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Überfälliger Test: Rheingau, August Eser

Warum August Eser? Wenn ein Weingut unter dem Motto „Der Schlüssel zum Rheingauer Wein“ firmiert, die Besitzer bei den „Rheingauer Jungwinzern“ mitmachen und den Betrieb in nun 10. Generation bewirtschaften – ist das nicht die richtige Adresse für ein Date mit Rheingau-Rieslingen? Die, so mittlerweile vielfach moniert, auf diesem Blog doch etwas unterbelichtet sind? Ab sofort waren.

Tradition und Moderne

Weingut August Eser also. Ja, ja, Tradition, Tradition. Zehn Generationen in Familienbesitz schaffen nicht viele, immer dieser Spagat zwischen „das hat sich bewährt“ und „wir müssen mit der Zeit gehen“. Seit 1971 Mitglied im VdP, dann der Klassiker: Betriebsübergabe, eine neue Generation muss ran. Im konkreten Fall Desirée Eser, seit der Heirat 2014 mit Dodo Freiherr zu Knyphausen offiziell Desirée Eser Freifrau zu Knyphausen. Die erste Frau, die das Traditionsgut führt. Der Name hat natürlich einen tollen Sound, bedeutet aber noch nix für die Weine. Zu denen gleich, zuvor noch einige Fakten.

17 Lagen, noch mehr Charaktere

11 Hektar werden bewirtschaftet, 90% mit Riesling, 10% mit Spätburgunder, Rebflächen (Hanglagen und Steillagen) in acht Gemeinden und 17 Lagen. Das Stammhaus und Hauptquartier steht in Oestrich. Dass mit der Übernahme einige Veränderungen einhergingen (Neugestaltung der Etiketten, verstärkte Online-Präsenz, Aktivität in den sozialen Medien), versteht sich von selbst. Nicht verändert hat sich der Anspruch: Klassische Rheingau-Rieslinge zu erzeugen. Dass es den Klassiker gar nicht gibt, ist schnell klar. Denn 17 Lagen bedeuten eine Vielfalt unterschiedlicher Böden (Schiefer, Lehm, Löß, alles dabei), also auch verschiedene Charaktere. Rheingau soll freilich immer im Spiel sein.

August Eser – die Weine

2015 Riesling „My Way Desirée Eser“. Quasi der Einsteiger. Wenn die Chefin selbst mit ihrem Namen dafür steht, kann das kein “Leichtmatrose“ sein. Ist es auch nicht. „May Way“ hat eine schöne Frucht (vor allem in der Nase), dezente Säure, Pfirsichnoten, Ananastöne sind notiert, zu vielen Gelegenheiten vorstellbar.  Geht gut los.

2015 Riesling Winkel, VdP Ortswein. Auch klassisch fruchtig, aber mehr Schmelz als der „My Way“, gefühlt auch mehr Säure  (analytisch 0,1 Gramm weniger). Liegt länger auf der Zunge. Macht Spaß. Einer besteht auf der Formulierung „lebendiger Wein“ – das wollen wir aber hoffen.

2015 Riesling Hattenheimer Nussbrunnen. Jetzt wird’s spannend, der Nussbrunnen ist eine berühmte Lage. Merkt man, der so abstrakte (und von vielen unverstandene) Begriff Komplexität passt hier mal. Frucht und Säure harmonieren wie ein Liebespaar, das glücklich ist, aber noch was vorhat. Denn da ist noch Potenzial, der Wein ist noch jugendlich.

2015 Riesling Hattenheimer Engelmannsberg, VdP Erste Lage. Wieder ein ganz anderer Charakter der Eserschen Riesling-Familie. Frucht, ja auch, aber dezent, die ersten Assoziationen sind andere: Minze, Heu, Wald und Wiese, Grüner Tee mit einer Spur Kandiszucker. Erst jetzt meldet sich der übliche „Gelbe Frucht“-Entdecker. Bekommt keine Mehrheit. Der in der Runde meist diskutierte Wein! Auch hier nochmal der unbedingte Hinweis auf die Jugend (des Weines natürlich).

2015 Riesling GG Oestrich Doosberg,  VdP Große Lage. Die Spitze der Pyramide! Die Wortmeldungen: „Akazienhonig“, „Pfirsich“, „Nein, eher würzig“, „Mineralität“, „ Maracuja“, „Tröpfchen Nektar“ und so weiter. Unbestritten: Der Riesling vom Doosberg ist noch komplexer als die anderen, noch balancierter. Geht das eigentlich? „Würdevoll“ hebt jemand an. Oh ja! Ein Bilderbuch-Rheingau-Riesling. Kaum zu glauben, aber auch er Jahrgang 2015.

2012 Riesling GG Oestrich Lenchen, VdP Große Lage. Andachtsvolles Schweigen, bei dieser Aromenvielfalt fehlen manchem die rechten Worte. Ein zögerliches „Honig?“, ein schüchternes „exotische Früchte?“, ein leises „richtig elegant“. Dann: „Lasst uns den jetzt einfach mal genießen“. Hervorragende Idee!

Fazit

Wir haben zu sechst verkostet, wie üblich gingen die Meinungen zum Favoriten auseinander. Will nicht kneifen, bei mir war es der Hattenheimer Engelmannsberg, der 2012er lief außer Konkurrenz (Reife-Vorteil). Vollkommene Einigkeit aber in einem Punkt: Rheingau-Riesling,  in all seinen Facetten, verdient seinen legendären Ruf. Und die 10. Generation im Hause August Eser ist ein würdiger Repräsentant.

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