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Vive le Roussillon

Bei einer Präsentation in Berlin vor drei Jahren haben Weine aus dem Roussillon schwer beeindruckt. Nun ergab sich die Gelegenheit, vor Ort zu testen. Fazit: Vive le Roussillon – die nicht geringen Erwartungen wurden erfüllt! Schon jetzt ist klar: Ich komme wieder!

Wo das Irdische nichtig wird

Es stimmt, die Weinregion zwischen Mittelmeer und den Pyrenäen mit viel Sonne, Wind und einer außerordentlichen Lichtintensität ist spektakulär. Sie bringt tolle Rotweine mit eigenen Charakteren hervor. Und zwar jenseits des „Weltweingeschmacks“, der sich über Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah/Shiraz definiert. Von denen gibt es natürlich viele tolle Tropfen – aber Carignan, Grenache, Mourvèdre und Cinsault haben auch einiges zu bieten.
Vor allem aber hat das Roussillon eine Spezialität zu bieten: die Vins Doux Naturel (natürlicher Süßwein). Banyuls ist der bekannteste der natürlichen Süßweine, ich mag ihn. Der Banuyls sei wie die anderen Vins Doux Naturel seit Jahren aber leider im Rückgang begriffen, erzählen Winzer. Was jammerschade ist, denn ein gut gemachter Banyuls kann ein Ereignis sein, Geschichten erzählen,  das Irdische nichtig werden lassen.

Die beiden interessantesten Besuche:

Wie sich der Favorit schlägt

Domaine Saint Sebastien – das war mein persönlicher „Sieger“ des Berlin-Tastings.  Auch hier – trotz der hohen Erwartungen – keine Enttäuschung. In der netten Vinothek direkt in Banyuls-sur-Mer kann alles probiert werden. Der 20-Hektar-Betrieb hat ein schlankes Portfolio und keinen Ausfall. Hier haben im Gegensatz zu einigen anderen Betrieben auch die Weißen überzeugt. Da ist der Collioure Blanc Empires (Grenache Gris + Branche Blanc + Vementino) mit einer interessanten Schärfe, ein hübscher Auftakt. Richtig Klasse dann der Collioure Inspiration Minérale aus alten Reben von Grenache Gris und Grenache Blanc, ein Jahr im 600-Liter-Hozfass gereift. Ein großer Wein.  Der herrlich zart-lachsfarbene Rosé ist ein sicherer Tipp. Die drei Roten (alle AOC Collioure Rouge) präsentieren sich schließlich, obwohl alle auf Grenache-Basis (plus ein kleiner Teil Carignan) und alle von 2015, ganz und gar verschieden. Der Empeintes gibt sich fruchtig, würzig, der Inspiration Marine mit unverkennbarem mineralischen Ton, weil die Reben direkt am Meer stehen. Der Inspiration Céleste kommt aus Reben, die auf 400 Metern Höhe wachsen, das macht den Wein unverwechselbar. Der ist ein großer Kämpfer. Schließlich die BanyulsBlanc, Rimage und Tradition Inspiration  – Ausflüge in den Himmel. Gilt vor allem für den Inspiration, der ist  ein Jahr lang in Glasballons im Freien gereift. Mit seinen Nougat-, Schoko-, Kakao-Aromen einfach ein Hammer.
Unbedingt zu erwähnen ist das neben der Vinothek gelegene Restaurant „Les Jardin de St. Sebastien“, klasse Fisch!
Die Kellerei selbst, ein modernisiertes altes Gehöft, liegt rund drei Kilometer außerhalb des Ortes und ist nicht leicht zu finden. Der Chef selbst war nicht anzutreffen, ein Mitarbeiter zeigte und erklärte bereitwillig alles. Interessant war neben dem geräumigen Barrique-Keller ein großer Kühl-Container. Nach der Lese werden die Trauben vor der Pressung einen Tag lang gekühlt.

Warum die Großmutter begeistert

Zweiter heißer Tipp: Domaine de la Rectorie, Familiengut, seit 1984 am Markt, auch in Banyuls-sur-Mer in einer historischen Villa. Auch hier durchgängig sehr gutes Niveau: Ein mehr als netter Rosé (Grenache+Syrah+Carignan), tolle Rotweine und großartige Banyuls. Bei den Roten haben der La Goudie, ein reinsortiger Grenache von großer Strahlkraft, und der Collioure Montagne am meisten begeistert. Der Montagne ist eine Cuvée aus Grenache, Carignan, Cournoise und Mourvedre. Die Reben wachsen auf 400 Metern Höhe, die Trauben liegen 15 Monate im Barrique. Schon jetzt sehr gut, aber klar: der hat ein sehr, sehr langes Leben. Nicht minder eindrucksvoll  der Collioure Oriental, eine Grenache-Carignan-Cuvée aus zwei Parzellen, eine Hommage an Großmutter Thérése Reig, die die Entwicklung des Weingutes maßgeblich geprägt hat. Jener Thérése Reig ist auch ein Banyuls gewidmet, der nicht im Holz, sondern in Beton-Behältern reift.  Zu Foie Gras eine Offenbarung. Ein anderer Banyuls trägt den Namen von Théréses Sohn Leon Parcé. Die Reben sind über 80 Jahre alt, 36 Monate reift der Wein in Eichenfässern. Großes Kino!

Was sonst noch notiert ist

Einige weitere Weine, die in Erinnerung geblieben sind:
Collioure Blanc Cornet & Cie von der Cave de l’Abbé Rous, einer der wenigen überzeugenden Weißweine.
Collioure  Rosé von les Haus de Paulilles, ideal zum Fisch, kaum Süße, Charakter.
Collioure Fordavall, Rotwein, ohne Makel.
Côtes du Roussillon Chateau Pezilla, saubere Syrah-Grenache-Cuvée.
Côtes du Roussillon Coume Marie von La Preceptorie, Roussillon-Rot im Brennglas.
Mas Amiel Le Plaisier Blanc und Rouge – der Platzhirsch im Roussillon überzeugt auf der ganzen Linie.

 

Noch ein bisschen Roussillon

Noch einiges zum Weinbau im Roussillon: Die Rebfläche beträgt rund 22.000 Hektar. Aktuell gibt es folgende AOC’s:  Für trockene Weine Collioure (weiß, rosé, rot), Côte du Roussillon  (weiß, rosé, rot) und Côte du Roussillon Village (rot) mit vier Gemeinden. AOC’s der Vins Doux Naturel sind Banyuls, Maury, Rivesaltes und Muscat de Rivesaltes – machen 80% der natürlichen Süßweine Frankreichs.
Im Roussillon zählt man rund 2500 Winzer (in über 4000 Betrieben), davon 2100 im Haupterwerb. Mit einer durchschnittlichen Größe von 9 Hektar sind die Betriebe eher klein, 80 Prozent werden von den Besitzern geführt. 24 Genossenschaften verarbeiten rund 70% Prozent der Produktion, dazu kommen 380 unabhängige Winzer. Mit rund 7 Prozent Rebfläche im Bio-Anbau ist das Roussillon diesbezüglich die Nummer eins in Frankreich.

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1 Kommentare

  1. Danke für den tollen Bericht! So eine Weinreise bietet einfach so viel mehr als simple Weindegustationen. Man ist tatsächlich vor Ort und kann sich alles rund um die Weine ansehen. Mache ich selbst auch gerne.

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