das schon „wow“. Weil längst alle 2017er Flaschen ausverkauft sind, hat Monsieur Potterat den 2018er direkt vom Fass eingefüllt, ungefiltert, noch nicht ganz fertig, aber schon jetzt ist dieser Wein großartig: granatrote Farbe, sehr würzig, pfeffrige Note. Man spürt noch bisschen zu sehr das Holz, ein paar Wochen in der Flasche werden ihm noch gut tun.
Aber schon jetzt ist es ein absoluter Charakterwein, der sich in keine Schublade pressen lässt; wild und doch distinguiert, feingliedrig mit Ecken und Kanten. Der beste Schweizer Wein, den ich in meinem gesamten Aufenthalt probiere, ist dann doch ein Roter.

Schweiz, dein Chasselas!

Michael Heinrich

In einem Gutedel-Test zuletzt gab es Überraschungen. Nicht die beiden Schweizer hinterließen den größten Eindruck, sondern hiesige. Dabei fristet Gutedel oder Chasselas (was deutlich besser klingt Chasselas) oder Fendant (im Wallis) in Deutschland ein Schattendasein. In der Schweiz ist die Rebsorte dagegen unheimlich populär, wie Gastautor Michael Heinrich weiß. Er ist dort ein Fan des Chasselas geworden. 

Schweizer trinken ihren Wein selbst

Schweizer Wein ist rar in Deutschland. Dabei ist er oft von hervorragender Qualität. Es muss wohl an der Mentalität der Schweizer liegen, besonders an ihrer Bescheidenheit, dass das Ansehen des Schweizer Weins unter dem Scheffel steht. Aber wo kann man ihn probieren? Nur 2 Prozent der Produktion von insgesamt knapp 15.000 Hektar Rebfläche gelangt in den Export; 98 Prozent der Weine werden in der Schweiz getrunken. Also auf ins Alpenland!

Lavaux am spektakulärsten

Zwar gibt es auch im Thurgau, in Graubünden und um den Zürisee Weinbau, der Großteil der Fläche liegt jedoch in der französischsprachigen Westschweiz, dem Wallis und dem Waadtland. Von ihnen ist das Lavaux zwischen Lausanne und Montreux das wohl spektakulärste Anbaugebiet (siehe Foto). Nicht nur die Weinberge am Genfer See, die durch 450 Kilometer Mauern terrassiert sind, auch die Weine selbst verdienen dieses Prädikat. Hier wachsen die Grands Crus der Schweiz.
Dabei nimmt eigentlich eine ganz unspektakuläre Rebsorte die Spitzenposition ein. Auf 90 Prozent der 800 Hektar im Lavaux wächst Chasselas, der bei uns als Gutedel bekannt ist; an sich eine nichtaromatische Traube, eher neutral. Kein Flaggschiff wie der Riesling. Dennoch erfreut sich der Chasselas einer unglaublichen Beliebtheit bei den Schweizer Konsumenten. Wo wir wieder bei der Mentalität wären, Sie wissen schon!

Am liebsten als Apéro

Ihren Chasselas genießen die Schweizer am liebsten als Apéro. Er unterstützt aber auch perfekt die Schweizer Käseklassiker Fondue und Raclette. Traditionell wird er im Lavaux ganz trocken ausgebaut, 0 Gramm Restzucker sind erste Wahl. Ein guter Chasselas ist zart, erfrischend und spielt eher die leisen Töne. Man nennt ihn auch vin de soif  – Durstlöscher. Das ist keinesfalls abwertend gemeint. 

Man ist sogar so stolz auf die Traube, dass man ihren Ursprung beansprucht. Wissenschaftliche Studien untermauern dies. So fand Professor José Vouillamoz  – eine Autorität in diesem Metier – per DNA-Analyse heraus, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit am Genfer Seenbogen in die Welt trat. 

Wein-Gespräch: Andreas Clauß

Andreas Clauß, 52, ist als gebürtiger Württemberger 1994 nach Ostdeutschland gekommen und hat das Thüringer Weingut Bad Sulza zu einem der führenden Weingüter in Saale-Unstrut entwickelt.

Was hat sie letztlich nach Thüringen verschlagen?
Es war einfach Neugierde, in Thüringen mit Weinbau etwas ganz Neues zu machen. Und die Möglichkeit wahrnehmen, einfach aus dem kleinsten Weingut, aus den Anfängen, den allerkleinsten Anfängen, ein Weingut in Thüringen zu entwickeln.

 War es auch Abenteuerlust?
Abenteuer auf jeden Fall, ja.

Was wussten Sie vorher vom Weinbau in Thüringen?
Über Wein in Thüringen eigentlich gar nichts. Ich hab mich in den Nachwendejahren sehr intensiv belesen über Saale-Unstrut, auch über Sachsen. Da hat Dr. Thomann aus Ingelheim sehr interessante Berichte geschrieben über die zwei neuen deutschen Weinanbaugebiete. Thüringen hat da natürlich keine Rolle gespielt, weil es nur ungefähr zehn, zwölf Hektar Rebfläche gab, die überhaupt bewirtschaftet wurden. 

Gibt ein Alleinstellungsmerkmal der Thüringer Weine?
Wir im Weingut haben gewisse Sorten, die es sonst hier sehr wenig gibt. Muskateller zum Beispiel, oder Grüner Veltliner. Jetzt haben wir eine große Fläche angepflanzt mit neuen, pilztoleranten Sorten, Satan Noir, Cabernet Noir und so weiter. Da werden wir einfach mal schauen, wie wir uns neu positionieren.

 Wie hat sich Weinbau gewandelt in den letzten 25, 30 Jahren?
Man merkt natürlich die Digitalisierung, sei es die Etikettiermaschine, die Weinpresse mit Touchscreen-Steuerung und so weiter. Jetzt sind wir dabei, an einem Traktor ein Zwischenstoppgerät zu kaufen, das selbststeuernd ist. Das sind schon große Wandlungen, die vielleicht erst in der Anfangsphase sind. Das wird sicher in den nächsten Jahren so weitergehen. 

Und der Klimawandel?
Das ist klar. Letztes Jahr habe ich das so abgetan als einmalige Situation. Wenn ich sehen was jetzt wieder abgeht, und die Bodenfeuchte war im Frühjahr noch geringer als letztes Jahr um diese Zeit. Da wird‘s dann schon langsam bedenklich.

Kann der Weinbau hier vom Klimawandel vielleicht sogar profitieren?
Mit Sicherheit. Aber alle Sorten brauchen Wasser. Aber wenn man kein Wasser hat, dann nutzt dann Merlot, Cabernet oder Shiraz auch nichts. 

Gibt es einen Paragrafen im Weingesetz, den sie sofort ändern würden?
Ich bin der Schutzgemeinschaft Saale-Unstrut mit dabei. Wir werden das sicherlich in die heutige Zeit anpassen. Radikal bin ich da nicht. Das Anliegen ist einfach, dass man die Steillagen wieder abgrenzt und den klassischen Schweigenberg wieder zu dem Schweigenberg macht, der er schon immer war und keine Großlage daraus macht. Das war sicher ein Fehler in der Nachwendezeit, den man jetzt korrigieren kann. Denn Steillagen sind einfach unheimlich wichtig fürs Image und für die Traditionspflege, das auch für die Kundschaft rüberzubringen. Nicht unbedingt dass die Weine so mega wahnsinnig toll sind. Aber die Steillagenbewirtschaftung gehört einfach zu dieser Branche Wein dazu. Das ist Kulturgut. 

Sie kommen aus einer Winzerfamilie. Hatten Sie eigentlich eine Chance, etwas anderes zu werden?
Ich hätte sicher auch was anderes machen können, Polizist stand im Raum. Das wäre vielleicht auch spannend und abwechslungsreich geworden. Jetzt mach ich das, was meine Eltern machen und das ist genau so spannend.

Was wird am Abend so geöffnet?
Wir trinken sehr regelmäßig Wein. Vielleicht zu regelmäßig, wenn man es rein medizinisch sieht. Wir trinken querbeet und nicht nur unsere Weine, im Prinzip weltweit. 

Und was kommt bei besonderen Anlässen auf den Tisch?
Wir haben ein umfangreiches Archiv, daraus probieren wir gerne. Aber gerne auch eine Flasche aus Südafrika oder von meinen Brüdern natürlich. Da ist immer was da.

Gibt es den einen Lieblingswein?
Den einen gibt es nicht, es gibt immer wieder neue Sachen die toll sind. Ich mag sehr gerne Bukett-Sorten. Deswegen gibt es bei uns auch Traminer, Muskateller, Scheurebe, Sauvignon Blanc, jetzt haben wir noch Cabernet Blanc und Muscaris gepflanzt. Das ist eine Vorliebe. 

Kork, Glas oder Schraubverschluss?
Wir machen inzwischen die Hälfte mit Schraubverschluss, aber Kork ist mein Ding. Wir werden wahrscheinlich in den nächsten ein, zwei Jahren eher wieder zum Kork tendieren, was nicht dem Trend entspricht. Aber Kork ist das Maß der Dinge. 

Mit wem würden Sie gerne mal ein Glas Wein trinken?
Ich habe mich gefreut, dass kürzlich Felix Magath ganz unverhofft im Weingut aufgetaucht ist. Er meinte, seine Frau trinkt alles mögliche. Ansonsten interessiere ich mich für Philosophie. Da könnte ich mir vorstellen, mit jemanden mal eine Flasche zu leeren. Mit Margot Käßmann würde ich gerne mal eine Flasche trinken, obwohl sie jetzt nicht mehr in Amt und Würden ist. In dem Spektrum gibt es durchaus interessante Personen.

 Gibt es den perfekten Wein?
Wahrscheinlich nie. Man arbeitet immer dran, das es perfekt wird.

 

 

 

Eine West-Ost Geschichte

Am 9. November feiert Deutschland 30 Jahre Mauerfall. Viele Ostdeutsche sind danach gen Westen gegangen, um dort ihr Glück zu versuchen. Es gibt aber auch West-Ost Geschichten. Andreas Clauß, jetzt 52 Jahre alt, ist den umgekehrten Weg gegangen – vom Westen in den Osten. Hier hat er, quasi aus dem Fast-Nichts, wie er sagt, mit dem Thüringer Weingut Bad Sulza eines der führenden Weingüter im Osten Deutschlands aufgebaut. Der Mitteldeutsche Weinpreis im vergangenen Jahr in der Kategorie bester Rotwein für den „2015er Frühburgunder Excellence Barrique“ aus der Lage Bad Sulzaer Sonnenberg war nur eine weitere Bestätigung für die steile Entwicklung des Betriebes.

„Es war einfach Neugierde“

Es war schon eine überaus mutige Entscheidung von Andreas Clauß, 1994 aus dem beschaulichen und prosperierenden Esslingen in Baden-Württemberg in den komplett im Umbruch befindlichen Osten zu gehen. 27 Jahre alt war er damals, Sohn einer Winzerfamilie. „Das war 1994 schon eine spannende Herausforderung, einen Weinbaubetrieb von null, beziehungsweise unter null, zu entwickeln“ sagt er. 1992 hatte die Agrargenossenschaft Niedertrebra (die LPG Niedertrebra betrieb Weinbau in Thüringen) in einer Weinzeitschrift eine Stelle ausgeschrieben, man hatte die Chance gesehen, Weinbau in Thüringen zu etablieren. „Aus den eigenen Reihen hatten sie wohl niemanden gehabt mit dem nötigen Knowhow“, meint Clauß. Abenteuerlust und die Lust auf eine Herausforderung hätten ihn bewogen, sich zu bewerben, erzählt er. „Es war einfach Neugierde, in Thüringen mit Weinbau etwas ganz Neues zu machen. Und gleichzeitig die Möglichkeit wahrzunehmen, einfach aus dem kleinsten Weingut, aus den Anfängen, den allerkleinsten Anfängen, ein Weingut in Thüringen zu entwickeln.“

Mit Klassenfahrt im Osten

Vom Osten wusste er damals nicht viel. „Mit der Klassenfahrt war ich 1984 mal in der DDR. Mehr Kontakt gab es vor der Wende nicht“, erzählt er. Und die Weine? Thüringen? „Über Wein in Thüringen wusste ich eigentlich gar nichts. Ich hab mich in den Nachwendejahren sehr intensiv belesen über Saale-Unstrut, auch über Sachsen. Über die beiden neuen deutschen Weinanbaugebiete hat Dr. Thomann aus Ingelheim interessante Berichte geschrieben. Aber Thüringen hat da natürlich keine Rolle gespielt, weil es nur zehn, zwölf Hektar Rebfläche gab, die bewirtschaftet wurden.“ 

Viel gewagt, viel gewonnen

Andreas Clauß wagte viel – und gewann viel. Er bekam die Stelle, gründete und entwickelte die Thüringer Weingut Bad Sulza GmbH (neben ihm halten weitere Eigner Anteile) und machte schnell mit seinen Weinen auf sich aufmerksam. Aktuell bewirtschaftet das Weingut 50 Hektar Rebfläche, 75 Prozent sind weiße Rebsorten, 25 Prozent rote. 330000 Flaschen werden im Schnitt jährlich produziert. Das Sortenspektrum ist groß, auch nicht unbedingt gebietstypische Rebsorten wie Muskateller oder Grüner Veltliner gehören dazu. Und das Spektrum erweitert sich noch. Unlängst wurden neue, pilztolerante Sorten wie zum Beispiel Satan Noir oder Cabernet Noir angepflanzt.

Der Keller in Bad Sulza

Von Null auf Hundert

Am 11. April 2019 feierte er sein persönliches Jubiläum: 25 Jahre in Bad Sulza. In 25 Jahren eine Entwicklung von Null auf Hundert sozusagen. Gab es Überraschungen auf diesem Weg? „Im Nachhinein eigentlich keine.“ Mit seinen neuen Mitbürgern in Ostdeutschland habe es keine Probleme gegeben. Das Verhältnis zu einen neuen Winzerkollegen an Saale und Unstrut sei „von Anfang an gut, sehr kollegial“ gewesen.
Natürlich lief nicht alles nur glatt. „1996 und 1997 waren schlechte Jahre, auch 2009“, sagt Andreas Clauß. „Aber letztlich haben wir es gut hingekriegt und weniger Fehler gemacht, als man hätte machen können.“

„Ich habe die Perspektive gesehen“

Andreas Clauß

Längst ist Andreas Clauß mit dem Thüringer Weingut Bad Sulza etabliert. Er ist 1994 solo gekommen, hat die Thüringer Weinprinzessin Kathrin geheiratet, seine Kinder – jetzt 16 und 21 Jahre alt – sind hier geboren. „Ich werden von den Ossis sogar gewählt“, sagt er lächelnd. Tatsächlich sitzt Andreas Clauß im Vorstand des Weinbauverbands Saale-Unstrut, dazu im Vorstand der Schutzgemeinschaft des Anbaugebietes. Im Stadtrat von Bad Sulza (für die Freien Wähler) sitzt er auch. Das nennt man wohl angekommen.
Bereut hat er die Entscheidung von 1994 niemals. Sein Instinkt damals: „Ich habe die Perspektive gesehen.“

Die Weine vom Thüringer Weingut Bad Sulza

Die Basis ist durchweg sauber und empfehlenswert. Allen voran natürlich der mit dem Mitteldeutschen Weinpreis ausgezeichnete Frühburgunder Excellence Barrique. Die Kerner – in jeglicher Ausführung – sind Gebietsspitze, mit dem Gutedel/Chasselas punktet das Weingut regelmäßig beim Gutedel-Cup. Mit seinem 2018er Gutedel trocken wurde er in diesem Jahr unter 75 angestellten Weinen Neunter. Muscat-Ottonel, den er als einziger Winzer an Saale-Unstrut ausbaut, ist Pflicht. Grüner Veltliner, Muskateller, Traminer, Chardonnay und der Jenaer Silvaner sind bei den weißen Sorten zwingend. Frühburgunder, Cabertin und die feinen Barrique-Cuvées MiCaDo und Merlin (Merlot und Pinotin) bei den roten. Insgesamt sehr gutes Niveau!

 

Gutedel mit Überraschungen

Zum Gutedel gibt es einen Kalauer: Der Name sei eine einzige Lüge – Gutedel sei ja weder gut noch edel. Fakt ist: Die Weine sind bekömmlich, leicht und säurearm. Gutedel sollte jung getrunken werden, sagt die Lehre. Aber gehobenere Qualitäten haben schon Alterungspotenzial – wegen der niedrige Säure ist das freilich begrenzt. Wenn sich ein Winzer mit dem Gutedel Mühe gibt, kann das ein richtig schöner Wein werden. Weil die Rebe einen eher geschmacksneutralen Charakter hat, kommen das jeweilige Terroir, Boden, Kleinklima und Lage der Rebfläche in jedem Wein zum Ausdruck. Freilich nur, wenn sich der Winzer Mühe gibt und nicht nur auf das beachtliche Ertragspontenzial (bis zu bis 150 hl/ha sind möglich) schaut.

Wenig populäre Sorte

Roter Gutedel

Die Sorte ist nicht sehr populär. Gutedel wird in Deutschland nur in den Gebieten Markgräflerland (Baden, 1117 ha), Saale Unstrut (23 ha), Sachsen (3 ha), Pfalz (1 ha) und Rheinhessen (1 ha) angebaut. In der Schweiz sieht das ganz anders aus, mit fast 4000 Hektar ist das Land das wichtigste Anbaugebiet dieser Rebsorte. Dort heißt er jedoch Chasselas oder Fendant, Moster, Junker und Schönedel sind weitere Synonyme. Gekeltert wird die Sorte auch in Rumänien, Tschechien und Ungarn.

Zwölf Gutedel im Test

In einer Gruppe haben wir zwölf Gutedel verkostet – acht aus Saale-Unstrut, zwei aus Baden, zwei aus der Schweiz. Das Tasting war hochinteressant, weil die angeblich so langweiligen Rebsorte eine kaum vermutete Vielfalt zeigte. Ja, es gab Vertreter, wo „dünn und beliebig“ notiert ist. Oder auf Frucht getrimmte Weine, klar gemacht für den Massengeschmack. Was gar nicht schlimm ist – auch Gutedel will verkauft werden. Die beiden Schweizer sind aufgefallen – der von Les Murettes mit einer laktischen Note, nicht wirklich einladend. Dem üppigen Fendant vom Cave St. wurde viel Charakter attestiert, doch er spaltete das Gremium. Die klare holzige Note war nicht jedermanns Sache.

Überraschender Sieger

Mons Omnium Sanctorum

Wir haben nicht gepunktet, aber am Ende abgestimmt. Es gab keinen einstimmigen „Sieger“, jeder hatte seinen Favoriten. Meine Nummer eins hat mich selbst überrascht: Der 2018er Rote Gutedel Mons Omnium Sanctorum von Saale-Unstrut hatte im privaten Ranking die Höchstpunktzahl. Notiert: blassrosa, sehr hell, schöne rauchige Aromen, Mandel, Walnuss. Ein subtiler, spannender Wein. Roter Gutedel? Das ist eine Mutation des Weißen. Außer der roten Hautfarbe der Beeren und der nicht ganz so hohen Erträge sind die Eigenschaften und Merkmale identisch mit denen des Weißen Gutedel. Der Vergleich ist also erlaubt.

Überraschende Siegerin

Petra Wiegel

Ein überraschender Sieger für mich also. Genauso eine Überraschung war, wer sich hinter Mons Omnium Sanctorum (Allerheiligen-Berg) verbirgt: Eine Hobby-Winzerin! Petra Wiegel bewirtschaftet seit 2014 in ihrer Freizeit 950 Rebstöcke (Weißer und Roter Gutedel). Die Lage heißt Mons Omnium Sanctorum, eine der ältesten Weinlagen an Saale-Unstrut. Ausgebaut werden die Weine im Weingut Johannes Beyer – über den hier auch schon berichtet werden konnte. Der Rote Gutedel war Spitze, der Weiße konnte da nicht ganz mithalten

Die probierten Gutedel (persönliches Ranking)

Mons Omnium Sanctorum (Saale-Unstrut)
Roter Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Klaus Böhme (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Winzerkeller Auggener Schäf (Baden)
Weisser Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Cave St. George (Schweiz)
Fendant 2016 (12,0% Alc.)
Thüringer Weingut Bad Sulza (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (12,0% Alc.)
Weingut Hey (Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Peter Landmann (Baden)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Mons Omnium Sanctorum (Saale-Unstrut)
Weisser Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Grober Feetz (Saale-Unstrut)
Gutedel Muschelkalk 2017 (11,5% Alc.)
Les Murettes (Schweiz)
Fendant 2016 (12,7% Alc.)
Weingut Köhler-Wölbling(Saale-Unstrut)
Gutedel 2018 (11,5% Alc.)
Weingut Zahn (Saale-Unstrut)
Gutedel 2017 (12,0% Alc.)  

Große Gewächse 2018

Alle Jahre wieder – Anfang September stellen VdP-Güter ihre Großen Gewächse des aktuellen Jahrgangs vor. Pflichttermin! 118 VdP-Winzer präsentieren ihre Stars in Berlin, fast 600 Weine. Was soll man zu den Großen Gewächsen (GG) von 2018 (Rot 2017) sagen? Viele schöne Weine, die meisten jedenfalls. Schlechte Jahrgänge gibt es ohnehin nicht mehr. Manches GG war schon unheimlich präsent, bei wieder anderen war schnell klar: Die brauchen noch Zeit. Einige Winzer hatten auch gereiftere Weine dabei. Das war gut, denn da war zu schmecken, wohin die Reise bei den Jungspunden gehen kann.
Natürlich ist es nicht möglich, alles zu probieren. Strategie diesmal: Die erste Runde Rotweine, Große Gewächse, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind. Der zweite Flight mit bekannten und bewährten Weingütern. Finale schließlich mit Auslesen.

Die Roten

Start im Badischen, einer Hochburg des Spätburgunder/Pinot Noir. Viele nette Tropfen, die aber Zeit brauchen. Aufgefallen der 2015er Spätburgunder Winklerberg „Pagode“ vom Weingut Stigler in Ihringen. Rund, erwachsen, kräftig und doch harmonisch – stimmig. Pagode deshalb, weil der Großvater der heutigen Besitzer 1900 auf dem Weinberg ein Weinberghaus im Stil eine Pagode errichten ließ – war damals Mode.
Schön auch die Spätburgunder Doktorgarten des Staatsweinguts Freiburg. Der gerade abgefüllte 2017er ist von schöner Intensität, hat eine angenehme Säure und einen charmanten Bitterton. Viel Potenzial! Was möglich ist, verrät der 2012er Doktorgarten – topfit, reif, rund, große Präsenz.
Sichere Bank Fritz Keller. Schön die 2017er Spätburgunder Schlossberg (feine Frische, schon sehr erwachsen) und vom Eichberg (eher muskulös). Für mich kann der 2017er vom Enselberg da nicht ganz mithalten. Dennoch: Hochspannend zu schmecken, wie unterschiedlich sich die drei Spätburgunder vom gleichen Jahrgang präsentieren.

Unterschiede

Bei Bernhard Huber ist das komplette Portfolio zu würdigen: Ob Spätburgunder vom Bienenberg, Sommerhalde, Schlossberg Hecklingen oder Wildenstein (das Filetstück vom Bienenberg) – alles sehr, sehr schön. Die Lagen befinden sich in einem Kreis von nur 5 Kilometern, die Weine lagen 18 Monate im Barrique (1/3 neu, 2/3 gebraucht) und wurden erst vor drei Wochen abgefüllt. Und doch präsentierten sie sich komplett verschieden. Böden, Höhe, Steillage machen die Unterschiede.
In Württemberg führt kein Weg an Rainer Schnaittmann vorbei. Auch hier sehr feiner Spätburgunder vom Fellbacher Lämmler, erst vor zwei Wochen abgefüllt, gereift in 300-Liter-Fässern, davon ein Drittel neu. Schöne Frische im Glas, Kirschen und einiges mehr an roten Früchten zu schmecken. Dickes Plus. Gilt auch für den Lemberger aus der gleichen Lage, toll ausbalanciert, aromatisch mit viel Kraft. Mehr davon!
Schließlich Meyer-Näkel von der Ahr, einer deutschen Spätburgunder-Koryphäe. Keine Enttäuschung. Ob  2017-er vom Sonnenberg (fruchtig und leicht zugänglich), Silberberg (Kirschen!!), Pfarrwingert (mineralische Note) oder vom Kräuterberg (würzig, mineralisch) – keine Ausfälle. Auch hier – die Lagen im nur 8-Kilometer-Umkreis und doch so verschiedene Weine. Mein Favorit war der vom Pfarrwingert.

Heimspiele

Genug der Roten, jetzt Besuch bei vertrauten Winzern. Zuerst aus der Heimatregion. Winzer im  Osten sind schon lange kein Geheimtipp mehr, und spielen auch im Konzert der Großen Gewächse zuverlässig mit. Meine Highlights der vier ostdeutschen VdP-Betriebe:
Vom Weingut Lützkendorf (Saale-Unstrut) der 2018-er Rote Traminer Hohe Gräte, eine echte Rarität, nicht parfümiert, ganz fein. Vom Weingut Pawis (Saale-Unstrut) ein umwerfender 2018-er Grauburgunder vom Edelacker, Bronzefarben, tolle Aromatik. Der 2018 Grauburgunder von Schloss Proschwitz – Prinz zur Lippe (Sachsen) verdient auch Bestnoten, fast ein Orange-Wein, herrlich aromatisch. Schließlich ein absolutes Highlight: Der Riesling feinherb vom Königlichen Weinberg von Klaus Zimmerling, Sachsen. Feinherb klingt komisch -den Begriff bitte ausblenden. Denn der Wein ist extrem vielschichtig, charismatisch, große Präsenz.

Sichere Tipps

Im Silvaner-Land Franken darf ein Besuch bei Rudolf May nicht fehlen. Der 18er Silvaner vom Himmelpfad besticht durch Klarheit, Strahlkraft und feiner Mineralitiät. Im Beton gereift. Der 2018-er vom Rothlauf hat mehr Körper, wirkt geschmeidiger, reifer. Ich würde den Himmelpfad vorziehen.
Bei Heymann-Löwenstein, Mosel, hatte ich kürzlich das große Vergnügen, im Weingut die 2017-er zu verkosten. Da müssen die gerade abgefüllten 2018-er natürlich unbedingt probiert werden. Obwohl ganz anders als die 17-er und noch etwas aufgeregt: durchweg starkes Niveau! Der Riesling vom Kirchberg schon famos, meine Favoriten warn den der Röttgen und der Blaufüsser Lay. Habe in meinen Notizen geblättert –  war bei 2017 auch schon so!
Joh. Jos. Prüm ist sowas von Pflicht. Die Spätlesen vom Graacher Himmelreich und der Wehlener Sonnenuhr sind weltberühmt und haben – natürlich – das erwartbar hohe Niveau. Großartig die Vertikale der Spätlesen von 2017 bis 2015 vom Himmelreich. Was da kommen kann, verrät die Auslese von der Wehlener Sonnenuhr 2003 – topfit, tolle Süße-Säure-Balance, ein Highlight. 2003 war ein ähnliches Hitzejahr wie 2018 – wir können uns freuen. 

Süße Versuchungen

Mit zunehmenden Alter werde ich immer mehr Freund von rest- und edelsüßen Weinen, Auslesen, Beerenauslesen und mehr. Aber mit zunehmenden Alter werde ich diesbezüglich auch immer kritischer (oder nörgliger, wie Freunde mir attestieren). Nur süß reicht nicht, das ist langweilig. Noch schlimmer ist klebrig. Eine spürbare Säure gehört unbedingt dazu, und da wird es nicht so einfach. Langweilige Süße von den Großen Gewächsen waren in Berlin auch dabei, auch klebrige. Doch es gab bei den 30 probierten auch richtig schöne süße Versuchungen.

Meine Favoriten:
2015 Pfülben Riesling Auslese, Schmitts Kinder
(Franken), lebendig, macht Spaß
2015 Nussbrunnen Riesling Auslese, Balthasar Ress (Rheingau) , schön frisch, schöne Säure
2018 Schloss Johannisberger Riesling Beerenauslese, Schloss Johannisberg (Rheingau) 275 Gramm Restzucker sind eine Wucht, dazu 9 Gramm Säure, braucht vielleicht noch etwas
2017 Bastei Riesling Auslese, Dr. Crusius (Nahe), verspielt, fast schlank
2017 Juffer Riesling Auslese Goldkapsel, Fritz Haag (Mosel), 50% Botrytis, 135 Restzucker, großartig
2018 Apotheke Riesling Auslese, Grans-Fassian (Mosel), klare Linie, 90 Gramm Restzucker, schön balanciert
2018 Herrenberg Riesling Auslese, Maximin Grünhaus (Ruwer), feiner Tropfen, ohne Botrytis, 110 Gramm Restzucker
2018 Karthäuserhofberg Riesling Auslese No. 53,Karthäuserhof (Ruwer), No. 53 bedeutet in einem extra Fass ausgebaut und extra abgefüllt, macht Spaß
2018 Karthäuserhofberg Riesling Auslese Karthäuserhof (Ruwer), topfit, wirkt schon sehr reif
2018 Altenberg Kanzem Riesling Auslese, Von Othegraven (Saar), ziemlich fett, aber die 150 Gramm Reszucker sind fein  abgepuffert
2018 Rausch Riesling Auslese, Forstmeister Geltz-Zilliken (Saar), viel von allem, hohe Dichte, fast Barock

 

 

Wein-Entdecker werden

Die Wein-Entdecker-Wochen sind eine nette Aktion des Deutschen Weininstituts (DWI). Vom 6. bis 22. September 2019 finden sie nun schon zum achten Mal statt.  

Viele Ideen 

An drei Wochenenden in dieser Zeit bieten Vinotheken und Weinbars die Chance, deutsche Weine zu probieren und vielleicht auch neu zu entdecken. Also einfach mal Wein-Entdecker werden. Sicher gibt es  auch Weine des aktuellen 2018er Jahrgangs zum probieren. Das lohnt sich unbedingt, der Jahrgang wird schon jetzt ziemlich gehypt. Hier und da dürften auch ältere Jahrgänge eine Rolle spielen, oder mehrere Sorten im Vergleich, oder Wein aus verschiedenen Gläsern – Ideen gibt es viele. Denn an fast 200 Stationen  – das kann eine Vinothek, der Weinladen um die Ecke oder ein Restaurant sein – sind Weinfreunde zu Tastings eingeladen. 

Tasting in zehn Städten 

In diesem Jahr findet der Tag des offenen Weins in zehn Großstädten statt: Hamburg, Leipzig, Dortmund, München, Berlin, Düsseldorf, Nürnberg, Frankfurt, Köln und Münster. Die vinophile  Entdeckungsreise geht jeweils von 14 bis 18 Uhr. In dieser Zeit kann man pro Station drei heimische Weine für 5 Euro probieren. Alle Stationen zu schaffen dürfte freilich etwas schwierig werden, selbst in einer Stadt…

Termine, Städte und Stationen im Überblick:
7. September: Hamburg, Leipzig, Dortmund & München
14. September: Berlin, Düsseldorf & Nürnberg
21. September: Frankfurt, Köln &  Münster