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Georgien boomt

Weine aus Georgien sind mir vor einigen Jahren schon mal positiv aufgefallen. Trotzdem sind sie zuletzt etwas aus dem Fokus geraten. Inzwischen hat sich wohl viel getan. Denn zuletzt war verstärkt vom Boom georgischer Weine zu hören und zu lesen.  Gründe genug, sich Weinen aus Georgien wieder mal intensiver zu widmen. Habe also einiges im Internet bestellt, dazu ein vom Berliner Weinhändler Edel & Faul veranstaltetes Tasting besucht. Kurzes Fazit: Es geht nicht um besser oder schlechter, die Weine sind vor allem anders. Einige Weine fand ich grandios.
Meine Top Ten (aus 27 verkosteten) und auch in dieser Reihenfolge

1) Tsitska 2018 – Baia’s Wine

Zwei Schwestern, 24 und 25 Jahre alt, führen den Betrieb. Tstitska ist eine weiße Rebsorte, rot vinifiziert, unfiltriert. Der Wein lag 6 Wochen auf der Schale, danach ein Vierteljahr in Amphoren und schließlich im Stahltank. Orange auch die Farbe, so erinnert er eher an einen Orange-Wein als an Weißwein. Egal, einfach großartig das Ergebnis! Toller Körper, viel Charisma, reife Birnen, zarter Honigtouch, frische Orangenzesten und viel mehr. Habe mich in diesen Wein verliebt – es gibt leider nur 500 Flaschen davon.

2) Chkhaveri No Skin 2017 – Iberieli

Iberieli ist ein von Zurab Topuridze geführtes Familienweingut mit 15 Hektar Rebflächen. Der Name Iberieli – der von Zurabs Kindern gewählt wurde – bezieht sich auf die alten Menschen im Kaukasus, die vor mehreren tausend Jahren Wein herstellten. Der Chkhaveri ist eine rote Rebsorte und wurde als Weißwein vinifiziert, wie es der Zusatz No Skin auf dem Etikett verrät. Ein Blanc de Noir also. Auch der Wein unfiltriert, auch der fast orange und auch 5 Monate in der Amphore gereift. Schön nussig, erdig, viel Terroir im Glas. Fand den Tsitska von Baia einen Hauch besser. Leider auch nur 800 Flaschen.

3) Saperavi 2017 – Papari Valley

Papari Valley wird von Nukri Kurdadze geführt. 9 Hektar Reben bewirtschaftet die Familie, damit gehört sie in der Naturwinzer-Szene bereits zu den größten. Saperavi ist die meistangebaute Rotweinsorte Georgiens. Saperavi heißt auch schwarzer Wein, tatsächlich schrieb/schreibt man in Georgien mit Saperavi. Der von Papari Valley ist wirklich extrem dunkel, schwarz-lila, und hat ein interessante Jugend hinter sich: Einen Monat lag er auf der Schale, dann wurde in 3 Etappen der Wein von der Schale getrennt: Erst Reifung in der Amphore mit Schale, dann Amphore ohne Schale und schließlich ein jahr Reife in einer weiteren Amphore. Viel Gerbstoff, viel Säure, große Dichte, unheimliche Wucht. Nichts für Anfänger – muss man mögen.

4) Saperavi 2015 – Koncho & Co.

Koncho & Co. ist die Premium-Marke des georgischen Weinherstellers J.S.C. „Corporation Kindzmarauli“. Mit rund 150 Hektar Rebfläche ein Big Player. Auch wenn gleichfalls sehr dunkel doch ein etwas anderer Saperavi: Wir entdecken einen leicht süßlichen Nachklang, Trauben-Nuss-Schokolade, Vanille in der Nase, Toffee, Kuchen. In jedem Fall leichter zugänglich als der von Papari, möglicherweise für die Kundschaft in Westeuropa und Nordamerika gemacht. Dort feiert der Wein große Erfolge.

5) Mtsvane 2015 – Tsikhelishvili Wines

Aleksi Tsikhelishvili ist mit seinen fast 60 Jahren wahrscheinlich der erfahrenste Naturwinzer in Georgien, bewirtschaftet 2,5 Hektar Reben. Die Farbe ist ein tiefes Orange, fast Amber, die Nase auch erstmal gewöhnungsbdürftig (Nagellackentferner?). Das verliert sich schnell. 6 Monate lag der Wein auf der Schale, dann ist er zweieinhalb Jahre in der Amphore gereift. Der Mtsvane hat Ecken und Kanten, wirkt nicht ganz rund, was ja auch spannend sein kann. Schwarzer Tee und Mirabelle sind noch notiert. Es ist nicht ganz leicht, Freundschaft mit dem Mtsvane zu schließen. Aber es ist möglich.

6) Rkatsiteli Superieur 2016 – Chateau Mukhrani

Château Mukhrani ist mit rund 100 Hektar Rebfläche auch eines der großen Güter. Der Chefönologe, Patrick Honnef, lernte sein Handwerk in Bordeaux. Rkatsiteli ist die verbreitetste Rebsorte Georgiens, nimmt rund die Hälfte der gesamten Rebfläche ein. Ein spannender Weißwein, habe sofort an Retsina gedacht. Wenig Frucht, wenig Nase (laut Weinbeschreibung weiße Maulbeeren!), wenig Säure und am Ende ein leichter Bitterton. Hört sich erst mal nicht so toll an, aber zum Essen (kräftig, würzig) lief er zur Hochform auf, entwickelte sich im Glas überhaupt prächtig. Viel Charakter! Wer mal was anderes als die frischen, fruchtigen Sommerweine will – Rkatsiteli! Sicher gewöhnungsbedürftig, aber ich fand ihn gut.

7) Saperavi 2014 – Tamada (Georgian Wines and Spirits Company)

Auch von einem großen Erzeuger und zunächst ein kleiner Schock. Denn erster Eindruck: Lösungsmittel, Putzmittel, Lakritze, Terpentin. Die Nase muss tapfer sein, aber der Gaumen hat‘s besser. Denn dieser Saperavi schmeckt besser als er riecht. Und das mit dem Geruch erledigt sich auch schnell, der Wein verbessert sich im Glas rasant. Schnell kommt der typische Saperavi hervor: Präsente Tannine, Lack und Leder, schwarzer Johannisbeeren, Maulbeeren, reichlich Gerbstoffe. Macht später noch richtig Spaß, gefragt ist also vor allem ein bisschen Geduld.

8) Budeshuri 2017 – Niklas Marani

Über den Winzer war  nicht viel zu erfahren.  Budeshuri jedoch ist eine weitere autochthone Rebsorte Georgiens, ein Verwandter des Saperavi. Kurios die Entstehungsgeschichte dieses Weines: Der sollte ein Rosé werden, ist es aber irgendwie nicht geworden. Nicht ganz zumindest, denn Budeshuri kann sowohl kalt als auch warm getrunken werden. Irgendwie nett, aber auch ein bisschen langweilig. Die Power fehlt etwas.

9) Tavkveri Pet Nat 2018 – Lapati Wines

Ein Schaumwein! Lapati Wines wurde von den französischen Auswanderern Vincent Jullien und Guillaume Gouerou gegründet, um Naturwein und Pet Nat (Pétillant Naturel, französisch für natürlich hergestellte Schaumweine) zu erzeugen. Etwa die Hälfte der angebauten Trauben stammt von Lapatis eigenen Weinbergen, der Rest von lokalen Weinbauern. Vincent und Guillaume kaufen genau so viel hinzu, dass sie ihre vier Ein-Tonnen-Amphoren vollständig füllen können. Die Trauben werden von Hand geerntet und mit Füßen zerquetscht.
Schaumwein aus Georgien ist mal was ganz Neues. Der Tavkveri schafft den Spagat trocken und doch zugleich fruchtig zu sein. Er lag eine Woche in der Amphore, die weitere Gärung erfolgte in der Flasche. Er hat interessante rauchige, wildkräutrige Aromen. Doch Georgien kann ich beim besten Willen in dem Schaumwein nicht erkennen, der ist ganz europäischer Stil. Und da ist die prickelnde Konkurrenz groß.

10) Rosé Saperavi 2017 – Gotsa Wines 

Gotsas Weingut  liegt nur 25 Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt Tiflis entfern, es liegt auf 1300 m Höhe. Die Weine der Familie  Gotsadze werden ausschließlich in Amphoren hergestellt und nach den Demeter-Richtlinien “biodynamischer Standard“ hergestellt. Eine hohe Messlatte also. Nun, nach den vielen schwergewichtigen roten Saperavis hat es der Rosé nicht leicht. Tatsächlich zeigt die Farbe eher  einen Rotwein als einen Rosé an, mancher deutsche Spätburgunder ist heller. Der sehr rote Rosé schmeckt extrem fruchtig, nach Sauerkirschen. Nett, gewiss, aber fehlt die typische georgische Note. 

Weinbau in Georgien

Noch einige Sätze zum Weinland Georgien. Das Land gilt als eines der Ursprungsländer des Weinbaus. Die Tradition reicht fast 8000 Jahre zurück. Die geologischen und klimatischen Voraussetzungen sind günstig. Die Rebfläche wird auf rund 50.000 Hektar (Deutschland 102.000) geschätzt. Neben einer großen Vielfalt traditioneller einheimischer Rebsorten (identifiziert sind 525 autochthone Sorten/38 sind für den kommerziellen Weinbau zugelassen) werden mittlerweile auch einige internationale Standardsorten angebaut.

Wein ist der zweitwichtigste Exportartikel des Landes (nach dem Export von Alteisen).  Aufgrund seines Renommees ist der georgische Wein ein beliebtes Objekt der Weinpanscher und wird vor allem außerhalb des Landes im großen Stil gefälscht. Allein in Russland werden jährlich die doppelte Menge georgischer Weine verkauft als dort überhaupt produziert werden. Georgiens Weinexporte steigen rasant. Traditionell größter Abnehmer war bisher Russland. Diese Position ist allerdings durch die aktuelle russische Politik stark gefährdet.

Mit dem wachsenden Interesse an »Natural Wines« begannen sich weltweit immer mehr Winzer vor allem zur Herstellung ihrer »Orange Wines« für Amphoren (=Kvevris, zwischen 50 und 2000 Liter) zu interessieren. So wurden georgische Weine auch in Westeuropa immer populärer, wenn auch noch auf niedrigem Niveau.

Der traditionelle Weinausbau in Amphoren (Kvevris oder Quevri) wurde 2013 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

 

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