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Nostalgie: Mouton Rothschild 

Ja, diese Geschichte ist pure Nostalgie. Sie hat mit dem berühmten Mouton Rothschild zu tun. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, einen 1991er zu probieren. Das rief wahrhaft nostalgische Erinnerungen hervor. Denn jetzt, im Frühjahr 2021, ist es 27 Jahre her, als ein Wein-Tasting eine einschneidende und bis heute anhaltende Wirkung hatte. Ein 1991er Château Mouton Rothschild spielte da eine Rolle, und noch einige andere Weine. 

Sieben Freunde testen

Sieben Weinfreunde haben sich im Frühjahr 1994 in einer Wohnung in Halle getroffen um der Frage nachzugehen: Sind die großen Preisunterschiede bei Weinen gerechtfertigt? Zur Einordnung: 1994 war die politische Wende noch keine fünf Jahre her. Zahlungsmittel war die D-Mark, die Löhne noch eher bescheiden. Alle sieben Teilnehmer der Runde kamen aus Ostdeutschland. Die Wein-Erfahrungen und -Kenntnisse waren sehr unterschiedlich. Einige waren einfach nur neugierig, was es jenseits der DDR-Klassiker Rosenthaler Kadarka oder Adria Sonne noch so gibt. Andere hatten sich schon mit den seit 1990 gigantischen Möglichkeiten der Weinwelt befasst. 

Sind 20 Mark gerechtfertigt?

Ich konnte dank meines Mentors an der Uni Halle, dem Agrarwissenschaftler und begeisterten Hobby-Winzer Dr. Karl Karch, schon in den 1980-er Jahren trockene Winzerweine aus dem Unstrut- und Elbtal kennenlernen. Weine, die es in keinem Geschäft zu kaufen gab. Nach 1990 waren wir sehr neugierig auf die neue, nun sehr große Weinwelt. Verstörend (und ziemlich ärgerlich) nur diese Preise… An jenem Tag im April wollten wir es genau wissen: Ist es gerechtfertigt, dass ein Wein 20, ja 30 Mark und mehr kostet? 

Bordeaux von billig bis teuer

Für das Tasting haben wir diese acht Weine. Der besseren Vergleichbarkeit wegen waren es Bordeaux – in der Reihenfolge vom billigsten zum teuersten verkostet. Die acht Weine:

– Château Riffaud – Medoc 1990 (9,20 DM)
– Château La Fleur Cuyot 1989 – Fronsac (20,00 DM)
– Château St. Arnaud 1986 – St.-Emilion (24,50 DM)
– Vieux Château Gaubert 1991 – Graves (25,00 DM)
– Château Sigognac 1990 – Medoc (30,00 DM)
– Baron Philippe 1989 – Pomerol (42,00 DM)
– Château d’Armailhac 1990 – Pauillac (42,00 DM)
– Château Mouton Rothschild (148,00 DM)

Himmel und Gülle

Die Weinliste ist erhalten, die Etiketten auch, bis auf Château Riffaud (beim ablösen leider zerstört). Leider existieren keine Fotos von diesem Tasting. Es gibt ein Protokoll, wenn auch nur mit wenigen Notizen. Zunächst hat jeder Wein irgendwie schon geschmeckt. Und klar, es wurde immer besser. Beim Riffaud hieß es „der ist doch trinkbar“, La Fleur Cuyot bekam Anerkennung, Vieux Gaubert aus dem Graves sorgte schon für Begeisterung, der d’Armailhac erst recht. Was sollte da noch kommen? Der Mouton-Rothschild! Mit dem heutigen Wissen ist klar, der 1991er war 1994 viel zu früh getrunken. Dennoch, es war ein großes Erlebnis, wir fühlten uns damals für kurze Zeit im Himmel. Toller Wein! Brutal wurde das „rückwärts trinken“, also wieder die Leiter bergab.  Schon beim Pomerol wurde es schwierig, die letzten drei (also die „günstigsten“) mochte nach kurzem nippen gar niemand mehr, einer sprach gar von „Gülle“. 

Täglich Mouton?

Dieses denkwürdige Tasting mit dem 1991er Château Mouton-Rothschild war der Auslöser für eine große Leidenschaft. Habe seither tausende Weine probiert, manche getrunken, fast alle dokumentiert. Es waren einige grandiose Weine dabei, Vega Sicilia etwa, fabelhafte Riojas, tolles von Mosel und Saar,  fantastische Ports. Als „Kickoff“ bleibt jedoch Mouton-Rothschild ewig in Erinnerung, in nostalgischen Momenten habe ich den Geschmack noch im Gaumen.
Ich hatte das Vergnügen, einige Jahre später die mittlerweile verstorbene Besitzerin Philippine de Rothschild kennenzulernen. Als ich ihr erzählte, dass einer ihrer Weine eine Art „Erweckungserlebnis“ war, strahlte sie übers ganze Gesicht und antwortete: „Sie sollten ihn täglich trinken!“ Meine Antwort: „Dann bin ich in zwei Wochen pleite.“ Sie darauf: „Aber sie hatten viel Genuss.“
Wie hat er nun jetzt geschmeckt, der 91er, der aktuell zwischen 350 und 500 Euro kostet? Genuss ja, Zauber nicht mehr…

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