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Gussek: Fünf Gesichter des Grauburgunders

Wieder mal Besuch mit ein paar Freunden beim Winzerhof Gussek in Naumburg, einem der Spitzenerzeuger in Saale-Unstrut. André Gussek war auf dem Blog schon mehrfach Thema. Terroir-geprägte Weißweine sind sein Markenzeichen, seine Rotweine gehören zu den besten des Gebiets, ganz Ostdeutschlands. Weitere Spezialität: Barrique-Weine, da ist Gussek in Saale-Unstrut Pionier und Trendsetter. Neben anderen Winzern der Region gehört er zu den Mitbegründern des Projekts Breitengrad 51.
Charmanter Vorschlag diesmal:  „Lasst uns doch mal sehen, was mit einer Rebsorte so alles möglich ist.“  Die Wahl fällt auf den Grauburgunder, für den laut Wikipedia 227 Synonyme  bekannt sind. Eine Rebsorte, die in den letzten Jahren in Deutschland sehr stark an Popularität zugelegt hat. Gesagt, probiert: Fünf Gesichter des Grauburgunders.

Gesicht 1: Klassisch

Start mit dem 2019er Grauburgunder Gutswein. Der hat nur 0,9 Gramm  Restzucker, das ist ganz nach meinem Geschmack. Alles andere auch. Hat eine prägnante Burgunderfrucht, wirkt auch ohne Restzucker durchaus kräftig. Knackig, ohne Schnörkel und Geheimnisse, ein feiner Einstieg.

Gesicht 2: Mineralisch

Weiter geht’s mit dem Grauburgunder Naumburger Muschelkalk 2019. Komplett durchgegoren, noch weniger Restzucker (0,6 g) als der Gutswein. Manchmal schmecken Weine dann beliebig – dieser ganz und gar nicht. Der Muschelkalk hat Charisma, ist schön balanciert, geradezu elegant. Vor allem hat er eine schöne Mineralität, Feuerstein fällt uns ein, dazu eine rassige Säure. Klasse!  

Gesicht 3: Barock

Der Grauburgunder Naumburger Götteritz 2018 ist „für Erwachsene“, warnt André Gussek scherzhaft vor. Klar, 15,7% Alkohol sind kein Kinderspiel – und auch ein kleines Rätsel. Hatte immer gedacht, bei 15% ist Schluss, weil die Hefen dann besoffen sind. Auch Gussek kann sich den hohen Gehalt nicht recht erklären. Die 116° Oechsle schon. Er erinnert an 2018. „Wir hatten eine Hitzewelle. Wir hatten gerade Müller-Thurgau geerntet, da gingen die anderen durch die Decke.“ Eben auch der Grauburgunder im Göttersitz. Der ist über ein Jahr im Edelstahltank gereift, abgefüllt erst Ende 2019.  Hat von vielem viel. Polarisiert wegen seiner Wucht schon, ein barockes Gemälde im Glas.     

Gesicht 4: Barrique

Der Grauburgunder Naumburger Götteritz  2017 Barrique ist ein Jahr im Barrique-Fass (1. bis 3. Belegung) auf der Hefe gereift. Entsprechende Power hat der Wein, er wirkt füllig und dicht. Wie bei Gusseks Barrique-Weinen mittlerweile Standard, ist das Toasting harmonisch eingebunden, da stört keine Holzfaust in der Nase. Feines Beispiel eines im Barrique-gereiften Weißweins. Mag sicher auch nicht jeder – aber diesen Wein zum Gänsebraten beispielsweise ergibt eine Traumhochzeit.  

Gesicht 5: Orange

Grauburgunder Kaatschener Dachsberg Orange 2018 steht auf dem Etikett, Zusatz: auf der Maische vergoren. „Das ist kein klassischer Orange-Wein“, stellt der Gussek erst mal klar. Und erzählt dann vom so aufwändig wie abenteuerlich anmutenden Verfahren: Die gelesenen Trauben kommen in ein 200-Liter-Fass. Die Beeren bleiben ganz, werden 14 Tage lang mehrfach täglich mit dem auslaufenden Rebsaft immer wieder übergossen, die Schalen werden dadurch immer poröser und durchlässiger. Dann wird gequetscht und der Traubensaft kommt für ein Jahr ins kleine Holzfass. Heraus kommt ein spektakulärer aromatischer Wein, satte 16,5 % Alkohol, mit Aromen, deren Beschreibung eine ganze Buchseite füllt. Schon jetzt ein Genuss, hat aber ein sehr, sehr langes Leben. „Ein Generationenwein“ , sagt  André Gussek. Und wir sind uns einig: In einer Blindverkostung würde den niemand als Grauburgunder erkennen.

Was ist nun das schönste Gesicht des Grauburgunders? Das ist eindeutig Geschmackssache. 

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