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Wein-Gespräch: Günther Jauch

Er war schlagfertiger Radio-Moderator, ein gefeierter Sportreporter und ist mit seiner Sendung „Wer wird Millionär“ der Quizmaster der Nation: Günther Jauch, 59, scheint der Erfolg nur so zuzufliegen. Trotzdem hörte er Ende 2015 mit seiner ARD-Talksendung auf. Und arbeitet nun öfter im eigenen Weinberg an der Saar. Weinbeobachter-Kollege Olaf Majer besuchte Günther Jauch und fragte nach, warum der Wetterbericht plötzlich wichtiger ist als die Einschaltquote.

Herr Jauch, wenn Sie als Arbeiter im Weinberg loslegen: Was machen Sie am liebsten?
Ich habe schon überall mitgemacht. Aber entscheidend ist für mich die Frage, wo ich dem Weingut am meisten helfen kann. Wenn ich also im Weinberg stehe und meine Saisonarbeitskräfte anfangen zu lachen, weil ich in der Weinlese zu langsam oder ungeschickt bin, dann mache ich doch lieber Telefondienst im Sekretariat. Und sicher ist es meine Stärke, das Weingut nach außen hin zu repräsentieren. Das können Messen sein, aber auch mal ein nettes Dinner sein, wo unsere Weine gereicht werden und ich für Othegraven werbe.

Vor fünf Jahren haben Sie sich als Azubi im Weinbau beschrieben. Sind Sie heute weiter?
Ganz ehrlich: Viel nicht. Meine Frau ist immer noch der größere Weinexperte von uns beiden. Aber wir haben auch eine exzellente Mannschaft hier auf dem Weingut. Auf diese geballte Fachkompetenz kann ich mich verlassen. Da will ich auch gar nicht allzu sehr stören.

2010 haben Sie das familieneigene Weingut Othegraven an der Saar vor dem Verkauf an Fremde gerettet und selbst übernommen, Ende 2015 ihre Talksendung in der ARD aufgegeben. Was war die bessere Entscheidung von beiden?
Naja, das Ende der Sendung hat mir schon ganz andere Möglichkeiten eröffnet, hier mehr mitzuarbeiten. Als ich noch die Talkshow „Günther Jauch“ hatte, war ich ab Mittwochabend ununterbrochen in Berlin redaktionell eingebunden. Nach der Sendung bin ich Montagmorgen mit der Frühmaschine nach Köln geflogen, um dort meine RTL-Shows zu machen und mich um meine Produktionsfirma zu kümmern. Das ist jetzt nach meinem Ausstieg bei der ARD natürlich ganz anders, ich habe schlicht mehr Zeit, mich auch ums Weingut zu kümmern. Eine gewisse Erinnerung wird ja auch bleiben. Trotzdem sind TV-Sendungen keine Hemingway-Ausgaben, die nach Jahren wieder neu herausgegeben werden. Fernsehen heißt Flüchtigkeit. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Ist das der große Unterschied zu ihrer Arbeit als Winzer?
Ja, mag sein. Der Gault-Millau hat letztens die Haltbarkeit unserer Beeren- und Trockenbeerenauslesen bewertet. Da stand dann am Ende auf dem Zettel das Jahr 2100 plus. Man kann also noch im nächsten Jahrtausend unseren Wein genießen. Heißt also: An mich wird sich keiner mehr erinnern. Aber der Wein ist immer noch da.

Also ist auch der Erfolg ganz anders messbar?
Das ist der größte Unterschied. Im Fernsehen können Sie praktisch jeden Tag eine Sendung machen und bekommen am nächsten Tag über Einschaltquote und TV-Kritik das Ergebnis präsentiert. Wenn es gut ist, können Sie sich einen kleinen Moment freuen, der am nächsten Tag bei einer schlechten Sendung nichts mehr Wert ist. Darauf kann man dann aber auch sofort wieder reagieren und redaktionell was ändern. Beim Wein bekommen Sie nur einmal im Jahr die Quote. Nur einmal im Jahr wissen Sie: So ist der Wein, so war die Lese, so verkauft er sich. Wenn ich das für mein Leben hochrechne, dann habe ich als Winzer vielleicht noch 20 oder 25 „Sendungen“, die ich machen kann. Und da wird auch mal ein Hagelschaden im Frühjahr oder eine extreme Trockenheit im Sommer dabei sein. Das heißt: Im Weinberg ist der Erfolg viel langfristiger angelegt, vielmehr durch die Natur bestimmt.

Plötzlich wird der Wetterbericht wichtiger als die Einschaltquote?
Genau so ist es. Wenn mein Geschäftsführer Andreas Barth mich anruft und sagt: Es müsste in den nächsten Tagen ordentlich regnen, sonst können wir den Wein vergessen, verfolge ich schon sehr gespannt das Regenradar.

Finden Sie trotzdem mehr innere Ruhe und Gelassenheit auf dem Weingut?
Jein. Als uns früher das Gut noch nicht gehörte, wir aber oft auf Besuch hier waren, da konnte ich schön entspannt auf der Terrasse sitzen, bei einem schönen Kabinettwein den Sonnenuntergang genießen, das Rascheln der Blätter im Park. Das war nah dran am Paradies. Wenn man aber selbst für das Weingut verantwortlich ist, dann sieht man in jeder Ecke Arbeit. Das Kontemplative, diese Beschaulichkeit und geistige Entspannung, die viele Menschen mit einem Winzer-Dasein verbinden, hat mit der Lebenswirklichkeit leider wenig zu tun. Wir wollen aber eigentlich wieder mehr zu dieser inneren Ruhe zurückfinden.

Welchen Wein trinken Sie privat momentan am liebsten?
Kabinettsweine von hier. Die sind einfach ein Genuss. Das macht mich auch stolz: Die Kabinettsweine von der Saar sind weltweit einzigartig. Die können nicht kopiert werden, den Charakter dieses Weins finden Sie nur hier.

Gäste werden von Ihnen auf dem Weingut auch persönlich bewirtet. Dennoch soll Othegraven kein Neuschwanstein werden, oder?
Nein. Dass hier ganze Busladungen landen, das wollen wir ganz sicher nicht. Aber wir wollen uns auch nicht verschließen. Wir sind ein öffentliches Weingut, an den meisten Tagen im Jahr steht das Tor zum Hof offen, man kann den Park besichtigen und natürlich Wein probieren. Man kann uns besuchen und wird hier auch gut bedient. Aber ein Touristenmagnet sind wir nicht.

Ihr Freund, der Sportmoderator Marcel Reif, hat gemeint, sie seien der uneitelste Mensch, den er je im Fernsehgeschäft erlebt habe. Steht deshalb ihr Name auch nur hinten auf dem Etikett der Weinflaschen?
Wir wollten den angestammten Namen Othegraven erhalten. Das ist alles.

 Aber im Verkauf hilft der Name Günther Jauch schon?
Es ist so und so. Klar, auf Messen hilft es schon, wenn ich zur Präsentation da bin und etwas zu unserem Wein erzählen kann. Aber im Verkauf spüre ich das nicht mehr. Die Neugierde, die es noch vor vier oder Jahren gab, ist weg. Entscheidend ist am Ende allein die Qualität und nicht der Name.

In Othegraven haben sie viel investiert, einen Weinberg dazugekauft, das Interesse am Saar-Riesling verstärkt. Trotzdem, Hand aufs Herz: Wer wird mit Wein Millionär?
Sicher kein mittelgroßes Weingut, wie wir es sind. Unser Ziel kann immer nur sein, dass sich der Betrieb von alleine trägt. Und das ist anstrengend genug. Die Zeiten sind leider vorbei, als ein Saar-Riesling teurer war als die Spitzen- Weine aus Frankreich. Das war vor über hundert Jahren, da zahlte man für einen Wein von hier vier Goldmark, für einen Spitzen-Bordeaux nur anderthalb Goldmark. Heute muss man einfach sagen, die Qualität der Weine ist insgesamt gestiegen. Wir sind auch ein Gewinner des Klimawandels, es gibt immer mehr gute Jahrgänge. Aber der Preis für den Wein ist leider nicht gestiegen. Viele Verbraucher sind einfach nicht bereit, für Spitzenqualität auch mehr zu bezahlen.

Wie haben eigentlich Kollegen aus dem Showbusiness reagiert, als sie hörten: Jauch wird Winzer?
Das war interessant. Es wurde schon geraunt: Muss der sich jetzt mit einem Weingut wichtig machen? Motto: Jetzt wandelt der auch noch auf den Spuren von Angelina Jolie, Brad Pit oder Gerard Depardieu. Da schwingt der Verdacht mit, man legt sich nur ein Weingut zu, um sich wichtig zu machen und sich selbst noch mehr zu vermarkten. Erst wenn ich die Gründe erkläre, dass ich das Weingut aus Familienbesitz heraus übernommen und gerettet habe, heißt es plötzlich: Ach so, das ist natürlich was anderes. Was ziemlich unlogisch ist: Denn ohne diesen familiären Hintergrund wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, ein Weingut zu erwerben.

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