Blog, Frankreich, Land
Schreibe einen Kommentar

Halbmast auf Mouton Rothschild

Nicht nur für Fans des berühmten Bordelaiser Weinguts Chateau Mouton Rothschild eine traurige Nachricht: Phil­ip­pine de Rothschild, Besitzerin des Kult-Gutes, ist tot. Gestorben ist die große Dame am 22. August nach einer schweren Ope­ra­tion im Alter von 80 Jah­ren. Chateau Mouton Rothschild in Pauillac gehört zu den berühmtesten Weingütern der Welt.

Philippine de Rothschild

Philippine de Rothschild

Nach einer erfolgreichen, fast 30-jährigen Schauspielkarriere an der Comedie Française und auch in Hollywood-Produktionen übernahm Phil­ip­pine de Rothschild 1988 die Führung des Kult-Gutes Mouton Rothschild von ihrem Vater Baron Philippe de Rothschild und führte es bis in die Gegenwart sehr erfolgreich fort. Die von Künstlern gestalteten Etiketten tragen ihre Unterschrift.
Was vielleicht wenig bekannt ist: Gemeinsam mit ihrer Mutter Eli­sa­beth Pel­le­tier de Cham­bre, auch Schauspielerin, wurde die damals zehn Jahre alte Phil­ip­pine 1943 in Paris von der Gestapo ver­haf­tet und ins KZ Ravens­brück gebracht. Die Mut­ter wurde ermor­det, Phil­ip­pine überlebte. Aus Phil­ip­pi­nes zwei Ehen gin­gen drei Kin­der her­vor.

2003 hatte ich Gelegenheit, Phil­ip­pine de Rothschild, offizieller Name Phil­ip­pine de Rothschild-Seyeres, im Rahmen der Jubiläumsfeier der Primum Familiae Vini im Hotel Adlon in Berlin kennenzulernen und mit ihr zu sprechen. Ich habe sie als eine sehr gebildete, charismatische und humorvolle Dame in Erinnerung. Als ich ihr erzählte, dass einer ihrer Weine – der Mouton Rothschild 1986 – eine Art „Erweckunsgerlebnis“ in Sachen Wein war, strahlte sie übers ganze Gesicht und antwortete: „Sie sollten ihn täglich trinken….“ Ich: „Dann bin ich in zwei Wochen pleite.“ Sie: „Aber sie hatten viel Genuss.“


Hier – in Auszügen – meine Reportage von der damaligen Veranstaltung, erschienen am 6. Juni 2003.


Dem perfekten Tropfen auf der Spur
…  Über Geschmack lässt sich streiten, und über Wein wird gerne und mit Leidenschaft diskutiert. Rot oder weiß, trocken oder süß – Wein ist Genuss, Lebensart, ja Weltanschauung. Wer einmal „Blut“ geleckt hat, ist immer auf der Suche nach dem besseren. Irgendwann will er ihn trinken: diesen einen, perfekten Wein. Existiert der überhaupt?
Es gibt Leute, die müssten es wissen. Winzer, deren Familien seit Jahrhunderten Reben kultivieren und Weine erzeugen, die zuweilen astronomische Summen kosten. Elf der berühmtesten Wein-Familien haben sich zur so genannten „Primum Familiae Vini“ zusammengeschlossen. Die Liste der Mitglieder liest sich wie die Heiligen-Litanei der Weinwelt: Rothschild, Antinori, Drouhin, Hugel, Torres … Egon Müller-Scharzhof ist der einzige Deutsche im erlauchten Kreis. Adel verpflichtet – man trifft sich im Berliner Nobelhotel Adlon und verkostet. Wo wenn nicht hier muss er zu finden sein – der perfekte Wein.
Die Herrschaften machen ihre Aufwartung. Stilecht. Der smarte Etienne Hugel mit typisch Elsässer Beredsamkeit, Spaniens Stolz Miguel Torres erinnert an einen pensionierten Torero. Auch wer sie noch nicht persönlich kennt, hat beim „Who ist Who“ eine hohe Trefferquote. Der laute, fröhliche Typ – na klar, der Amerikaner, immer einen lockeren Spruch auf der Zunge. Gar nicht ins Bild passt die zierliche junge Dame, in der man eher eine Studentin als eine Wein-Unternehmerin vermutet. „Hi“ sagt Alessia Antinori zur Begrüßung. Die Italienerin schleppt ein über 600-jähriges Familienerbe mit sich herum.
Dann schwebt sie herein: Philippine de Rothschild, Besitzerin von Chateau Mouton Rothschild aus Pauillac im Bordeaux. Standing Ovations für die Grande Dame des Weines. „Machen wir immer“, sagt der Kalifornier. Die Baronesse, fröhlich plaudernd, von einnehmendem Wesen, lässt keine Zweifel, wer hier das Sagen hat.
Endlich die Hauptsache. Zum Auftakt Champagner und große Elsässer Rieslinge. Himmlisch danach die Montrachets aus dem Burgund. Zum andächtigen Genießen bleibt keine Zeit, die Parade der Roten eröffnen die Toskaner und Kalifornier, die beiden Hermitage machen großen Eindruck. Dann Torres, beim wunderbaren Vega Sicilia scheint der Gipfel erreicht. Doch es folgt Mouton-Rothschild aus dem guten 88er Jahrgang. Wunderbar, eine Oper im Glas. Aber noch immer keine Atempause. Müller-Scharzhof präsentiert seine legendären Eisweine, eine Flasche des 83ers brachte unlängst auf einer Auktion über 1000 Euro. Kein Wein von dieser Welt, ein Ereignis. Das Finale ist denkwürdig: Ein 1970er Port von unbeschreiblicher Komplexität und Fülle, ein Titan, noch Stunden später auf der Zunge präsent.
„Bei dem Port werd’ ich ganz crazy“, jauchzt die Baronin. Die charismatische Unternehmerin muss beim Thema perfekter Wein nicht lange überlegen. „Eine Frage des Alters und der Persönlichkeit“, sagt Philippine de Rothschild. „Ich mag keine Blockbuster-Weine. Wichtig ist die Balance. Der Wein, der die größte Freude im Moment des Daseins bringt, der ist perfekt.“

Gruppenfoto der Primum Familiae Vini

Gruppenfoto der Primum Familiae Vini

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.