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Tee trinken mit Dirk Niepoort

Dirk Niepoort (geboren 1964) gilt als einer der innovativsten Weinmacher Portugals, wenn nicht gar Europas. Sein Vater, Rolf Eduard Niepoort, hat holländische Wurzeln. 1987 ist er in das Weingut der Familie eingestiegen und hat einen beispiellosen Umbruch begonnen. Bis dahin wurde ausschließlich Portwein erzeugt. Bald nach seinem Einstieg ergänzten Rot- und Weißweine das Portfolio. Redoma oder Batuta oder der weiße Coche sind inzwischen Spitzenmarken. Weltweit erfolgreich ist ein Douro-Rotwein, der je nach Markt unterschiedlich bezeichnet wird. Im deutschsprachigen Raum trägt er den Namen Fabelhaft.
Ich habe Dirk Niepoort auf der Portweinmesse getroffen, das spontane Gespräch war ein großes Vergnügen. Am Anfang ging es um Nat‘Cool, seine neue Idee. Dann kamen der Biotrend, stinkende Weine und Vorzüge der Literflasche zur Sprache. Natürlich war Portwein ein Thema. Am Ende tranken wir zusammen Tee.

Was bedeutet Nat‘Cool eigentlich?
Nat‘Cool ist ein Movement, eine Idee. Ziel ist es, Weine zu erzeugen, die einen niedrigen Alkoholgehalt haben, Terroir-fokussiert und mit möglichst wenigen Eingriffen in die Natur entstanden sind. Die Weine sollen Spaß machen und für Konsumenten leicht zugänglich sein. 

Also Natural Wine, im Trend …
Ich bin schon immer sehr affin mit Natural Wines, Natur, Bio, Biodynamik. Ich denke, wir müssen ein bisschen Respekt haben vor dem, was mit unserer Welt passiert. Bio ist für mich gar keine Frage, sondern selbstverständlich. Aber ich habe ein Problem mit gewissen Ideen, die extrem sind. Wenn man Naturweine macht nach dem Motto: Umso fehlerhafter der Wein ist, desto besser, umso mehr er stinkt, desto besser. Da gibt es irgendwo eine Grenze, wo ich sage: Ja, wir wollen die Welt schützen und was Gutes machen, aber nicht einfach Essig machen… Es geht darum, mit Leuten zu arbeiten, die positiv denken, nicht fundamentalistisch sind, aber grundsätzlich Bio sind oder in die Richtung gehen. 

Nat‘Cool beutetet immer Bio, oder?
Der Bio-Stempel, ist auch wieder so eine Sache, kann man alles in Frage stellen, Kupferverträglichkeit und so weiter… Deswegen gibt es die Idee, Weine zu machen, die Spaß machen, am liebsten in einer sehr leichten Literflasche. Weine zu machen die authentisch sind, typisch für die Gegend. Sie dürfen nicht perfekt sein, aber sie dürfen nicht fehlerhaft sein. Bei Nat‘Cool geht es nicht um Niepoort, es geht um Portugal, ja, aber es geht um noch viele andere Regionen, Málaga, Österreich…

Eine europäische Marke?
Weltweit. Argentinien, Chile, sogar Brasilien zeigt Interesse. Aber wir sind noch ganz am Anfang. Aber die Idee ist wirklich, weltweit eine Logik zu schaffen von Leuten, die wirklich was für unsere Welt machen wollen und Spaß haben am Wein. Und etwas authentisches zu machen, was das Terroir repräsentiert, etwas, was einfach sehr gut ist. Am liebsten in der Literflasche, aber das muss nicht sein.

Warum die Literflasche?
Die Literflasche ist eine ganz billige, leichte Flasche, die deshalb im Transport kein Problem ist. Aber klar, jeder kann machen was er will.

Nat‘Cool hat ja das Wort cool. Wie cool ist Port in der heutigen Zeit?
Portwein ist vielleicht nicht das coolste im Moment. Aber wir müssen doch nicht alle cool sein. Ich würde ja am liebsten sagen, Portwein sollte ein bisschen snobistisch werden. Das ist genau das Gegenteil von cool. Portwein ist für mich etwas Großartiges! Am liebsten würde ich sagen, wir machen alle weniger Portwein.

Warum weniger Portwein?
Ja, weniger Supermarkt-Portwein, dafür aber viel bessere Qualität. Das ist nicht eine Sache für Jedermann. Das muss man genießen.

Was muss für Sie ein guter Portwein haben?
Portwein ist einfach gut. Es gibt natürlich die alte Logik, der Vintage ist das beste. Mein Vater hat immer gesagt, Vintage ist der König der Portweine. Aber er sagt gleichzeitig, Tawny ist der Präsident der Portweine. One is by the heritage, the other one is by election. Das hat was. 

Was bevorzugen Sie: Vintage oder Tawny?
Ich liebe Vintage, aber ich liebe genauso Tawny.  Vintage ist großartig, Tawny ist großartig. Wir sollten nicht nur über Portwein reden, wir müssten über Douro reden. Douro ist die Portwein-Gegend, ohne Douro gibt es keinen Portwein. Deswegen Portwein ja, aber Mengen reduzieren besser machen und Preise erhöhen. Aber nebenbei Weine machen auf Mengen, die aber nicht billig sind. Nebenbei auch Garagenweine machen, um der Welt zu zeigen, dass wir genauso gut sind wie Bordeaux. Und noch mehr.

Was noch?
Tourismus, hochwertiger Tourismus. Die Portweingegend Douro ist die schönste, dramatischste, interessanteste, intensivste Weingegend überhaupt auf der Welt. Ich stehe dazu.Wir müssen die richtigen Leute dazu bringen, dass sie die Gegend kennenlernen. Das ist sehr wichtig, damit der Kunde versteht, wie schwer, wie hart, wie intensiv, wie kostenträchtig die ganze Gegend ist. Das muss man den Leuten natürlich auch zeigen, damit die verstehen, dass das alles nicht nur teuer ist, weil es teuer ist, sondern weil die Kosten sehr hoch sind. Wenn wir diese ganzen Sachen zusammensetzen, dann hat Douro eine Riesenzukunft.

Sie haben kürzlich von Robert Parker 100 Punkte für einen Port bekommen. Was bedeutet das?
Mich interessieren die Punkte überhaupt nicht. Es ist schön, es hat eine Wirkung, das muss ich zugeben. Es ist vielleicht auch ein schöner Moment, diese Punkte zu bekommen, aber an sich interessieren mich die Punkte überhaupt nicht. Mir geht es darum, eine harte Arbeit zu machen, dass der Kunde versteht, was wir machen und wie gut unsere Portweine sind. Und vielleicht auch wie eigenwillig das ist, was wir machen. Die 100 Punkte sind mir egal.

Welche Weine mögen Sie sonst außer Portwein?
Ich trinke meist nicht meine eigenen Weine, die muss ich zu oft trinken. Meine Schule war/ist, andere Weine und Winzer kennenzulernen. Ich liebe Burgund, ich liebe Mosel, ich liebe Côte du Rhône. Ich liebe alles, was gut ist.

Was wird geöffnet, wenn Sie abends von einem harten Arbeitstag nach Hause kommen?
Dann gibt es einen Tee.

Tee?
Meine Frau und ich haben die einzige Teeplantage in Europa, nördlich von Porto. Wir haben einen Hektar gepflanzt, 14.000 Pflanzen. Wir sind Teefanatiker und meine Liebe war schon immer Tee. Noch vor dem Wein war ich schon teeverrückt. Wir importieren Tee aus Japan, Korea, China, Taiwan, aber jetzt wir haben eine eigene Teeplantage.  Wir haben auch einen verrückten Tee, einen Oolong aus China. Genauer gesagt Bio-Oolong.

Wieso verrückter Tee?
Der Tee heißt Pipachá, Pipa ist portugiesisch Fass. Der Tee bleibt 6 Monate in dem Portweinfass. Aber man muss ihn ab und zu wieder rausnehmen und wieder reintun, das ist eine höllische Arbeit. Wir haben jetzt einen Raum nur dafür, damit das trocken genug ist, Porto ist ja sehr feucht.  Aber es schmeckt verdammt gut.

Wo kann man den kosten?
Hier, jetzt, ich habe ihn dabei.

Tee verkosten mit Dirk Niepoort.

Dirk Niepoort bereitet den Pipacha zu. Mangels geeigneter Tassen im Lokal müssen Wassergläser her. Wir probieren. Auch ich als Nicht-Teetrinker bin schwer beeindruckt. Der Tee ist aromatisch und hat tatsächlich einen Hauch Port im Geschmack. Oder ist das nur Einbildung? Das muss noch mal in neutraler Umgebung untersucht werden. In Portugal ist der Tee in einigen Läden zu haben, in Deutschland noch nicht. Aber es gibt ja einen Webshop.    

Zu Feiertagen – wird da auch Tee getrunken oder doch etwas Besonderes entkorkt?
Zum Glück gibt es tolle Weine auf der Welt, immer wieder interessante Sachen. Zu meinem 40. oder 30. Geburtstag, da gab es einen 74er La Tâche*, 3 Liter. Ab und zu macht man solche blödsinnigen Sachen, aber es hat wirklich gut geschmeckt.

War es so ein Erlebnis, wie man es sich vorstellt?
Ja!

Wem würden Sie gerne mal einen guten Portwein erklären oder mit wem einen guten Port trinken?
Mit Dir!

Eine prominente Person muss also nicht sein, oder?
Nein, das wäre wahrscheinlich meistens Themaverfehlung. Das muss nicht sein.

Wie würden Sie einen perfekten Wein beschreiben? Gibt es den?
Niepoort Vintage 2017 ist das naheste zu dieser Perfektion, die es natürlich nicht gibt. Aber näher gibt es für mich nichts.

* La Tâche kommt von der Domaine de la Romanée-Conti im Burgund, das gilt als das beste der Welt.  

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