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Weingut-Besuch: Dr. Hage 

Tour in Saale-Unstrut mit dem Besuch von Weingütern, die zuletzt etwas unter dem Radar operierten. Zu unrecht, wie sich zeigen sollte. Nächste Station nach Weingut Deckert und Familie Lückel: Weingut Dr. Hage in Zeuchfeld. Auf dem Foto: Eberhard (l.) und Gottfried Hage.

Abseits der Hotspots

Pech für den 26-Hektar-Betrieb Weingut Dr. Hage, dass er nicht in den touristischen Hotspots im Dreieck Naumburg – Bad Kösen – Freyburg liegt. Doch der kleine Umweg in das verschlafen wirkende Zeuchfeld (fünf Kilometer von Freyburg) lohnt sich. Dort hat Eberhard Hage, der Senior des Familienbetriebes, ein kleines Imperium aufgebaut. 26 Hektar (24 Hektar eigene Flächen) Weinreben in sieben Lagen (in Zeuchfeld, Freyburg und Naumburg) werden bewirtschaftet. Hages gehören damit zu den mittelgroßen Gütern der Region. Typisch für das Gebiet ist die Geschichte des Weinguts, die nicht wie in anderen Regionen die Tradition mehrerer Winzer-Generationen fortschreibt. Umwege und Turbulenzen erlebten fast alle  nach 1990 entstandenen Betriebe in Ostdeutschland.  

„Ein echter Kaltstart“ 

Eberhard Hage war im „ersten Leben“ Lehrer, träumte aber von einem eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Den erfüllte er sich Anfang der 1990er Jahre mit der Pacht von 100 Hektar Ackerfläche, mehr war nicht möglich. Für eine Landwirtschaft eigentlich zu wenig, deshalb der Plan: das Land veredeln. Von 1994 bis etwa 1997 wurden daher Rebflächen kultiviert. Geplant war eine reine Traubenerzeugung für das Landesweingut Kloster Pforta. 1994 erfolgte dann auch der Start als Traubenproduzent für den Staatsbetrieb. Doch das Landesweingut geriet in wirtschaftliche Turbulenzen und nahm ab dem Jahr 2000 keine Trauben mehr ab. der Eintritt in die Winzergenossenschaft war auch nicht möglich – dort herrschte gerade Aufnahmestopp. „Unsere Reben standen in vollem Ertrag. Wir hatten Trauben, aber plötzlich keinen Abnehmer. Also haben wir das eigene Weingut auf die Beine gestellt“, erzählt Eberhard Hage. „Das war ein echter Kaltstart.“ Plötzlich also ein eigenes Weingut – und 100 Hektar Ackerfläche mussten ja auch noch bewirtschaftet werden… Eine turbulente Zeit damals.

Gottfried Hage im Keller.

Doch Hages bissen sich durch, fassten am Markt Fuß, sind heute bei Fachhändlern, der Gastronomie und auch bei Discountern in Mitteldeutschland gelistet. Spätestens ab 2014, als Sven Lützkendorf als Kellermeister in den Betrieb einstieg, ist in Sachen Qualität Kontinuität eingezogen. Parallel hat Eberhard Hages Sohn Gottfried in Halle Agrarwissenschaften studiert, das Studium mit dem Bachelor abgeschlossen und danach in Geisenheim seinen Master in Oenologie gemacht. 2020 hat Gottfried Hage die Betriebsführung im Weingut übernommen. 

Überraschungen zu Beginn

Nach einer spannenden Betriebsführung wird mit Gottfried Hage verkostet.
Zum Start gibt’s den Gutedel trocken 2021. „Da ist auch etwas Roter Gutedel mit drin“, erklärt Gottfried Hage. Ob die Rarität Roter Gutedel für die schöne Würze verantwortlich ist? Das nicht zu ermitteln, Fakt ist: ein gelungener Gutedel von überraschender Intensität. Die etwas mehr als 8 Gramm Restzucker – also fast halbtrocken – stören überhaupt nicht.
Dem ersten Aha-Erlebnis folg gleich ein zweites. Hage schenkt einen Blauen Silvaner 2016 ein. Eine rare Rebsorte, die in Deutschland auf kaum 50 Hektar angebaut wird. Überraschung, Überraschung, der Wein präsentiert sich charismatisch, mit spürbarer Reife, aber noch topfit. Kleine Ahnung, das geht in Richtung eines Orange-Weines.
Danach hat es die Scheurebe 2021 halbtrocken nicht leicht. Viel Frucht (Stachelbeeren, reife Birnen), viel Aromatik, 15 Gramm Restzucker – das muss man wollen. Die Scheurebe wird ihre Fans finden, ich hätte lieber etwas weniger Zucker. 

Süße Bekenntnisse

Dass satte Restsüße etwas Tolles sein kann beweist der Souvignir Gris 2021. Dessen bemerkenswerte Zahlen: 94 Grad Oechsle bei der Lese, 35 Gramm Restzucker und 7 Gramm Säure. Der Wein der noch raren Piwi-Sorte ist eine Wucht, charismatisch, verführerisch, fast exotisch. Und weil wir einmal bei süß sind:  Bacchus 2021 lieblich klingt erst mal nicht sehr aufregend (ich mag das Wort lieblich auf dem Etikett generell nicht). Aber der Wein steht zu seiner Süße, 7,4 Gramm Säure geben einen schönen Rückhalt. Aufgefallen war mir der Wein schon mal als ausgezeichneter Begleiter eines Desserts.
Highlight des Tastings ist die Grauburgunder Auslese Reserve 2017. Ein großer Wurf. Ist im 600-Liter-Eichenholzfass gereift. Goldgelb, cremig, mit feiner Süße-Säure-Balance und viel Aromatik. Wir entdecken exotische Früchte, Kräuter, Quitte und noch mehr.  

 

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