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Master of Wine | Caro Maurer im Interview

Foto: Ilja Höpping

Foto: Ilja Höpping

Caro Maurer ist die einzige Frau aus dem deutschsprachigen Raum, die sich „Master of Wine“ nennen darf. Der Titel hat in der Weinszene einen hohen Stellenwert. Verliehen wird er vom Institute of Masters of Wine in London, das etwa 300 MW-Mitglieder vorweisen kann, darunter vier Deutsche, drei Österreicher und zwei Schweizer. Unlängst gab es Gelegenheit, mit der charmanten Bayerin und Weinjournalistin über Wein, neue Trends, Vorlieben und vieles mehr und natürlich auch das extrem harte Studium zu plaudern.  Sie selbst sagt: Ich haben den schönsten Job der Welt.

Angenommen, man müsste Proben in das Weltall schicken, um fremden Zivilisationen Wein zu erklären. Welche Weine würden Sie in eine Sechser-Kiste packen?
Ein Riesling Kabinett von der Mosel muss unbedingt rein. Definitiv auch ein Burgunder, Premier Cru oder Grand Cru, bei Burgund auch noch ein Weißer. Natürlich ein Bordeaux. Dann ein Cabernet aus Napa Valley. Wie weit sind wir?

Erst fünf.
Jetzt wird’s ganz schwierig. Die südliche Hemisphäre gehört auch dazu: Hunter Valley Sémillon aus Australien.

Riesling haben Sie zuerst genannt. Absicht?
Riesling hat mich von Anbeginn an fasziniert. Die erste Leidenschaft für Wein ging mit Riesling los. Das war der Moment, bei dem ich gemerkt habe: Wein kann mehr.

Seit wann ist Wein für Sie wichtig?
Es gab keine Initialzündung. Ich wünschte, ich könnte eine romantische Geschichte erzählen. Die gibt’s aber nicht. Ich habe schon früh angefangen, über Wein und Essen zu schreiben. Essen war für mich aber immer verständlicher als Wein. Vor Wein hatte ich immer großen Respekt. Da wollte ich immer erst mehr verstehen, bevor ich mich länger darüber auslasse. Ich wollte nicht einer von vielen sein, die schwadronieren, sondern wollte verstehen, warum Weine so schmecken, warum Weine so sind.

Was heißt früh?
Mit Mitte 20. Ich bin nach dem Studium als Korrespondentin für den Burda-Verlag in die USA gegangen. Damals habe ich sehr viel schlechten Wein getrunken. Ich war an der Ostküste, da gab es vor allem italienische Weine. Die fand ich ganz, ganz schlecht.

Wann kam die Erleuchtung?
Als ich 1990 nach Deutschland zurückkam, habe ich den deutschen Wein entdeckt. Der war damals nicht unbedingt populär. Riesling hat mich von Beginn an fasziniert, meine erste Leidenschaft sozusagen. Ich bin dann von München nach Bonn gezogen, das liegt ja so nahe an den Weinbaugebieten, da habe ich mich mit Wein eingedeckt. Wenn ich dann in Bayern zu Besuch war, habe ich versucht, meine Freunde zu überzeugen, dass sie Riesling trinken statt Pinot Grigio.

Ist es gelungen?
Das war damals schon schwer. Doch die meisten waren erstaunt. Der Riesling war sehr aromatisch, fast wie heute der Sauvignon Blanc.

Welchen Stil mögen Sie?
Das hat sich immer mal geändert, ich habe wirklich alle modernen Entwicklungen durchgemacht. Heute bin ich eigentlich zurückgekehrt, Riesling von der Mosel ist für mich das höchste Gut, was es gibt, und zwar Kabinett.

Die Weinwelt ist fast erschlossen. Welche Region kann uns noch überraschen?
Der asiatischen Rand, die Wiege des Weinbaus, wo drei Länder grenzen: Georgien, Armenien und die Türkei, konkret Ostanatolien. Die Qualitäten sind inzwischen gut, das sind spannende Weine. Die Renaissance des Weinbaus in der Türkei fasziniert mich total, dort gibt es Spitzenweingüter. Auch Armenien hat mittlerweile richtig tolle Weine. Aber armenische Weine kommen leider nicht nach Deutschland. Aus Georgien kommt ein bisschen was, die Türkei versucht es. Wobei die türkischen Winzer den richtigen Weg gehen. Denn sie wollen nicht in die türkischen Restaurants, sondern sie sagen, wir haben Spitzenweine und gehören in den Fachhandel.

Dahin ist es nicht leicht.
Ja, die Deutschen sind sofort zu. Man ist schon überfordert mit den Rebsorten. Wir können Riesling aussprechen. Aber wenn dann Öküzgözü kommt, da hat man Hemmungen, wir wissen gar nicht, wie man das richtig ausspricht. Der Weinmarkt ist relativ gesättigt, da ist es schwer, sich durchzusetzen. Die Neuseeländer sind nach 40 Jahren Weinbau erst jetzt hier angekommen, die Griechen tun sich noch schwer. Und die Türken sind noch viel jünger mit dem Wiederaufbau. Bis sie hier richtig angekommen sind, dauert es bestimmt nochmal zehn Jahre.

Ist es nicht auch anstrengend, immer wieder neuen Trends zu folgen?
Stimmt schon, die Weinwelt bietet immerfort Neues. Auch ich bin manchmal überfordert, dem zu folgen, und ich arbeite in diesem Bereich. Aber Entdeckungen finde ich natürlich immer spannend. Und ich bin offen für alles, was gezeigt wird. Ich bin auch offen zu sagen: Nein, das gefällt mir nicht.

Bei der Begeisterung für die Trends können einem die Klassiker ja fast leid tun…
So ist es. Doch die Klassiker sind immer noch die schönsten Weine. Mich faszinieren die Weißen aus dem Burgund. Es gibt Klassiker, die man manchmal wiederentdecken muss. In Deutschland wird weißer Bordeaux unterschätzt, auch die nördliche Rhone. Tolle Gebiete wie Saint Joseph oder Hermitage sind in Deutschland völlig unterschätzt und unterbelichtet.

Die kosten aber oft viel Geld. Zu viel?
Klar gibt es viele zu teure Weine. Aber wir sind verwöhnt von der Massenproduktion Italiens, wo man den Pinot Grigio für 3 Euro kriegt. Wir tun uns schwer. Ich will kein Schweinefleisch, wo das Kilo 4 Euro kostet und aus der Massenzucht kommt. Genau so bin ich bereit, die Qualität und die Arbeit, die drin steckt, zu würdigen und das Doppelte zu zahlen.

Wird nicht manchmal übertrieben?
Natürlich. Bordeaux zum Beispiel, und das ist gefährlich. Denn bei den aktuellen Preisen verliert Bordeaux die Genießer als Kundschaft und bedient nur noch die Spekulanten.

Woran erkennt man gute und weniger gute Weingüter?
Wenn ich irgendwo bin, probiere ich immer zuerst den einfachsten Wein, den Gutswein. Für mich misst sich die Qualität eines Weinguts immer am Gutswein, nicht an den Spitzenprodukten.

Foto: Ilja Höpping

Foto: Ilja Höpping

Was ist für Sie ein Spitzenwein?
Das sind die Weine, die mich berühren. Bei denen ich richtig nervös werde, vielleicht auch, weil sie nicht perfekt sind, Ecken und Kanten haben, mit denen ich mich befassen will. Ich sage nicht, dass diese Weine die schönsten und die besten sind.

Und Riesling hat Sie berührt.
Ja. Deutscher Riesling hat eine einzigartige Stilistik, die nicht kopiert werden kann.

Ihr Lieblings-Winzer?
Den gibt es nicht, denn es gibt zu viele gute. Es gibt auch keinen Lieblingswein.

Gibt es den perfekten Wein?
Ich gebe selten 100 Punkte. Aber ich war unlängst auf einer Verkostung, da habe ich 100 Punkte vergeben, was mir in meinem Leben drei, viermal passiert ist. Das war ein Cheval Blanc 2009. Den kann ich nicht bezahlen, aber der war umwerfend. Aber Weine müssen gar nicht perfekt sein. Der Fehler ist, Perfektion erreichen zu wollen. Auch an einem nicht perfekten Wein kann man viel Freude haben.

Zum Beispiel?
Ich war mal bei einem tollen Gut an der Loire und habe Weine probiert. Ich musste dann zum Flughafen. Der Winzer hat mich gefragt, ob ich eine Flasche mitnehmen will. Ich nahm nur den offenen mit. Am Airport habe ich den Mietwagen bei Avis abgegeben, man musste mit dem Bus zum Flughafenhotel. Da saß ich im Bus mit meiner offenen Flasche, wie ein Clochard. Für mich war das in dem Moment der beste Wein der Welt. Der war zu warm, die Umgebung war jetzt auch nicht so toll, aber das ist einer von den Weinen, den ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Es ist die Gelegenheit, der Moment.

Gretchenfrage: Kork, Schraub- oder Glasverschluss?
Ich bevorzuge Schraubverschluss. Warum? Immer der beste und teuerste Wein hat einen Korkfehler, das ist total ärgerlich. Hinzu kommt: Bei Kork brauchst du immer ein Instrument, um die Flasche zu öffnen.

Wie schwer ist es, Master of Wine zu werden?
Das ist schon sehr schwer. Das Studium dauert im Minimum drei Jahre, das haben in meinem Jahrgang zwei geschafft, ein Spanier und ein Engländer. Ich bin die Dritte, die fertig geworden ist, und habe vier Jahre gebraucht. Das ist verdammt schnell, eigentlich muss man von fünf Jahren plus ausgehen.

Wie wird geprüft?
Bei der praktischen Prüfung gibt es drei Blindverkostungen zu je zwölf Sätzen, also jeweils zwölf Weine, weiß, rot, gemischt. Parallel dazu vier theoretische Prüfungsfächer: Weinbau, Kellertechnik, Weinbusiness und aktuelle Themen, zum Beispiel Wein und Gesellschaft. Ich hatte eine Prüfungsfrage: Bis zu welchem Ausmaß kann Wein auch ein gesellschaftliches Übel darstellen? Wenn man die beiden Prüfungen bestanden hat, wird man zur Dissertation zugelassen. Man hat drei Anläufe auf beide Prüfungen. Wenn man das nicht geschafft hat, sind sie draußen.

Stimmt es, dass 80 Prozent das Studium nicht schaffen?
Es sind sogar fast 90 Prozent, aber das hat nicht nur mit „nicht schaffen“ zu tun. Durchhalten ist genau so wichtig. Das A und O ist eine solide Finanzierung. Das Studium ist teuer, jedes Jahr kostet rund 10 000 Euro. Reingesteckt habe ich also insgesamt rund 40 000 Euro. Punkt 2: Man muss eine sehr stabile Familiensituation haben. Weil man den Fokus wechselt und sich voll konzentrieren muss. Ich hatte einen Kollegen, den hat die Frau mit zwei Kindern verlassen. Der konnte an alles denken, aber nicht ans Studium. Eine Kollegin hat ihren Job verloren, da war kein plötzlich Geld mehr da. Die Theorie hat eine höhere Bestehensquote, die Praxis ist sehr, sehr schwer.

Ist beim Verkosten Training wichtiger oder Veranlagung?
So blöd es klingt, man kann lernen, Weine zu identifizieren. Ich behaupte nicht, dass 100 Prozent der Menschheit das kann. Man muss schon eine besondere Anlage und besondere Passion dafür haben. Ich glaube, wer sich damit beschäftigt, kann sehr weit kommen.

Erkennen Sie bei einer Blindverkostung mitunter Weine nicht?
Das passiert oft, denn das ist superschwer. Wissen Sie, was das schlimmste ist, nachdem man Master of Wine wird? Da halten einen die Leute ein Glas Wein hin und fragen, was da drin ist? Das bringt einen furchtbar in Verlegenheit.

Was macht ein Master of Wine außer Wein trinken?
Ich bin noch freiberuflich als Journalistin tätig. Dazu moderiere ich Verkostungen, gebe Seminare. Ich arbeite, um unabhängig zu bleiben, nur für Weinbauorganisationen. Aber ich bin bei Weinen, die ich präsentiere, durchaus kritisch. Ich sage das, was ich denke, bin nicht als PR-Frau unterwegs. Ich bin neutraler Beobachter.

Wieviel Spaß macht das Beobachten?
Ich habe den schönsten Job der Welt.

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