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Weingut-Besuch: Deckert

Tour in Saale-Unstrut. Mission diesmal: Besuch von Weingütern, die zuletzt etwas unter dem Radar operierten. Zu unrecht, wie sich zeigen sollte. Erste Station: Weingut Deckert in Freyburg/Unstrut. 

Sprung ins kalte Wasser 

Das Weingut Deckert ist eine Bastion im Gebiet. Gegründet am 1. Juli 1990 (noch vor der Wiedervereinigung!) war das Familienweingut das erste private Weingut in Saale-Unstrut. Es ging steil bergauf, doch schon bald kam ein schwerer Schicksalsschlag. 1996 verstarb Klaus-Remo Deckert, der gemeinsam mit seinem Vater das Weingut gegründet hatte, bei einem Unglücksfall. Dessen jüngerer Bruder Florian, eigentlich gelernter Dachdecker, übernahm am 1. Juli 1996 den Betrieb. „Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser und auch nicht ohne Risiko“, sagt Florian Deckert über die bewegte Zeit damals. Er nahm die Herausforderung an, eignete sich Fachwissen an, Abendschule, Winzerlehre, das volle Programm. Mittlerweile bewirtschaftet er 15 Hektar Rebfläche (95% weiße Sorten, 5% Rotwein), 1,2 Hektar der Paradelage Freyburger Herrenberg sind fast im Alleinbesitz. Mit ehrlichen, authentischen Weinen sind Deckerts gut im Geschäft, aktuell sind sie bei 25 Händlern in Deutschland gelistet. 

Florian Deckert beim Probieren.

Zukunft geklärt

In den 25 Jahren, in denen Florian Deckert das Kommando führt, habe sich viel getan, erzählt er. „Vor allem in den letzten 10 Jahren hat sich die Bewirtschaftung verändert. Wir haben zum Beispiel konsequent Humus eingebracht, um mehr Wasser speichern zu können. Auch haben wir Tröpfchenbewässerung eingeführt, damit es keine Ausfälle in Trockenjahren gibt. Wir versuchen, den Einsatz von Glyphosat zu reduzieren. Und wir wollen nur noch eine Flaschenform verwenden.
Die Zukunft ist geklärt. Tochter Lisa hat sich für den Winzerberuf entschieden, hat ein Jahr an der Mosel, ein Jahr an der Ahr und ein Jahr im väterlichen Betrieb Erfahrungen gesammelt. Jetzt leitet Florian Deckert gemeinsam mit seiner Tochter den Betrieb. „Ich entscheide über den Erntezeitpunkt, sie über die Hefe“ erklärt er die Arbeitsteilung. Sieht also ganz so aus, als ob er im Weinberg und die Juniorchefin im Keller das Sagen hat. 

Lieblingsprojekt Sekt 

Mit einem Lieblingsprojekt Lisa Deckerts beginnt auch das Tasting. Sekt! Für den Sekt auf Weißburgunder-Basis, klassische Flaschengärung, war Lisa Deckert Alleinverantwortlich. Selbstbewusst heißt der Sekt auch Cuvée Lisa. Urteil: sehr gelungen. Auch ein Nicht-unbedingt-Sekt-Fan wie ich hatte daran seine Freude.
Weiter geht es mit einer Rarität: Ortega 2021 vom Herrenberg. Ortega haben nur vier Winzer im Gebiet im Portfolio. Warum eigentlich? Der Wein ist schlank (10%Alkohol), leicht trinkbar, schön würzig. 

Silvaner „jenseits von Gut und Böse“

Leicht trinkbar gilt auch für den Müller-Thurgau 2021.  Der hat eine schöne spitze Säure, frische Frucht, schnell fällt das Stichwort „süffig“.
Der Silvaner 2021 Herrenberg erfüllt alle Erwartungen. Duftig, aromatisch, mit schönem Trinkfluss, macht viel Spaß. In mancher Blindverkostung würde er wohl als Veltliner durchgehen. Aufklärung kommt von Meister Deckert. „Menge und Qualität waren jenseits von Gut und Böse, der hatte fast 90 Grad Oechsle.“ Mehr davon!
Beim Blanc de Noir 2021 ist die Lage  komplizierter. Der Portugieser ist frisch gefüllt, hatte wohl noch das berühmte „Fülltief“. Das vergeht. Der Wein wird seine Freunde finden, auch wenn die 19 Gramm Restzucker nicht jedermanns Sache sind.
Weil Rosé gerade richtig boomt bedient Deckert mit dem Rosa Rot vom Herrenberg (Portugieser + Spätburgunder, ohne Jahrgang) den Markt. Der Rosé ist klassisch fruchtig, ein Gruß an den Sommer.

Lisa Deckert im Keller.

Fassproben im Keller

Jetzt geht es in den Keller, denn dort ruhen noch einige 2021er. Die Fassprobe vom Kerner Barrique weckt starke Assoziationen zu Blutorange. Da kommt was. Noch eindrucksvoller die Fassprobe vom Grauburgunder  Barrique 2021. Schon jetzt eine hohe Intensität , und dann erst diese goldene Farbe. Da kann was Großes kommen.
Schließlich noch Rotwein. Der Spätburgunder 2020 Herrenberg von einem französischen Klon hat eine schönen Vanilleton für die Nase und eine nette Würze für den Gaumen. Ein schöner Trinkwein. Nicht mehr, nicht weniger.

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